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Opferbiografie: Wilhelm Böllmann, Porträtfoto
Opferbiografie
Wilhelm Böllmann
19001945

Wilhelm Böllmann
Arbeiter aus Harburg (Bayern)

geb. 08.05.1900 in Harburg (Bayern)
gst. 06.05.1945 in Kaufbeuren (Bayern)

Wilhelmina Müller, genannt „Gutscher Mina“, ist in dem kleinen Dorf Bühl im Nördlinger Ries zu Hause und muss ihr Brot schon als Kind als Gänse- und Kindsmagd verdienen. Nach Abschluss der Volksschule verdingt sie sich bei den Bauern der Umgebung als Magd. Nach dem Ersten Weltkrieg fehlen die Männer im heiratsfähigen Alter, und Mina bleibt lange allein.

Biografie erstellt am 21.11.2017, letzte Aktualisierung: 25.01.2018
Fotografie
Das unvollständig erhaltene Foto zeigt den in der Anstalt Kaufbeuren ermordeten Wilhelm Böllmann in den 1930er Jahren.

Mina ist 35 Jahre alt, als sie auf dem Harthof bei Harburg dem erwerbslosen Arbeiter Wilhelm Böllmann begegnet, der „Göckelesmann“ genannt wird, weil er mit dem Fahrrad im Ries umherfährt und Küken und andere Kleintiere verkauft. Böllmann macht auf den ersten Blick einen harmlosen Eindruck. Er ist aber wegen panischer Angstzustände schon einmal in die Günzburger Irrenanstalt eingewiesen worden. Eines Nachts wird er mit Mina zusammen in ihrer Kammer eingesperrt, bei der darauf folgenden Vergewaltigung wird ein Kind gezeugt. Erst am frühen Morgen kann Mina über das Dach flüchten. Böllmann wird für die Vergewaltigung nicht belangt, später aber wegen einer anderen Gewalttat wieder in die Anstalt eingeliefert. Als Minas Kind in die Schule kommt, zeigt sich, dass es in seiner geistigen Entwicklung zurückgeblieben ist.

In der Zwischenzeit hat die Herrschaft der Nationalsozialisten auch das Leben im Ries verändert. Mina erlebt, wie die jüdischen Viehhändler aus ihrem Gewerbe verdrängt und in ein Ghetto im Osten verschleppt werden, die HJ durch die Straßen paradiert und die SA die Nördlinger Synagoge verwüstet. Auf den Dörfern wachen parteitreue Ortsbauernführer über die Einwohner. Den Behörden entgeht es nicht, dass Minas Tochter nach den neuen Gesetzen als „erbkranker Nachwuchs“ gilt. Die mittellose Mutter muss damit rechnen, dass man sie ihr wegnimmt.

Der Krieg beginnt; Fremd- und Zwangsarbeiter sowie Kriegsgefangene übernehmen die Arbeit der zur Wehrmacht Einberufenen. Über das Ries ziehen die Bombergeschwader. Ein Volltreffer zerstört den Gasthof „Deutsches Haus“ in Nördlingen.

Anfang der 1940er-Jahre ist Mina in die Dienste des Bauern Fritz Kron getreten, der einen Hof in Löpsingen bewirtschaftet. Er hat kurz zuvor seine Frau verloren, liegt mit seinem Schwiegersohn, den er partout nicht haben wollte, im Streit und muss nun erleben, wie eines Tages seine seit vielen Jahren bettlägerige Tochter Maria abgeholt und in die Heil- und Pflegeanstalt Ansbach gebracht wird, wo sie kurz darauf verstirbt. Minas Ängste um ihre behinderte Tochter verstärken sich, und als sie wieder schwanger wird, erzählt sie den Löpsingern auf deren neugierige Fragen, dass sie ein „Gewächs“ im Bauch habe und deshalb immer runder werde. Der Ortsbauernführer ist der direkte Nachbar des Kron-Anwesens.
Tatsächlich aber bringt sie eine – gesunde – Tochter zur Welt. Da Mina mit Fritz Kron nicht verheiratet ist und somit in „wilder Ehe“ lebt, wird das Paar auf Betreiben des Pfarrers aus der Kirchengemeinde ausgeschlossen. Eine Eheschließung ist nicht möglich, wegen der behinderten Tochter wird das benötigte Nazi-Gesundheitszeugnis verweigert. Erst nach 1945 können sie ihre Verbindung legalisieren.

Die Fronten rücken immer näher, der Krieg neigt sich dem Ende zu. Vertriebene aus dem Sudetenland müssen im Ries einquartiert werden. Tiefflieger schießen auf alles, was sich bewegt und nicht rechtzeitig in Deckung geht. Der Bruder von Fritz Kron kommt beim Ausspannen der Kühe in seinem Hof ums Leben. Als amerikanische Truppen schließlich Bühl erreichen, reißt die fanatisierte Frau des Ortsbauernführers die weiße Fahne vom Kirchturm. Erst als die Läutbuben diese nach langem Zögern wieder hissen, kann die drohende Zerstörung des Dorfes abgewendet werden.

Wilhelm Böllmann erlebt das Kriegsende nicht mehr. Am 6. Mai 1945 verstirbt er in Kaufbeuren, wohin man ihn zwei Jahre zuvor verlegt hatte, an den Folgen der „Hungerkost“ als Opfer des „Euthanasie“-Programms. Seine Tochter Margarete überlebt die Naziherrschaft, da es Mina gelungen ist, sie bis zuletzt vor dem Zugriff der Behörden zu bewahren; sie verbringt ihr ganzes Leben in Anstalten. Die zweite Tochter von Mina, die Autorin, verlässt als Erste der Familie mit 15 Jahren das Ries und geht ihren ganz eigenen Weg.

Autorin: Lydia Kron-Treu

Assoziationen

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Diesen Verknüpfungen versuchen wir mit "Assoziationen" nachzugehen. Sie ermöglichen es auch, geographische Beziehungen in unserer Datenbank zu recherchieren. Sie können also erforschen, wer am selben Ort oder Region lebte, wer in der selben Anstalt lebte und ermordet wurde.

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