Ort der Täter

Die Planungszentrale des Krankenmordes

  1. Die Villa an der Tiergartenstraße
  2. Die Geschichte der Villa

Die Villa an der Tiergartenstraße

Die in der Animation gezeigte Inneneinrichtung der Planungszentrale des NS-"Euthanasie"-Programms wurde bewusst sehr reduziert dargestellt, da über sie nur wenig bekannt ist. Die Fotografin Martha Huth fertigte in den 1930er Jahren Fotografien im Inneren der Villa an. Sie zeigen die Räumlichkeiten des Auktionshauses Hugo Ball.

innenraum

innenraum
Die Ausrichtung der Räume und des Treppenhauses wurde aus den Bauakten ermittelt.

Die Geschichte der Villa

von Matthias Liebermann

Im Folgenden berichtet Matthias Liebermann, Nachkomme der Besitzer der Villa an der Tiergartenstraße 4, über die Bewohner des Hauses, bevor es zur Zentrale der Aktion T4 wurde.

Das Gebäude der Philharmonie in Berlin, gelegen in der Tiergartenstraße 4, ließ auf mich als Kind schon beim ersten Anblick in den späten 1970er-Jahren im geteilten Berlin einen zwiespältigen Eindruck zurück.

Foto der Villa Tiergartenstraße 4
Das einzig bekannte Foto der Villa Tiergartenstraße 4. Ca. 1935. Quelle Landesarchiv Berlin

Einerseits ist es die Spielstätte der Berliner Philharmoniker. Der Architekt Scharoun verfolgte mit dem Bau des Gebäudes den freien ungeometrischen Stil. Für mich ist dieses Gebäude unverrückbarer Bestandteil des heutigen Berlins.
Andererseits mag es bei latent emphatischer Betrachtung anmuten, dass hinter der Geschichte dieser Fläche, wie vielen Flächen in Berlin Mitte, eine andere Geschichte steht.

Dem ist auch so:
Erworben wurde dieses Grundstück von meinem Urgroßvater, dem Textil-Industriellen Georg Liebermann, der sich im Berliner Tiergarten ein besonderes Wohnhaus rückwärtig zum Potsdamer Platz errichten ließ.

Aktie der Georg Liebermann Nachfahren AG=
Aktie Nr. 8347 der Georg Liebermann Nachf. AG über 300 Reichsmark
Quelle:
aktiensammler.de

Es war sehr prächtig in der Ausgestaltung, es wirkt beim Anblick wilhelminisch und streng. Georg bewohnte dieses Haus mit seiner Frau Else, der Schwester der Ehefrau Max Liebermanns Martha. Else war im Gegensatz zu ihrem Mann für eine extrem bescheidene Lebensführung bekannt. Das Hausgrundstück war aus Sicht der Familie übertrieben, seiner eigenen Ehefrau Else, Schwägerin Max Liebermanns, war das Haus unangenehm und viel zu auffällig.

Nach Georg Liebermann Tod im Jahr 1926 erbten das Gebäude meine Großtante, Eva Köbener, sowie mein Großvater, Prof. Dr. Hans Liebermann. Da das "Prachtgebäude" für normale Wohnzwecke vollkommen ungeeignet war, wurde dieses an zwei Personen vermietet, die dafür 600 RM im Monat Miete zahlten. Zwischenzeitlich waren dort auch zwei Auktionshäuser -Hermann Ball und Paul Graupe- einquartiert.[1]

Während des NS-Regimes, nach der Machtergreifung durch NS-Behörden, wurde das Gebäude quasi beschlagnahmt. Verschiedene NS-Behörden bevölkerten anschließend den Prachtbau Tiergartenstraße 4, wofür meine Großmutter Clara Liebermann eine monatliche Miete von 600 Reichsmark erhielt. Im Jahr 1940 wurde in diesem jüdischen Besitz die berüchtigte, so genannte „Aktion T4“ ins Leben gerufen, bei der es sich um die organisierte, raffiniert betriebene Ermordung von ca. 300.000 Psychiatriepatienten und Behinderten handelte, die seinerzeit als unangepasst und lebensunwert bezeichnet wurden.

Das Hausgrundstück Tiergartenstraße 4 wurde im Krieg endgültig durch die Nationalsozialisten enteignet. Meine Großmutter erhielt als Erbin quasi als Äquivalent dafür ein Haus in Berlin-Steglitz in der Schlossstraße überschrieben, das ebenfalls aus jüdischem Besitz stammte und nach dem Krieg zu Recht dem ehemaligen Besitzer zugesprochen wurde. Eine finanzielle Entschädigung wurde der Familie Liebermann für den Verlust des Grundstücks Tiergartenstraße 4 nach dem Krieg gewährt.

Meinen Vater hat es immer besonders erschüttert, dass die T4 Aktion ihren Ursprung in seinem eigenen mit ererbten Haus ihren Ursprung nahm. Die T4 Aktion hat er immer auf Schärfste verurteilt und sich gefragt, warum so etwas durch Ärzte überhaupt initiiert werden konnte. In seiner langen Tätigkeit als Neurologe und Psychiater hat er hierzu keine finale Antwort gefunden.

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