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Opferbiografie: Wojciech Adalbert Bizewski, Porträtfoto aus der Krankenakte
Opferbiografie
Wojciech (Adalbert) Bizewski
1886 — ?

Wojciech (Adalbert) Bizewski
Bauer aus Dębogórze (Pomorskie) (katholisch)

geb. 09.07.1886 in Miszewo Murowane (Mazowieckie)
gst. ? in ?

Von Robert Parzer

Wojciech (Adalbert) Bizewski überlebte eine Zwischenanstalt und eine Tötungsanstalt der »Aktion T4«. Nach seiner Odyssee von Westpreußen über Sachsen bis Hessen entwich er am 28. März 1945 aus Hadamar und kehrte nach Hause zurück.

Biografie erstellt am 14.12.2019, letzte Aktualisierung: 25.03.2020

Bevor er am 11. September 1936 in die psychiatrische Anstalt Konradstein kam, lebte der in Mischewo im Landkreis Karthaus geborene Bauer in dem kleinen Dorf Dębogórze in der Gemeinde Kosakowo im Nordwesten Polens. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Soldat teil. Nachdem er 1918 geheiratet hatte, wurde er Vater von sechs Kindern, davon waren vier Töchter. Sein familiäres Leben war von Konflikten mit seinem Bruder geprägt. Nachdem er mehrere Prozesse gegen ihn verloren hatte, schoss er auf ihn, wofür er zu sieben Monaten auf Bewährung verurteilt wurde. Zwei Wochen vor dem Beginn des Anstaltsaufenthaltes bemerkte die Familie drastische Veränderungen in seinem Verhalten: Er begann in der Öffentlichkeit zu predigen, hielt sich bevorzugt auf dem Friedhof auf und bedrohte seine Nachbarn sowie den örtlichen Gendarmeriestützpunkt mit Gewalttätigkeiten. Aus dem Arrest wurde er schließlich nach Konradstein gebracht, wo er sich anfangs nicht untersuchen lassen wollte und nur angab, die Stimme des »Gottes Augustin« zu hören. Die Ärzte führten sein Verhalten auf Alkoholmissbrauch zurück. In der Anstalt Konradstein wurde er als ruhiger und unauffälliger Patient eingeschätzt, der aber zeitweise künstlich ernährt werden musste. Ein Versuch der Familie, ihn zu Hause zu betreuen, scheiterte nach wenigen Tagen.

Porträtfoto Wojciech Bizewskis aus der Krankenakte. Datum der Fotografie unbekannt. Archiv des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen Signatur 12/4771.

Nach dem deutschen Überfall auf Polen und der Übernahme der Anstalt war auch Wojciech Bizewski in Gefahr, in die Massenerschießung der Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Konradstein einbezogen zu werden. Warum er nicht ermordet wurde, geht aus den Akten nicht hervor. Ab 1941 übte er in der Anstalt die Tätigkeit eines Beamtendieners aus, er ging also einem der höher gestellten Anstaltsmitarbeiter zur Hand. Möglicherweise galt er inzwischen in Konradstein als nützlich und wurde deswegen zunächst verschont. Noch im selben Jahr wurde er jedoch mit etwa 500 anderen Patienten nach Sachsen deportiert. Während die meisten anderen Patienten in der Gaskammer der Tötungsanstalt Pirna ermordet wurden, verblieb Bizewski fast zwei Jahre lang in der Anstalt Arnsdorf.

Er muss in Arnsdorf, das während der »AktionT4« als Zwischenanstalt für Pirna fungierte, zurückgestellt worden sein und war daher noch am Leben, als die Gasmordaktion Ende August 1941 abgebrochen wurde. Möglicherweise hatte ihn nochmals seine Arbeitsfähigkeit geschützt. Jedenfalls arbeitete er in Arnsdorf im Kohlenbunker, während die Familie in der Heimat versuchte, sich in die Deutsche Volksliste eintragen zu lassen. Im Zuge dieses Eindeutschungsverfahrens dürfte auch der Vornahme Bizewskis in »Adalbert« geändert worden sein.

Falscher Eintrag in der Patientenakte Bizewskis, in der sein Tod vermerkt wurde. Archiv des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, Signatur 12/4771

Am 31. März 1943 kam er mit anderen Patienten aus sächsischen Anstalten nach Hadamar, wo auch nach dem Ende der Gasmorde bis Kriegsende mehrere Tausend Patient*innen durch tödliche Injektionen und Hunger ums Leben gebracht wurden .Auch nach Hadamar schrieb Bizewskis Frau Maria Briefe mit der Bitte um Auskunft über den Gesundheitszustand. Am 1. April 1944 antwortete die Anstalt, dass er nicht entlassen werden könne. In der Krankengeschichte hatte man allerdings ein Jahr zuvor vermerkt, dass Wojciech Bizewski an einem Darmkatarrh gestorben sei. Wie dieser Fehleintrag zustande kam, muss ungeklärt bleiben, auch weil in Hadamar keine weiteren Vermerke in der Krankengeschichte getätigt wurden. Es steht zu vermuten, dass aufgrund der großen Menge an der wegen der Morde zu tätigenden Einträge versehentlich die falsche Akte herangezogen wurde. Bizewski gehörte zu den wenigen Überlebenden der Tötungsanstalt Hadamar. Am 28. März 1945 floh er von dort und kehrte in seine Heimat zurück. Dort betrieb seine Familie im Jahr 1947 ein Entmündigungsverfahren, im Zuge dessen sich das Bezirksgericht Gdynia in der psychiatrischen Anstalt Kocborowo über die Hintergründe seines dortigen Aufenthaltes erkundigte. Dort scheint die Weiterverlegung von Arnsdorf nach Hadamar unbekannt gewesen zu sein. Wie das Verfahren ausging und wo und wie Wojciech Bizewski nach 1947 lebte, ist unbekannt.1

  1. Archiwum Państwowe Gdańsk, Oddział w Gdyni 2830 Nr. 1519, Archiv des LandeswohlfahrtsverbandesHessen (Gedenkstätte Hadamar) Bestand 12 Nr. 4771.
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Literaturverweise

Ausgewählte Literatur zum Thema

Was geschah in Hadamar in der Nazizeit?
2008, Kassel

Ein Katalog in Leichter Sprache, 2. überarbeitete Auflage.

AutorUta/George und Stefan Göthling (Hg.)
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