T4 Zentrale

  1. Die Villa an der Tiergartenstraße
  2. Die Geschichte der Villa
  3. Ansichten der Villa
  4. 3D-Visualisierung der Villa

Die Villa an der Tiergartenstraße

Die in der Animation gezeigte Inneneinrichtung der Planungszentrale des NS-"Euthanasie"-Programms wurde bewusst sehr reduziert dargestellt, da über sie nur wenig bekannt ist. Die Fotografin Martha Huth fertigte in den 1930er Jahren Fotografien im Inneren der Villa an. Sie zeigen die Räumlichkeiten des Auktionshauses Hugo Ball.

innenraum

innenraum

Die Ausrichtung der Räume und des Treppenhauses wurde aus den Bauakten ermittelt.

Die Geschichte der Villa

von Matthias Liebermann

Im Folgenden berichtet Matthias Liebermann, Nachkomme der Besitzer der Villa an der Tiergartenstraße 4, über die Bewohner des Hauses, bevor es zur Zentrale der Aktion T4 wurde.

Das Gebäude der Philharmonie in Berlin, gelegen in der Tiergartenstraße 4, ließ auf mich als Kind schon beim ersten Anblick in den späten 1970er-Jahren im geteilten Berlin einen zwiespältigen Eindruck zurück.

Foto der Villa Tiergartenstraße 4
Das einzig bekannte Foto der Villa Tiergartenstraße 4

Einerseits ist es die Spielstätte der Berliner Philharmoniker. Der Architekt Scharoun verfolgte mit dem Bau des Gebäudes den freien ungeometrischen Stil. Für mich ist dieses Gebäude unverrückbarer Bestandteil des heutigen Berlins.
Andererseits mag es bei latent emphatischer Betrachtung anmuten, dass hinter der Geschichte dieser Fläche, wie vielen Flächen in Berlin Mitte, eine andere Geschichte steht.

Dem ist auch so:
Erworben wurde dieses Grundstück von meinem Urgroßvater, dem Textil-Industriellen Georg Liebermann, der sich im Berliner Tiergarten ein besonderes Wohnhaus rückwärtig zum Potsdamer Platz errichten ließ.

Aktie der Georg Liebermann Nachfahren AG=
Aktie Nr. 8347 der Georg Liebermann Nachf. AG über 300 Reichsmark
Quelle:
aktiensammler.de

Es war sehr prächtig in der Ausgestaltung, es wirkt beim Anblick wilhelminisch und streng. Georg bewohnte dieses Haus mit seiner Frau Else, der Schwester der Ehefrau Max Liebermanns Martha. Else war im Gegensatz zu ihrem Mann für eine extrem bescheidene Lebensführung bekannt. Das Hausgrundstück war aus Sicht der Familie übertrieben, seiner eigenen Ehefrau Else, Schwägerin Max Liebermanns, war das Haus unangenehm und viel zu auffällig.

Nach Georg Liebermann Tod im Jahr 1926 erbten das Gebäude meine Großtante, Eva Köbener, sowie mein Großvater, Prof. Dr. Hans Liebermann. Da das "Prachtgebäude" für normale Wohnzwecke vollkommen ungeeignet war, wurde dieses an zwei Personen vermietet, die dafür 600 RM im Monat Miete zahlten. Zwischenzeitlich waren dort auch zwei Auktionshäuser -Hermann Ball und Paul Graupe- einquartiert.[1]

Während des NS-Regimes, nach der Machtergreifung durch NS-Behörden, wurde das Gebäude quasi beschlagnahmt. Verschiedene NS-Behörden bevölkerten anschließend den Prachtbau Tiergartenstraße 4, wofür meine Großmutter Clara Liebermann eine monatliche Miete von 600 Reichsmark erhielt. Im Jahr 1940 wurde in diesem jüdischen Besitz die berüchtigte, so genannte „Aktion T4“ ins Leben gerufen, bei der es sich um die organisierte, raffiniert betriebene Ermordung von ca. 300.000 Psychiatriepatienten und Behinderten handelte, die seinerzeit als unangepasst und lebensunwert bezeichnet wurden.

Das Hausgrundstück Tiergartenstraße 4 wurde im Krieg endgültig durch die Nationalsozialisten enteignet. Meine Großmutter erhielt als Erbin quasi als Äquivalent dafür ein Haus in Berlin-Steglitz in der Schlossstraße überschrieben, das ebenfalls aus jüdischem Besitz stammte und nach dem Krieg zu Recht dem ehemaligen Besitzer zugesprochen wurde. Eine finanzielle Entschädigung wurde der Familie Liebermann für den Verlust des Grundstücks Tiergartenstraße 4 nach dem Krieg gewährt.

Meinen Vater hat es immer besonders erschüttert, dass die T4 Aktion ihren Ursprung in seinem eigenen mit ererbten Haus ihren Ursprung nahm. Die T4 Aktion hat er immer auf Schärfste verurteilt und sich gefragt, warum so etwas durch Ärzte überhaupt initiiert werden konnte. In seiner langen Tätigkeit als Neurologe und Psychiater hat er hierzu keine finale Antwort gefunden.

Ansichten der Villa

Schwarzweiss

Norden Nordost Südost

Süden

Schattiert

Norden Nordost Osten

Südost Süden

Uni

Nordost Südost Süden

Ansicht von oben

Norden Nordost Osten

Südost

3D-Visualisierung der Villa

Die erste Version einer 3D-Rekonstruktion des sogenannten T4-Gebäudes wurde von Berufsschülern (Vermessung) der Knobelsdorff-Schule Berlin entwickelt. Die Schüler hatten aus einem Foto, einer Ansichtszeichnung sowie zwei Grundrissen ein erstes CAD-Modell des Gebäudes erstellt. Schnell wurde der Wunsch laut, hieraus mehr zu machen, so dass die FPK Ingenieurgesellschaft mbH aus Potsdam die Anfrage erhielt, ob sie aus den vorhandenen Daten eine 3D-Animation des Gebäudes herstellen könne. Nach Sichtung der Unterlagen und der vorhandenen Daten wurde zunächst ein Prototyp eines texturierten 3D-Modells erstellt. Nach Präsentation dieses Modells wurde die FPK Ing-GmbH vom Paritätischen Wohlfahrtsverband beauftragt, das Modell so weiterzuentwickeln, dass es möglichst realitätsnah dem Stand von 1940 entspricht und auf der Internetseite des T4-Gedenkortes dargestellt werden kann.

Hierfür mussten zunächst weitere Grundlagen recherchiert werden, da bei den Vorarbeiten festgestellt wurde, dass die Ausgangsdaten weder ausreichend noch schlüssig waren. Es wurde in zahlreichen Datenbanken recherchiert (z.B. Fotoarchiv Marbach, Architekturmuseum TU Berlin, Stiftung Stadtmuseum, u.v.m.). Die für diese Aufgabe wichtigsten Unterlagen fanden sich im Landesarchiv Berlin. Neben dem bereits erwähnten Foto der Nordfassade waren dies
insbesondere:
- Bilder des Speisezimmers und der Bibliothek der Fotografin Marta Huth
- 3 Bände der historischen Bauakten mit zahlreichen wichtigen Zeichnungen und Briefverkehr

Aus den Bauakten ergab sich, dass der ursprünglich geplante und genehmigte Entwurf des Gebäudes nicht realisert wurde. Statt dessen baute der Bankier Valentin Weißbach das vom Architekten Christian Heidecke entworfene und dann modifizierte Gebäude zwei Jahre später ab 1888.

Grundlage der versuchten 3D-Rekonstruktion waren diese Baupläne und die vorliegenden Ansichtszeichnungen. Hieraus konnten die für die Rekonstruktion notwendigen Abmessungen des Baukörpers entnommen werden. Darüber hinaus wurden die oben genannten Fotos einbezogen. Das Projekt wurde mit der Software SketchUp realisiert, welche den Vorteil hat, dass sich einfach und sehr schnell 3D-Modelle konstruieren lassen. Während der Bearbeitung und der Zuweisung von Materialien ergeben sich dann jedoch zahlreiche Fragestellungen, die allein mit den vorliegenden Unterlagen nicht geklärt werden können. Um kein lückenhaftes Gebäude entstehen zu lassen, wurden nicht vorliegende Infomationen nach bauzeitlichen Gesichts-punkten ergänzt, wobei die FPK Ingenieurgesellschaft sich auf Ihre Erfahrungen beim Aufmaß denkmalgeschützter Gebäude stützen konnte.

Die verwendeten Grundrisse für das EG und OG sind als relativ gesichert anzusehen, da diese bei diversen Umbauten (z.B. Fahrstuhleinbau) immer wieder in den Bauakten verwendet wurden. Dagegen sind die Fassadenansichten von Süden und Osten teilweise als unsicher zu bezeichnen. Da es für die Nordansicht sowohl ein Foto (das Einzige) als auch eine zeichnerische Ansicht gibt, kann festgestellt werden, dass es zwischen Planung und Ausführung (insbesondere bei den Fenstern) zu erheblichen Differenzen gekommen ist. Somit gilt für die Ansichten, dass von Norden her die tatsächliche Ansicht modelliert wurde und für alle anderen Ansichten die geplante.

Desweiteren ist nicht bekannt, welche Farben für das Gebäude von außen verwendet wurden. Im unteren Bereich (EG) ist auf dem Foto die Verwendung eines Bossenmauerwerks zu erkennen, welches in der Regel durch Witterungseinflüsse ein relativ dunkles Aussehen hat. Im OG-Bereich hingegen wurde entweder ein heller Sandstein oder/und Putz verwendet. Die Farbgebung hierfür ist völlig offen; für die Modellierung wurde ein Ocker-Ton verwandt, der zu dieser Zeit üblich war.

Für die beiden Innenräume - Speisezimmer und Bibliothek - wurde sich an die vorliegenden s/w-Photographien gehalten. Jedoch sind auch hier die Farbgebungen nicht überliefert. Die im Eingangsbereich geschwungene Treppe ist in den Bauakten als gebogene Metallkonstruktion ausgewiesen; das Material der Stufen jedoch nicht beschrieben. Alle Glasüberdachungen sind in den Bauakten recht ausführlich nachvollziehbar. Alle anderen Räume wurden bewusst ohne Farbe bzw. Textur gehalten, da hierüber nichts bekannt ist. Auch die nachträglich ausgeführten Durchbrüche zum Nachbargebäude 4a sind nicht eingearbeitet, da an keiner Stelle dokumentiert ist, wo diese liegen.

Resumee: Das jetzt vorliegende 3D-Modell der ehemaligen Tiergartenstr. 4 ist der Versuch, auf der Grundlage historischer Bauzeichnungen und weniger historischer Fotos ein möglichst realistisches Gebäude zur damaligen Zeit (1940) darzustellen. In Grundzügen ist dies gelungen, für die Komplettierung sind jedoch weitere Unterlagen, Fotos oder Zeitzeugen unbedingt erforderlich.

Rüdiger Tauch
FPK Ingenieurgesellschaft für Fernerkundung, Photogrammetrie,
Kartographie und Vermessung mbH, Potsdam