Back to top
TESTBILD WIEDER LÖSCHEN Hoheisel
Opferbiografie
Woldemar Giesecke
18671944

Woldemar Giesecke
Lehrer aus Valga

geb. 04.01.1867 in Valga
gst. 22.11.1944 in Starogard Gdański (Pomorskie)

»Kommt aus dem Baltenheim aus Schwetz.«
Von Dietmar Schulze

Am 23. August 1939 unterzeichneten die Außenminister Deutschlands und der Sowjetunion in Moskau einen deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt und ein geheimes Zusatzprotokoll, mit dem sie ihre geopolitischen Interessen im östlichen Mitteleuropa absteckten und in Einflusssphären aufteilten. Als Folge dieses Vertragswerkes sollte die im künftigen sowjetischen Machtbereich lebende deutsche Minderheit nach Deutschland umgesiedelt werden. Bereits im Dezember 1939 verließen die in Estland und Lettland lebenden Deutschen ihre angestammte Heimat. Alte und pflegebedürftige Menschen traf die Umsiedlung besonders hart. Aus ihrer vertrauten Umgebung herausgerissen und von der Familie getrennt, fiel es ihnen schwer, sich an die neuen Lebensverhältnisse zu gewöhnen. Einige von ihnen zeigten psychische Auffälligkeiten, die eine Aufnahme in eine Heil- und Pflegeanstalt notwendig erscheinen ließen.

Biografie erstellt am 11.12.2019, letzte Aktualisierung: 20.12.2019

Der Deutschbalte Woldemar Giesecke, noch als Untertan des russischen Zaren am 4. Januar 1867 in der Kleinstadt Walk/Valga (Estland) geboren, lebte seit dem Sommer1943 im »Gaualterserholungsheim für Baltendeutsche« in Schwetz [Śwecie] an der Weichsel (Reichsgau Danzig-Westpreußen). Der ehemalige Lehrer hatte im Jahr 1940einen Schlaganfall erlitten, in dessen Folge er an Armen und Beinen gelähmt blieb. Im ärztlichen Attest wurde Gieseckes Geisteszustand als »hochgradig verblödet« bezeichnet. Er war zwar zeitlich und örtlich desorientiert, konnte jedoch auf Fragen nach seinem Befinden Antwort geben. Die Pflege des gelähmten alten Mannes erforderte allerdings einen erheblichen Aufwand, so dass sich die Heimleitung an die Heil- und Pflegeanstalt Konradstein mit der Bitte um Aufnahme wandte.

Am 13. November 1944 traf Woldemar Giesecke in Konradstein ein. Er verhielt sich bei der Aufnahme sehr ruhig. Die medizinische Untersuchung musste aufgrund der Lähmung und »des gänzlich passiven Verhaltens des Kranken« jedoch unterbleiben. Allerdings stellte der Aufnahmearzt fest, dass sich der bettlägerige Patient wund gelegen hatte. In den folgenden Tagen notierte der behandelnde Arzt, dass eine Verständigung mit dem 77-jährigen Giesecke nicht möglich sei, auch sei er unsauber und müsse mit einem Löffel gefüttert werden. Neun Tage nach seiner Einlieferung nach Konradstein, am 22. November 1944, verstarb Woldemar Giesecke an Herz- und Kreislaufschwäche.
Obwohl in den Unterlagen vermerkt ist, dass Woldemar Giesecke über keine Angehörigen
verfüge, meldete sich unmittelbar nach dem Tode dessen Schwester aus Posen [Poznań]. In ihrem Brief bat Henriette Blumfeld, geborene Giesecke, um eine amtliche Bescheinigung über den Todesfall und die Übersendung der persönlichen Gegenstände ihres Bruders.

Schreiben der Schwester Woldemar Gieseckes, Henriette Bumfeld an die Anstalt vom 28. November 1944. Archiwum Państwowe Gdańsk Oddział w Gdyni 2830 Nr. 2300.

Zudem wollte sie mehr über seinen kurzen Aufenthalt und seine letzten Stunden in Konradstein erfahren. Da eine Antwort aus Konradstein ausblieb, wandte sich Henriette Blumfeld an den für die Umsiedlung verantwortlichen Beauftragten des »Reichskommissars zur Festigung des deutschen Volkstums«. Dieser richtete am 22. Dezember 1944 an die Anstaltsdirektion die Bitte, der Schwester die gewünschten Informationen zu geben. Es sei »ein verständlicher Wunsch«, »näheres über das Ableben ihres Bruders zu erfahren«. Wahrscheinlich war jedoch ein Paket mit den Habseligkeiten Gieseckes und einem beiliegenden Brief verspätet zugestellt oder in der Post verloren gegangen. Die Konradsteiner Verwaltung hatte das Paket bereits Mitte Dezember aufgegeben.1

  1. Archiwum Państwowe Gdańsk Oddział w Gdyni 2830 Nr. 2300
Assoziationen

Assoziationen
As­so­zi­a­tive Beziehungen und Verknüpfungen

Alle Opfer der NS-"Euthanasie"-Verbrechen haben ihre Individualität. Manche wurden jedoch aus ähnlichen Motiven verfolgt, einige teilten zum Beispiel Gewaltererfahrungen in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen. Andere wiederum wurden doppelt sigmatisiert: Weil sie als psychisch krank und behindert galten und als homosexuell und jüdisch definiert wurden.
Diesen Verknüpfungen versuchen wir mit "Assoziationen" nachzugehen. Sie ermöglichen es auch, geographische Beziehungen in unserer Datenbank zu recherchieren. Sie können also erforschen, wer am selben Ort oder Region lebte, wer in der selben Anstalt lebte und ermordet wurde.

Assoziative Verbindungen

Diese Links führen Sie zu gefilterten Suchseiten von Opferbiografien

Tätigkeiten

Mit ‚Woldemar Giesecke‘ verknüpfte Biografien

Biografien korrigieren

Sie haben mehr Informationen oder Anmerkungen zu 'Woldemar Giesecke'?

Bitte helfen Sie uns bei der Vervollständigung der Biografie von 'Woldemar Giesecke'. Wenn Sie mehr wissen, Bild- oder anderes Material haben, würden wir uns sehr freuen, mit Ihnen in Kontakt zu kommen.

Eine Seite des Gedenkbuches in der Gedenkstätte Grafeneck

Bereits während der Schreckensherrschaft des NS-Regimes wurden viele Dokumente vernichtet. Nach 1945 herrschte lange ein Klima des Schweigens und Verdrängens. Wir wollen dazu beitragen, die Opfer wieder sichtbar zu machen. Dabei sind wir auf Ihre Unterstützung angewiesen.

Hervorgehobene Biografien

Neueste und hervorgehobene Biografien von Opfern

Die Sammlung von Opferbiographien begann im Jahr 2010 und wächst seither stetig. Hier sehen Sie Biografien, die kürzlich hinzugefügt wurden und solche, die aus Anlass eines Jahrestages oder Ereignisses hervorgehoben wurden. Angehörige und Erinnerungsinitiativen haben sie uns zur Verfügung gestellt.