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Opferbiografie: Franz Molch, Zeichnung Porträt
Opferbiografie
Franz Molch
18711941

Franz Molch
Posmanentierer aus Chemnitz (Sachsen)

geb. 26.03.1871 in Libědice
gst. 12.08.1941 in Pirna (Sachsen)

Franz Molch wird am 26. März 1871 in Liebotitz (Libědice), Kreis Kaaden (Kadan) in Nordböhmen auf dem Gebiet der k.u.k.-Monarchie Österreich-Ungarn geboren. Nach der Übersiedlung der Familie ins Sächsische besucht er für acht Jahre die Volksschule in Ehrenfriedersdorf, mit Zwölf arbeitet er bereits in einer Schuhfabrik und wird nach zweijähriger Ausbildung mit Neunzehn Posamentierer (Posamente: textile Besatzartikel wie Borten, Fransen, Quasten, Schnüre an Kleidern) in Chemnitz. Als Zwanzigjähriger genügt er seiner Militärpflicht und geht anschließend für anderthalb Jahre auf Wanderschaft nach Schweizermühle, Teplitz und Prag. Zurück in Ehrenfriedersdorf arbeitet Franz Molch in seinem Beruf und wohnt in dieser Zeit bei den Eltern. Nach zwei Jahren bricht er erneut auf und ist in Nürnberg, Mannheim und Düsseldorf als Posamentierer tätig.

Biografie erstellt am 14.01.2018, letzte Aktualisierung: 02.02.2018
Selbstzeugnis

"Ich habe Beschwerde geführt gegen einen mit dem Hakenkreuz, der mir wiederholt 50 Pfg von der Rente (8,50 M) abgezogen und in die eigene Tasche gewirtschaftet hat."1

  1. Franz Molch, 1939

Mit der Nachricht vom Tod der Mutter kehrt er in den Heimatort zurück, um kurz darauf für zwei Jahre als Werkführer nach Mailand zu ziehen. Auf ein Stellenangebot wechselt er nach Warschau, wo er seine Frau kennenlernt und 1898 heiratet. Aus der Ehe gehen zwei Söhne und eine Tochter, die mit vier Jahren an Diphtherie stirbt, hervor.

 

Nach zehn Jahren Selbständigkeit verlässt Franz Molch mit seiner Frau und den beiden Söhnen die Stadt an der Weichsel wieder Richtung Ehrenfriedersdorf. Um die Familie durchzubringen, arbeitet er ein halbes Jahr in Brünn, nimmt Stellen in Chemnitz an und betreibt dort in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ein eigenes Posamentengeschäft. 1913 wird er geschieden, hält aber weiterhin Kontakt zu seiner Frau, vor allem zu den beiden Söhnen.

Auf der Grundlage von Familienfotos erstellte Porträtzeichnung von Franz Molch.

1915, im Alter von 43 Jahren, wird Franz Molch zum Infanterieregiment „Kronprinz" eingezogen und nach Belgien zum Grenzschutz kommandiert. In den Nachkriegswirren kann er seine Häkelgallonmaschinen, die bei einem Spediteur eingestellt waren, nicht mehr auslösen. Er kellnert, schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Auf sich allein gestellt, ohne Lebens- und Berufsperspektive, verliert Franz Molch stetig den Boden unter den Füßen und kommt mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt. Zuletzt arbeitet er 1929 als Hausmeister.

Ab 1934, dreiundsechzigjährig, bezieht Franz Molch Wohlfahrtsunterstützung: 8,50 RM wöchentlich. „Vermittlung in Arbeit scheint des Alters wegen aussichtslos", schätzt das Wohlfahrtsamt die Situation ein. Als ihm ohne Begründung und ohne Nachweis die Rente gekürzt wird, fürchtet er um seine Existenz. „Er hat Beschwerde erhoben gegen einen mit dem Hakenkreuz, weil er ihm 3 Wochen hintereinander 50 Pfg von der Rente abgezogen hat", notieren die Beamten. „Das schlimmste bei dem Molch ist zunächst sein ungebührliches Verhalten, das geeignet ist, in den Räumen des Wohlfahrtsamtes Beunruhigung hervorzurufen. Man kann nicht einfach darüber hinweggehen, wenn jemand in den Amtsräumen brüllt. Molch hat auch, nachdem er aus dem Zimmer gewiesen wurde, noch auf dem Gang herumgeschimpft. Es mag sein, dass er nicht voll verantwortlich gemacht werden kann für seine Reden, aber das ändert nichts an der Wirkung. Auch außerhalb des Amtes wird eine solche Person nicht
zurückhaltender sein, so dass erwogen werden möchte, ob die Allgemeinheit nicht vor deren Anwürfen geschützt werden kann." Bereits zuvor „wurde daher im Juni 1938 die polizeiliche Vorbeugehaft erwogen. Molch befand sich bereits in polizeilicher Verwahrungshaft. Bei der damaligen ärztlichen Untersuchung wurde er als nicht lager- und arbeitsfähig befunden. Seine Unterbringung ins Konzentrationslager (KL) ist abgelehnt worden."

Am 23. November 1939 kommt es wegen der Rentenkürzung erneut zu einem Vorfall im städtischen Wohlfahrtsamt. Da er sich weigert, seinen Einspruch zurückzunehmen („Ich habe Beschwerde geführt gegen einen mit dem Hakenkreuz, der mir wiederholt 50 Pfg von der Rente (8,50 M) abgezogen und in die eigene Tasche gewirtschaftet hat."), und sich lauthals und verzweifelt beschwert („Hier müßte mal eine Granate einschlagen!"), wird Franz Molch daraufhin „wegen ungebührlichen, frechen und drohenden Verhaltens in einem städtischen Amt polizeilich der Nervenklinik Chemnitz überwiesen." Zuvor lebte er in Chemnitz, Am Brühl 8. Am 4. Januar 1940 wird er nach Zschadraß, in eine sogenannte „Zwischenanstalt", verlegt und nach mehr als anderthalb Jahren Aufenthalt, „immer ruhig, geordnet und unauffällig", nach Pirna-Sonnenstein gebracht, wo er am 12. August 1941 mit anderen Patienten durch Kohlenmonoxid getötet wird.

Gedenken

73 Jahre später, am 10. September 2014, wurde zum Gedenken an Franz Molch ein Stolperstein auf dem Gelände der Klinik für Psychiatrie, Verhaltensmedizin und Psychosomatik in Chemnitz, Dresdner Straße 178, verlegt.

Die Geschichte von Franz Molch wurde in die Ausstellung "erfasst, verfolgt vernichtet" der DGPPN  aufgenommen. Sie wird auch in der Ausstellung an der Tiergartenstraße 4 präsentiert.

Historischer Ort: Stolperstein für Franz Molch, Foto des Stopersteines
Der Stolperstein für Franz Molch wurde am 10. September 2014 auf dem Gelände der Klinik für Psychiatrie, Verhaltensmedizin und Psychosomatik in Chemnitz verlegt. Der Pate war sein Urenkel Joerg Waehner.
Assoziationen

Assoziationen
As­so­zi­a­tive Beziehungen und Verknüpfungen

Alle Opfer der NS-"Euthanasie"-Verbrechen haben ihre Individualität. Manche wurden jedoch aus ähnlichen Motiven verfolgt, einige teilten zum Beispiel Gewaltererfahrungen in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen. Andere wiederum wurden doppelt sigmatisiert: Weil sie als psychisch krank und behindert galten und als homosexuell und jüdisch definiert wurden.
Diesen Verknüpfungen versuchen wir mit "Assoziationen" nachzugehen. Sie ermöglichen es auch, geographische Beziehungen in unserer Datenbank zu recherchieren. Sie können also erforschen, wer am selben Ort oder Region lebte, wer in der selben Anstalt lebte und ermordet wurde.

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