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Historischer Ort: Denkmal der Grauen Busse, Porträt 7
Opferbiografie
Wilhelm Vellguth
19141940

Wilhelm Vellguth
aus Berlin

geb. 29.10.1914 in Danzig (Gdańsk) (Pomorskie)
gst. 11.09.1940 in Pirna (Sachsen)

Von Tom Werner und Klaus Vellguth

Wilhelm Vellguth wurde am 29. Oktober 1914 in Danzig geboren. Er war das jüngste Kind des Mediziners Leopold Hans Karl Vellguth und seiner Frau Wilhelmine Elisabeth Vellguth, geb. Schröck. Aus den Überlieferungen der Familie ergibt sich, dass Wilhelm Vellguth mit der Familie im ländlichen Raum in Diethmarschen unauffällig aufgewachsen ist. Auch außerhalb der Familie wurde er akzeptiert. Er lernte erst mit drei bzw. vier Jahren das Gehen. Die Sprachentwicklung war noch viel deutlicher verzögert.

Biografie erstellt am 18.12.2017, letzte Aktualisierung: 18.03.2018
Gedicht

Über Deiner Wiege
Stand ein Lied vom Kriege.
Niemals ist es ganz verstummt,
Niemals bist Du völlig erwacht,
Nie hat Dir das Leben gelacht.
Es war Dir verborgen, vermummt.
Ach, immer, mein geliebter Jung,
War um Dich graue Dämmerung.
Nur unsre hat Dir erhellt
Die dunkle, unverstandne Welt.
Und dann – o Gott, werd' ich's je fassen? -
Warst Du allein und ganz verlassen.
Allein im Dunkel erlosch Dein Licht -
Und Deine Mutter sah es nicht.“

Gedicht der Mutter von Wilhelm Vellguth
geschrieben anlässlich seines Todes

Über sein Leben während der Weimarer Republik ist kaum etwas bekannt, eigentlich nur, dass er 1926 für eine Woche in den Düsseldorfer Städtischen Krankenanstalten aufgenommen wurde und kardiologische Fehlentwicklungen ausgeschlossen werden konnten. Seine insgesamt drei älteren Geschwister verließen das Elternhaus nach und nach, so dass nur er allein mit den Eltern dort blieb. Ein Verwandter schrieb nach einem Besuch im Jahr 1931 über die Belastung, die ein solches Kind für die Eltern darstellen würde. Das war sicher der Blick, den damals die meisten Menschen auf eine solche Situation hatten.


Nach mehreren Umzügen lebte die Familie ab 1937 in Berlin-Wilmersdorf am Tirpitzufer Nr. 64, also am heutigen Reichpietschufer unweit des Tiergartens. Für die erste Zeit in Berlin gibt es Belege, dass Wilhelm noch in gewisser Regelmäßigkeit in Begleitung das Haus verließ und im Tiergarten spazieren ging. Darauf weisen Äußerungen der Mutter unter anderem in einem Brief vom Sommer 1938 hin. Wilhelms Verhalten veränderte sich jedoch, nun gab es auch Attacken auf die Einrichtung der Wohnung und schließlich auch auf die Mutter. Den Eltern wurde nahegelegt, den Sohn in eine Pflege-einrichtung zu geben.

In einem Brief von Ende November 1938 schrieb die Mutter: „Ich glaube wir sehen ihn nie wieder. … Aber wieviel eigene Schuld ist dabei!!“

Am 25. Februar 1939 wurde Wilhelm in die Heil- und Pflegeanstalt Sonnenstein bei Pirna gegeben. Geleitet wurde diese Anstalt damals von Hermann Paul Nitsche. Die Situation in der Anstalt war bereits zu diesem Zeitpunkt durch eine chronische Überbelegung und die damit verbundenemangelhafte Versorgung der Patienten gekennzeichnet. In einem ärztlichen Zeugnis des Vaters zur Einweisung hieß es: „Er hat keine Schule besucht, lernte weder Schreiben noch Rechnen. Er hat keinerlei zeitliche Begriffe, kann kaum eine Körperseite richtig einordnen. Dennoch kann er zum Beispiel einen Tisch decken und dergleichen tägliche Verrichtungen ausführen. Auf der Straße kann er sich nicht allein bewegen. Bis vor wenigen Jahren war er durchaus übermütig und immer in guter Laune.“

In den Aufnahmepapieren taucht ein wichtiger Begriff auf - „Patient nicht schulfähig gewesen“. Seine Musikalität wurde wieder erwähnt, in einem Vermerk heißt es: „Spielt einige Volkslieder auf dem Klavier und der Mundharmonika.“ Gleichzeitig wird auf immer wieder auftretende Aggressionen und den hohen Pflegebedarf hingewiesen. Neben diesen Kategorisierungen wird hier der Versuch deutlich, den Patienten und seine Familie voneinander zu entfernen. Während Wilhelm immer wieder nach seiner Familie fragte bzw. sie erwähnte, wird im Schriftwechsel der Anstalt mit der Familie darauf überhaupt nicht hingewiesen bzw. sogar klar gelogen und geschrieben, dass er nicht fragen würde.


Im November 1939 wurde die Anstalt in Pirna geschlossen und Wilhelm in die Landesanstalt Leipzig-Dösen verlegt. Schon im Dezember 1939 wurden hier im Rahmen der Aktion T4 Patienten für die geplante Ermordung erfasst, darunter auch Wilhelm Vellguth. Im Mai 1940 wurde er von der Gekrat in die Zwischenanstalt Hubertusburg in Wermsdorf gebracht. Über die Verlegung wurden die Eltern in knapper Form informiert. Zwei Monate später wurde er durch die Gekrat in die Zwischenanstalt Arnsdorf transportiert. Wiederum zwei Monate später wurde er in die Tötungsanstalt auf dem Sonnenstein gebracht und mutmaßlich am Tag seiner Ankunft, dem 11. September 1940, ermordet. Offizielles, gefälschtes, Todesdatum ist laut Akten der 23. September 1940 und als Todesort wurde Hartheim in Österreich genannt. Diese  Informationen wurden den Eltern einige Zeit später gegeben.

Sie forderten die Zustellung der Urne und am 19. Oktober 1940 fand die Beisetzung auf dem Waller Friedhof in Bremen statt.

Text: Tom Werner

Anlässlich der Präsentation des Relaunches von www.gedenkort-t4.eu las die Schauspielerin Jasmin Tabatabai aus der Biografie von Wilhelm Vellguth

Assoziationen

Assoziationen
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Literaturverweise

Ausgewählte Literatur zum Thema

Aktion T 4 - Mord mit System
2014

Das NS-Euthanasieprogramm und die Geschichte eines Opfers

AutorKlaus Vellguth
ISBN 9783836708708
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