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Historischer Ort: Koscian, Foto Anstalt Postkarte
Psychiatrisches Krankenhaus Kościan
Wojewódzki Szpital Neuropsychiatryczny im. Oskara Bielawskiego w Kościanie
Psychiatrisches Krankenhaus Kościan
Wojewódzki Szpital Neuropsychiatryczny im. Oskara Bielawskiego w Kościanie

Psychiatrisches Krankenhaus Kościan (Wojewódzki Szpital Neuropsychiatryczny im. Oskara Bielawskiego w Kościanie)
Heil- und Pflegeanstalt in Kościan

Das psychiatrische Krankenhaus wurde Im Jahr 1893 am Ort des 1832 aufgelösten Bernhardiner-Klosters errichtet. Ein Jahrzehnt später wurden bereits 773 Patienten betreut. Während des Ersten Weltkrieges und des Großpolnischen Aufstandes richtete man Feldspitäler und später eine Schule für Gehörlose auf dem Gelände der Anstalt ein.

1929 übernahm der renommierte Psychiater Dr. Oskar Bielawski die Leitung des Krankenhauses. Von einem sehr niedrigen Standard ausgehend, modernierte er es und baute insbesondere die Familienpflege aus. Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges war das Krankenhaus in Kościan eines der modernsten in der Zweiten Polnischen Republik. Die Leitung legte hohen Wert auf Austausch mit Kollegen in aller Welt, darunter auch in Deutschland.

Zugleich gehörte Bielawksi zu den führenden Eugenikern Polens und sprach sich für Sterilisationen von psychisch kranken Menschen aus. Dazu kam es jedoch auch aufgrund des Widerstandes der katholischen Kriche und kritischer Stimmen anderer Psychiater nicht. 

Oskar Bielawski war einer der führenden Eugeniker Polens und vor wie nach dem Zweiten Weltkrieg Direktor des psychiatrischen Krankenhauses Koscian.

Heil- und Pflegeanstalt

AdressePlac Paderewskiego 1A,
64-000 KościanRoutenplaner
Foto aus den 1930er-Jahren
Pflegerinnen und eine Patientin in der Psychiatrischen Landesanstalt Kościan, 1930er-Jahre

Zweiter Weltkrieg

Wie auch in zahlreichen anderen Spitälern Polens wurden Ärzte und Pfleger zum Kriegsdienst einberufen und Patienten nach Hause entlassen oder verlegt. Zum 1. September 1939 waren nur noch an die 500 Patienten in der Anstalt; bei einer Bettenzahl von 835. 

Die Wehrmacht nahm Kościan am 7. September 1939 ein. Unmittelbar danach kam die Anstalt unter die Aufsicht der Gauselbstverwaltung des bald neu entstehenden Reichsgaues Wartheland. Diese kontrollierte alle zivilen Bereiche der in das Dritte Reich einverleibten Teile Polens. 

Anfang Oktober 1939 wurde die Anstalt von Mitarbeitern der Gauselbstverwaltung besichtigt. Dabei wurde ein Bericht angefertigt, der als Grundlage für die spätere Ermordung der Patienten gesehen werden kann.

Ermordung der Patienten

Unter der Aufsicht des am 18. Dezember 1939 zum Direktor ernannten Gynäkologen  Dr. Fritz Lembergerstieg die Sterblichkeit unter den Patienten rasant an. Bis Anfang Janaur 1940 starben 67 Menschen. Die bis dahin noch lebenden polnischen Patienten wurden ab dem 15. bis zum 22. Januar 1940 ermordet. Sie erhielten Beruhigungsmittel und wurden auf den Hof der Anstalt geführt, wo sie in einen Kastenwagen steigen mussten. Dieser fuhr einige Kilometer ausserhalb der Anstalt zu einem Wald in der Nähe der Ortschaft Jarogniewice. Dort wurde eine Gasflasche, die CO-Gas enthielt an das Fahrzeug angebracht und die sich im Inneren befindlichen Patienten erstickt. 

Verantwortlich für die Ausführung der Morde war das Sonderkommando Lange unter Führung des SS-Mannes Herbert Lange. Diese stellte das Personal, den von ihnen entwickelten Gaswagen und eine Gruppe polnischer Häftlinge bereit, die die Leichen in Massengräbern verscharrten. Dieses Arbeitskommando kam ab Dezember 1941 mit einem Teil der deutschen Täter auch im ersten deutschen Vernichtungslager Kulmhof zum Einsatz. 

Nicht nur polnische Patienten wurden ermordet. In die leer gemordete Anstalt wurden ab dem 9. Februar bis Mitte März 1940 an die 2750 deutsche Patienten aus den pommerschen Anstalten Treptow/Rega, Lauenburg, Uckermünde und Stettin gebracht. Auch sie wurden vom Sonderkommando Lange in ermordet. Ihre Leichen wurden im Wald Wypalanki in der Nähe der Ortschaft Stęszewo verscharrt.  

Nach dem Ende der Morde wurde eine Kaserne und ein Lazarett auf dem Gelände der Anstalt eingerichtet.

Bei der im Rahmen der "Aktion 1005" durchgeführten Enterdungsaktionen wurden auch die Leichen der Patienten der Anstalt gegen Ende des Krieges wieder ausgegraben und verbrannt. 

Der Gynäkologe Dr. Fritz Lemberger wurde zum Leiter der Anstalt in Kościan bestellt. Er starb 1978 ohne gerichtlich belangt worden zu sein. Quelle: IPN

Der im psychiatrischen Krankenhaus Kościan weiterhin von den deutschen Besatzern beschäftigt gewesene Arzt Dr. Gwidon Łukaszewski beschrieb in den 1960er-Jahren den Ablauf der Ermordung der Patienten:

"Am Tag vor dem Beginn der Deportation der Kranken händigte der Direktor Lemberger dem Oberpfleger Haydn eine Flasche aus, in der sich eine Mischung aus Skopolamin und Morphium befand. Er befahl ihm, den Kranken eine Stunde vor der Deportation eine Spritze mit dem Gemisch zu geben. (...) Haydn antwortete, dass eine Spritze für alle Patienten reiche. Am nächsten Tag wurde den zum Transport bestimmten Patienten die Mischung injiziert. Ich konnte den Schlafsaal vor der Deportation inspizieren und sah unsere Kranken im Halbschlaf, ohnmächtig auf den Betten oder dem Boden liegend. Ein Teil der Kranken war durch Urin und Exkremente verunreinigt. (...)" 1

  1. AGKBZH Warschau, Ermittlungsverfahren wg. der Verbrechen im psychiatrischen Krankenhaus Kościan, Signatur 5Z/2, S. 2-4.
Vermitteltes Selbstzeugnis

"Sie fahren uns in den Tod! Wir kommen sowieso nicht zurück." 1

  1. Mehreren Patientinnen zugeschriebene Äußerung beim Besteigen des Gaswagens. AGKBZH Warschau, Ermittlungsverfahren wg. der Verbrechen im psychiatrischen Krankenhaus Kościan, Signatur 5Z/2, S. 2-4.​ 
Gedenken

Bereits kurz nach der Befreiung im Januar 1945 wurde das Krankenhaus wieder zur Behandlung psychisch kranker Menschen hergerichtet. Direktor wurde wiederum Dr. Oskar Bielawski. 

Historischer Ort: Koscian, Kinder in der Anstalt nach 1945.
Patienten im psychiatrischen Krankenhaus Kościan, ca. 1946. Quelle: Archiv Artur Hojan.

In Kościan wird an mehreren Orten an die an den Patienten begangenen Patienten erinnert. Bereits 1946 wurden anlässlich einer Konferenz polnischer Psychiater die Orte der Ermordung und der Massengräber in den Wäldern aufgesucht und mit Kreuzen markiert. Im Gelände des Krankenhauses wurde im Jahr 1980 eine Gedenktafel enthüllt. Im Jahr 2004 wurde erstmals eine Gedenktafel der Öffentlichkeit übergeben, die auch die Opfer jüdischen Glaubens und die ermordeten deutschen Patienten erwähnt. Gedenkveranstaltungen finden jedoch nach wie vor an den Kreuzen aus dem Jahr 1946 statt. 

Gedenktafel am psychiatrischen Krankenhaus in Kościan.
Der Direktor des Krankenhauses Kościan Dr. Oskar Bielawski führt eine Gruppe von Psychiatern aus Polen zu einem Massengrab. Quelle: Archiv Artur Hojan.
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Literaturverweise

Ausgewählte Literatur zum Thema

Die Anfänge der Vernichtung „lebensunwerten Lebens“
1995, Frankfurt/Main

in den Reichsgauen Danzig-Westpreußen und Wartheland 1939/40

AutorVolker Rieß

Medycyna w cieniu Nazismu
2015, Poznan

AutorMichał Musielak und Katarzyna B. Głodowska
ISBN978-83-7597-273-3

Medycyna w cieniu Nazismu
2015, Poznan

AutorMichał Musielak und Katarzyna B. Głodowska
ISBN978-83-7597-273-3

Nazistowska Pseudoeutanazja w Krajowym Zakładzyie Psychiatrycznym w Kościanie
2004, Kościan

(1939/1945)

AutorArtur Hojan
ISBN83-916831-8-4

Pacjenci i pracownicy szpitali psychiatrycznych w Polsce zamordowani przez okupanta Hitlerowskiego
1989, Warschau

i los tych szpitali w latach 1939-1945. Vol. 1: Szpitale. Vol. 2: Imienne wykazy zamordowanych.

AutorZdzisław Jaroszewski (Hg.)

Techniki zagłady w nazistowskich akcjach eutanazyjnych na terenie Kraju Warty (1939-1940)
2012, Warschau

In: Zagłada chorych psychicznie: Pamięć i historia

AutorArtur Hojan und Cameron Munro

Zagłada chorych psychicznie w Polsce 1939-1945
1993, Warschau

Die Ermordung der Geisteskranken in Polen 1939-1945.

AutorZdzisław Jaroszewski (Hg.)
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