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Opferbiografie: Emilie Rau, Porträt
Opferbiografie
Emilie Rau
18911941

Emilie Rau
aus Alsfeld (Hessen)

geb. 09.07.1891 in Alsfeld (Hessen)
gst. 21.02.1941 in Hadamar (Hessen)

Emilie Rau ist eines der T4-‚Vorzeigeopfer' in der Bundesrepublik. Seit Anbeginn wird sie in der Dauerausstellung in der Gedenkstätte Hadamar porträtiert, mit ihrer Biografie wird im pädagogischen Begleitprogramm von vielen Gruppen gearbeitet, sie wird in wissenschaftlichen Studien, Publikationen der Bundeszentrale für politische Bildung, Zeitungsartikeln, Filmdokumentationen und privaten wie offiziellen Webseiten erwähnt.

Biografie erstellt am 23.01.2018, letzte Aktualisierung: 25.01.2018

Im Katalog in Leichter Sprache (George/Göthling 2008) heißt es über sie:

„Emilie R. wurde 1892 in Alsfeld geboren. Das ist in Hessen. 1912 heiratete sie den Polizei-Sekretär Christian R. Sie hatten 4 Kinder zusammen. Ab 1931 ging es Emilie R. nicht mehr so gut. Sie wurde immer verwirrter. Und hatte Angst. Sie war oft völlig durcheinander. Oder war ohne Grund sehr traurig. Sie wurde öfters in der Nerven-Klinik Frankfurt untersucht. Das sagten die Ärzte über sie:
Sie sei psychisch krank. Deshalb kam sie 1931 in die Anstalt Hadamar. Emilie R. wurde dort aber nicht gesund. Ihr Ehemann ließ sie im Herbst 1936 in ein kirchliches Pflege-Heim bringen. Die Familie durfte Emilie R. nur noch selten besuchen. Auch ihr Mann durfte nicht mehr oft kommen. Es gab strenge Regeln für die Besuche. Zum Beispiel:

Opferbiografie: Emilie Rau, Porträt
Emilie Rau

Christian R. besuchte seine Frau an ihrer Silber-Hochzeit. Christian R. durfte mit seiner Frau nicht spazieren gehen. Emilie R. war nämlich nicht sterilisiert. Sie war 45 Jahre alt. Sie konnte noch Kinder bekommen. Aber das wollten die Ärzte, Schwestern und Pfleger nicht. Sie glaubten: Ihre Kinder könnten auch krank sein. Deshalb durften Emilie R. und ihr Mann nicht alleine sein. 1939 musste Emilie R. wieder in eine andere Anstalt. Dieses Mal kam sie in die Anstalt Eichberg. Am 21. Februar 1941 wurde Emilie R. in die Gasmord-Anstalt Hadamar gebracht. Am selben Tag wurde sie dort getötet. Das sollte die Familie nicht wissen: Wie Emilie R. gestorben war. Die Familie bekam erst Anfang März 1941 einen Brief. Der Brief kam aus der Anstalt Pirna-Sonnenstein in Ost-Deutschland. Das wusste die Familie nicht: Die Anstalt Pirna-Sonnenstein war eine Gasmord-Anstalt. Das stand in dem Brief: Sie sei am 1. März 1941 in Pirna-Sonnenstein gestorben. Emilie R. hätte eine Krankheit an den Lippen gehabt. Und dann noch eine Hirnhaut-Entzündung. Das sollte die Familie nicht wissen: Emilie R. war in Hadamar gestorben. Alsfeld ist nicht so weit weg von Hadamar. Vielleicht wäre die Familie nach Hadamar gefahren. Um mehr über den Tod von Emilie R. herauszufinden. Das wollten die Täter und Täterinnen aber nicht."

Über Emilie Rau und ihre Familie gibt es einen umfangreichen Text von ihrem Urenkel Andreas Hechler. Der Text kann hier heruntergeladen werden.

„Meine Urgroßmutter Emilie Rau wurde am 21. Februar 1941 in der NS-›Euthanasie‹-Anstalt Hadamar mit Kohlenmonoxid ermordet.

 

Emilie Raum im Kreis ihrer Familie

Im Folgenden geht es mir weniger um eine historisch genaue Rekonstruktion der Fakten, sondern vielmehr um die Frage, welche Folgen ihr Tod für meine Familie und mich hatte und hat, und wie mit ihrer Ermordung gesellschaftlich umgegangen wurde und wird. In diesem Zusammenhang werde ich aufzeigen, wie die Diagnose ‚lebensunwert' die ganze Familie bis mindestens in die vierte Generation prägt. 

Dabei sollen nicht nur innerfamiliäre Tradierungen, Umgangsweisen und Folgen, sondern auch gesamtgesellschaftliche Prozesse und eine Kritik des fortdauernden Ableismus in der deutschen Gesellschaft zur Sprache kommen. Letzterer führt u.a. dazu, dass sich viele Familien in der Bundesrepublik mit einer ähnlichen Familiengeschichte für ein Beschweigen ihrer ermordeten Verwandten entscheiden. Anders formuliert geht es mir um die Frage, wieso nach wie vor die NS-‚Euthanasie'-Opfer sowohl in den allermeisten deutschen Familien als auch in den öffentlichen Gedenk- und Erinnerungspolitiken tabuisiert und ihre Namen geheim gehalten werden. Dieser Umstand ist für manch andere NS-Opfergruppen völlig undenkbar, geht es dort doch gerade um ihre öffentliche Erinnerung mit Namen.

Quellen dieses Aufsatzes sind, jenseits der allgemein zugänglichen Literatur, zum einen Interviews mit der 3. und 4. Generation meiner Familie väterlicherseits (mein Vater ist der Enkel meiner Uroma), die in der zweiten Jahreshälfte 2013 geführt wurden, zum anderen die umfangreichen Recherchen meiner 1995 verstorbenen Oma (die Tochter meiner Uroma), die Krankenakte meiner Uroma sowie behördliche und familiäre Schriftstücke und Briefe.

Ich werde zunächst in die Biografie meiner Uroma Emilie Rau einführen und dabei aufzeigen, dass sie in der Bundesrepublik eines der ‚Vorzeigeopfer' der NS-‚Euthanasie' ist. Zu diesem Status hat der Kampf meiner Großmutter beigetragen, den ich im Folgekapitel beleuchte. Der daran anschließende Teil ‚Hintergründe zu Emilie Rau und ihrer Ermordung' führt weiter in das Leben von Emilie Rau, ihre Familie und ihre Ermordung ein. Auf die ‚Folgen für meine Familie' geht der nächste Teil ein, der die innerfamiliären Tradierungsprozesse für die erste bis vierte Generation untersucht. ‚In der Gaskammer' macht exemplarisch eine dieser Folgen für mich persönlich deutlich und stellt meinen Versuch einer Annäherung an die Ermordung meiner Uroma dar. Der Teil zu ‚Identifizierungsprozessen' geht auf erinnerungspolitische Prozesse ein und diskutiert die eben schon angerissene Frage, wer wessen (nicht) gedenkt und mögliche Ursachen dafür. Daran anschließend geht es um ‚Ableismus, Scham und Erinnerungspolitik' in der Bundesrepublik, die Frage der Namensnennung und warum ‚Scham' keine taugliche Erklärung für das Ver- und Beschweigen der NS-‚Euthanasie'-Opfer ist. Das Schlusskapitel ‚Kein Ende' stellt zusammenfassende und allgemeinere Überlegungen zum Thema an."

Assoziationen

Assoziationen
As­so­zi­a­tive Beziehungen und Verknüpfungen

Alle Opfer der NS-"Euthanasie"-Verbrechen haben ihre Individualität. Manche wurden jedoch aus ähnlichen Motiven verfolgt, einige teilten zum Beispiel Gewaltererfahrungen in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen. Andere wiederum wurden doppelt sigmatisiert: Weil sie als psychisch krank und behindert galten und als homosexuell und jüdisch definiert wurden.
Diesen Verknüpfungen versuchen wir mit "Assoziationen" nachzugehen. Sie ermöglichen es auch, geographische Beziehungen in unserer Datenbank zu recherchieren. Sie können also erforschen, wer am selben Ort oder Region lebte, wer in der selben Anstalt lebte und ermordet wurde.

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Literaturverweise

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