Nach der Euthanasie

Wie ging man nach 1945 in West-Deutschland um mit den Nazi-Verbrechen an Menschen mit Behinderungen?

Text »Der Umgang mit der NS-›Euthanasie‹ in der Bundesrepublik Deutschland« von Stefanie Westermann in leicht verständlicher Sprache und zusätzlichen Erklärungen

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung
  2. Menschen mit Behinderungen in der Nazi-Zeit
  3. Nach der Nazi-Zeit ab 1945
  4. Warum geschah weiter so großes Unrecht?
  5. Die Straf-Verfolgung der Täter
  6. Wann und wo erinnerte man sich nach 1945 noch an die Nazi-Morde an Menschen mit Behinderungen?
  7. Geld als Wieder-Gutmachung?
  8. Es geht auch um Anerkennung!

Einleitung

1945 gingen die Nazi-Zeit und der Zweite Weltkrieg zu Ende.
Für viele Menschen war das eine große Befreiung.
Besonders für die Menschen, die von den Nazis eingesperrt waren.
Doch für Menschen mit Behinderungen war diese Befreiung nach dem Krieg nicht so zu spüren.
Viele mussten unter schlechten Bedingungen weiter leben.
Der Text von Stefanie Westermann in schwerer Sprache erklärt,
wie man nach 1945 in West-Deutschland mit den Verbrechen umging,
die Menschen mit Behinderungen in der Nazi-Zeit erlebt haben.

Der nächste Abschnitt »Menschen mit Behinderungen in der Nazi-Zeit«
ist eine zusätzliche Erklärung zu dem schweren Text.
Darin steht, was Menschen mit Behinderungen in der Nazi-Zeit erlebt haben.
Dieser Abschnitt ist nicht von Stefanie Westermann.

Menschen mit Behinderungen in der Nazi-Zeit

Was war mit Menschen mit Behinderungen in der Nazi-Zeit passiert?
Die Nazis hatten auch tausende Deutsche ermordet:
Deutsche, von denen die Nazis meinten, dass sie kein Recht haben zu leben.
Dazu zählten die Nazis auch Menschen mit Behinderungen.
Die Nazis glaubten, dass Menschen mit geistigen, körperlichen
und seelischen Behinderungen das Leben nicht schön finden können.
Und sie glaubten, dass Menschen mit Behinderungen
die nicht-behinderten Menschen stören.
Also beschlossen die Nazis, alle Menschen mit Behinderungen zu ermorden.
Sie nannten es aber nicht "ermorden", sondern sie sagten:
Wir "befreien" oder "erlösen" behinderte Menschen von ihrem Leben.
Diese Morde nannten sie "Euthanasie".
Das Wort "Euthanasie" kommt aus dem alten Griechenland.
"Euthanasie" bedeutet eigentlich Sterbe-Hilfe oder auch "guter Tod".
Wann spricht man von Euthanasie?
Wenn Menschen so krank sind,
dass sie sehr, sehr starke Schmerzen haben und bald sterben werden,
dann wünschen sich diese Menschen manchmal
einen "guten und schnellen Tod".
Oft fehlt diesen tod-kranken Menschen die Kraft,
sich selbst zu töten.
Dann wünschen sie sich jemanden, der ihnen dabei hilft,
schnell und ohne Schmerzen zu sterben.
Diese Sterbe-Hilfe nennt man "Euthanasie".

Aber die Nazis haben niemandem geholfen,
der sterben wollte, weil er unheilbar krank war.
Sie haben Menschen ermordet, von denen sie sagten,
dass ihr Leben ohne Wert ist.
Dazu gehörten auch Menschen mit Behinderungen.
Die Nazis nannten ihre grausamen Morde „Euthanasie“,
also Sterbe-Hilfe.
Das war eine große Lüge.
Denn diese Menschen wollten natürlich leben.
Die Nazis haben das Wort „Euthanasie“ falsch benutzt.
Damit wollten sie aus den Morden und den grausamen Verbrechen
gute Taten machen.
So wollten die Nazis die Menschen täuschen.

Nach der Nazi-Zeit ab 1945

1945 waren der Krieg und die Nazi-Zeit zu Ende.
Was änderte sich jetzt für die Menschen mit Behinderungen,
die die Nazi-Zeit überlebt hatten?
Wurde ihr Leben nun besser?
Leider nein.
Sie wurden zwar nicht mehr ermordet.
Aber viele Menschen mit Behinderungen lebten immer noch zusammen
in den Häusern, wo sie schon vorher oder in der Nazi-Zeit gelebt hatten.
Das waren zum Beispiel Pflege-Heime und Heil-Anstalten.
Dort gab es auch in den ersten Jahren nach dem Krieg
oft zu wenig zu essen.
Und es gab eine schlechte Betreuung
durch Ärzte, Pfleger und Kranken-Schwestern oder Helfer.
So starben immer noch Menschen mit Behinderungen.
Sie starben nicht, weil sie alt waren.
Sie starben deshalb, weil sie schlecht versorgt wurden.

Warum geschah weiter so großes Unrecht?

Warum verbesserte sich das Leben für Menschen mit Behinderungen kaum, obwohl sie schon im Krieg und in der Nazi-Zeit so leiden mussten?
Nach 1945 erfuhren zuerst nur wenige Menschen
von den Morden und Verbrechen an Menschen mit Behinderungen.
Dafür gab es viele Gründe. Zum Beispiel:
• Die Verwandten der Ermordeten schämten sich oft.
Sie schämten sich, weil sie die Morde nicht verhindert hatten
oder nicht verhindern konnten.
Also sprachen sie nicht gerne darüber.
• Für die Verwandten der Ermordeten war der Tod ihres Familienmitglieds ein ganz schreckliches Erlebnis.
Das bedeutet: Sie waren sehr geschockt.
Oder sie erlebten selbst große Angst oder konnten nicht gut schlafen.
Sie konnten auch nicht über ihre Erlebnisse sprechen.
Denn dann erlebten sie die Angst wieder.
Dazu sagt man auch Trauma.
• Man glaubte nicht, was die überlebenden Menschen mit Behinderungen aus der Nazi-Zeit erzählten.
Menschen ohne Behinderungen konnten sich einfach nicht vorstellen,
dass so grausame Dinge passiert waren.
So fühlten sich die Menschen mit Behinderungen, die überlebt hatten, allein gelassen mit ihren schrecklichen Erinnerungen und Ängsten.
• Die an den Morden beteiligten Ärzte wollten nicht darüber sprechen.
Sie hatten Angst, keine Ärzte mehr sein zu dürfen.
Warum? Weil sie mit Schuld hatten an den Morden.

Die Straf-Verfolgung der Täter

Durften die Nazi-Mörder, Ärzte und ihre Helfer nach dem Krieg
frei und ohne Strafe bleiben?
Es gab Versuche, an die Morde zu erinnern und die Mörder zu bestrafen:
Rechts-Anwälte und Verwandte der Opfer klagten Nazi-Täter an.
Dass heißt: Sie meldeten bei der Polizei und beim Gericht,
was diese Täter im Krieg gemacht haben.
Dann mussten die Täter vor Gericht.
Das bedeutet: Sie mussten vor einen Richter treten.
Der hörte sich alles an,
was die Menschen über die Morde wussten und berichten konnten.
Dann beschloss der Richter eine Strafe für die Nazi-Täter.
Oft waren diese Täter nicht nur Nazis,
sondern in ihrem Beruf Ärzte und Arzthelfer.
Menschen mit Behinderungen waren ihre Patienten.
Doch diese Ärzte haben den Nazis geholfen.
Sie haben ihre Patientinnen und Patienten verraten und nicht geschützt.
Gleich nach dem Krieg begann in Nürnberg der "Ärzte-Prozess".
1947 wurden 20 Ärzte und 3 ihrer Helfer verurteilt.
Weil sie für die Nazis gemordet hatten.
7 Angeklagte wurden nun selbst zum Tode verurteilt.
9 Angeklagte mussten sehr lange ins Gefängnis.
Es gab noch Jahre später immer wieder Anklagen gegen die Mörder.
Aber leider waren die Urteile der Richter oft sehr milde.
Das heißt: Die Täter bekamen nur kleine Strafen oder auch gar keine Strafe. Da haben die Richter schlechte Arbeit gemacht.
Sie urteilten sehr ungerecht.

Wann und wo erinnerte man sich nach 1945 noch an die Nazi-Morde an Menschen mit Behinderungen?

An den Orten der Verbrechen und Morde
fanden manchmal Erinnerungs-Veranstaltungen statt.
Manchmal schrieben Journalisten (gesprochen Schur-nalisten)
Zeitungs-Artikel.
Geschichts-Forscher hielten Vorträge über die "Euthanasie"-Morde.
Das Wort "Euthanasie" bedeutet seitdem nicht nur Sterbe-Hilfe,
sondern "Euthanasie" bedeutet auch:
Mord an über 70.000 Menschen mit Behinderungen in der Nazi-Zeit.
Aber erst mehr als 30 Jahre nach dem Krieg gab es Geschichts-Forscher,
die wirklich alles heraus fanden,
was die Nazis Menschen mit Behinderungen angetan hatten.
In Zeitungen, im Radio und im Fernsehen wurde erst ab dem Jahr 1980
immer wieder berichtet,
was damals mit Menschen mit Behinderungen passiert war.
So erfuhren erst dann viele Menschen von den Morden
an Menschen mit Behinderungen in der Nazi-Zeit.

Geld als Wieder-Gutmachung?

Erst 35 Jahre nach dem Krieg, also ab dem Jahr 1980,
bekamen Menschen mit Behinderungen, die die Nazi-Zeit überlebt hatten,
oder ihre Kinder noch eine kleine "Wieder-Gutmachung".
Das bedeutet: Die Überlebenden oder deren Kinder bekamen Geld
für die Zeit der Angst und des Leidens unter den Nazis.
Sie bekamen 5.000 Deutsche Mark.
Das wären heute ungefähr 2.500 Euro.

Es geht auch um Anerkennung!

Im Jahre 2011, also über 60 Jahre nach dem Ende des Krieges,
beschlossen die Politiker noch eine "Wieder-Gutmachung".
Die Kinder der Nazi-Opfer sollten jeden Monat 291 Euro Monat bekommen.
Dieses Geld soll ein kleiner Ausgleich sein,
ein Ausgleich für den Verlust und das Leiden der behinderten Eltern.
291 Euro jeden Monat: Ob das genug ist oder gerecht ist?
Das ist schwer zu sagen.
Nicht gerecht ist aber, dass die ermordeten Menschen mit Behinderungen
bis heute nicht anerkannt sind als Verfolgte der Nazis!
In Deutschland gibt es inzwischen einige Erinnerungs-Orte
für die Nazi-Morde an den Menschen mit Behinderungen.
An diesen Orten erinnern Texte oder Kunst-Werke
an die Verfolgung und Ermordung behinderter Menschen in der Nazi-Zeit.
Das ist gut.
Aber es geht noch besser:
Viele Menschen mit Behinderungen wünschen sich überhaupt
mehr Aufmerksamkeit von den Menschen ohne Behinderung.
Auch wäre es gut,
wenn sich Menschen ohne Behinderung mehr interessieren würden
für die Verfolgung von Menschen mit Behinderungen in der Nazi-Zeit.
Denn dann interessieren sie sich bestimmt auch stärker
für den Alltag von Menschen mit Behinderungen mitten unter uns.

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