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Opferbiographie: Elisabeth Willkomm, Porträt
Opferbiografie
Elisabeth Willkomm
19121942

Elisabeth Willkomm
Haushaltshilfe aus Kleinmachnow (Brandenburg) (evangelisch)

geb. 15.12.1912 in Riedisheim (Alsace)
gst. 20.10.1942 in Neuruppin (Brandenburg)

Text und Briefauszüge zur Stolpersteinverlegung für Liesel Willkomm am 20.02.2019

Wir sind heute hier, um Elisabeth, genannt Liesel, Willkomms zu gedenken. Sie kommt am 15. Dezember 1912 in Riedisheim im Elsaß zur Welt, als 10. Kind von Emily Willkomm geborene Naumann und Martin Willkomm. Als sie ein einhalb Jahre alt ist, wird ihre Schwester Marie, meine Großmutter, geboren. Kurz darauf beginnt der erste Weltkrieg. Als der Krieg vorbei ist, muss die Familie das Elsaß Richtung Deutschland verlassen. Zur Ausreise bleibt nicht viel Zeit. Es gibt eine Obergrenze von 30 kg Gepäck pro Person. Über Nacht nähen Menschen aus der Gemeinde, in der Vater Martin Pfarrer ist, Rucksäcke für jedes der elf Kinder. Die Familie kommt bei Verwandten in Planitz, in Sachsen unter.

Biografie erstellt am 31.03.2019, letzte Aktualisierung: 09.04.2019

Im Jahr 1924 zieht die Familie mit inzwischen 12 Kindern nach Kleinmachnow. Die Evangelisch lutherische Freikirche erwirbt das ehemalige Seemannserholungsheim und gründet die Theologische Hochschule Klein-Machnow. Liesels Vater übernimmt die Leitung der Hochschule. Die Familie lebt auf dem weitläufigen Gelände mit den vielen Kiefern, vor dem wir hier stehen.

Elisabeth Willkomm (Mitte) mit Geschwistern

Als Kind verbringt Liesel viel Zeit mit ihren fast gleichaltrigen Schwestern Marie und Käthe. Auf fast allen Fotos, die von Liesel existieren, sind sie zu dritt zu sehen. Wie viele in der Familie singt Liesel gerne. Sie interessiert sich auch sehr für Theologie, sitzt oft im Studierzimmer ihres Vaters und liest in dessen Büchern. Möglicherweise hätte sie auch gerne an der Hochschule studiert, auf deren Gelände sie gelebt hat.

Aber die lutherische Freikirche sieht keine Ausbildung und Berufung von Frauen ins Pfarramt vor. Die finanziellen Mittel der Familie sind begrenzt, nicht jedes der Kinder kann eine Berufsausbildung machen. Liesel erlernt keinen Beruf. Sie arbeitet als Haushaltshilfe oder betreut Kinder. Von einer Stelle berichtet sie in einem Familienrundbrief von 1938 Folgendes:

„Daß ich eine Beschäftigung in der Zeit als Spielleiterin hatte, wißt Ihr ja alle. [...} Meine Tätigkeit hat mich auch befriedigt. Ich hatte die Aufgabe, Kinder, im Alter von 13 Jahren und darunter, von einem bestimmten Sammelplatz nach dem Plänterwald zu bringen und dort mit ihnen den ganzen Tag zu spielen, abends ½ 6 Uhr dann wieder zurückzubringen. Es waren Kinder, die erholungsbedürftig waren und zum größten Teil alles Essen usw. von der Stadt Treptow bezahlt bekamen.“

Liesel beschließt, einen Mann, mit dem sie eine Beziehung hat, nicht zu heiraten. Wahrscheinlich lehnen ihre Eltern die Verbindung zu dem Mann auf Grund seiner Klassenzugehörigkeit ab. Diese wird wohl als nicht angemessen erachtet. Überliefert sind nur die Initialen des Mannes: A.S.. Liesels Erkrankung tritt, nach allem was wir wissen, im Jahr 1931 zum ersten Mal auf. Sie ist 19 Jahre alt. Ihr Vater nennt es „die böse Krankheit“, ihre Geschwister später „Schwermut“ oder „Melancholie“. Sie wird behandelt in einer Klinik in Nikolassee. Elf Jahre später, im Oktober 1942, geht es ihr wieder schlecht. Sie lebt und arbeitet zu dieser Zeit im Haushalt eines älteren Ehepaars. Diese rufen die Eltern eines Abends an, da Liesel „ganz wirr und furchtbar traurig“ sei. Liesel wird von ihren Eltern nach Hause geholt, wo sie noch zwei Tage mit ihrer jüngsten Schwester Ruth verbringt, bevor die Eltern einen Arzt bestellen. Dieser stellt eine Bescheinigung zur Einweisung in ein Krankenhaus aus. Nachdem in näher gelegenen Krankenhäusern kein Platz zu kriegen ist, bringt die Mutter sie in die Wittenauer Heilstätten.

Der Vater schreibt dazu an die Familie:

„Dort hat sie dann auch eine gute Aufnahme gefunden. Liesel selbst ließ sich ganz ruhig wegbringen und hat auch unterwegs der Mutter keine Not gemacht. Nun wollen wir Morgen zum ersten Male hin, um sie zu besuchen. Wir hoffen zu Gott, dass es der rechte Platz ist und bitten Ihn, dass Er als der rechte Arzt für Seele und Leib ihr bald wieder zur Gesundheit und Klarheit verhelfe. Sie zuhause zu behalten, hätten wir nicht verantworten können.“

Er schreibt weiter:

„Übrigens hat sie von ihrer Reise noch sehr dankbar gesprochen und auch noch kurz, ehe sie wegfuhren, der Mutter gesagt, sie wisse wie lieb wir sie alle hätten und dass wir ihr viel Gutes getan hätten. So wollen wir dies Kreuz, das unser lieber himmlischer Vater uns geschickt hat, auf uns nehmen und in der Kraft seines Heiligen Geistes geduldig tragen, nicht zweifelnd, daß es uns allen und sonderlich unsrer lieben Kranken schließlich noch zum Besten dienen muß, weil Er nicht lügt. Ihr aber helft uns tragen und denkt insonderheit in Euren Gebeten, namentlich bei den letzten Bitten des heiligen Vaterunsers unser und Eurer kranken Schwester. Und wenn wir Abends die Augen schließen, wollen wir uns in dem Kindergebetlein vereinen:

Kranken Herzen sende Ruh',

Nasse Augen schließe zu,

Lass uns an dem ew'gen Heil

Dort im Himmel haben Teil. Amen.“

Sieben Tage nach ihrer Aufnahme in den Wittenauer Heilstätten wird Liesel am 16.10.1942 in die Landesanstalt Neuruppin verlegt. Gemeinsam mit 51 weiteren Patient_innen. Nur vier Tage später am 20.10.1942 ist Liesel tot. Der Familie wird mitgeteilt, die Neunundzwanzigjährige sei an Herzmuskelschwäche gestorben. Einer ihrer Brüder, Friedel, zieht diese Version in Zweifel und will der Sache nachgehen. Die Eltern unterbinden das. Liesels Leichnam wird nach Kleinmachnow überführt und am 26.10. auf dem hiesigen Waldfriedhof bestattet. Der Vater schreibt über die Trauerfeier:

„Die Friedhofskapelle hatten wir mit grünen Pflanzen usw. schmücken lassen; sie machte einen sehr würdigen Eindruck und es war eine stattliche Versammlung, die sich dort einfand, um unsrer Liesel das Geleite zu geben. Der Steglitzer Kirchenchor sang ihr die Verse: "Wenn ich einmal soll scheiden usw.", die Ortsgruppenleiterin der Frauenschaft legte einen Strauß am Sarg nieder und viele Gemeindeglieder aus Steglitz und Nachbarn und Freunde von hier waren erschienen; war doch Liesel allgemein beliebt und wohl hier in Kleinmachnow das bekannteste unter den Gliedern unsrer Familie.“

Liesel ist eines der vielen Opfer der NS-Ideologie von „lebenswertem“ und „lebensunwertem“ Leben geworden. Ihr Tod fällt in eine Zeit, in der die logistisch aufwendige Ermordung von Patient_innen in zentralen Tötungsanstalten (bekannt unter dem Namen Aktion T4) einer neuen Praxis gewichen ist. Ab August 1941 bis zum Kriegsende wurde in Heil- und Pflegeanstalten durch Medikamenten-Überdosis und Unterernährung gemordet. Diese Tötungsmethoden waren unauffälliger und ließen das Vortäuschen einer natürlichen Todesursache wie „Herzmuskelschwäche“ zu. Wie viele Menschen im Namen der sogenannten „wilden Euthanasie“ durch Ärzt_innen und Pflegepersonal ihr Leben verloren haben, ist bis heute unklar. Täter_innen konnten nach dem Ende der NS-Herrschaft vielfach unbehelligt weiter arbeiten. Und auch viele Angehörige haben sich nicht mit diesem schmerzhaften und vielleicht schambesetzten Thema beschäftigen können oder wollen. Auch in unserer Familie hat es viele Jahrzehnte gedauert, das Tabu zu brechen und ein würdiges Gedenken an Liesel möglich zu machen, das die Umstände ihres Todes nicht verschweigt! Ich freue mich sehr, dass wir heute hier unter diesem Vorzeichen zusammen gekommen sind. Lasst uns Liesels Andenken als Anstoß nehmen auf einander zu achten, uns gegenseitig zu unterstützen und den Ideologien der Menschenverachtung immer etwas entgegen zu setzen!

Stolpersteinverlegung

Am 20. Februar 2019 wurde in Kleinmachnow am Zehlendorfer Damm 71 ein Stolperstein für Elisabeth Willkomm verlegt.

Assoziationen

Assoziationen
As­so­zi­a­tive Beziehungen und Verknüpfungen

Alle Opfer der NS-"Euthanasie"-Verbrechen haben ihre Individualität. Manche wurden jedoch aus ähnlichen Motiven verfolgt, einige teilten zum Beispiel Gewaltererfahrungen in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen. Andere wiederum wurden doppelt sigmatisiert: Weil sie als psychisch krank und behindert galten und als homosexuell und jüdisch definiert wurden.
Diesen Verknüpfungen versuchen wir mit "Assoziationen" nachzugehen. Sie ermöglichen es auch, geographische Beziehungen in unserer Datenbank zu recherchieren. Sie können also erforschen, wer am selben Ort oder Region lebte, wer in der selben Anstalt lebte und ermordet wurde.

Assoziative Verbindungen

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Tätigkeiten

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Literaturverweise

Ausgewählte Literatur zum Thema

Die Landesanstalt Neuruppin in der NS-Zeit
2004, Berlin

AutorDietmar Schulze
ISBN3-937233-12-1
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