Johannes Klaus Hauschildt

aus Aspe

geb. in Aspe
gest. in Pirna

Biografie

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Das Bild zeigt einen jungen Jungen in einem klassischen Anzug mit weißem Hemd. Er hat kurzes, ordentlich gekämmtes Haar, das zur Seite gescheitelt ist. Seine Hände sind vor seinem Körper verschränkt, und er blickt ruhig und leicht ernst in die Kamera. Der Hintergrund ist schlicht und zeigt einen Vorhang. Das Foto wirkt alt, vermutlich aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Johannes war das vierte Kind der Gastwirtsfamilie Hauschildt. Seine Eltern waren Christian und Catharina Maria Hauschildt. Johannes war psychisch krank. Er neigte aufgrund seiner Krankheit zu Aggressionen. Weil seine Angehörigen sich nicht mehr im Stande sahen, Johannes weiterhin in der Familie zu betreuen, kam er am 24. August 1938 im Alter von 28 Jahren in die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg. Die Familie wollte für Johannes natürlich nur sein Bestes und konnte nicht ahnen, dass sie ihm damit dem sicheren Tod durch die Nazis übergaben.

Die Heilanstalt Lüneburg wurde im Jahr 1901 eröffnet. Sie war zunächst eine ganz normale Heilanstalt. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten änderte sich das. Sie erließen das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, was zur Folge hatte, dass viele Menschen zuerst zwangssterilisiert wurden. Auch weit über 100 Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg waren davon betroffen. Im Landkreis Stade wurden mehrere Menschen aufgrund dieses Gesetzes ebenfalls gegen ihren Willen sterilisiert. Ab dem Jahre 1941 wurden im Zuge der „Aktion T4“ auch Menschen der Einrichtung in Lüneburg selbst getötet oder zu anderen Tötungsstätten überführt.

Als „Aktion T4“ bezeichnet man den systematisch geplanten Massenmord (Euthanasie) an Menschen mit körperlichen, seelischen oder geistigen Behinderungen von 1940 bis 1941 in Deutschland.
Diesen Menschen wurde das Recht auf Leben abgesprochen, sie galten als „nicht lebenswert“.„T4“ steht als Abkürzung für die Adresse Tiergartenstraße 4 in Berlin. Hier befand sich das Hauptquartier der geheimen Aktion. Von dort aus wurde die Massenvernichtungsaktion in insgesamt sechs Tötungsanstalten organisiert und gesteuert. Hitler selbst erteilte den Auftrag für das Euthanasieprogramm.
Die Tötungsanstalten befanden sich in Bernburg, Brandenburg, Grafeneck, Hadamar, Hartheim und Pirna-Sonnenstein. In den Gaskammern dieser Anstalten erprobte man die systematische Tötung von Menschen. Dieses Euthanasieverbrechen der Nationalsozialisten gilt als Vorläufer zur systematischen Vernichtung der Juden in Europa, dem Holocaust.
Die „Aktion T4“ endete offiziell im Sommer 1941, nachdem es zu Protesten aus den Reihen der Bevölkerung und der Kirche kam. Dezentral wurde aber weiterhin mittels Medikamenten, Nahrungsentzug oder Injektionen getötet.

Ab dem Jahr 1939 versandten Mitarbeiter der Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten Meldebögen an alle in Frage kommenden Pflegeheime und Anstalten im Deutschen Reich. Für sämtliche Patienten musste ein Meldebogen ausgefüllt werden. Gefragt wurde dabei nach der Krankengeschichte, der Aufenthaltsdauer, der Arbeitsfähigkeit und den Heilungsaussichten. Auch für Johannes Hauschildt wurde so ein Bogen erstellt.

Viele Heil- und Pflegeanstalten wussten wahrscheinlich damals zu Beginn noch nichts vom eigentlichen Ziel der Nationalsozialisten. Sie füllten den Bogen aus und sendeten ihn zurück nach Berlin in die Tiergartenstraße 4. Das Ergebnis der Meldebögen entschied über Leben oder Tod der Patienten. Zuständig für diese Entscheidungen waren in der Zentrale medizinische Gutachter.

Im Fall von Johannes Hauschildt bedeutete dieser Meldebogen leider den späteren, sicheren Tod. Er gehörte zu einem der ersten Transporte im Rahmen der „Aktion T4“, der von der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg in die Tötungsanstalt nach Pirna-Sonnenstein geschickt wurde.

Der Direktor der Anstalt in Lüneburg, Max Bräuner, erhielt eine Liste mit Namen, die für einen Direkttransport ausgewählt worden waren. Auch Johannes Hauschildt befand sich auf dieser Liste. Zusammen mit 119 weiteren Männern ging es für ihn, wahrscheinlich mit einem Zug, am 07. März 1941 im Alter von 31 Jahren nach Sachsen in die bei Pirna gelegene Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein. Diese Transporte weckten nach außen hin den Anschein eines ganz normalen Krankentransportes. Begleitet und betreut wurden die Patienten dabei von medizinischem Personal. Nichts deutete darauf hin, dass es sich um einen Transport in eine Tötungsanstalt handelte. In Pirna angekommen, wurden die Patienten mit den sogenannten „Grauen Bussen“ abgeholt und auf den Sonnenstein befördert. Der Name „Graue Busse“ entstammt von den schwarz-weißen Fotografien der Busse, die nicht wirklich grau waren.

Nach der Ankunft wurden die einzelnen Patienten zeitnah einer Ärztekommission vorgeführt. Diese führten eine Scheinuntersuchung durch. Die zu Untersuchenden hatten den Eindruck, dass es sich bei der Verlegung nach Pirna-Sonnenstein um eine reguläre medizinische Maßnahme zur Verbesserung ihrer Krankheit handelte. In Wirklichkeit diente diese Untersuchung vor Pflegern und Ärzten aber nur dem Zweck der Identitätserfassung und zur Findung einer glaubhaften Todesursache. Jede Familie erhielt nach dem Tod des Angehörigen einen „Trostbrief“. Dort musste ein plausibler Grund für den Tod des geliebten Menschen angegeben werden, damit die Familie nicht misstrauisch wurde und Nachforschungen betrieb. Man wollte keinen Verdacht erregen.
Es wäre aufgefallen, wenn ein Opfer angeblich an einer Blinddarmentzündung gestorben wäre, aber der Blinddarm schon lange nicht mehr vorhanden war.

Nach der Untersuchung wurden die Menschen in Begleitung des Pflegepersonals in den Keller der Anstalt geleitet. Ihnen wurde erzählt, dass sie dort duschen sollten. Ohne Argwohn entkleideten sich die Opfer. Im Nebenraum lagen Seife und Handtücher bereit. Nichts deutete darauf hin, dass sie kurz vor ihrem Tod standen. Man geleitete die zum Tode geweihten, unwissenden Opfer in einen ca.10 m² großen Raum mit Duschköpfen an der Decke. Alles war von Anfang bis Ende gut durchgeplant. 20 bis 30 Patienten standen in diesem Raum zum Duschen bereit. Die Tür wurde geschlossen und der Tötungsarzt drehte in einem Nebenraum die mit Kohlenmonoxid gefüllten Gasflaschen auf. In der gesamten, getarnten Gaskammer befanden sich Rohre an den Wänden, aus denen sodann aus kleinen Löchern das Kohlenmonoxid herausströmte. Nach 5 bis 10 Minuten waren die Menschen im Raum bewusstlos. Zur Sicherheit ließ man das Gas aber noch weitere 20 Minuten in den Raum strömen, damit man auch sicher sein konnte, dass kein Opfer die Prozedur überlebt hat. Der Arzt konnte durch ein kleines Sichtfenster den Vorgang überwachen.

Die Leichen wurden anschließend in einem Nebenraum aufbewahrt, bis sie im nächsten Raum in einem der beiden Öfen verbrannt wurden. Vorher wurden ihnen vorhandene Goldzähne herausgebrochen. Die Tötungsärzte entnahmen manchen Opfern ihre Gehirne zu Forschungszwecken, wenn sie ihnen von wissenschaftlicher Seite her interessant erschienen.

Circa zwei Wochen nach dem Tod erhielten die Angehörigen von Johannes Hauschildt den sogenannten „Trostbrief“ mit der Benachrichtigung, dass ihr Familienmitglied verstorben sei. Eine „glaubwürdige“ Todesursache wurde ebenfalls genannt. Der Trostbrief von Johannes ist leider nicht mehr vorhanden. In der Einladung zur Trauerfeier heißt es aber, dass er nach einem „langen schweren Leiden“ verstorben sei. Des Weiteren wurde der Familie mitgeteilt, dass man aus Seuchenschutzgründen den Leichnam verbrannt habe. Die Familie könne aber die Asche mit den sterblichen Überresten zugesandt werden, falls dies gewünscht sei, ansonsten würde sich die Anstalt um die Beerdigung kümmern. Die Familie Hauschildt wollte Johannes gerne auf dem Familiengrab bestatten und forderte die sterblichen Überreste an. Als Todesdatum gab man in Pirna-Sonnenstein den 29. März 1941 an. Wahrscheinlicher ist es aber, dass Johannes gleich am 07. März oder am 08. März 1941 getötet wurde, denn die Tötungen geschahen in der Regel zeitnah nach dem Eintreffen der Patienten in der Anstalt. Es ist ebenfalls davon auszugehen, dass es sich bei den sterblichen Überresten nicht um die Asche von Johannes Klaus Hauschildt selbst handelte. Dadurch, dass man die Familien der Opfer erst mit einer zeitlichen Frist von ungefähr zwei Wochen über den Tod derselben benachrichtigte, war die richtige Asche des Verstorbenen schon längst hinter der Anstalt auf dem Hang „entsorgt“ worden. Überdies wurden immer drei bis vier Leichen gleichzeitig im Ofen verbrannt. Am 28. April 1941 wurde die vermeintliche Asche von Johannes Hauschildt auf dem Familiengrabplatz in Aspe beerdigt.

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Das Bild zeigt eine Todesanzeige aus dem Jahr 1941. Im oberen Bereich steht "Gr.-Aspe, den 23. April 1941". Der Text informiert über den Tod von Johannes Klaus Hauschildt, der im Alter von 31 Jahren nach langem Leiden verstorben ist. Die Beerdigung fand am 28. April um 16 Uhr statt. Am Ende des Textes stehen tröstende Worte: „Deine Leiden sind zu Ende. Du gingst ein in bessere Hände. Was Gott tut, das ist wohlgetan.“

Im Mulsumer Kirchenbuch findet sich der Eintrag von Pastor Albrecht, dass Johannes Hauschildt am 29. März 1941 in Hartheim/Oberdonau ums Leben kam. Er sei seit 1936 Patient in der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg gewesen. Der Todesort wurde der Familie bewusst falsch angegeben. Es war eine gängige Methode, Todesorte zu nennen, die besonders weit weg waren, damit die Familie keine Nachforschungen anstellen konnte. Pastor Albrecht hat den Eintrag nicht absichtlich falsch notiert. Genau wie die Familie wurde auch er durch die Falschinformationen getäuscht.  

Die Einladung zur Beerdigung von Johannes Hauschildt ist datiert auf den 23. April 1941, obwohl er angeblich fast einen Monat vorher gestorben ist. Die Familie hat dem zufolge erst zu dieser Zeit von Johannes Tod erfahren. Zum Abschluss auf der Einladung ist zu lesen: „Deine Leiden sind zu Ende, Du gingst ein in bessere Hände. Was Gott tut, das ist wohlgetan.“ Welch eine Ironie, wenn man bedenkt, wie er wirklich ums Leben kam, aber das wusste zu der Zeit noch niemand! Später hat die Familie vermutet, dass Johannes ein Opfer der NS-Psychiatrie gewesen sein könnte, aber erst im Januar 2019 gab es die endgültige Gewissheit durch unsere Recherche. Eine erhaltene Krankenakte über Johannes dokumentiert sehr eindringlich, welch großes Leid diesem Mann während seiner Zeit in der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg zuteilwurde. Obwohl er kein Diabetiker war, wurde ihm mehrfach Insulin gespritzt. Des Weiteren erhielt er Spritzen mit dem Medikament Azoman. Diese Medikamente lösten innerhalb weniger Minuten Krampfanfälle bei Johannes aus. Auch Schockbehandlungen wurden durchgeführt. Er war nach diesen „Behandlungen“ zumeist verwirrt, benommen und litt auch manchmal unter Schmerzen.

Johannes Klaus Hauschildt war einer von mehr als 70.000 Kranken oder Behinderten, die innerhalb des Jahres 1941 durch die Nationalsozialisten in den Tötungsanstalten ums Leben kamen. Zwischen 1941 und 1945 fielen etwa 30.000 weitere Menschen dem Euthanasieprogramm der Nazis zum Opfer. In der Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein kamen in den Jahren 1940/41 circa 13.720 Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen auf Befehl der Nazis ums Leben. Des Weiteren starben dort im Sommer 1941 mehr als 1.000 Häftlinge aus Konzentrationslagern. 

Im Jahre 2000 wurde dort eine Gedenkstätte eröffnet und erinnert heute an die vielen Opfer, die in Pirna-Sonnenstein ihr Leben lassen mussten. Johannes Klaus Hauschildt wird ebenfalls auf einer Gedenkstele bei der St.-Wilhadi-Kirche in Stade mit vielen weiteren Naziopfern aus dem Landkreis Stade gedacht. Aufgrund dieser Recherche für die Stelen in Stade erfuhren wir von seinem Schicksal, und es entstand der Wunsch, auch hier vor Ort auf dem Asper Friedhof an Johannes und seine Geschichte zu erinnern. Sein Name befindet sich heute auf der Gedenkstele gleich beim Eingang des Asper Friedhofes.

 

 

 

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Das Bild zeigt eine Gedenkstele auf einem Friedhof mit der Inschrift "In Memoriam". Sie erinnert an Johannes Klaus Hauschildt (*24.12.1909, †7.3.1941, Groß Aspe) und Marcel Du Pins (*22.3.1910, †24.4.1945, Frankreich). Vor der Stele steht ein Strauß mit roten und weißen Rosen in einer Vase. Im Hintergrund ist ein sonniger Friedhof mit Grasflächen, Bäumen und weiteren Grabsteinen zu sehen. Der Himmel ist blau mit wenigen Wolken.

Auf dem Friedhof in Aspe erinnern insgesamt zwei Gedenkstelen an verschiedene Verstorbene, die während der Kriegszeit in Aspe starben und/oder dort beerdigt wurden.

Die erste Gedenkstele mit zwei eingravierten Namen erinnert an einen Mann, der gebürtig aus Aspe stammt, und an einen französischen Kriegsgefangenen aus dem Arbeitskommando 52 Brest-Aspe. Er leistete Zwangsarbeit in Klein Aspe.

Die zweite Gedenkstele erinnert an sechs deutsche Soldaten, die kurz vor dem Ende des Krieges bei Kampfhandlungen starben. Einer dieser Männer konnte leider bisher nicht identifiziert werden. Er wurde dementsprechend als unbekannt beerdigt.

 

Text: Debbie Bülau

Orte der Biografie

Geburtsort: Aspe

Aspe
Deutschland

Lüneburg
Deutschland

Hauptaufenthaltsort: Aspe

Aspe
Deutschland

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