Was müssen wir tun, damit so etwas nicht wieder passiert?

27.06.2023 - Kategorie: Aktuelles
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Schwarz weiß Foto von zwei Menschen, alt. Links ein Mann in einem Anzug und Krawatte, rechts eine Frau mit weißen Haaren und einem hellen umhängekleid
Ellen Key und der Bildhauer Carl Milles.

Text: Heike Tappe

Am letzten Dienstag waren wir zu einer Preisverleihung besonderer Art geladen. Wir sahen die Ergebnisse eines bundesweiten Theaterwettbewerbes zu Biografien der „Euthanasie“-Verbrechen in der NS-Zeit. Von den Schülerinnen und Schülern, die dort auf der Bühne standen, habe ich mehr über diese Untaten gehört und verstanden, als mein ganzes Erwachsenenleben zuvor. Zu der Preisverleihung sprach auch der Beauftragte der Bundesregierung für Menschen mit Behinderungen. Aber Jürgen Dusel sprach nicht, er traf mit jedem Wort ins Herz oder ins Gewissen. Über seine Frage, wie konnte es soweit kommen, dass Menschen anderen Menschen so etwas antun, habe ich lange nachdenken müssen. Da ich eher handlungsorientiert bin, heißt es bei mir: Was müssen wir tun, damit so etwas nicht wieder geschieht? Wir sollten doch hellwach sein und bereit uns einzumischen, wenn nur der Verdacht besteht, dass hier rechtsextremes Gedankengut, unserem Grundgesetz widersprechend schlummert. 

Ich bin im Juni 2022 in eine solche Situation geraten, ohne es zu ahnen. Wir waren in Südschweden, nahe eines Sees unterwegs und hatten eine Klosterruine fotografiert. Als wir zurück zum Auto gingen, fiel mir ein Schild auf. Es wies auf einen Strandweg und das Ellen-Key-Strandhaus hin. Man sollte es besichtigen können. Ich hatte Lust den Seeweg zu gehen und folgte den Schildern. Das Ellen-Key-Strandhaus war kein öffentliches Museum der Schweden, es schien eher privat organisiert zu sein. Der Strandweg war ungepflegt, nur ab und zu kam ein gerahmtes Glas Bild mit fragwürdigen Sprüchen in Deutsch. Nun war ich mir unsicher, ob ich das überhaupt besichtigen wollte.

Ich setzte mich auf eine Bank in der Abendsonne und googelte mal eben mit dem Handy den Namen „Ellen Key“. Mit nur zwei Klicks war ich bei ihren haarsträubenden Aussagen zum Umgang mit behinderten Kindern. Sie empfahl deren schnelle Tötung um sie alsbald von ihrem Leid zu erlösen. Sie wollte auch Ärzte nicht bestraft wissen, die dabei halfen die gesunde Menschenrasse zu erhalten. Sie fand, der einzige Lebenszweck der Frau sei die Mutterschaft und nur gesunde Menschen sollten sich paaren. Ich war wie vor den Kopf geschlagen und wollte nun ganz bestimmt kein Strandhaus besichtigen. Ihre Werke wurden ins Deutsche übersetzt und fanden bei den Nazis guten Anklang. Ihre Formulierungen finden sich verdächtig ähnlich in den Anordnungen der T4-Aktion, jener Aktion mit der 300.000 Behinderte Menschen getötet wurden.

Im Zusammenhang hiermit steht die Entwickelung neuer Rechtsbegriffe auf diesen Gebieten. Während die heidnische Gesellschaft in ihrer Härte die schwachen oder verkrüppelten Kinder aussetzte, ist die christliche Gesellschaft in der »Milde« so weit gegangen, dass sie das Leben des psychisch und physisch unheilbar kranken und missgestalteten Kindes zur stündlichen Qual für das Kind selbst und seine Umgebung verlängert. Noch ist doch in der Gesellschaft – die unter anderem die Todesstrafe und den Krieg aufrechterhält – die Ehrfurcht vor dem Leben nicht gross genug, als dass man ohne Gefahr das Verlöschen eines solchen Lebens gestatten könnte. Erst wenn ausschliesslich die Barmherzigkeit den Tod giebt, wird die Humanität der Zukunft sich darin zeigen können, dass der Arzt unter Kontrolle und Verantwortung schmerzlos ein solches Leiden auslöscht. Ellen Key, Das Jahrhundert des Kindes, Berlin 1902 [Autorisierte Übertragung von Francis Maro], Kapitel 1, Seite 31f.

Ich wollte mein Handy gerade schließen, da zeigt mir Google ganz aufmerksam, dass es auch eine Ellen-Key-Schule in Berlin gibt. Nein, eine Schule benannt nach dieser Frau? Was ist, wenn ein Schulkind den Namen nachliest und genau wie ich mit zwei Klicks bei diesen verletzenden, grausamen Aussagen ist. Nun war ich hellwach. Mein Verdacht, dass es eine alte, vergessene Namensgebung aus der Nazi-Zeit wäre, wurde widerlegt. Die Schule hat den Namen 1998 bekommen. Meine Entschuldigung, dass man damals vielleicht nicht so schnell informiert wurde, wie ich heute, wischte ein Klassenkamerad vom Tisch. Ihn hatte ich um Einschätzung gebeten, da er Rektor eines Gymnasiums war. Nein, zu dem Zeitpunkt war auch jedem Pädagogen bekannt, wo und mit wem die Nazis in der Pädagogik auf Fehlwegen war. Er schickte mir eine Diplomarbeit einer Lehrerin zu diesem Thema, ausführlich erläutert darin die unseligen Schriften von Ellen Key zur Erhaltung der gesunden Menschenrasse. Ich schrieb an Claudia Roth, dachte es sei ein Fall von falschem Kulturverständnis. Ich wurde an den Berliner Senat des Schulwesens überwiesen, die seien verantwortlich für Schulbenennungen. Diese schrieben mir, es kommt schon mal vor, dass man heute eine Person anders bewertet als früher und es macht wohl Sinn hier nochmal in die Diskussion zu gehen. (Wie bitte, war es 1998 noch üblich so etwas auch nur zu tolerieren?) Sie sandten mir die Kopie eines Anschreibens an die Ellen-Key-Schule, genauer an die Schulrektorin mit der Aufforderung sich mit dem Namen ihrer Schule auseinander zu setzen.  

Das war im September 2022. Danach erhielt ich keine Informationen mehr. Durch einen glücklichen Zufall bekam ich Kontakt zu Sigrid Falkenstein, ich hatte ihr Buch „Annas Spuren“ gelesen. Sie war es, die ein Netzwerk um sich herum pflegt, vornehmlich den Förderkreis Gedenkort T4 e.V. und mir nun zu einem größeren Kreis an Mitstreitern verhalf. Man schrieb nochmals die Rektorin des Ellen-Key-Gymnasiums an, ihre Antwort durfte ich lesen. Sie sieht das Problem eher in der Wikipedia Seite und verspricht, die Auseinandersetzung mit der Problematik wäre im neuen Schulprogramm verankert. Einen ehrlichen Einstieg in unsere Forderung „Keine Schule sollte den Namen Ellen Key tragen“ kann ich immer noch nicht erkennen. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt!

Wenn Sie das Anliegen unterstützen oder der Autorin etwas mitteilen möchten, kontaktieren Sie uns bitte unter robert.parzer@gedenkort-t4.eu