Zwangssterilisationen

von Margret Hamm

1920, zwei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, veröffentlichten der Jurist Karl Binding und der Psychiater Alfred Hoche die Schrift „Die Freigabe und Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form“. Darin beschrieben die Autoren Menschen als „Defektmenschen“, „leere Menschenhülsen“, „Ballastexistenzen“ und Ähnliches. Sie waren der Ansicht, dass die Gesellschaft solch „unnützen Ballast“ abwerfen müsse, da Behinderte und psychisch Kranke die Weiterentwicklung der Gesellschaft hemmten. Ihre Pflege sei ein „Luxus“, den sich die Gesellschaft immer weniger leisten könne.

Gegen Ende der Weimarer Republik, im Januar 1932, forderte das Land Preußen die Herabsetzung der Pflege- und Unterhaltskosten in Heil- und Pflegeanstalten für Menschen mit erbbedingten und körperlichen oder geistigen Leiden. Gleichzeitig strebte der Preußische Staatsrat freiwillige Sterilisationen an. Den Entwurf erarbeiteten Rassenhygieniker, Psychiater und Juristen. Er sah eine Sterilisation bei verschiedenen Erbkrankheiten sowie bei Trägern besonderer Erbanlagen vor.

Das bald nach der Machtübertragung an Hitler im Juli 1933 verabschiedete „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ (GzVeN) war ein Gesetz aus den Schubladen der Weimarer Republik. Die Nationalsozialisten ergänzten es um den Zwang zur Durchführung (§ 12 im Reichsgesetzblatt I G.529 und in der Verordnung zur Ausführung des GzVeN im Reichsgesetzblatt I G.1021). Das GzVeN, das am 1. Januar 1934 in Kraft trat, legte fest, bei welchen Krankheiten Menschen zwangssterilisiert werden sollten, und schrieb den Verfahrensablauf vor.
Wenig später weiteten die Verantwortlichen die im Gesetz festgeschriebenen erbbiologischen Begründungen aus. Die angeführten Diagnosen waren häufig willkürlich und pseudowissenschaftlich. Menschen, die von der nationalsozialistischen Norm abwichen oder sich nicht in das NS-System einfügten, wurden zu potenziellen Opfern der nun legalen Zwangssterilisationen.

Brief von Karl Loke an den Regierungspräsidenten gegen seine Unfruchtbarmachung
Brief von Karl Loke an den Regierungspräsidenten gegen seine Unfruchtbarmachung [der vollständige Text zum Nachlesen am Ende dieses Artikels]

Auf der Grundlage des GzVeN, des ersten Rassegesetzes der Nationalsozialisten, sterilisierten Ärzte ca. 400 000 Menschen – und nahmen den Opfern damit ihre Lebensperspektive.
In der Verordnung zur Ausführung des Gesetzes vom 5. Dezember 1933 heißt es:

„[…] Dazu kommt, daß für Geistesschwache, Hilfsschüler, Geisteskranke und Asoziale jährlich Millionenwerte verbraucht werden, die den gesunden, noch kinderfrohen Familien durch Steuern aller Art entzogen werden. Die Fürsorgelasten haben eine Höhe erreicht, die in gar keinem Verhältnis mehr zu der trostlosen Lage derjenigen stehen, die diese Mittel durch Arbeit aufbringen müssen.“

Die Eugeniker Arthur Gütt, Ernst Rüdin und Falk Ruttke führten in den Ausführungsverordnungen zum GzVeN „rassenhygienische“ Argumente an.

„Ziel der dem deutschen Volk artgemäßen Erb- und Rassenpflege ist: Eine ausreichende Zahl Erbgesunder, für das deutsche Volk rassisch wertvoller, kinderreicher Familien zu allen Zeiten. Der Zuchtgedanke ist Kerngehalt des Rassegedankens. Die künftigen Rechtswahrer müssen sich über das Zuchtziel des deutschen Volkes klar sein.“[1] .

Die NS-Propaganda zeigte abstoßende Fotos und Plakate, mit denen utilitaristische Motive verbreitet wurden. Lehrer vermittelten solche Verunglimpfungen von Menschen in Schulen und schworen mithilfe von Grafiken und Textaufgaben schon Kinder auf die nationalsozialistische Ideologie der „reinen arischen Rasse“ und des „gesunden Volkskörpers“ ein.
Eine Rechenaufgabe aus dieser Zeit fragt:
„[…] Der Bau einer Irrenanstalt erforderte 6 Mill. R.M. Wieviel Siedlungshäuser zu je 15 000 R.M. hätte man dafür erbauen können?“

Die NS-Gesundheitspolitik klassifizierte Behinderte, chronisch Kranke und von der Norm abweichende Menschen als „lebensunwert“. Hunderttausende wurden in der Folge sterilisiert, viele von ihnen nur wenige Jahre später im Rahmen der „Euthanasie“-Aktion, dem organisierten Massenmord an Kranken und Behinderten, getötet: zum „Wohl“ – gleich „Nutzen“ – der Gesellschaft und zur „Reinhaltung der Rasse“. Die durch Töten von Menschen gesparten Gelder wollte man, der herrschenden Ideologie entsprechend, Wohnungsbauprojekten und Familienversicherungen zufließen lassen. In den damaligen Schulbüchern, kann man auch Aufgaben dieser Art nachlesen.

Propagandaplakat zum Bevölkerungsanstieg von »Minderwertigen« gegenüber »Höherwertigen«
Propagandaplakat zum Bevölkerungsanstieg von »Minderwertigen« gegenüber »Höherwertigen«

„Genetische Erblichkeit“ und soziale Abweichung waren Selektionskriterien. Sozial Schwache und dem Staat Unliebsame wurden von der Fortpflanzung ausgeschlossen – mit dem Ziel eines gesunden und leistungsstarken „Volkskörpers“. Deutsche Abstammung allein reichte nicht, um zur NS-Volksgemeinschaft zu gehören. „Leistungsfähigkeit“ und „Brauchbarkeit“ waren gleichwertige Kriterien.
Diese Kategorisierung war nach dem Beginn der „Euthanasie“ im September 1939 ein entscheidendes Merkmal für die Überlebenschancen der Menschen in den Heil- und Pflegeanstalten.
Vor Kriegsausbruch erhielten die Patienten dort gerade so viel Verpflegung, dass sie am Leben blieben. Man unterschied zwischen noch leistungsfähigen akut Kranken, die nach erfolgter Zwangssterilisation dem Arbeitsmarkt noch zur Verfügung standen, arbeitsfähigen chronisch kranken Patienten, die in den Heil- und Pflegeanstalten verwahrt wurden, um mit ihrer Arbeitskraft die Selbstversorgung der Anstalten zu gewährleisten – und jenen arbeitsunfähigen und chronisch Kranken, die zudem pflegebedürftig waren und nach der NS-Ideologie als „Ballastexistenzen“ galten und mit Minimalaufwand versorgt wurden. Sie ermordete man seit September 1939 in den „Euthanasie“-Anstalten. Nach dem sogenannten „Euthanasie“-Stopp von 1941, tötete man sie mit Medikamenten oder ließ sie verhungern.

Schon 1933 waren flächendeckend Beratungsstellen für Erb- und Rassenpflege entstanden, die zentral von Berlin aus mit der „erbbiologischen Bestandsaufnahme“ beauftragt waren. Das „Gesetz zur Vereinheitlichung des Gesundheitswesens“ von 1934 war die Grundlage für deren Umsetzung. Die Erhebung der dafür notwendigen Daten erfolgten in den Heil- und Pflegeanstalten und Fürsorgeheimen, in Gefängnissen, in Arbeits-, Gesundheits- und Standesämtern, in den Kirchen, durch Auswertung der Einträge in den Kirchenbüchern und in den Hilfsschulen. In den Standesämtern erfolgte die genealogische Erfassung durch das Ehetauglichkeitszeugnis und Ehestandsdarlehen und in den Gesundheitsämtern die sogenannte erbgesundheitliche Erfassung. So entstand ein Bevölkerungskataster, das dem NS-Staat einen schnellen und lückenlosen Zugriff auf diejenigen ermöglichte, die sich nicht in dieses Raster einpassten oder sich nicht in das System fügten.
Die Opfer wurden in den allermeisten Fällen angezeigt oder denunziert. Daran beteiligt waren Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aller zuvor genannten Institutionen.
Den Antrag auf Sterilisation stellten Pfleger, die Amtsärzte selbst, der Vormund der Betroffenen oder die Leiter der genannten Einrichtungen beim Gesundheitsamt. Der nächste Schritt war die Verhandlung vor den Erbgesundheitsgerichten, die den Amtsgerichten angegliedert waren. Bei Widerspruch der Angehörigen wurde das Verfahren vor dem Erbgesundheitsobergericht verhandelt. Nach dem Erbgesundheitsgerichtsbeschluss und erfolgter Zwangssterilisation ging der Bericht der Klinik an den Amtsarzt zurück. Heute findet man diese Dokumente, die die Opfer später für die Entschädigungsverfahren in der Bundesrepublik brauchten, in den Erbgesundheitsgerichtsakten.

Circa 5000 Frauen und ca. 600 Männer starben an den Folgen der Eingriffe.

Die ersten Opfer der Zwangssterilisationen waren die Menschen in den Heil- und Pflegeanstalten. Diejenigen, die aufgrund dieser staatlichen Willkür aus ihren Lebenszusammenhängen gerissen wurden, mussten sich nach der Zwangssterilisation in ihrem sozialen Umfeld zurechtfinden und staatliche Repressalien erdulden: Sie durften keine weiterführende Schulen besuchen, eine freie Berufswahl war nicht mehr möglich, über den Eingriff durfte nicht gesprochen werden und: Zwangssterilisierte durften nur Zwangssterilisierte heiraten. All diese Eingriffe in ihre persönliche Freiheit verletzten die Menschen zutiefst und zerstörten ihre Lebenswege.

Diejenigen, die das nationalsozialistische System überlebten, mussten mit ihrer Scham, „lebensunwert“ gewesen zu sein, fertigwerden. Dies gilt auch für die Opfer, die nach dem Ende des NS-Staates aus den Anstalten entlassen wurden. Viele von ihnen aber blieben noch bis in die 1950er- und 1960er-Jahre dort, manche noch länger. Andere wiederum hatten Glück und konnten sich nach 1945 von ihrer Vormundschaft befreien und leben heute selbstständig in ihrer eigenen Wohnung. Was das lange Weggesperrtsein von der Kindheit bis ins Alter für die psychische und physische Befindlichkeit dieser Opfer bedeutete und bedeutet, können wir uns heute kaum vorstellen. Die seelischen und körperlichen Verletzungen begleiten die traumatisierten Menschen bis ins hohe Alter.



Der Text des Briefes von Karl Loke an den Regierungspräsidenten gegen seine Unfruchtbarmachung

An den Herrn Regierungs-Präsidenten in Minden i.W.

Auf das Schreiben vom 2. Februar ds. Js. I W 61-6-1-1 B teile ich Ihnen mit, dass ich am 15. Januar ds. Js. zur Musterung gewesen bin. Nach einer eingehenden Untersuchung bin ich sogar für tauglich Lanwehr I befunden. Ich habe sogar einen Wehrpass erhalten und werde auch noch zu Uebungen herangezogen.

Zudem muss ich noch bemerken, dass ich schon über 2 Jahre keine Anfälle mehr bekommen habe und mich sogar sehr wohl fühle.

Den Beschluss des Erbgesundheitsobergerichtes in Hamm erkenne ich nicht an und muss ausdrücklich auf eine schnelle eingehende Nachprüfung bestehen, zumal bis heute noch nicht der Nachweis erbracht werden konnte, dass Erbkrankheit vorliegt. Vor allem aber muss ich darauf bestehen, dass die hiesigen Aerzte Dr. med. v. Qeynhausen und Dr. med. Bremer eingehend zu dieser Sache gehört werden. Diese Herren können Ihnen genau über meine Krankheit Auskunft geben.

Auf meine bezgl. meiner Wohnung gemachten Angaben scheint man überhaupt nicht eingegangen zu sein. Warum ist in dieser Sache keine Nachprüfung erfolgt. Gerade weil doch die Besitzerin dieses Gebäudes (Stadt Bad Driburg) eine Behörde ist, müsste dieselbe in erster Linie dafür sorgen, Dass die von ihr vermieten Wohnungen in einem gesundheitlichen Zustand sind. Scheinbar will man aber von dieser Sache nichts wissen. Üeber den Zustand meiner Wohnung werden die beiden vorgenannten Aerzte ebenfalls genaue Auskunft geben können. Ich führe dieses Leiden nur auf die im Kriege erlittenen Strapazen und Entbehrungen zurück. Wie mir in einem Schreiben mitgeteilt wurde konnte der Beweis einer erblichen Erkrankung nicht erbracht werden. Ich kann wirklich nicht verstehen, dass man meine Angaben einfach unbeachtet lässt. Meines Wissens nach kann auch kein Arzt in der Welt etwas behandeln oder feststellen, ohne nicht wenn auch nur denn geringsten Anlass dafür zu haben.

Sie können meine Familie zu jeder Zeit besichtigen, müssten aber doch zu Ihrer Enttäuschung feststellen, dass meine Ehefrau sowie die 7 Kinder vollständig gesund sind. Ich vermute stark, dass man es mit aller Gewalt auf meine Person abgesehen hat. Schon das Benehmen des Amtsarztes in Höxter und die Aeusserung „Sie haben genügend Kinder“ gibt mir stark zu Denken anlass. Auf der hiesigen amtl. Gesundheitsstelle sagte die Fürsorgeschwester Maria im Beisein des Amtsarztes „Loke ist froh, wenn er nur ne Frau hat“. Diese Aeusserung zeugt schon klar und deutlich, wie man heute mit Volksgenossen umgeht. Auf Grund meiner Angaben, bitte ich dringend um eine nochmalige genaue Untersuchung und Nachprüfung und Aufhebung des Beschlusses. Heil Hitler!

Karl Loke

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