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Täterbiografie: Dietrich Allers, in Uniform
Täterbiografie
Dietrich Allers
19101975

Dietrich Allers
Jurist, Massenmörder aus Kiel (Schleswig-Holstein)

geb. 17.05.1910 in Kiel (Schleswig-Holstein)
gst. 22.03.1975 in München (Bayern)

Geschäftsführer der „T4“-Zentraldienststelle
von Malte Holler

Dietrich Allers wurde als Sohn des Staatsanwalts August Allers und dessen Ehefrau Elfriede am 17. Mai 1910 in Kiel geboren. Sein Vater fiel 1914 als Soldat im Ersten Weltkrieg. Seine Schullaufbahn absolvierte er in Berlin-Charlottenburg (Elementarschule), in Pritzwalk (Mittelschule) und an einer elitären Internatschule in Templin (Joachimsthalsches Gymnasium), wo er 1929 sein Abitur machte. In seiner Berufswahl folgte Allers dem Vorbild des Vaters und studierte Rechtswissenschaft, und zwar in Jena und in Berlin, wohin seine Mutter 1932 gezogen war. Im September 1933 legte er dort die erste, im März 1937 die große juristische Staatsprüfung ab.
Täterbiografie: Dietrich Allers, in Uniform
Dietrich Allers, 1940er-Jahre.
Biografie erstellt am 16.01.2018, letzte Aktualisierung: 22.01.2018

1930er-Jahre

Schon früh engagierte er sich in nationalistischen und völkischen Jugendverbänden und Parteien, trat zuerst dem ›Jungsturm‹, dann dem ›Jungstahlhelm‹ und schließlich der Deutsch-Nationalen Volkspartei (DNVP) bei und war Mitglied im Studentenverband ›Alter Jenaer Teutonen‹. Im Februar 1932 erfolgte sein Eintritt in die SA, im März 1932 in die NSDAP (Nr. 951942).

Nach Abschluss seines Studiums machte er schnell Karriere. Nachdem er einige Monate am Amtsgericht Berlin-Neukölln tätig gewesen war, wurde Dietrich Allers im Juni 1937 in den preußischen Staats- und Verwaltungsdienst übernommen und zum Polizeipräsidium in Stettin versetzt. Im März 1938 zum Beamten auf Lebenszeit und zum Regierungsassessor ernannt, wurde er im Juli 1938 zur Regierung in Liegnitz in Schlesien versetzt. Im selben Monat heiratete er seine erste Ehefrau, mit der er später einen Sohn bekommen sollte. Im Oktober 1940 wurde er mit gerade einmal 30 Jahren bereits Regierungsrat.

Militärdienst

Zum Kriegsbeginn 1939 war Allers zum Militärdienst eingezogen worden, diente zunächst nur in einem Fuhrpark, bemühte sich aber um seine Versetzung zur kämpfenden Truppe. Mit dem 51. Infanterieregiment nahm er 1940 am Westfeldzug teil, dann wurde die Einheit in das Generalgouvernement verlegt, wo er – mittlerweile Unteroffizier und Offiziersanwärter d. Res. – zur Rekrutenausbildung herangezogen wurde.

Aktion T4

Zu dieser Zeit wurde Werner Blankenburg aus der Kanzlei des Führers auf ihn aufmerksam, ein alter Bekannter aus der SA (beide waren selben SA-Sturm aktiv). Die Mutter von Allers hatte Blankenburg im November 1940 in Berlin zufällig auf der Straße getroffen, wobei er für den Sohn sogleich eine freie Juristenstelle in seiner Abteilung angeboten habe. In seiner Zuständigkeit für das geheime ›Euthanasie‹-Programm der ›Aktion T4‹ benötigte Blankenburg nämlich dringend einen neuen Verwaltungsfachmann, um den im Sommer 1940 ausgeschiedenen Dr. Gerhard Bohne als Geschäftsführer der ›T4‹-Zentraldienststelle zu ersetzen. Und so veranlasste er umgehend, dass Allers ›u.k.‹ (unabkömmlich) gestellt wurde, und seinen Dienst bereits zu Jahresbeginn 1941 antreten konnte.

Geschäftsverteilungsplan für die Zentraldienststelle (Aktion T4) und für die Anstalt C (Hartheim), 1943. Dietrich Allers ist als Geschäftsführer vermerkt, 1943. Quelle: NARA

In seiner Funktion als Geschäftsführer der ›T4‹-Zentrale wurde der begabte und in bürokratischen Abläufen erfahrene Allers zu einem der Dreh- und Angelpunkte bei der Organisation und Verwaltung der ›Euthanasie‹-Morde. Er koordinierte die Arbeit der verschiedenen Abteilungen und Tarnorganisationen von ›T4‹, kümmerte sich um Fragen der technischen Durchführung und der Verschleierung der Morde und stimmte das Vorgehen eng mit Dr. Herbert Linden ab, dem zuständigen Ministerialrat im Reichsinnenministerium und ab Herbst 1941 »Reichsbeauftragter für die Heil- und Pflegeanstalten«.

Allers korrespondierte über die Verlegungen von Patienten, über Transport- und Pflegekosten nicht nur mit staatlichen und kommunalen Behörden, mit Anstalten und anderen Kostenträgern, sondern auch direkt mit Angehörigen, unterzeichnete gelegentlich auch Trostbriefe und Sterbeurkunden, die unter anderem über ein fingiertes Standesamt in Cholm abgewickelt wurden. Er bemühte sich zudem um eine Verbesserung der Geheimhaltung, etwa indem er das interne System der so genannten »Absteckabteilungen« kritisierte, die darüber wachten, dass an einem Ort nicht Todesmeldungen aus ein und derselben Tötungsanstalt zugestellt wurden, damit aber zugleich die Gefahr erhöhten, dass die Existenz verschiedener Anstalten bekannt würde. Seine Zuständigkeit erstreckte sich neben organisatorischen Aufgaben und Abrechnungsfragen außerdem auf Angelegenheiten des ›T4‹-Personalmanagements.
Als Geschäftsführer der Zentraldienststelle stieg Allers die Karriereleiter steil hinauf und wurde – außerhalb der normalen Beförderungszeit – am 10. Februar 1943 zum Oberregierungsrat ernannt.

Aktion Reinhard

Regelmäßig besuchte er die ›Euthanasie‹-Tötungszentren und gelegentlich auch die Vernichtungslager der ›Aktion Reinhard‹, in denen ›T4‹-Personal zum Einsatz kam. Einmal wurde Allers in Bełżec gesehen, und im Oktober 1943 nahm er an einer Trauerfeier für seine Mitarbeiter teil, die bei dem Häftlingsaufstand in Sobibor ums Leben gekommen waren. Im Frühjahr 1942 war der Bürokrat Teil einer Gruppe von ›T4‹-Beschäftigten, die zu einem mehrwöchigen »Osteinsatz« fuhren, wo sie in Lazaretten hinter der Front angeblich verwundete Soldaten versorgten.

Italien

Im Frühsommer 1944 erfolgte Allers Versetzung nach Istrien in Norditalien. Dort waren einige Monate zuvor in der »Operationszone Adriatisches Küstenland« zahlreiche ehemalige ›T4‹-Leute aus den mittlerweile geschlossenen Vernichtungslagern der ›Aktion Reinhard‹ in einer speziellen »Einheit R« mit Dienstsitz in Triest zusammengefasst worden. Nach dem Tod ihres Kommandeurs Christian Wirth wurde der inzwischen zum SA-Sturmbannführer aufgestiegene Allers dessen Nachfolger, und zwar in Rang und Uniform eines Oberstleutnants der Polizei.
Zu den Aufgaben der ›Einheit R‹ gehörten die Verfolgung und Deportation von Juden, die Beschlagnahme ihrer Vermögenswerte und die Bekämpfung von Partisanen oder politisch verdächtiger Personen. Eine ehemalige Reismühle in dem Triester Vorort San Sabba diente als Sammel- und Durchgangslager sowie als Haft- und Folterstätte, in der Hunderte, vielleicht sogar Tausende von Gefangenen ihren Tod fanden. Das Lager hatte ein eigenes Krematorium, und möglicherweise kam es hier sogar zum Einsatz von Gaswagen. Überlebende Zeugen berichten, dass Allers, der stets eine Peitsche getragen haben soll, körperlichen Misshandlungen tatenlos zusah oder solche auch selbst vollzogen habe.

Leben nach 1945
Juristische (Nicht-)Verfolgung

Nach dem Krieg in Österreich enttarnt, wurde Dietrich Allers im August 1945 von den Engländern verhaftet und dann in Neuengamme bei Hamburg interniert, aber schon im Februar 1947 wieder entlassen. Danach blieb er in Norddeutschland, war vorübergehend als Holzfäller, Kraftfahrer und Maschinist tätig und konnte bald zum Betriebsleiter aufsteigen. Im April 1948 von den Amerikanern erneut verhaftet und der deutschen Justiz übergeben, wurde er im September 1949 abermals aus der Haft entlassen, das gegen ihn laufende Ermittlungsverfahren wegen Verdachts auf Beteiligung an der ›Euthanasie‹ im Mai 1950 eingestellt.
Nach erfolgreicher »Entnazifizierung« und seiner Wiederzulassung als Rechtsanwalt wurde er Mitarbeiter im Anwaltsbüro von Johannes Ploeger, der schon während der ›Euthanasie‹ hohe ›T4‹-Funktionäre juristisch beraten hatte. Ploeger war seinem Freund Allers bereits behilflich gewesen, indem er ihn für politisch unbedenklich erklärt und ihm damit einem »Persilschein« ausgestellt hatte. Im November 1951 ging Allers dann als Firmenanwalt zur Deutschen Werft nach Hamburg, erhielt dort bald umfassende Vollmachten (Prokura) und leitete ab 1958 auch die Sozialabteilung der Werft. Im selben Jahr heiratete er seine zweite Ehefrau, eine frühere Sekretärin in der ›T4‹-Zentraldienststelle, die vorübergehend auch in Hartheim gearbeitet hatte.
Nebenbei war Allers am Aufbau eines Netzwerks ehemaliger ›T4‹-Täter beteiligt, nutzte seine weit reichenden Kontakte, um einstige Weggefährten in berufliche Stellungen zu bringen und koordinierte die Aussagestrategien gegenüber Ermittlungsbehörden. Während der niedersächsischen Landtagswahl von 1951 kandidierte er für die rechtsradikale und später verbotene Sozialistische Reichspartei.
Ein Ermittlungsverfahren in Hamburg brachte Allers im August 1962 erneut in Untersuchungshaft, doch wurde er abermals bereits im Mai 1963 wieder entlassen. Das Verfahren wurde 1966 vorläufig eingestellt, weil man mittlerweile auch anderswo gegen ihn ermittelte. Das erste rechtsgültige Urteil gegen Allers sprach schließlich das Landgericht Frankfurt am Main aus. Am 20. Dezember 1968 wurde er dort wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 34.549 Menschen zu acht Jahren Haft verurteilt. Ein 1975 in Italien gegen ihn vorbereitetes Strafverfahren wegen der in San Sabba begangenen Verbrechen hatte für ihn keine praktischen Folgen mehr – Dietrich Allers verstarb am 22. März 1975 im Alter von 64 Jahren in München.

Assoziationen

Assoziationen
As­so­zi­a­tive Beziehungen und Verknüpfungen

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Diesen Verknüpfungen versuchen wir mit "Assoziationen" nachzugehen. Sie ermöglichen es auch, geographische Beziehungen in unserer Datenbank zu recherchieren. Sie können also erforschen, wer am selben Ort oder Region lebte, wer in der selben Anstalt lebte und ermordet wurde.

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Tätigkeiten

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Literaturverweise

Ausgewählte Literatur zum Thema

Das Tötungslager in der Risiera di San Sabba in Triest
1996, Wien

Dokumentation. In: Zeitgeschichte 3/4, 1996 (S. 113-121)

AutorKarl Stuhlpfarrer

San Sabba Istruttoria e processo per il Lager della Risiera
1998, Triest

[San Sabba. Untersuchung und Prozess des Lagers Risiera] Edizioni Lint

AutorAdolfo Scalpelli (Hg.)

Urteil gegen Reinhold Vorberg und Dietrich Allers
2004, München/Amsterdam

Ks 2/66 (GStA), LG Frankfurt/M. vom 20. Dezember 1968, in: Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen University Press Amsterdam, (Band 31, Nr. 697a)

AutorC.F. Rüter (Hg.)

Was sie taten – Was sie wurden
2004, Frankfurt/Main

Ärzte, Juristen und andere Beteiligte am Kranken- oder Judenmord. 12. Auflage, Fischer Verlag.

AutorErnst Klee

Tiergartenstraße 4
2015, Berlin

Schaltzentrale der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde

AutorAnnette Hinz-Wessels
ISBN 978-3861538486
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