Die Strafverfolgung von NS-„Euthanasie“-Verbrechen in Ost und West

Die Verfolgung und Bestrafung von Nazi-Tätern nach 1945

Leicht verständliche Zusammenfassung des Textes »Strafverfolgung der Täter«

von Petra Schweizer-Martinschek

  1. Einleitung
  2. Wie erfuhr die Öffentlichkeit von den Verbrechen?
  3. Warum war es so schwer herauszufinden, was wirklich passiert war?
  4. Wie konnten die Täter überhaupt gefunden werden?
  5. Wer waren die Menschen, die gemordet hatten?
  6. Wann und wo wurden die Mörder angeklagt?
  7. Unterschiede im Osten und im Westen von Deutschland
  8. Verfolgung der Nazi-Täter in der BRD
  9. Verfolgung der Nazi-Täter in der DDR
  10. Wie viele Täter wurden insgesamt bestraft?

1. Einleitung

Die Nazi-Zeit dauerte von 1933 bis 1945.
In den Jahren 1939 bis 1945 führten die Nazis in vielen Ländern Krieg.
In dieser Zeit ermordeten die Nazis
mehr als 200.000 Menschen mit Behinderungen in Deutschland
und in den Ländern, wo die Nazis Krieg führten.
Die ermordeten Menschen mit Behinderungen starben aber nicht
in einer Kriegs-Schlacht.
Sie starben deshalb,
weil die Nazis den Tod von allen Menschen mit Behinderungen wollten.
Der oberste Nazi-Führer Adolf Hitler hatte diese Morde
im Jahr 1939 befohlen.
An den Morden waren viele Menschen der Nazi-Führung
und viele andere Mit-Täter beteiligt.
Es wurden vom Nazi-Staat auch Gesetze dafür erlassen,
damit die Ermordung von Menschen mit Behinderungen erlaubt war.
1945 war der Krieg zu Ende.
Nun erfuhren immer mehr Menschen von den grausamen Morden
an Menschen mit Behinderungen,
Menschen mit psychischen Erkrankungen
und anderen pflege-bedürftigen Menschen. 

2. Wie erfuhr die Öffentlichkeit von den Verbrechen?

Die ersten Menschen, die von den Morden erfuhren, waren Soldaten,
die gegen Nazi-Deutschland im Krieg gekämpft hatten.
Das waren Soldaten aus Frankreich, der Sowjet-Union, der USA und Groß-Britannien.
Diese Soldaten kämpften auch in Deutschland gegen die Nazis,
um den Krieg zu beenden.
Dabei entdeckten sie die Häuser und Orte, in denen Menschen mit Behinderungen lebten.
Das waren Heil- und Pflege-Anstalten, Krankenhäuser oder besondere Lager.
Dort fanden die Soldaten viele Menschen, die fast verhungert oder schon tot waren.
Sie erfuhren, dass diese Menschen ermordet wurden
und dass die Nazis dafür verantwortlich waren.
Ein zweiter Grund für das Bekanntwerden der Morde:
Nach dem Krieg gingen viele Eltern oder Geschwister von ermordeten Menschen mit Behinderungen zur Polizei.
Dort machten sie eine Anzeige gegen die Nazis.
Sie wollten herausfinden, was wirklich mit ihren Angehörigen passiert war.
Denn in der Nazi-Zeit wurden sie darüber belogen.
Sie hatten aus der Heil-Anstalt Todes-Nachrichten bekommen, die falsch waren.
Darin stand, dass ihre Verwandten an einer Krankheit gestorben waren.
In Wirklichkeit aber wurden sie ermordet, weil sie eine Behinderung hatten.

3. Warum war es so schwer herauszufinden, was wirklich passiert war?

Was mit den Menschen mit Behinderungen in der Nazi-Zeit passiert war,
konnten Polizei, Rechts-Anwälte und Richter oft nicht leicht herausfinden.
Das hatte viele Gründe:
• Viele Mörder hatten während des Krieges oft den Ort gewechselt.
Mal waren sie in Deutschland, mal in einem anderen Land,
wo Krieg geführt wurde.
Später konnte man dann schwer heraus finden,
an welchem Ort sie welche Verbrechen begangen hatten.
• Einige der Mörder waren nicht mehr dort, wo sie gemordet hatten.
So war es schwer, sie zu finden und zu bestrafen.
• Einige der Mörder waren im Krieg umgekommen.
• Andere hatten sich selbst getötet, weil sie vor der Strafe Angst hatten.

4. Wie konnten die Täter überhaupt gefunden werden?

Die Täter hatten meistens genau aufgeschrieben, wen sie ermordet hatten.
Sie hatten die Namen der Ermordeten aufgeschrieben
und den Ort des Mordes in langen Listen aufgeschrieben.
Wenn diese Listen nach dem Krieg gefunden wurden,
war es leicht, die Täter festzustellen.
Aber damit hatte man die Täter noch nicht gefasst.
Man musste die Täter erst finden.
Oft hatten die Mörder auch die Listen verbrannt,
bevor jemand sie finden konnte.
Oder die Listen waren durch den Krieg zerstört oder verloren gegangen.
Manchmal fanden die Ermittler aber verdächtige Personen.
Das heißt: Personen, von denen sie sicher waren,
dass sie als Täter an den Morden beteiligt waren.
Doch um diese Personen zu bestrafen,
musste man beweisen, dass sie die Mörder waren.
Etwas beweisen oder einen Beweis finden, heißt:
Es musste zum Beispiel eine alte Liste geben,
auf der der Name des Mörders von den Nazis selbst aufgeschrieben war.
Diese Liste war dann der Beweis für die Schuld des Mörders.
Oder man musste einen oder mehrere Menschen finden,
der bei den Morden dabei gewesen war.
Menschen die bei einem Ereignis dabei waren, nennt man Zeugen.
Diese Zeugen konnten dann genau sagen, wer die Täter waren.
Zum Beispiel, weil die Zeugen die Mörder später wieder erkannten.
Dann konnten sie sagen: "Ja, der war es. Ich erkenne ihn wieder." 
Nach dem Krieg hatte man einige der möglichen Mörder gefangen.
Polizei und Richter suchten jetzt die Beweise dafür.
Gab es genug Beweise, dann wurden die Täter bestraft.
Manchmal mussten die für eine lange Zeit in ein Gefängnis.
Einige wenige Mörder wurden sogar mit dem Tode bestraft.
Das war kurz nach dem Krieg noch möglich.
Aber nur bei besonders schlimmen Verbrechen, wie zum Beispiel Mord.
Heute ist die so genannte Todes-Strafe nicht mehr erlaubt.
Für die Morde an Menschen mit Behinderungen wurden 4 Täter
mit dem Tod bestraft.
2 dieser Täter, die mit dem Tod durch Aufhängen bestraft wurden,
sieht man hier:

Links im Bild: Professor Karl Brandt, der Begleit-Arzt von Adolf Hitler
Rechts im Bild: Viktor Brack, tätig in der obersten Nazi-Führung
Karl Brandt und Viktor Brack waren 2 der höchsten Nazi-Täter,
die verantwortlich waren für den Tod der Menschen mit Behinderungen
in der Nazi-Zeit.

5. Wer waren die Menschen, die gemordet hatten?

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Es waren zum Beispiel Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger, aber auch Soldaten.
Um nicht die Todes-Strafe oder eine andere schwere Strafe zu erhalten,
versuchten die Täter, sich zu verteidigen.
Sie sagten zum Beispiel diese Gründe als Verteidigung:
• „Ich habe doch nur auf Befehl gehandelt!“
• „Man hat uns versprochen,
dass wir nicht für die Morde bestraft werden."
• „Man hat gedroht, uns zu ermorden,
wenn wir uns weigern, Menschen mit Behinderungen zu ermorden."
• „Wenn ich es nicht getan hätte, hätte es ein anderer getan."
• „Ich habe nur nach dem Gesetz gehandelt.“
Es gab auch viele Täter,
die es richtig fanden, Menschen mit Behinderungen zu ermorden.
Sie waren davon überzeugt, dass Menschen mit Behinderungen
kein lebenswertes Leben führen können.
Sie glaubten, sie hätten das Recht oder sogar die Pflicht zur „Sterbe-Hilfe“.
Man nennt diese Täter auch "Überzeugungs-Täter".
Denn sie waren wirklich überzeugt, "das Richtige" zu tun.

6. Wann und wo wurden die Mörder angeklagt?

Die meisten Anklagen fanden statt zwischen 1945 bis 1952.
Die schwersten Strafen für die Morde gab es
in den 3 Jahren nach Kriegsende.
Also in den Jahren 1945, 1946 und 1947.
Oft mussten die Mörder für den Rest ihres Lebens ins Gefängnis.
Seit dem Jahr 1948 waren die Strafen nicht so hart.
Es gab kürzere Gefängnis-Strafen.
Oft gab es auch gar keine Strafe.
Warum wurden die Täter nicht sehr hart oder gar nicht bestraft?
Die Richter sagten, dass die Täter nicht mit Absicht getötet haben.
Denn nur jemanden mit Absicht töten ist Mord.
Wenn aber Menschen mit Behinderungen an Hunger oder Krankheiten gestorben waren, zum Beispiel wegen schlechter Ernährung,
sagten die Richter dazu Tot-Schlag.
Totschlag bedeutet Töten ohne Absicht.

7. Unterschiede im Osten und im Westen von Deutschland

Ein anderer Grund, der die Suche nach den Mördern schwer machte:
Im Osten und im Westen von Deutschland arbeitete man unterschiedlich daran, die Täter zu finden.
Die Länder, die den Krieg gewonnen hatten,
also die Sowjet-Union, die USA, Frankreich und Groß-Britannien,
hatten zwar eine unterschiedliche Politik.
Sie arbeiteten aber auch zusammen.
Diese Länder hießen „die Alliierten“ (gesprochen Al-li-ierte).
Es gab 2 Prozesse der „Alliierten“ gegen die Nazi-Täter,
die Menschen mit Behinderungen ermordet hatten.
Das war das „Hadamar Trial“ (englisch, gesprochen trei-el) 1945
und der „Nürnberger Ärzte-Prozess“ 1947 und 1948.
Hadamar war eine große Tötungs-Anstalt der Nazis.
4 Jahre nach dem Krieg wurden 2 deutsche Staaten gegründet.
Das war im Jahr 1949.
Im Osten gab es dann die Deutsche Demokratische Republik.
Die Abkürzung ist DDR.
Im Westen gab es dann die Bundes-Republik Deutschland.
Die Abkürzung ist BRD.
Die Verfolgung der Mörder war in der DDR und in der BRD unterschiedlich.
Beide Länder hatten unterschiedliche Gesetze.
Und die Politik war unterschiedlich.
Die Länder arbeiteten nicht gut zusammen.

8. Verfolgung der Nazi-Täter in der BRD

Erst im Jahr 1958 fing im Westen in der BRD
die Suche nach den Tätern wieder an.
In der Stadt Ludwigsburg wurde dafür eine Einrichtung gegründet.
Diese Einrichtung heißt:
„Zentrale Stelle der Landes-Justiz-Verwaltungen
zur Aufklärung national-sozialistischer Verbrechen“.
In Ludwigsburg fand man vieles heraus über die Verbrechen
und über die Zeit danach:
Einige Ärzte, die in der Nazi-Zeit Menschen mit Behinderungen ermordet hatten, arbeiteten immer noch als Ärzte.
Manche Ärzte hatten nach dem Krieg ihre Namen geändert,
damit man sie nicht entdecken
und für ihre Verbrechen bestrafen konnte.
Doch durch die Arbeit in Ludwigsburg
wurden doch noch einige Täter gefunden, angeklagt und bestraft.
Aber viele der Täter blieben trotzdem verschwunden.
Oder sie waren dann später zu alt für einen Gerichts-Prozess.

9. Verfolgung der Nazi-Täter in der DDR

Auch im Gebiet der DDR hatten sich Nazi-Ärzte nach 1945 versteckt.
Auf dem Gebiet der DDR fanden bis 1952
insgesamt 21 Gerichts-Prozesse statt.
Nach 1952 gab es nur noch 1 Prozess
über die Ermordung von Menschen mit Behinderungen in der Nazi-Zeit.
6 Täter wurden zu teilweise sehr langen Haftstrafen verurteilt.
In den Jahren von 1950 bis 1960 wurden einige Täter wieder frei gelassen.
Dazu sagte man „Begnadigung“
oder „Amnestie“ (gesprochen Amm-nes-tieh).
Später fanden kaum noch Verfolgungen und Anklagen statt.
Es wurde kaum noch jemand bestraft für die Taten in der Nazi-Zeit.

10. Wie viele Täter wurden insgesamt bestraft?

In der BRD und in der DDR gab es zusammen
über 480 Gerichts-Verfahren gegen verdächtige Menschen.
Bei diesen Menschen gab es den Verdacht,
dass sie etwas mit den Morden in der Nazi-Zeit zu tun hatten.
Am Ende der Gerichts-Verfahren wurden insgesamt
knapp 100 Menschen bestraft.

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