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Opferbiographie: Erwin Witzke, Foto aus Krankenakte
Opferbiografie
Erwin Witzke
19371943

Erwin Witzke
aus Leźno (Pomorskie)

geb. 13.04.1937 in Leźno (Pomorskie)
gst. 14.07.1943 in Starogard Gdański (Pomorskie)

Von Dietmar Schulze
»Prognose: Aussichtslos«

Im Sommer 1942 brachte Meta Witzke, Ehefrau des Landwirts Ernst Witzke aus Leesen [Leżno], einem Dorf im Kreis Karthaus (Reichsgau Danzig-Westpreußen), ihre beiden Söhne Erwin und Horst in die Heil- und Pflegeanstalt Konradstein. Der Amtsarzt des Landkreises Karthaus hatte ihre Einweisung »wegen Schwachsinn« verfügt, »da sie als Last für gesunde Menschen und als vollkommen bildungs- und heilungsunfähig anzusehen sind«. Bei der Aufnahme gab die Mutter zu Protokoll, dass sich beide Kinder bis zu ihrem ersten Geburtstag normal entwickelt hätten. Erst danach sei eine Veränderung in ihrem Verhalten eingetreten.

Biografie erstellt am 18.12.2019, letzte Aktualisierung: 20.12.2019

Erwin Witzke, geboren am 13. April 1937, war der Akte zufolge ein seinem Alter entsprechend körperlich gut entwickelter Junge. Er konnte laufen, tat dies aber nur planlos und unsicher, wie das Pflegepersonal beobachtete. Sprache und Sprachverständnis waren hingegen überhaupt nicht ausgeprägt. Der am 12. Juli 1938 geborene jüngere Bruder Horst Witzke konnte aufgrund einer Lähmung der Beine nur im Bett liegen. »Motilität und grobe Kraft der Beine anscheinend herabgesetzt«, heißt es dazu im Krankenblatt. Auch Horst konnte nicht sprechen. Beide Kinder zeigten ein sehr unruhiges Verhalten und mussten gefüttert werden; zudem erschwerte Unsauberkeit ihre Pflege.

Foto von Erwin Witzke aus der Krankenakte. Archiwum Państwowe Gdańsk, Oddział w Gdyni 2830 Nr. 5823.

Der behandelnde Arzt, Dr. Hans Arnold Schmidt, beurteilte die Heilungschancen beider Jungen negativ. In Erwins Krankengeschichte vermerkte er: »Prognose: Aussichtslos«. Bei Horst konnte er »keine Anzeichen einer geistigen Entwicklung« feststellen. Die Kinder wurden deshalb lediglich verwahrt. Der vierjährige Horst musste bereits wenige Wochen nach seiner Einlieferung vom Pflegepersonal »eingehüllt« werden, weil er sich selbst kratzte und biss. Seit Februar 1943 litt Horst zudem an starkem Erbrechen und Nasenbluten, verbunden mit ständig erhöhter Körpertemperatur und Gewichtsabnahme. Horst wurde wegen des Verdachts auf Tuberkulose isoliert. Am 9. April 1943 notierte der Arzt: »Weiterhin Temperaturen und Gewichtsabnahme (3 kg). Ißt schlecht.«

Horst Witzke starb am 26. April 1943 »unter den Zeichen der Herz- und Kreislaufschwäche«. »DoppelseitigeLungenentzündung« lautet die auf dem Totenschein angegebene Todesursache. Am 18. Mai 1943, etwa drei Wochen nach dem Tod Horst Witzkes, notierte Dr.Schmidt in der Krankengeschichte des Bruders Erwin: »Bericht an R. A.«

»R. A.« ist ein Kürzel für den »Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden«. Hinter dieser verschleiernden Bezeichnung verbarg sich ein Gremium, das die Erfassung, medizinische Begutachtung und Tötung vongeistig und körperlich behinderten Kindern und Jugendlichen organisierte. Zu diesem Zweck hatte der »Reichsausschuß«, an Universitätskliniken, an Kinderkrankenhäusern oder in Heil- und Pflegeanstalten spezielle »Kinderfachabteilungen« eingerichtet. Eine»Kinderfachabteilung« befand sich in Konradstein. Der »Reichsausschuß« forderte von den zuständigen Ärzten Berichte an, nach denen über Leben und Tod der Patienten entschieden wurde. Waren die Gutachter des »Reichsausschusses« der Meinung, ein Kind solle getötet werden, erteilten sie eine »Behandlungserlaubnis«. Drei Monate nach der Meldung an den »Reichsausschuß« erkrankte Erwin Witzke.

Zwar fehlt ein schriftlicher Nachweis, es kann aber vermutet werden, dass aus Berlin zwischenzeitlich eine »Behandlungserlaubnis« eingegangen war. Der Tod der»Reichsausschusskinder« wurde mittels stetiger, in der Summe tödlich wirkender Medikamentengaben, meist Luminal, herbeigeführt. Der Krankheitsverlauf und die Todesursache sprechen für eine gezielte Tötung des sechsjährigen Erwin. Der Eintrag im Krankenblatt für den 10. Juli 1943 lautet: »Ist mit hohem Temperaturanstieg /39,6/erkrankt.« Zwei Tage später heißt es: »Weiterhin hohe Temperaturen zwischen 39 und40°. Über der rechten Lunge Bronchialatmen. Zunehmende Verschlechterung des Allgemeinbefindens.«

Am 14. Juli 1943 gegen vier Uhr früh verstarb Erwin Witzke »unter den Zeichen einer Herz- und Kreislaufschwäche«. Wie bei seinem jüngeren Bruder lautete die Todesursache auf dem Totenschein Lungenentzündung.

Erwin Witzke wurde am 17. Juli 1943 auf dem Anstaltsfriedhof beigesetzt; ob auch sein Bruder Horst dort beerdigt wurde, geht aus den Unterlagen nicht hervor.1

  1. Archiwum Państwowe Gdańsk, Oddział w Gdyni 2830 Nr. 5823
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