Was heißt Eugenik?

von Michael Wunder

  1. Etymologie
  2. Geschichte
  3. Aktuelle Relevanz und theoretische Ansätze
  4. Problem- und Erfahrungsfelder
  5. Literatur

Etymologie

Das Wort Eugenik kommt von eugenes, griechisch, was „von edler Abstammung“, „edel geboren“ heißt. Es setzt sich zusammen aus „eu“ für gut und „genesis“ für Werden, Entstehen. Unter Eugenik wird die Lehre von der Verbesserung des biologischen Erbgutes des Menschen verstanden. Maßnahmen, die der Vermehrung von Menschen dienen, deren Erbanlagen erwünscht sind oder als positiv bewertet werden, werden als „positive Eugenik“ bezeichnet, Maßnahmen zur Verhinderung der Vermehrung von Menschen, deren Erbanlagen unerwünscht sind oder negativ eingestuft werden, werden als „negative Eugenik“ bezeichnet. Das Adjektiv eugenisch qualifiziert Aktivitäten, Gedanken, Konzepte als solche, die die Verbesserung des biologischen Erbgutes zum Ziel haben. Bisweilen werden auch die Begriffe Eugenetik und eugenetisch verwendet. Als Gegenbegriff zur Eugenik wird bisweilen der Begriff der Dysgenik diskutiert, wobei unter passiver Dysgenik dann die Unterlassung eugenischer Maßnahmen verstanden wird, unter aktiver Dysgenik die bewusste Vermehrung von Menschen mit normabweichenden Genvarianten. Der Begriff Eugenik weist als bestimmendes Merkmal die Idee von der genetischen Verbesserungswürdigkeit und der Verbesserungsfähigkeit des Menschen durch den Menschen auf, lässt aber die Frage offen, ob dies freiwillig, durch individuelle Wahlmöglichkeiten des einzelnen, durch staatliche Aufforderung zur freiwilligen Unterordnung oder durch staatliche Erzwingung durchgesetzt wird. Durch die Verwendung des Begriffs für die Maßnahmen der Erb- und Rassenhygiene des Nationalsozialismus und der damit verbundenen staatlichen Erzwingung hat der Begriff heute insbesondere in Deutschland eine weitgehend negative Konnotation. Eugenische Motive bei politischen Aktivitäten oder eugenische Ziele von Maßnahmen werden abgelehnt. Die Qualifizierung einer Maßnahme als eugenisch wird als Kritik aufgefasst. In anderen europäischen Ländern, wie auch in den USA, ist dieses Begriffsverständnis nicht so negativ ausgeprägt. Der Begriff gilt aber als veraltet und wird zunehmend durch die technisch eindeutigeren Begriffen wie genetic enhancement engineering (genetische Verbesserungsstrategie) und germline intervention (Keimbahn-Intervention) ersetzt.

Geschichte

Schon Charles Darwin legt in seinem Werk „The Descent of Men“ 1871 die Grundlagen für eine Unterscheidung zwischen positiver Selektion durch die Natur selbst und der Außerkraftsetzung dieser positiven Selektion und die Verbreitung der negativen Selektion durch die Kultur und Zivilisation. Charles Darwin ist aber, den Thesen Lamarcks folgend, noch der Ansicht, dass auch erworbene Fähigkeiten des Menschen vererbt werden können und somit die negativen Selektionseffekte der Kultur und der Zivilisation wieder ausgeglichen werden können. Sein Vetter Francis Galton (1822-1911) widerspricht dem und setzt dagegen, dass sich der Erbanlagenfaktor auf jeden Fall durchsetze. Mit eigenen Familienuntersuchungen und Zwillingsforschungen kommt er zu dem Schluss, dass sich die sogenannten Erbminderwertigen schneller, die Erbhochwertigen dagegen langsamer vermehren würden. Er legt damit den Grundstein für die Eugenik und ihr frühes Paradigma, dass die Gesellschaft durch Kultur und Zivilisation degeneriert, wenn nicht gegensteuernde eugenische Maßnahmen zur Verbesserung des menschlichen Erbguts unternommen werden. Der Begriff Eugenik wird von Galton 1883 erstmals mit seiner Schrift “Inquiries into human faculty and its development“ eingeführt. Er definiert Eugenik als „the study of agencies under social control that may improve or impair the racial qualities of future generations either physically or mentally .”Diese Definition gilt bis heute. So definiert der amerikanische Wissenschaftshistoriker Daniel Kevles 1995 Eugenik als die „Gesamtheit der Ideen und Aktivitäten, die darauf abzielen, die Qualität der menschlichen Rasse durch die Manipulation des biologischen Erbgutes zu verbessern“. Galtons Programm bleibt allerdings recht vage bei Vorschlägen wie eugenische Eheberatung, Ehebeschränkungen für Menschen mit geistiger Behinderte und psychischer Erkrankung und Absonderung von Gewohnheitsverbrechern. Zeitgleich forscht Alexander Graham Bell 1892 an gehörlosen Menschen auf der Insel Martha’s Vineyard nahe Boston und fordert in seiner Schrift „Memoir upon the Formation of a Deaf Variety of the Human Race“ ein Eheverbot unter Menschen mit Taubstummheit und eugenische Kontrollen von USA-Immigranten. Weitergehend ist dagegen das Programm des Deutschen Alfred Plötz (1860-1940), einer der späteren Leitfiguren der deutschen Rassenhygiene. 1895 entwirft er in seinen „Grundlinien einer Rassenhygiene“ eine Gesellschaft, in der das gesellschaftliche Gefüge, die ethischen Maßstäbe und schließlich das Existenzrecht des Einzelnen dem Maßstab der Vernunft der Wissenschaft untergeordnet werden. Erbhochwertigkeit wird mit bestimmten Rassenzugehörigkeiten gleichgesetzt. Nur rassisch hochwertige Paare sollen eine staatliche Lizenz erhalten, sich zu vermehren. Schwangerschaften sollen von Fortpflanzungsmedizinern überwacht werden. Schwächliche Neugeborene sollen „ausgejätet“ werden, wobei dies nur solange notwendig sei, bis die Genetik die Verlagerung der Selektion auf die Keimzellen ermöglichen würde. Ab Ende des 19ten Jahrhunderts kann man von einer Eugenik – Bewegung sprechen. In den USA wird 1907 im Bundesstaat Indiana das erste Eugenikgesetz erlassen. 1904 wird die erste Forschungsstation für experimentelle Evolution in Cold Spring Harbour auf Long Island von Charles B. Davenport (1866-1944) und etwas später das Text Eugenics Record Office als internationaler Eugenikerbund gegründet. 1907 wird im Bundesstaat Indiana das erste Gesetz eingeführt, das die Zwangssterilisation aus eugenische Gründen erlaubt. Weitere 32 Bundesstaaten der USA folgen bis in die 30er Jahre mit ähnlichen Gesetzen. In Großbritannien wird 1907 die Eugenics Education Society gegründet, die u.a. auch dort die gesetzliche Regelung der freiwilligen Sterilisation fordert. 1911 erhält Karl Pearson den ersten Lehrstuhl für Eugenik in London. Ab Ende der 20er Jahre kommt es in vielen nordeuropäischen, meist sozialdemokratisch regierten Ländern zu Sterilisationsgesetzen: 1929 Dänemark, 1934/35 Schweden, Norwegen und Finnland, 1937/38 Island und Lettland. Gemeinsam ist diesen Gesetzen, dass sie sich gegen genetisch Unerwünschte, insbesondere Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung richteten und dass die Sterilisation staatlich erzwungen werden kann. Im Gegensatz zur Entwicklung im Deutschen Reich sind diese Gesetze aber nicht ein Teil eines größeren staatlichen Programms, weisen keine Praxis der permanenten Ausweitung auf und haben deutlich geringere Opferzahlen zur Folge. Sie haben allerdings teilweise bis in die 90erJahre hinein Bestand, um dann nach einer Welle der öffentlichen Empörung zurückgenommen zu werden.[1] In den 20er und 30er Jahren sind die Beiträge deutscher rassehygienisch argumentierender Populationsgenetiker, wie die von Alfred Ploetz und von Ernst Rüdin (1874 – 1952), aber auch die der sowjetischen Genetiker um A.S. Serebrowskij, der Ende der 20er Jahre eine Eugenik unter Kontrolle des sozialistischen Staates propagierte,[2] noch integraler Bestandteil der internationalen Debatte der Genetiker. Mehr zur negativen Eugenik lesen sie hier. In Deutschland werden Maßnahmen der positiven Eugenik durch den von Heinrich Himmler, Reichsführer der SS, geförderten Verein Lebensborn durchgeführt. Die Geburtenraten sog. reinrassisch arischer Kinder wird durch die besondere Förderung lediger Mütter mit sog. „Ariernachweis“ im Deutschen Reich, aber auch in den besetzten Gebieten, durch Unterbringung während der Schwangerschaft und Geburt in den sog. Lebensbornheimen vergrößert. Die Lebensborn-Kinder lediger Mütter werden nach der Geburt zur Adoption freigegeben. Spätere Untersuchungen haben eine hohe Rate psychischer Erkrankungen der Betroffenen nachgewiesen.[3] Eine Distanzierung der führenden Genetiker der Welt von der deutschen Rassenhygiene erfolgt erst im August 1939, als diese in Edinburgh zusammen kommen und ein Manifest unter dem Titel „Social Biology and Population Improvement“ vorlegen. In dem Manifest wird ein zukünftige Weltgesellschaft angestrebt, die Krieg, Hass und den Kampf um elementare Subsistenzmittel überwunden hat und sich deshalb ohne staatlichen Zwang, sondern freiwillig durch Einsicht einem biologischen Programm zur genetischen Verbesserung unterwirft. Noch sei die Menschheit aber nicht so weit. Das Manifest kann heute als der Schlüssel für die Antwort gewertet werden, warum die Idee der Eugenik, den Menschen genetischen zu optimieren, so unangefochten überdauern konnte. Die darin enthaltene Gedankenfigur, die Eugenik der NS-Zeit als Rückfall in die Unwissenschaftlichkeit abzutun, ohne die Grundidee der genetischen Verbesserung des Menschen aufzugeben, wurde nach 1945 immer wieder bemüht. Mit der von James D. Watson (geb. 1928) und Francis H.C. Crick(1916 – 2004) erstmals 1953 beschriebenen molekularen Struktur der DNA und der damit begründeten Phase der molekularen Genetik erhielten die sozialutopischen Visionen der Genetiker einen erneuten Aufschwung. 1962 diskutierten die führenden Humangenetiker auf dem sog. CIBA – Symposium in London, wie die Folgen von Bevölkerungsexplosion, Hungersnöten und der durch die atomare Strahlung noch verschärfte „genetic load“ durch genetische Eingriffe abgewendet werden könnten. „human betterment“ war das Stichwort. Der spätere Nobelpreisträger Joshua Lederberg (geb. 1925) bezeichnete die bis dahin diskutierten Methoden, wie die kontrollierte Zeugung unter Verwendung ausgesuchter Keimzellen, als „erbärmlich plumpe Methoden der Tierzucht“ und forderte den mit der Molekulargenetik in Realisierungsnähe gerückten direkten selektiven Eingriff in die Gensequenzen der Keimzellen. Lederberg leitete damit frühzeitig die Ablösung des Begriffs des human betterment durch den heute eingeführten Begriff des genetic enhancement engineering ein.

Aktuelle Relevanz und theoretische Ansätze

James Watson stellt auf dem Symposium „Engineering the Human Germline“ 1998 in Los Angeles die vielzitierte Frage. „Wenn wir bessere Menschen herstellen könnten, durch das Hinzufügen von Genen, warum sollten wir es dann nicht tun?“ Die damit angeschnittene Frage der Züchtung des Menschen nach Maß kann als die moderne Variante der „positiven Eugenik“ verstanden werden. Aber auch die „negative Eugenik“ hat im aktuellen Diskurs ihre Nachfolger. Unter der Überschrift „Warum wir Gott nicht mehr die Zukunft des Menschen überlassen dürfen“ fragt James Watson im Jahre 2000: „Wird es in Zukunft unmoralisch gelten, die Geburt von Kindern mit gravierenden genetischen Defekten zuzulassen? Und können diese Kinder später rechtlich gegen ihre Eltern vorgehen, weil diese nicht verhindert haben, dass ihre Kinder mit nur einer kleinen Chance auf ein Leben ohne psychisches und seelisches Leid auf die Welt kamen?“ Erbkrankheiten würden im Leben vieler Menschen erschütternde Tragödien anrichten, so seine eigene Antwort. Deshalb würde es „während der nächsten Jahrzehnte einen immer stärkeren Konsens darüber geben, dass Menschen das Recht haben, dem Leben erbgeschädigter Föten ein Ende zu setzen.“[4] Der amerikanische Biophysiker Gregory Stock vertritt die Auffassung, dass die Anwendung genetischen Wissens zur Optimierung des Menschen unausweichlich sei.[5] Die meisten Menschen wollten Kinder, die nicht nur vor Krankheiten und Behinderungen geschützt seien, sondern auch länger leben, besser aussehen und höhere Fähigkeiten haben. Dem klassischen eugenischen Paradigma, der Degeneration, die durch eugenische Maßnahmen kompensiert werden muss, setzt er das moderne Paradigma der genetischen Verbesserung durch individuelle und verantwortliche Nutzung der modernen reproduktionsgenetischen Technologien entgegen. In dem merkmalsbezogenen Eingriff in das menschliche Genom und der Schaffung neuer Genomvarianten sieht er die „endgültige Verwirklichung unseres Menschseins“. Stock lehnt den Begriff „Eugenik“ für seine Zukunftsvision ab, knüpft allerdings mit dem Begriff „redesigning“ an das alte Paradigma an, da die genetische Manipulation als aktualisierende Neugestaltung etwas bereits Vorhandenen verstanden wird, das für verbesserungswürdig gehalten wird. Der Gegenspieler Stocks, Francis Fukuyama, Mitglied des bioethischen Beraterstabes von George W. Bush, teilt zwar auch die Ansicht, dass die wissenschaftliche Entwicklung und damit die Verfügbarkeit über genetische Auswahlmethoden in Zukunft unabwendbar sein werden, befürchtet aber, dass der wissenschaftliche Fortschritt den Menschen versklaven könnte. Er fordert deshalb die staatliche Regulierung der neuen Technologien.[6] So fordert er ein Verbot des reproduktiven Klonens (Erzeugung identischer Nachkommen), unterschiedet aber im Bereich der IGM zwischen erlaubten therapeutischen Keimbahneingriffen und verbotenen, rein verbessernden Keimbahneingriffen. Er nennt hierfür einige Beispiele, wie die Verhinderung der Huntington-Erkrankung als zu erlaubenden therapeutischen Keimbahneingriff und die Regulierung des Längenwachstums als zu verbietenden Verbesserungseingriff. Die genaue Grenzziehung will Fukuyama in einem demokratischen Entscheidungsprozess über Verbots- und Gebotsregelungen festlegen lassen. Ähnlich wie Stock lehnt Fukuyama den Begriff der Eugenik für sein Programm ab, gleichwohl bezeichnen viele Kritiker in den USA die von ihm geforderten staatlichen Regulierungen als neoeugenisch. Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas setzt diesem Denken die Kategorie der Unverfügbarkeit der Zufälligkeit des Zusammentreffens einer Eizelle und einer Samenzelle entgegen. In seiner einschlägigen Schrift „Die Zukunft der menschlichen Natur - auf dem Wege zu einer liberalen Eugenik“[7]führt er aus, dass das moderne Freiheitsverständnis auf einer „bisher unthematisch hingenommen Unverfügbarkeit eines kontingenten Befruchtungsvorganges mit der Folge einer unvorhergesehen Kombination von zwei verschiedenen Chromosomensätzen“ beruhe. Diese Erkenntnis sei erst heute angesichts der Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin und der Biomedizin insgesamt klar zutage getreten. Die Kontingenz sei aber die notwendige Voraussetzung für das Selbstseinkönnen und die egalitäre Natur unserer interpersonalen Beziehung. Jürgen Habermas spricht von der ungeteilten Autorenschaft unserer eigenen Lebensgeschichte als Grundvoraussetzung zur gleichberechtigten Teilnahme am Diskurs. Das Sozialisationsschicksal sei zwar auch stark prägend, aber immer noch einer Korrektur durch die betroffene Person zugänglich, das genetische Programm nicht. Einer liberalen Eugenik, die sich durch die Entscheidung vieler Einzelner durchsetze, müsse dieses Verständnis des genetischen Zufalls als Basis unseres Menschseins entgegengestellt werden.

Problem- und Erfahrungsfelder

Eugenische Konzepte oder Ziele werden in der deutschen Öffentlichkeit und in der Politik weitgehend abgelehnt. 1995 wurde mit großer Mehrheit des Deutschen Bundestages die sog. embryopathische Indikation, die in der Kommentierung stets auch „eugenische Indikation“ genannt wird, zum Schwangerschaftsabbruch abgeschafft. Gleichzeitig wurde aber die medizinische Indikation um eine psychologische Indikation so erweitert, dass die bisherige embryopathische Indikation darin aufgeht. Wenn die Geburt eines voraussichtlich behinderten Kindes für eine Schwangere eine schwerwiegende psychische und damit gesundheitliche Beeinträchtigung bedeutet, die anders nicht abgewendet werden kann, so ist der Abbruch legitimiert. Damit wird das Dilemma der öffentlichen Ablehnung eugenischer Ziele bei gleichzeitiger Ermöglichung persönlicher Entscheidungen, die eugenisch motiviert sein können oder zumindest eugenische Ergebnisse haben können, deutlich. Wesentliche Problemfelder in der Praxis sind:

  • die Pränataldiagnostik (PND) mit anschließendem Schwangerschaftsabbruch
  • die humangenetische Beratung
  • die assistierte Reproduktion (In-vitro-Fertilisation, IVF und Präimplantationsdiagnostik, PID)[8]
  • die Reflexion der Debatte in der Behindertenbewegung und der Heilpädagogik

Die Entwicklung der invasiven Pränataldiagnostik (Fruchtwasserspiegelung oder Gewebeentnahme aus der Embryohülle) ist in den letzten 30 Jahren durch eine enorme Ausweitung gekennzeichnet. Während es 1976 nur knapp 1.800 Anwendungen gab, lag die Zahl 1999 bei über 67.000, 2001 bei 64.000 Anwendungen. Als Gründe für diese Ausweitung werden genannt:

  • die Forderung von Schwangeren selbst, PND zu erhalten, obwohl sie nicht zu einer Risikogruppe gehören,
  • die Klagemöglichkeiten auf Schadensersatz („Kind als Schaden“), wenn nicht zur PND geraten wurde, mit der Folge, dass die Ärzter zur Abwendung von Haftungsrückgriffen eher zu Anwendung raten
  • die Verbreitung niedrigschwelliger Routinediagnostika in der normalen Schwangerenvorsorge, die zum Beispiel im Rahmen des allgemeinen Ultraschalls erfolgen und die aber nur Wahrscheinlichkeitsaussagen darüber machen, ob eine Behinderung vorliegt, so dass Anschlussuntersuchungen in Gestalt der invasiven PND notwendig sind.

Der Rückgang ab 2001 wird als Folge des allgemeinen Geburtenrückgangs bewertet, aber auch als Erfolg des Frühscreenings, das die Prognosesicherheit erhöht und damit weniger Anschlussuntersuchungen notwenig macht. Gründe für die Inanspruchnahme der PND*

  • 81,9% schwer erträgliche Vorstellung, ein ganzes Leben für ein betroffenen Kind sorgen zu müssen
  • 77,1% unzumutbaren Beeinträchtigung der eigenen Lebensplanung durch ein behindertes Kind
  • 60,8% Benachteiligung der schon vorhandenen Kinder durch ein behindertes Kind
  • 55.5% Beeinträchtigung der Partnerbeziehung durch ein behindertes Kind
  • 41,6% Befürchtung einer sozialen Isolation der Familie
  • 34,5% Befürchtungen finanzieller Beeinträchtigungen[9]

*bei einer Befragung von 1.200 betroffenen Frauen Anfang der 1990er Jahre Zwischen einem positiven pränatalen Befund und dem Abbruch der Schwangerschaft wird eine hohe Korrelation angenommen. In der Literatur werden hier meist Durchschnittswerte von 92% (meist bezogen auf die Diagnose Down-Syndrom) angegeben. Indirekt kann man aber die Folgen der zunehmenden Anwendung der PND und der damit eng zusammenhängenden Abbruchentscheidungen an der Zahl der geborenen Kinder mit Behinderung ablesen. So ist die Zahl der Neugeborenen mit Down-Syndrom in der Bundesrepublik Deutschland von 13,6 pro 100.000 Lebendgeborenen im Jahr 1976 auf 6,1 im Jahre 1994 zurückgegangen.[10] Während die Einzelentscheidung in der Regeln meist jenseits eugenischer Überlegungen getroffen wird, wird das Ergebnis in der kritischen Debatte mit dem Begriff der „Eugenik von unten“ bezeichnet. Eine zentrale Rolle kommt der humangenetischen Beratung vor und nach der Anwendung der PND zu. Eine internationale Untersuchung zu Schwangerschaftsabbrüchen nach dem Befund eines Klinefelter-Syndroms hat ergeben, dass 64,5% er Frauen die Schwangerschaft bei Beratung durch einen Genetiker fortführen, aber nur 28,1% bei Beratung durch einen nicht qualifizierten Berater.[11] Eine andere Studie aus Boston zeigt, dass sich 40 % der Frauen nach einem PND-Befund des Down-Syndroms für die Fortführung der Schwangerschaft entschieden, wenn sie eine spezielle, ermutigende Beratung erfahren und ein psychosoziale Begleitung während der Schwangerschaft und nach der Geburt.[12] Die Entwicklung im Bereich der assistierten Reproduktionweist eine ähnliche quantitative Entwicklung auf wie die der PND. Während 1982 nur 742 IVF-Behandlungen in der Bundesrepublik durchgeführt wurden, waren es 2002 über 76.000. Die Ausweitung wird zum einen, ähnlich wie bei anderen Methoden der Hightech-Medizin, als Folge der zunehmenden Verbreitung des Angebots und der Anbieter, die sich einen Markt suchen, interpretiert, zum anderen mit der wachsenden Infertilität und der zunehmende Behandlung der Infertilität durch reproduktionsmedizinische Techniken begründet. Die Schnittstelle der IVF zur Eugenik liegt in ihrer Verbindung mit der Präimplantationsdiagnostik PID. Diese wird zwar auch diskutiert, um die Erfolgsrate der IVF als Unfruchtbarkeitsbehandlung zu verbessern. Das Anwendungspotential der PID liegt aber darin, genetisch unerwünschte Embryonen von der Fortpflanzung auszuschließen oder auch genetisch erwünschte Embryonen auszuwählen, z.B. weil sie ein bestimmtes Geschlecht haben oder weil sie als potentielle Knochenmarksspender für bereits geborene Geschwisterkinder, die an Leukämie leiden, geeignet sind. Die IVF öffnet damit ein Fenster zu einer neoeugenischen Reproduktionsgenetik, die sich in drei Stufen entwickeln könnte:

  • Wegwahl: Ja-Nein-Entscheidungen über das Austragen eines Kindes, genetische Selektion von Behinderten, Geschlechtsentscheidungen
  • Auswahl: qualitative Entscheidungen zwischen einer Anzahl von Embryonen nach Erwünschtheit oder Eignung
  • Genetic engineering: Bestimmung der Gen-Zusammensetzung eines Embryos

Die Behindertenbewegung diskutiert diese Entwicklung kritisch. Menschen mit Behinderung sehen sich nachvollziehbar in ihrem Existenzrecht bedroht und die Toleranz ihnen gegenüber brüchig, wenn die Geburt eines Kindes mit Behinderung als ein so großes psychisches Leiden anerkannt werden kann, dass damit der Abbruch der Schwangerschaft gerechtfertigt werden darf. Noch deutlicher wird diese Kritik bezüglich der möglichen Einführung der PID geäußert, da hier die genetische Unerwünschtheit direkt zur Vernichtung des Embryos führt. Die Heilpädagogik diskutiert die Fragen u.a. unter dem Aspekt von Nähe und Distanz. Die Befunde der genetischen Beratung und der beratenden Begleitung vor und nach PND verweisen auf die Notwendigkeit der Entwicklung eines integrierten Beratungskonzeptes, in das Menschen mit Behinderung ebenso direkt einbezogen werden sollten, wie auch die Heilpädagogik als Disziplin. Im Mittelpunkt steht die Überwindung von Fremdheit und Uninformiertheit über ein Leben mit Behinderung. Basis ist das Verständnis für die Ängste und die Trauer, die bei werdenden Eltern bei einem positiven PND-Befund notwendigerweise und unausweichlich entstehen.

Ausblick

Im Schnittstellenbereich Ethik und Behinderung geht es um die Thematisierung der Einmaligkeit jedes Menschen und der Unschätzbarkeit seines Lebenswertes. Das Recht auf den genetischen Zufall und das Prinzip der Gleichheit in der Differenz sind als wirksame Gegenstrategien gegen jegliche eugenische Denkweise in die heilpädagogische Theorienbildung zu integrieren. Sie sind eine Absage an jegliche genetische Verbesserungsidee und unterstreichen die positive Aussage, dass der Mensch weder verbesserungswürdig noch verbesserungsfähig ist. Als Gegenbegriff zur Eugenik könnte der Begriff „biointegrity“ eingeführt werden. Da die Unantastbarkeit des Menschen heute gerade nicht mehr gegeben ist und der Mensch zweifellos antastbar und verletzbar ist, nicht nur als soziales Wesen und als Träger von Rechten, sondern gerade auch als biologisches Wesen und Träger von Genen, besteht heute die Unantastbarkeit a priori nicht mehr. Sie ist aber eine starke gesellschaftliche Übereinkunft und muss sich heute eben gerade auch auf die biologische Seite des Menschen mitbeziehen. Der Begriff Biointegrität könnte dieses deutlicher machen, obwohl man zweifellos sagen kann, dass die Kernaussage, die dieser Begriff macht, im Begriff der Integrität längst enthalten ist. Der Begriff Biointegrität könnte aber herausstreichen, dass die Unantastbarkeit eine bewusste Entscheidung ist, die deshalb so hart verteidigt werden muss, weil sie immer weniger eine Selbstverständlichkeit ist.

Literatur


Ludger Weß
Die Träume der Genetik
Gentechnische Utopien vom sozialen Fortschritt
Mabuse Verlag, Frankfurt/Main 1998
Eine kritische Aufarbeitung der Geschichte der Humangenetik von den Anfängen bis in unsere Zeit, in der ihre stets enge Verknüpfung mit eugenischen Konzepten und gesellschaftspolitischen Zielen beschrieben wird.

 


Margret Hamm (Hg.)
Lebensunwert zerstörte Leben – Zwangssterilisation und „Euthanasie”
VAS – Verlag für akademische Schriften, Frankfurt/Main 2005
Dieses Buch ist eine Publikation des „Bundes der ‚Euthanasie’-Geschädigten und Zwangssterilisierten“, der einzigen Opferorganisation der eugenisch Verfolgten des Nationalsozialismus. Es enthält eine Sammlung eindrucksvoller Lebensgeschichten von Zwangssterilisierten und Opfern der Euthanasie, die durch Gespräche mit den Überlebenden entstanden sind. Im zweiten Teil enthält das Buch wissenschaftliche Beiträge zur geschichtlichen Aufarbeitung des Themas.

 


Deutscher Bundestag (Hg.)
Schlussbericht der Enquete-Kommission Recht und Ethik der modernen Medizin
VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2002
Im Kapitel Präimplanatationsdiagnostik (Seiten 63-183) befindet sich ein guter Überblick über die Methoden und die Entwicklung der Pränataldiagnostik und der assistierten Reproduktion, einschließlich der Möglichkeiten der Präimplantationsdiagnostik, ihrer Möglichkeiten und ihrer Risiken.

 


Jürgen Habermas
Die Zukunft der menschlichen Natur
Auf dem Wege zu einer liberalen Eugenik
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2001
Habermas verlässt mit dieser Schrift bewusst die sonst von ihm selbst geforderte Enthaltsamkeit der postmetaphysischen Ethik und nimmt klar Stellung gegen eine Eugenik, die zu Menschen führen würde, deren genetisches Programm andere macht haben. Habermas begründet in dieser Schrift, warum für ihn Freiheit gerade auf der Nichtanwendung eugenischer Prinzipien beruht.
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