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Historischer Ort: Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch, Euthanasie Mahnmal
Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch
Psychiatrisches Zentrum Nordbaden
Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch
Psychiatrisches Zentrum Nordbaden

Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch (Psychiatrisches Zentrum Nordbaden)
Heil- und Pflegeanstalt in Wiesloch

Das Psychiatrische Zentrum Nordbaden (PZN) wurde 1905 als "Großherzoglich Badische Heil- und Pflegeanstalt bei Wiesloch" gegründet. Im Ersten Weltkrieg erhöhten sich wie auch an anderen Anstalten die Sterbeziffern signifikant. 

Heil- und PflegeanstaltDenkmal, Zwischenanstalt

AdresseHeidelberger Str. 1a
69168 WieslochRoutenplaner
LinksWebseite des Zentrums zu seiner GeschichteKinderfachabteilung Wiesloch
KontaktSusann Roßberg
Tel 06222 55-2022
Fax 06222 55-2912022
E-Mail schreiben
AngebotDenkmäler, Gedenkveranstaltungen

Machtübernahme und Zwangssterilisationen

Bereits im Oktober 1933 wurde damit begonnen, Patienten der Zwangssterilisation zu unterziehen. Von 1934 bis 1943 wurden insgesamt 1351 Anzeigen in der Anstalt gestellt, davon kam in 971 Fällen zu einem förmlichen Antrag. In über zwei Drittel der Fälle gingen die Anzeigen von der Direktion der Anstalt aus. 718 Patienten wurden in den umliegenden Kliniken unfruchtbar gemacht. 

Kindereuthanasie

Die Wieslocher „Kinderfachabteilung“ nahm ihre Arbeit im November 1940 auf und bezog für die Kleinkinder ab Dezember 1940 ein eigenes Haus. Zuvor hatte es der 1933 von den Nationalsozialisten zum Leiter der Anstalt eingesetzte Dr. Wilhelm Möckel abgelehnt, die Leitung dieser Abteilung zu übernehmen. Er habe erklärt, er sei dafür „zu weich“. Dr. Ludwig Sprauer, der oberste Medizinalbeamte im Badischen Innenministerium, holte daraufhin Dr. Artur Schreck nach Wiesloch, setzte ihn dort zum stellvertretenden Anstaltsleiter ein und übertrug ihm Aufbau und Leitung der „Kinderfachabteilung“.

Schreck, der Gutachter für die Gasmordaktion an den Anstaltspatienten war und dem ein Ruf als „der Schrecken der Heilanstalten“ vorauseilte, hatte zuvor schon im Frühjahr 1940 dabei mitgewirkt, mindestens 675 Patienten der Pflegeanstalt in Rastatt in die Mordfabrik Grafeneck zu bringen, wo sie umgebracht und verbrannt worden waren. Anschließend trug er als kommissarischer Leiter der Heilanstalt Illenau bei Achern dazu bei, diese Einrichtung auf ähnliche Weise zu liquidieren, nachdem sich der dortige Leiter, Dr. Hans Roemer, und dessen Stellvertreter geweigert hatten, dieser Aufgabe nachzukommen. Schreck, der Psychiater und kein Facharzt für Kinderheilkunde war, richtete im Dezember 1940 in der damaligen Abteilung MI, dem heutigen Haus 59, eine Station mit 16 Betten für die Aufnahme von behinderten Kleinkindern bis zum Schulalter ein.

Zwischen März und April 1940 tötete Schreck einen Jungen und zwei Mädchen. Die Morde sprachen sich in der Anstalt herum und führten zu Verunsicherungen bei den Mitarbeitern, bei denen zwischenzeitlich bekannt war, was mit den nach Grafeneck und Hadamar abtransportierten Patienten geschieht. Das mag mit ein Grund gewesen sein, dass Schreck sich weigerte, weitere Kinder zu töten, weil, wie er später sagte „…eine Heil- und Pflegeanstalt nicht der geeignete Ort dafür sei“.

Wie die Ermordung der verbliebenen neun Kinder der „Kinderfachabteilung“ erfolgt ist, lässt sich nicht mehr rekonstruieren.  Nach dem Tod der letzten drei Kinder ist die „Kinderfachabteilung“ Anfang August 1941 geschlossen worden.
Sieben der in der Wieslocher Anstalt ermordeten Kinder wurden auf dem Anstaltsfriedhof beigesetzt. Noch während der Kriegszeit sind deren Gräber eingeebnet worden. Von zehn Kindern fehlen die Krankengeschichten, ebenso gibt es keine Verwaltungsakten über die „Kinderfachabteilung“.

Aktion T4

Insgesamt 1204 Patienten wurden in die T4-Tötungsanstalten Grafeneck und Hadamar deportiert. 57 Patienten (so genannte kriminelle Geisteskranke) wurden 1944 in Konzentrationslager gebracht. Die Meldebögen, mit denen Patieten erfasst wurden, waren der Anstalt bereits am 9. Oktober 1939 über das Reichsinneministerium zugeleitet worden. Am 29. Februar 1940 wurden mit dem ersten Transport 42 Männer und Frauen nach Grafeneck gebracht. In insgesamt elf Transporten wurden bis November 1940 675 Patienten nach Grafeneck deportiert. 

Ab Dezember 1940 war Wiesloch eine Zwischenanstalt für Hadamar. Patienten aus verschiedenen Anstalten wurden in Wiesloch gesammelt, bevor zwischen März und Juli 1941 265 Patienten in fünf Transporten  nach Hadamar gebracht und dort ermordet wurden. Die meisten der Deportierten kamen aus den Anstalten Konstanz, Hub, Emmendingen, Fußbach, Krautheim und Wiechs sowie aus der Kreispflegeanstalt Weinheim. Nach dem vorgeblichen Ende der Aktion T4 im August 1941 waren in Baden nur noch die Anstalten Emmendingen und Wiesloch übrig geblieben. 

Nach dem Ende der Deportationen im Rahmen der Gasmorde starben noch mehrere Hundert Patienten in Wiesloch an Unterernährung. Im Juni 1944 gingen wieder zwei Transporte nach Hadamar. 

Historischer Ort: Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch, Verwaltungsgebäude 1943
Verwaltungsgebäude der Anstalt Wiesloch im Jahr 1943

Forschungsabteilung Wiesloch

In der damaligen Abteilung FU3 der Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch, richtete der Heidelberger Ordinarius für Psychiatrie und Neurologie, Prof. Dr. Carl Schneider, im Dezember 1942 eine Forschungsabteilung ein.

Dazu wurde das Gebäude geräumt und 80 Patientinnen aus Wiesloch in hessen-nassauische Anstalten verlegt. Hierher kamen 34 Patienten, die zunächst eingehend nach auffälligen körperlichen und psychischen Merkmalen untersucht wurden. Um diese Befunde mit hirnorganischen Veränderungen vergleichen zu können war geplant, die Forschungspatienten später zu töten und bei den Leichen die Gehirne rauszunehmen.

Kriegsbedingt musste das Projekt im April 1943 abgesprochen werden. Aufgrund von desolaten Behandlungsbedingungen waren hier bereits drei Forschungspatienten verstorben. Von den 80 verlegten Frauen starben 76 in Eichberg und Weilmünster innerhalb kurzer Zeit an Vernachlässigung und Hunger oder wurden in Hadamar mit Medikamenten ermordet.

Gedenken

Bis in die 1980er Jahre hinein wurde die NS-Zeit in Wiesloch nicht aktiv thematisiert. Gegen Ende dieses Jahrzehntes gründete sich ein Arbeitskreis, der eine in einer dreibändigen Schriftenreihe damit begann, die Geschichte der Anstalt aufzuarbeiten (siehe Literatur). In den 1990ern wurden einige Gedenkorte auf dem Gelände der Anstalt der Öffentlichekit übergeben. Zur Zeit arbeitet man an einer umfangeichen Darstellung der Jahre 1933-1945 im Rahmen der Webseiten des Psychiatrischen Zentrums Nordbaden.

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