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Historischer Ort: Denkmal der Grauen Busse, Porträt 4
Opferbiografie
Emil Lämmle
18971940

Emil Lämmle
Färbereiarbeiter aus Tübach (St. Gallen)

geb. 13.08.1897 in Tübach (St. Gallen)
gst. 27.05.1940 in Grafeneck (Baden-Württemberg)

Von Paul-Otto Schmidt-Michel

Akte Staatsarchiv St. Gallen1: Emil Lämmle wurde in Tübach, Kanton St. Gallen, am 13.8.1897 geboren. Sein Vater, Karl Lämmle, war im Alter von 19 Jahren in die Schweiz ausgewandert und hatte dort die in Tübach lebende Schweizerin Adelina, geborene Hungerbühler, geheiratet. Er kam ursprünglich aus Biberach in Württemberg und verstarb 1924. Emil Lämmle wurde am 10.11.1930 in die Anstalt St. Pirminsberg durch den Gemeinderat Tübach eingewiesen.

  1. Staatsarchiv St. Gallen, Findnummer A 404/2 –2574, Krankenakte aus der Anstalt St. Pirminsberg, 26 Seiten.
Biografie erstellt am 08.05.2018, letzte Aktualisierung: 31.05.2018

Biographisch ist den Akten aus seinen eigenen und den Beschreibungen seiner Schwester zu entnehmen, dass Emil Lämmle in der Schweiz neun Jahre «mit Erfolg» zur Schule ging. Im Jahr 1916 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen – dies offensichtlich dann in Deutschland, weil er keine Schweizer Staatsangehörigkeit erworben hatte. Ein Bruder von ihm fiel Im Krieg. Er selbst war 16 Monate ununterbrochen an der Front. Im Jahr 1919 kam er wieder nach Hause nach Tübach und konnte in der Firma Raduner in Horn in der Färberei regelmässig arbeiten.

Nach Bericht der Schwester sei er jedoch «nicht mehr derselbe gewesen. (...) Wenn er vom Krieg berichtete bekam er plötzlich Weinkrämpfe und musste sich in sein Zimmer zurückziehen». Er zog sich von der Familie zurück, hatte keine Freunde, war schnell verärgert und erregbar, so die Schwester. Auf Veranlassung des Bezirksamts Rorschach erstellte das «Physikat Rorschach» am 6.10.1930 ein ärztliches Gutachten. Anlass war die Klage der Schwester, dass die Familie sich vor seinen Wutausbrüchen fürchte. Der Gutachter befragte auch den Meister seines Betriebs, wie er sich dort verhalte. Dieser berichtete, er sei ein guter Arbeiter. Er könne schon wütend werden, aber er unterdrücke das und habe sich im Griff. Seine Arbeit besorge er «tadellos, erscheine auch sehr früh und pünktlich». Der Bezirksarzt schrieb in seinem achtseitigen Gutachten, dass seine «Kriegserlebnisse sein Leiden zum Ausbruch gebracht» hätten und dass er daher leicht reizbar sei und hin und wieder religiöse Phantasien äussere. Er schlussfolgerte, dass «der Aufenthalt in der eigenen Familie nicht der richtige Ort für den Mann zu sein scheint», er solle «in einer fremden Familie Zimmer und Verkostung finden», da er ein «leicht reizbares Nervensystem» habe. Der Bezirksarzt schloss seine Einschätzung mit der Bemerkung: «Sollte trotzdem das leicht reizbare Nervensystem den Lämmle zu explosiven Stimmungsäusserungen führen, so müsste der Explorand für eine gewisse Zeit zur Beobachtung in eine Nervenheilanstalt verbracht werden». Letzeres beschloss dann auch der Gemeinderat Tübach, weil er gegenüber dem Gemeindeammann Drohungen ausgestossen habe, und er wurde von zwei Polizeibeamten nach St. Pirminsberg gebracht. Die Aufzeichnungen in der Krankenakte der Anstalt St. Pirminsberg1erstrecken sich über nur eine Seite. Er war dort bis zu seiner Ausschaffung nach Württemberg ca. acht Monate untergebracht. Ein Aufnahmebefund wurde nicht erstellt. Am 11.9.1930 wurde eingetragen: «Schimpft über Angehörige, werde sich nach der Entlassung eine Pension suchen». Und er beklagte sich, dass er in der Färberei in einem kleinen Raum arbeite und «immer den Dampf der Farblösungen einatmen müsse». Am 3.12.1930 heisst es im Verlaufsbericht, er sei «ruhig, aber verschlossen, zeitweise empfindlich, gereizt, beschäftigt sich mit Büchern». Am 20.12. besuchte ihn seine Mutter. Er sei ihr gegenüber misstrauisch gewesen und habe ihr Vorwürfe gemacht. Am 24.1.1931 wurde kurz berichtet, dass er mit einem anderen Patienten Streit hatte. Daraufhin gab es sechs Monate keinen Eintrag mehr und handschriftlich wurde nach diesem letzten Eintrag im Juli geschrieben: «(...) in eine deutsche Anstalt transpediert».

Den Akten liegen umfangreiche Schriftwechsel zwischen der Krankenkasse der Firma Raduner, dem Gemeinderat und der Anstalt St. Pirminsberg bei. Die betriebliche Krankenkassegab am 5.12.1930 eine volle Kostengarantie für Emil Lämmle für seine Anstaltsbehandlung für 180 Tage und danach 90 Tage für die Hälfte der Kosten und schrieb am Schluss: «Bis heute hat er in unserem Geschäft immer gearbeitet, jedoch hat man ihm angesehen, dass der Mensch immer studiert, es wäre zu bedauern, wenn dieser Mann in seine Heimat abgeschoben werden müsste». Ungefähr nach Ablauf dieser Kostenzusage wurde er ausser Landes gebracht. Seitens der «Direction der Heilanstalt Anstalt St. Pirminsberg» wurde davor mit Datum vom 27.4.1931 eine ärztliche Beurteilung (ohne Unterschrift, möglicherweise ein Entwurf) an den Gemeinderat Tübach abgegeben. Hierin wurde ihm «ein sogenannter religiöser Wahnsinn» attestiert, er glaube «die Stimme Gottes zu hören, (...) obwohl er sich zeitweise beherrschen und geberden (sic!) kann als ob ihm nichts fehle». Gelegentlich habe er «affektive Erregungen, die aber gewöhnlich rasch vorüber gingen» und «nicht in gefährlicher Weise geschehen». Schliesslich sei es nicht auszuschliessen «dass sich die Krankheit in noch schwierigerer Form äussern könne». Die Beurteilung schliesst mit der Bemerkung: «Wir können es unter solchen Umständen sehr wohl verstehen, dass die beförderliche (sic!) Transferierung des Patienten in eine heimatliche Anstalt ins Auge gefasst wird. Vermutlich werden die Verpflegungskosten in der Heimat billiger zu stehen kommen. Ob in diesem Fall die Krankenkasse ihrer Zahlungspflicht vorzeitig entbunden würde, können wir nicht beurteilen». Daraufhin wurde offensichtlich das «Departement des Inneren des Kantons St. Gallen» aktiv, denn dieses schrieb am 15.7.1931 an den Gemeinderat Tübach im «Heimschaffungsfall Lämmle»: «Seitens der zuständigen württembergischen Oberbehörde ist die Übernahme eingegangen; gestützt hierauf haben wir die Überführung des Lämmle nach Friedrichshafen auf den 30.7.1931 angesetzt. Das «kantonale Polizeikommando » wurde mit der Überführung beauftragt.

Akte Bundesarchiv2: Emil Lämmle «von Zürich» wurde am 1.8.1931 in die Heilanstalt Weissenau aufgenommen. Er war «Dienstknecht» und war am 13.8.1897 in Zürich geboren worden. Der Vater wird als verstorben eingetragen. Als letzter Wohnort wird in der Akte Tubach, Kanton St.Gallen, angegeben. Zuvor war er seit 10.11.1930 in der Heilanstalt St.Pirminsberg in der Schweiz untergebracht. Im Aufnahmeprotokoll heisst es, «Heute aus der Schweiz über Karl-Olga-Krankenhaus (Friedrichshafen, der Verf.) hierher gebracht». Hintergründe für diesen Transport von Emil Lämmle aus der Schweiz nach Deutschland sind der Akte nicht zu entnehmen. In der Opferliste der Gedenkstätte Grafeneck ist bei Herrn Lämmle «Zürich» sowohl als Geburtsort als auch als letzter Wohnort genannt.


Bei seiner Ankunft in Weissenau wurde er als «ruhig, geordnet, besonnen» beschrieben und er äussere religiöse Wahnvorstellungen über Gott und Maria. Auf der Station führe er Selbstgespräche, sei ohne Kontak zu Anderen und «besorgt sich selbst». Ab Oktober wurde er für kurze Zeit als «Hausarbeiter» beschäftig, dann hatte er wieder vermehrt «Sinnestäuschungen» worauhin «Bettbehandlung» erfolgte. Bis 1936 änderte sich sein Verhalten nicht: «zurückgezogen, führt Selbstgespräche, oft im Garten, manchmal hypochondrische Klagen. Höflich, freundlich, besorgt sich selbst». Ab 1936 war er zu Arbeitseinsätzen bereit und wurde als «nützlicher Arbeiter im Anstaltsbereich» bezeichnet. In den Jahren 1939 und 1940 enthält die Akte kaum mehr Aufzeichnungen («unverändert»).

Emil Lämmle wird am 27.5.1940 in Grafeneck ermordet.

Diese Bigrafie erschien zuerst in SWISS ARCHIVES OF NEUROLOGY, PSYCHIATRY AND PSYCHOTHERAPY 2018;169(3):82–88

  1. Staatsarchiv St. Gallen: A404/2/2574.
  2. Bundesarchiv, Bestand R 179, Nr. 24287, 22 Seiten, diverse Handschriften.
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