Widerstand

Es waren nur wenige, die sich gegen die "Euthanasie"-Maßnahmen der Nationalsozialisten auflehnten. Einer von ihnen war der Pastor Paul Braune.

Paul Braunes Widerstand gegen die NS-Aktion „T4“

von LeRoy Walters

Am 16. Juli 1940 richteten wichtige Vertreter der Deutschen Evangelischen Kirche ein ausführliches Protestschreiben gegen das „Euthanasie“-Programm der Nationalsozialisten an die Reichskanzlei.[1] Der Verfasser der Denkschrift Paul Gerhard Braune war Leiter der Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal bei Bernau nördlich von Berlin. (Die von Braune geleitete Anstalt gehörte zu der wesentlich größeren Anstalt Bethel, Westfalen.) Braunes Denkschrift enthüllte detaillierte Fakten über die seinerzeit in Deutschland und Österreich durchgeführte Aktion T4. Nach Braunes Angaben waren bereits mehr als 3000 Menschen mit Behinderungen in einer der Tötungsanstalten des Programms umgebracht worden.

Foto von Paul Gerhard Braune
Paul Gerhard Braune
Quellen:
links: Reproduktion Gedenkstätte Deutscher Widerstand
rechts: LAFIM

Wann erhielt Braune die ersten Hinweise über das Morden von Menschen mit Behinderungen? Wie konnte er Informationen über die Aktion T4 sammeln? Was hat er ans Licht gebracht? Wem wollte er seine Enthüllungen mitteilten? Welche Folgen hatte der Protest für Braune persönlich? Und welche Auswirkung hatte der Protest auf das Tötungsprogramm?

Als Vizepräsident des Zentralausschusses der Evangelischen Inneren Mission in Deutschland hatte Braune Zugang zu den unterschiedlichsten Informationsquellen wie kaum ein anderer im Deutschen Reich. Bei einer Präsidialbesprechung des Zentralausschusses der Inneren Mission am 13. Februar 1940 berichtete Pfarrer Wilhelm Engelmann, dass in Württemberg „bereits Schwachsinnige aus einer Anstalt mit unbekanntem Ziel abgeholt sind“.[2] Am 30. März hat Pfarrer Alfons Schosser aus Stuttgart einen ausführlichen Bericht an seine Kollegen der Inneren Mission in Berlin verfasst. Darin schreibt er, dass die von der Samariterstiftung geleitete Anstalt Grafeneck im Oktober 1939 von den örtlichen Behörden beschlagnahmt worden war und alle Patienten in ein anderes Heim überführt wurden. Bis Anfang 1940 wusste niemand, was mit Grafeneck geschehen war. Ende Januar hat das Innenministerium Württemberg 13 männliche Patienten von der kirchlichen Pfingstweideanstalt für Epileptiker in die neugegründete Landespflegeanstalt Grafeneck verlegt. Nach einigen Tagen erfuhr die Anstaltsleitung von Pfingstweide nach und nach über Angehörige und Vormunde, dass die fortgebrachten Patienten gestorben waren. Bis zum 18. Februar waren vier der 13 Patienten gestorben. Schosser sagte dazu: „Damit war das Geheimnis, das über Grafeneck schwebte, zum Teil enthüllt.“[3]

Braune hat die Nachrichten über die Tötungen sicherlich mit wachsender Besorgnis aufgenommen. Sein persönliches Engagement in der Euthanasiefrage änderte sich allerdings fundamental, als am 25. April 1940 für das von ihm betreute Mädchenheim Gottesschutz in Erkner ein Transport anberaumt wurde. Demzufolge sollten am 4. Mai 1940 25 junge Frauen aus Erkner weggebracht werden. Die Gemeinnützige Kranken-Transport GmbH stellte dafür Busse zur Verfügung. Begründet wurde der Transport mit militärischen Planungen.[4]

Bei einer Besprechung des Zentralausschusses der Inneren Mission am 30. April wurde Braune mit der Aufgabe betraut, systematisch Nachforschungen über den Transport von Patienten aus ihren Heimen in andere Anstalten zu betreiben. Von da an sammelte Braune mit allen erdenklichen Mitteln bis zum 9. Juli Informationen über die Aktion T4. So traf er sich z. B. am 8. Mai mit Karl Bonhoeffer in dessen Haus in Grunewald, und zwei Tage später besuchte er Bonhoeffers Schwiegersohn Hans von Dohnanyi, Mitglied in der Widerstandsgruppe der Abwehr, in dessen Büro.[5] Das von Jan Cantow verwaltete Archiv der Hoffnungstaler Anstalten enthält die fortlaufende Korrespondenz von Informanten aus vielen Teilen des Deutschen Reichs, darunter aus Sachsen, Württemberg, Baden, Rheinland und Westfalen. Braune reiste sogar mit dem Auto nach Brandenburg an der Havel, um das ehemalige Zuchthaus und die dort geheim gehalten merkwürdigen Vorgänge zu untersuchen. Zwischenzeitlich ist es Braune auch gelungen, den geplanten Transport in Erkner auf ungewisse Zeit zu verschieben.

Was haben Braunes sorgfältige Recherchen ans Licht begracht? Seine Enthüllungen hat er in einer Denkschrift zusammengefasst, deren Endfassung mehr als zehn Seiten umfasste.[6]

Denkschrift von Pastor Braune an Adolf Hitler
Pastor Braunes an Adolf Hitler gerichtete „Denkschrift zur Lage der nichtarischen Christen“ vom 16. Juli 1940
Quelle:
Bert Honolka „Die Kreuzelschreiber“, 1961

In diesem bemerkenswerten Schreiben von Anfang Juli 1940 benannte Braune die Namen von drei Tötungsanstalten der Aktion T4: Grafeneck, Brandenburg a. d. Havel und Hartheim. Er veröffentlichte die Namen, Adressen und geschätzten Todeszeitpunkte von mehr als 25 Patienten und wusste zudem, dass 125 Patienten aus drei Heimen in Gruppentransporten weggebracht wurden. Eine Gesamtstatistik des „Euthanasie“-Programms konnte Braune nicht vorlegen, wies aber darauf hin, dass eine der letzten Patientinnen, Else Lenné aus Berlin-Steglitz, bereits die Nummer A 3111 hatte.[7] Die Tötungsmethode (Vergiftung mit Kohlenmonoxid) war Braune nicht bekannt. Er vermutete Unterernährung und berichtete auch von Gerüchten über tödliche Injektionen. Gleichermaßen bedeutend war Braunes Entdeckung, dass die Briefe an die Angehörigen und Vormunde von vorn bis hinten erlogen waren. Die Todesgründe in den Beileidsschreiben waren völlig frei erfunden, und schriftliche Nachfragen der besorgten Eltern und Vormunde wurden mit weiteren Lügen beantwortet.

Im Hinblick auf seinen Enthüllungen über dieses Massentötungsprogramm weist Braune auf die angeblichen Routineerhebungen hin, die ein Jahr zuvor im Oktober in einigen Reichsregionen durchgeführt wurden. Mit dieser Entdeckung beginnt er seine Denkschrift. Der Reichsinnenminister forderte die Leiter psychiatrischer und anderer geschlossener Anstalten auf, einen Meldebogen über die Patienten oder Insassen auszufüllen und dabei nach Kategorien gerordnet sämtliche Patienten zu melden, die:

  1. an Schizophrenie, Epilepsie, senilen Krankheiten oder „Schwachsinn“ leiden und keine mechanischen Arbeiten ausführen können,
  2. sich seit mindestens fünf Jahren dauernd in Anstalten befinden,
  3. als kriminelle Geisteskranke eingewiesen sind und
  4. nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen oder nicht deutschen oder artverwandten Blutes sind unter Angaben der Rasse und Staatsangehörigkeit.

[8]
Nach Braunes Angaben waren sich die Anstaltsleiter nicht über Sinn und Zweck dieser Erhebung bewusst. Einige dachten, die Reichsbehörden arbeiteten an einem Gesetz zum Schutz von Menschen der genannten Kategorien. Im Juli 1940 wurde Braune dagegen klar, dass eben die Menschen dieser vier Kategorien zur Zielgruppe der Aktion T4 gehörten.

Die empirischen Nachforschungen in seiner Denkschrift ordnete Braune nach Regionen. Aus Württemberg beschreibt er die ersten Vorfälle unter den Patienten in Pfingstweide und eine ansteigende Sterberate in den Monaten von Anfang April bis Ende Juni. Er wies auch auf die ungeheuerliche Tatsache hin, dass Tausende Patienten in einer Anstalt mit einem Kontingent von etwa 100 Betten starben.[9] Aus Sachsen hatte ihm eine Anstalt die ernüchternde Statistik über erhöhte Sterberaten noch vor Beginn der Aktion T4 übermittelt. Diese festgestellte hohe Sterblichkeit führte er auf eine gezielte Entziehung der Nahrungsmittel zurück.[10] In Bezug auf Brandenburg und Berlin hinterfragte er, weshalb die neu eingerichtete „Landespflegeanstalt Brandenburg“ völlig abgeschnitten von der Außenwelt war. Zudem stellte er fest, dass mehrere der in Brandenburg an der Havel verstorbenen Personen gar keine Patienten waren, sondern zuvor als Verbrecher im Zuchthaus Waldheim in Sachsen inhaftiert waren.[11]

Aus Brandenburg und Berlin hatte Braune besonders genaue Informationen über die Städtische Irrenanstalt in Berlin-Buch, die nahe an den Hoffnungtaler Anstalten lag. Einer der dortigen Patienten, der Jurist Günther Rottmann, war der Sohn des Berliner Oberregierungsrats Rottmann, der seit 1927 der NSDAP angehörte. Kurz nach einem Besuch der Eltern, bei dem er in guter Verfassung erschien, wurde Günther Rottmann – ohne die Kenntnis seiner Eltern – am 10. Juni angeblich nach Hartheim in Österreich verlegt. Nachdem die Eltern das Verschwinden ihres Sohnes bemerkt hatten und nach den Gründen dafür fragten, wurde ihnen gesagt, er befinde sich nun in der Anstalt in Hartheim. Auf telefonische Nachfrage am 27. Juni teilte man den Eltern mit, ihr Sohn sei am 23. Juni an einer Mittelohrentzündung gestorben. Dank der Nachforschungen des Historikers Horst-Peter Wolff ist bekannt, dass Günther Rottmann entgegen der offiziellen Version am 10. Juni von Berlin-Buch in die Tötungsanstalt in Brandenburg gebracht und noch am selben Tag vergast wurde.[12] Der bereits verstorbene deutsche Theologe Gerhard Ebeling berichtete, dass die Familie Rottmann in ihrer Trauer Hilfe bei ihm suchte und Ebeling wiederum Paul Braune ausführlich über Rottmanns Transport und Tod berichtet hat.[13]

In Bezug auf Pommern führte Braune an, dass bis zu dem Zeitpunkt, als er seine Denkschrift abgeschlossen hat, sämtliche Patienten aus den beiden Provinzanstalten in Stralsund und Lauenburg entfernt worden waren. Er war besorgt über den Verbleib und den Zustand der 2000 vermissten Patienten,[14] ebenso beunruhigend war für ihn, dass die Kückenmühler Anstalten, eine große Einrichtung der Inneren Mission in der Nähe von Stettin, im Mai 1940 von Gauleiter Franz Schwede-Coburg beschlagnahmt wurden. Wie Braune berichtete, wurden innerhalb weniger Wochen 1300 der 1500 Patienten in den Kückenmühler Anstalten weggeschafft. Braunes Informationen zufolge wurden die Patienten vermutlich überwiegend „nach Osten“ gebracht, ins Warthegau, nach Meseritz und in eine Anstalt bei Posen, wahrscheinlich Kosten. Andere Patienten sollen dagegen nach Grafeneck verlegt worden sein.[15] Durch Zufall wusste Braune bereits von mindestens 42 Todesfällen unter den Patienten der Kückenmühler Anstalten. Er ging davon aus, dass weitere Patienten gestorben sind, ihr Tod aber nicht erfasst wurde. Aufgrund einzelner Patientenakten aus dem Berliner Bundesarchiv ist inzwischen bekannt, dass Ende Mai oder Anfang Juni mindestens 33 Patientinnen von den Kückenmühler Anstalten in die Städtische Irrenanstalt in Berlin-Buch gebracht wurden. Berlin-Buch war aber nur eine Zwischenstation vor dem endgültigen Ziel. Am 14. Juni 1940 wurden sie erneut verlegt – diesmal nach Brandenburg, wo sie in der Gaskammer umkamen.[16]

Aufgrund seiner Untersuchungen in den verschiedenen Reichsgebieten fasste Braune die von ihm beobachtete Schematik wie folgt zusammen:
„Zwangsweise Verlegung in Massentransporten, Durcheinanderlegen der Patienten, damit niemand den anderen kennt, Entziehung des Essens, Eintreten von Schwächezuständen, gewaltsame Eingabe von Medizin – der Volksmund redet auch von Spritzen und meint tödliche Spritzen –, dann in fast allen Fällen Verbrennung der Leichen und Verbrennung der Kleider, so daß jede Untersuchungsmöglichkeit verhindert wird, verspätete Benachrichtigung der Angehörigen durch Briefe, die fast immer in gleichlautender Form abgefaßt sind.“[17]
Braune fügte hinzu: „Es handelt sich hier also um ein bewußtes, planmäßiges Vorgehen zur Ausmerzung aller derer, die geisteskrank oder sonst gemeinschaftsunfähig sind.“[18]

Seine Denkschrift schloss Braune mit mehreren ethischen und sozialpolitischen Fragen ab. Er fragte, ob senile ältere Patienten oder sogar schwer verwundete Soldaten auch von dem geplanten Vernichtungsprogramm erfasst würden. Nach Braunes Ansicht war das Vertrauen der Bevölkerung in die Ärzte, die Anstalten und sogar in die Regierung erschüttert. Er betonte auch die Unverletzlichkeit der Person und den gesetzlichen Schutz, der jedem gewährt wird. In einem hoffnungsvollen Abschlussappell schrieb Braune: „Mögen die verantwortlichen Stellen dafür Sorgen, daß die unheilvollen Maßnahmen aufgehoben werden, und daß die ganze Frage erst sorgfältig nach der rechtlichen und medizinischen, nach der sittlichen und staatspolitischen Seite geprüft wird, ehe das Schicksal von Tausenden und Zehntausenden entschieden wird. Videant consules, ne quid detrimenti res publica capiat! („Mögen die Konsuln zusehen, dass der Staat keinen Schaden nehme!“)[19]

Da Braune sich nicht nur auf die schriftlichen Stellungnahmen verlassen wollte, teilte er seine Enthüllungen mehreren Reichsbeamten mündlich mit. Am 10. Juli 1940 hatten Braune und Friedrich von Bodelschwingh von den Bethel-Anstalten ein heftiges Gespräch mit Herbert Linden aus dem Innenministerium und Viktor Brack von der Führerkanzlei, die zwei der wichtigsten Planer der Aktion T4 waren. Linden und Brack warfen Braune und von Bodelschwingh bei dieser Unterredung vor, an Märchen zu glauben. Sie drohten auch damit, die Gestapo einzuschalten, weil die beiden Staatsgeheimnisse preisgaben.[20] Braune führte auch zahlreiche Gespräche mit dem Staatssekretär Friedrich Kritzinger in der Reichskanzlei. Braune, von Bodelschwingh und der Chirurg Ferdinand Sauerbruch trafen – möglicherweise vermittelt durch Gürtners ehemaligen Berater Hans von Dohnanyi – am 12. Juli den Justizminister Franz Gürtner in dessen Haus in Grunewald. Nach dem Krieg erinnert sich Braune an die Reaktion des Justizministers auf seine gesammelten Informationen:

"Ich berichtete etwa 25 Minuten von dem Faktenmaterial, von unseren Beobachtungen, und zeigte ihm einige Beispiele der sogenannten „Beileidsschreiben“, die mir vorlagen. (...) Der Minister war erschüttert von diesen Tatsachen und hatte nicht die geringste Ahnung davon, was geschah. Der erste Satz seiner Antwort ist mir deutlich in Erinnerung: „Für einen Justizminister ist es eine schwerwiegende Angelegenheit, wenn ihm eine vertrauenswürdige Person mitteilt: ,In unserem Reich geschehen fortlaufend Morde, und Sie wissen nichts davon!‘ Er sprach dann ausführlich über die Gesetzlosigkeit und Gottlosigkeit solcher Handlungen.“[21]

Braunes Hoffnungen, dass seine Denkschrift und die Treffen mit den Regierungsvertretern das „Euthanasie“-Programm aufhalten könnten, wurden zerschlagen, als Gestapo-Beamte am frühen Morgen des 12. August 1940 bei zu Hause eintrafen, sein Haus durchsuchten, Akten beschlagnahmten und ihn nach Berlin-Mitte mitnahmen. Dort wurde er im Gestapo-Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße in Schutzhaft genommen. Braune und seine Frau Berta wussten nicht, ob und wann er freikommen würde. Am 28. August, als Braune noch im Gefängnis war, gebar Berta Braune das vierte Kind der Eheleute, ihren Sohn Paul Jr.[22] Während Berta sich im Krankenhaus von den Komplikationen der Geburt erholte, teilten ihr Freundinnen mit, dass ihr Mann ausschließlich wegen der Denkschrift zur Euthanasie inhaftiert war. Wie sie erfahren musste, konnte ihr Mann außerdem von Glück reden, wenn er nicht in ein KZ verlegt würde. Nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus besuchte Berta Braune Paul im Gefängnis, wo sie eine kleine handschriftliche Nachricht ihres Gatten erhielt: „Heute bekam ich den Haftbefehl: ,Pastor Braune ist in Schutzhaft genommen, weil er Maßnahmen des Staates in unverantwortlicher Weise sabotiert hat. Gezeichnet: Heydrich' “[23]
Friedrich von Bodelschwingh setzte sich beharrlich für Braunes Freilassung ein. Ihre Mitstreiter in der Bekennenden Kirche setzten Paul Braunes Name auf die Fürbittenliste.[24] Ohne Vorankündigung und aus ungeklärten Gründen wurde Braune am 31. Oktober 1940 mitgeteilt, er könne das Gefängnis verlassen, wenn er eine Erklärung unterschreibe. Darin hieß es, dass Braune „nichts mehr gegen den Staat und die Partei unternimmt“.[25] Braune zufolge erklärte ihm der Gefängnisbeamte, der ihm die Erklärung vorlegte, er müsse sich seiner Ansicht nach „zu nichts verpflichten, was nicht von jedem Bürger erwartet wird“.[26] Angesichts dieser Aussage unterzeichnete Braune die Erklärung.

Nach seiner Entlassung aus der Haft kehrte Braune in die Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal zurück, wo er versuchte, die Patienten und Insassen in seiner Obhut zu schützen. Bei seinen Bemühungen arbeitete er eng mit von Bodelschwingh, dem Leiter der Lobetaler Anstalt in Bethel, zusammen. Es ist ein Gutteil von Bodelschwinghs unermüdlichen Gesprächen mit Hitlers Leibarzt Karl Brandt und einem anderen Verantwortlichen der Aktion T4 zu verdanken, dass die meisten Patienten der Anstalt Bethel und ihrer Zweigstellen vor den tödlichen Transporten in die umliegenden Anstalten bewahrt werden konnten.[27] Beide Anstaltsleiter wurden jedoch dazu gezwungen, die wenigen „Nicht-Arier“ in Bethel und Lobetal, also Menschen jüdischer Abstammung, auszuliefern.[28]

Letztlich konnte Braunes mutiger Widerstand die T4-Maschinerie weder aufhalten noch verlangsamen. Im Windschatten des Krieges mit Polen und später mit den Beneluxländern, Frankreich und der UdSSR wurden in den T4-Tötungsanstalten bis August 1941 weiterhin Menschen mit Behinderungen erstickt. Unter dem Eindruck von Bischoff August von Galens öffentlicher Anprangerung der Euthanasie am 3. August 1941 stellten die Macher von T4 das „Euthanasie“-Programm nach außen hin ein. Während die noch betriebenen Tötungseinrichtungen entweder geschlossen oder umfunktioniert wurden, dauerte das zunehmend dezentralisiert organisierte Töten von Menschen mit Behinderung bis Mai 1945 an.[29] Nach jüngsten Schätzungen wurden 300 000 Menschen mit Behinderungen zwischen 1939 und 1945 ermordet.[30]

Braunes Denkschrift vom Juli 1940 belegt, was ein entschlossener Gegner der Aktion T4 mit der Unterstützung zahlreicher Informationsquellen fünf Monate nach Beginn des Programms darüber hätte wissen können. Sein Einsatz für Menschen mit Behinderungen selbst unter enormen persönlichen Risiken ist ein beeindruckendes Beispiel für Zivilcourage. Es bleibt zu hoffen, dass Braunes Widerstand andere dazu anregt, Ungerechtigkeiten immer und überall nachzugehen und diese anzuprangern.

Literaturauswahl

Uwe Kaminsky
Wer ist gemeinschaftsunfähig?
Paul Gerhard Braune, die Rassenhygiene und die NS-Euthanasie

in: Jan Cantow & Jochen-Christoph Kaiser (Hg.),
Paul Gerhard Braune (1887-1954).
Ein Mann der Kirche und Diakonie in schwieriger Zeit
Kohlhammer, Stuttgart 2005 (S. 125-126)


LeRoy Walters
Paul Braune Confronts the National Socialists’ ‘Euthanasia’ Program
Holocaust and Genocide Studies 21 (3, Winter)

Oxford University Press, 2007 (S. 454-487)


LeRoy Walters
Paul Braune und der Kampf gegen die Ermordung von Menschen mit Behinderung
Paul Gerhard Braune, die Rassenhygiene und die NS-Euthanasie

in: Jan Cantow & Katrin Grüber (Hg.),
Eine Welt ohne Behinderung - Vision oder Alptraum?
Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft, (Berlin 2009 (S. 65-98)
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