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Historischer Ort: Domjüch, Ansicht
Landesirrenanstalt Domjüch
Verein zum Erhalt der Domjüch
Landesirrenanstalt Domjüch
Verein zum Erhalt der Domjüch

Landesirrenanstalt Domjüch (Verein zum Erhalt der Domjüch)
Heil- und Pflegeanstalt in Neustrelitz

Von Reinhard Simon

Am 21. August 1902 wurde nach etwas über zwei Jahren Bauzeit am Ufer des Domjüchsees bei Neustrelitz die Großherzogliche Landesirrenanstalt Domjüch eröffnet. An diesem Tag wurden 70 Frauen und 60 Männer aus dem alten Landesgefängnis Neustrelitz in die neue und zur damaligen Zeit sehr modernen Anstalt verlegt.
Zur Anlage gehören das Verwaltungsgebäude, 4 Krankenhäuser, Küche und Waschküche, Maschinenhaus mit Wasserturm und Schornstein, sowie ein Landwirtschaftsgebäude.
 

Heil- und PflegeanstaltDenkmal, Initiative

AdresseDomjüchsee 1
17235 NeustrelitzRoutenplaner
LinksWebseite des Vereines
KontaktVerein zum Erhalt der Domjüch e.V.
Tel 03981 206195
E-Mail schreiben
ÖffnungszeitVon Mai bis September jeden Sonntag von 14:00 – 17:00 Uhr
AngebotAusstellung, Verein, Initiative

Vor 1933

Erster Direktor der Anstalt wird Dr. Serger. Ihm zur Seite stehen anfangs im Nebenamt ein Hilfsarzt, eine Oberin und zwölf Pflegerinnen, ein Oberwärter und elf Pfleger.
1909/10 wird wegen Platzmangel, nördlich der Anstalt ein weiteres Krankenhaus errichtet.
Zu einer Tragödie kommt es im Oktober  1913. Wegen einer angeblichen Liebschaft mit einer  Schwester will der Oberarzt Dr. Lomer, den Direktor Dr. Serger wegen einer nachgesagten Liebschaft bei der Ärztekammer melden. Dr. Serger kehrt am 18. Oktober 1913 von einem Spaziergang nicht zurück. Am 20. Oktober wird seine Leiche aus dem kleinen Domjüchsee geholt.
Am 22. November 1913 tritt Dr. med. Hermann Starke seinen Dienst in Domjüch an.
Mit Beginn des 1. Weltkrieges geht der Krankenstand zurück. Im Dezember 1916 wird in der Anstalt eine Abteilung mit 20 Betten speziell für nervenkranke Soldaten eingerichtet.
 Für das Jahr 1918 verzeichnet die Statistik laut Jahresbericht 141 Kranke (58 Männer und 83 Frauen) in der gesamten Anstalt.
Mit der Novemberrevolution ist die großherzogliche Verwaltung der Anstalt vorbei. Das Großherzogtum Mecklenburg – Strelitz hört auf zu existieren. Domjüch wird jetzt als Landes-Heil- und Pflegeanstalt eine staatliche Einrichtung des Freistaates Mecklenburg-Strelitz.
Am 31. Januar 1920 hat die Anstalt nur noch 139 Insassen, 47 Männer und 92 Frauen.
Wie Dr. Serger ist auch Dr. Starke ein eifriger Verfechter der Beschäftigungstherapie. Die Frauen helfen im Haus oder in der Nähstube, die Männer können sich in der Tischlerei, Schusterei, Schneiderei, Schlosserei, Tapezierwerkstatt oder in der Landwirtschaft betätigen.
Zum 1. Oktober 1920 wird aus Kostengründen das Landessäuglingsheim aus der Neustrelitzer Hofmarschallvilla in den einstigen Krankenhausneubau der Heilanstalt verlegt. 60 Betten stehen dafür zur Verfügung. Das Säuglingsheim wird bis 1928 Teil der Anstalt bleiben. Außerdem wird ein Landeskinderheim mit 20 Betten eingerichtet.
Im Juli 1925 brennt ein Wirtschaftsgebäude der Anstalt ab. Im Rahmen des Wiederaufbaus kommt es zu einer Erweiterung des Landwirtschaftsbetriebes auf der Domjüch. Die landwirtschaftliche Produktion wird fast die gesamte Eigenversorgung der Anstaltsinsassen und Bediensteten an Lebensmitteln absichern
 

Zwangssterilisationen und Aktion T4

Ansicht des Hauptgebäudes der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Domjüch. Foto: Reinhard Simon.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 begann die Diskriminierung psychisch kranker Menschen mit den beginnenden Zwangssterilisationen, die auch viele Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Domjüch betraf. Zwischen 1935 und 1941 wurden mindestens 95 Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Domjüch (42 Frauen und 52 Männer) zwangssterilisiert. Ab 1937 kam es zu ständigen Neueinweisungen (z.B. Rostock-Gehlsheim, Kückenmühle) sowie zu Verlegungen von der Domjüch in andere Heilanstalten.

Im Sommer 1940 erhielt auch die Anstalt Domjüch die berüchtigten Meldebögen der Euthanasiezentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4. Die damaligen Ärzte der Anstalt 
Dr. Schmidt und Dr. Hecker schickten 250 ausgefüllte Meldebögen von Patienten an die Zentrale in Berlin zurück. Für ca. 120 Patienten (davon ca. 20 Patienten der ehemaligen Landesanstalt Neustrelitz für psychisch kranke Kriminelle) bedeuteten diese Meldebögen der Tod in der Vergasungsanstalt. Sie wurden am 11.Juli 1941 nach Bernburg gebracht, wo sie noch am gleichen Tag in der Gaskammer starben.

Im Jahre 1943 wurde die Heil- und Pflegeanstalt aufgelöst und in einer Tuberkulose- heilanstalt umgewandelt. 185 Patienten der Anstalt Domjüch werden im April und Mai 1943 in die Heil- und Pflegeanstalt Sachsenberg bei Schwerin verlegt. Der größte Teil von ihnen wird den Aufenthalt in Sachsenberg nur wenige Monate überleben. Nach neueren Forschungen sind in der Anstalt Sachsenberg im Rahmen der Euthanasie mehr als 1000 Menschen getötet worden.
 

Gedenken

Am 30. April 1945 besetzt die Rote Armee das Gelände der Domjüch. Die meisten Patienten der Anstalt hatten zu diesem Zeitpunkt bereits die Anstalt verlassen. Mit dem Einmarsch der Roten Armee endet die Zeit der Heilanstalt auf dem Gelände der Domjüch. Das Militär wird das Gelände erst im Jahre 1993 wieder verlassen.

Zum 75. Jahrestag dieses Transportes fand in der Kapelle der ehemaligen Anstalt ein Gedenkgottesdienst statt, der vom Verein zum Erhalt der Domjüch -  ehemalige Landesirrenstalt e.V. und der Kirchgemeinde Alt-Strelitz organisiert wurde. Bei dieser Veranstaltung waren u.a. auch Angehörige von ehemaligen Euthanasieopfern anwesend. Ein Höhepunkt dieser Veranstaltung war die Enthüllung einer Gedenktafel am Haupteingang des ehemaligen Verwaltungsgebäudes (Foto). 
Die anlässlich dieser Gedenkveranstaltung neu eröffnete Erinnerungs- und Gedenkstätte informiert nicht nur über die Euthanasieverbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus, die auch um die Anstalt Domjüch keinen Bogen machten, sondern auch über die Diskriminierung von psychisch und körperlich behinderten Menschen vor Beginn der sog. T4-Aktion. So wird u.a. am Beispiel eines Domjücher Patienten über die Rolle des 1934 eingerichteten Erbgesundheitsgerichtes Neustrelitz bei der Umsetzung der damaligen nationalsozialistischen Rassenpolitik informiert. Auch über das Schicksal Domjücher Patienten, die 1943 nach Schließung der Heil- und Pflegeanstalt Domjüch in die Anstalt Sachsenberg bei Schwerin verlegt wurden, wird Auskunft gegeben.
Unterlegt ist diese Ausstellung mit Namenslisten von bekannten Euthanasieopfern aus der Anstalt Domjüch. Ein wichtiges Ziel der weiteren Gedenkstättenarbeit wird es sein, weitere Opfernamen zu ermitteln und möglichst viele noch lebende Angehörige dieser Opfer über das Schicksal ihrer Angehörigen zu informieren. So ist auch das Projekt „Den Opfern ein Gesicht geben“ Bestandteil dieser Gedenkausstellung. 
 

Gedenktafel am Eingang der ehemaligen Landesheil- und Pflegeanstalt Domjüch. Foto: Reinhard Simon
Ausstellung des Vereins zum Erhalt der Domjüch – ehemalige Landesirrenanstalt e.V. in der ehemaligen Landesheil- und Pflegeanstalt Domjüch. Foto: Reinhard Simon.
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