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Opferbiografie: Klementine Narodoslavsky, Porträt
Opferbiografie
Klementine Narodoslavsky
18871941

Klementine Narodoslavsky
Modistin, Kanzleihilfskraft aus Graz (Steiermark)

geb. 22.11.1887 in Graz (Steiermark)
gst. 20.01.1941 in Hartheim (Oberösterreich)

Dokumentation der Rede von Raoul Narodoslavsky
gehalten anlässlich der Verlegung des Stolpersteines in Graz am 27. Juli 2013.

Biografie erstellt am 22.01.2018, letzte Aktualisierung: 25.01.2018

STOLPERSTEIN – Euthanasie

Sehr geehrte Anwesende, Teilnehmer, Passanten, Zuhörer, Interessierte


Mein Name ist Raoul Narodoslavsky, ich bin der Enkel derKlementine Narodoslavsky für die hier und jetzt ein Stolperstein gelegt wird und spreche über die sogenannte Euthanasie oder wie die Nazi-Diktion hieß: Tötung unwerten Lebens. 30tsd UNWERTE LEBEN wurden in Hartheim getötet.
Hartheim, ein Schloß in der Gemeinde Alkoven in Oberösterreich, das 1898 dem Land Oberösterreich zur Pflege der „Siechen und Blöden“ – (siehe Tafel im Eingangsbereich) übergeben wurde. Alkoven hat heute 5364 Einwohner. D.h. man hat dort von 1940 bis 1943, 6mal die heutige Einwohnerzahl hingekarrt, mit Gas getötet, die Leichen verbrannt, die Asche verschickt, vergraben oder in die Donau geleert.

Ich bin die Enkelgeneration und über 60 Jahre. Man hat mir mehr als einmal gesagt: man solle doch die alten Sachen vergeben, vergessen, die Gräben zuschütten, die Toten Tote sein lassen und nach vorne sehen.


Ich will zuerst zurück und danach nach vorne sehen und ich bitte Sie Alle dabei mit mir zu sehen. Es heißt: den Wert einer Gesellschaft erkenne man darin, wie sie – die Gesellschaft- mit ihren Schwächsten (also Behinderten, Kranken und Armen) umgehe.

Schauen wir jetzt gemeinsam und sehen wir:
In den wirtschaftlich schlechten Zeiten der dreißiger Jahre, der Depression, der Not, des Hungers, der Arbeitslosigkeit und des Ständestaates Österreich wurde meine Großmutter KLEMENTINE NARODOSLAVSKY mit 39 Lebensjahren stationär mit der Diagnose
„Jugendirrsinn“ – eine Art der Schizophrenie am 29. April 1936 in das Sonderkrankenhaus Am Feldhof in Graz eingewiesen. Aus ihrem nach langem Suchen 2002 in Deutschland aufgefundenen Krankenakt aus 1936:
Aufnahme: Größe 172 cm, Gewicht 48 kg, weiblich, Menses aussetzend...............usw usw
Die Ursachen ihrer Erkrankung sind wahrscheinlich in ihren schwierigen Lebensumständen, die hier aufzuzählen zu weit führt, enthalten.
Faktum der Diagnose.. die Frau ist krank, die Frau bleibt da, wie gut oder schlecht die Pflege oder Therapie auch gewesen sein möge....

Das Nazireich ging mit meiner „nicht lebenswerten“ Großmutter 5 Jahre später so um:


-> am 18. oder 19. Jänner 1941 von Graz Feldhof nach Linz- Niedernhart „verlegt“,
-> am 22. Jänner 1941 von dort nach Hartheim „überstellt“ – Reichsmaßnahme...
-> am 24.1.1941 infolge akuter Erregung an Herzschlag in der Wohnung verstorben- Totenschein (Eltern null, Name, gestorben, Ursache „Herzversagen infolge akuter Erregung“....) aus Auszug aus Brief Hartheim..............Bazillenträger !!
-> Februar Beisetzung der übersandten Urne mit Asche von wem auch immer im Familiengrab


Meine Mutter und mein Onkel sind noch minderjährig, als ihre Mutter Klementine ermordet wird - sie sind Halbwaisen, aber eine der
Gesetzeslage entsprechende Waisenrente wird ihnen vorenthalten. Im Gegenteil: Bei ihrem Eheantrag 1942 wird meiner Mutter amtlich
kundgetan, dass sie „keinen SS-Mann heiraten dürfe“ auf Grund ihrer „Erbbelastung“. Die auf diese Art freigewordenen Spitalsplätze werden für militärische Lazarettzwecke benötigt.

Die 1945 aufgefundene sogenannte „Hartheimer Statistik“ berechnet den Wert der Ersparnisse für das Deutsche Reich auf den Zeitraum
von 10 Jahren, die man sonst für das „unnütze Leben“ aufwenden hätte müssen auf 885 Mio Reichsmark....umgerechnet heute 3 Milliarden Euro für 70tsd Menschen in 10 Jahren, d.s pro Jahr 300 Mio Euro und pro Kopf/Jahr 4.286 Euro oder Monat/Kopf 358 Euro oder pro Tag/Kopf Euro 11,93 jedenfalls weniger als die Pflegestufe 3, Richtsatz 2013 – um wie wenig Wert ein Mensch staatlich getötet wurde...

April - Mai 1945

Der eine ärztliche Leiter der Mordmaschine Hartheim, Dr. Lonauer begeht Selbstmord, sein Stellvertreter, ein Dr. RENNO, taucht eine
Zeit unter, praktiziert später in der BRD wieder als Arzt, zuerst unter falschem, dann unter richtigem Namen, sein Prozeß 1967 wurde nie
abgeschlossen (nicht verhandlungsfähig, 1975) Befreiung Österreichs durch die alliierten Truppen, Graz wird durch die Rote Armee befreit.

Bereits im Juni oder Juli 1945 wird in der „Steirischen Zeitung“ auf die Vernichtungsanstalt Hartheim hingewiesen und Listen von Opfern abgedruckt, darunter auch der Name meiner Großmutter, Klementine Narodoslavsky. Auch die 1945 wiedererstandene Republik Österreich wird ihre beiden Nachkommen nicht als Opfer anerkennen, weder meine Mutter Hertha noch meinen Onkel Alfred. Onkel Alfred ist 1945 ein 13jähriger Bub, Waisenrente bekommt er keine.....


Die Kinder HERTHA und ALFRED waren auf sich selbst angewiesen, sie gingen ihren Weg und kämpften sich durchs Leben, beide sind inzwischen verstorben. Geheimnis war das Schicksal ihrer Mutter Klementine nie und es wurde innerhalb der Familie darüber immer offen gesprochen. Dass die Tötungsmaschinerie von „unlebenswerten Leben“ auch nicht vor physisch unheilbar Kranken in den „Spitälern“ des Naziregimes  halt machte, wurde am Beispiel ihrer Tante ANTONIA Narodoslavsky, die ältere Schwester, die ebenfalls hier am Südtiroler Platz lebte und 1943 binnen kürzester Zeit im LKH verstorben wurde... unheilbar an Magenkrebs erkrankt, unwertes Leben.. weg damit... oft beschrieben oder besprochen.

Das mag damit zu tun haben, daß in der weitläufigen Familie keine Parteigänger des NS-Regimes waren. Sicher tat man sich nach 1945
daher leichter darüber zu reden, als wenn man(n) Mitschuld (oder „nur seine Pflicht erfüllt“) hätte.

Mein Onkel ALFRED blieb unverheiratet, kinderlos und lebte in einer Lebensgemeinschaft. Er erzählte mir einmal vom Empfinden in der
Nazizeit, als er bei seinem Vater lebte, der ständig in Angst war. Denn auch sein Vater entsprach nicht den krausen Rassentheorien der Nazi, der galt als Halbjude (trotz dessen katholisch-konvertierten jüdischem Vater) . Der kleine Bub bekam die Sorgen des Vaters mit, er verheimlichte sie nicht vor seinem Sohn: Was wird sein, wenn „ s i e draufkommen.... ob s i e uns Alle abholen und umbringen werden...“ Alfred verstarb 2009.


HERTHA ging ihren kämpferischen Weg aus der illegalen in der legalen KPÖ weiter, sozial engagiert bis fast zu ihrem Lebensende. Sie hatte 2 Kinder, eines verstarb sehr früh. 2001 stellt sie sich mit Anderen Tom Mazek für dessen Dokumentation „das Mordschloss“als Zeugin zur Verfügung, Film und Buch sind ein brennendes Dokument einer bis heute nicht gänzlich aufgearbeiteten Geschichte. 2005 hatte sie im Sommer einen Schlaganfall, 2011 ist sie verstorben.......

Was blieb, was bleibt......

Am INTERNATIONALEN MAHNMAL am Zentralfriedhof in Graz, nach heftigen Widerständen 1961 errichtet durch die Stadt Graz auf einer Fläche, wo rund 2000 Naziopfer begraben (verscharrt) wurden: Auf der Unterseite des Bogens stehen die Namen österreichischer Opfer der Nazibarbarei eingraviert. Im rechten Teil des Bogens stehen Namen der aus dem LSKH „Am Feldhof“ Verschleppten und Ermordeten, darunter Klementine Narodoslavsky.


GEDENKTAFEL IN HARTHEIM

2005 wurde uns erlaubt, eine Gedenktafel für KLEMENTINE NARODOSLAVSKY in der Lern- und Gedenkstättte Schloß Hartheim anzubringen. Wir entschieden uns für grauen Granit, der auch der Umgebung entspricht.


DENKMAL im Grazer Feldhof


Freitag, 24. März 2006 - 65 Jahre nach den beschriebenen Ereignissen wird im LSKH (nunmehr Klinik „Sigmund Freud“) ein Gedenkstein für die über 1000 bekannten Opfer aus dem Feldhof enthüllt, „Verrückt“ – eine volkstümliche Beschreibung für geistig Behinderte, 2 Marmor-säulen in unterschiedlicher Farbe mit schrägen (verrückten – hier als umgestellt zu deuten) endenden Abschluß. Repräsentanten des öffentlichen Lebens –an der Spitze Bundespräsident H. Fischer- erklären, dafür zu sorgen wollen, dass niemals wieder so etwas geschehen könne, Meine Mutter war dort mit, im Rollstuhl, es wird ihr geholfen damit sie Platz findet, mein Onkel Alfred war dort, ich auch, wir alle waren zwar nicht eingeladen, aber wir lassen es uns nicht nehmen teilzunehmen...... denn den damals verantwortlichen Mittätern und Mithelfern, die zuließen dass mehr als 1000 Leben vernichtet wurden, hat man nie einen Prozeß gemacht, sie werkten ungehindert und ungestört nach der Befreiung weiter im Feldhof und hatten nur ihre Pflicht erfüllt...

Was blieb, was bleibt...
Was es für mich selbst bedeutet, wie hat sich das auf mich in der 2. Generation ausgewirkt?

Ich habe eine Großmutter nie selbst kennen gelernt, kenne aber die Zusammenhänge ihres frühen gewaltsamen Todes. Ich erinnere mich anlässlich einer Präsentation des Filmes „Abschied von Buchenwald“ an eine Fragerunde des Regisseurs „ob die Nachkommen der Opfer auch traumatisiert seien durch die Geschehnisse der Nazizeit“ Ja, kann ich nur antworten, schon.... in meiner kindlichen und jugendlichen Erziehung hieß es u.a.: „Du mußt Deine Dokumente immer auf einen Griff beieinander haben..... Du musst immer etwas Bargeld als Reserve haben..... Du weißt nie was morgen geschieht und ohne Papiere und Geld kommst Du nicht weiter.... Du darfst nicht zulassen, dass nochmals so was wie Faschismus passiert und dagegen ankämpfen, egal mit wem zusammen.....alleine schaffst Du das nicht....“ Ich wuchs zusätzlich zu den elterlichen unter den behütenden, wachsamen Augen vieler Antifaschisten auf. Deren individuelle Schicksale würden Bände über die verschiedensten Formen von machbaren, gelebten (und überlebten) und nie bedanktem Widerstand gegen Unrecht füllen.

Heute fehlen mir oft die Erfahrungen und Einschätzungen dieser Überlebenden, weil ihre Jahre ausgelebt sind und es immer weniger
werden...

Darum stehe ich heute hier und bitte Sie:
Werden Sie hellhörig, wenn Ihnen gesagt wird, dass Pflege von wem auch immer, ob alt, behindert geistig und/oder körperlich
oder krank, zu teuer oder nicht finanzierbar sei..... Werden Sie laut und sagen Sie NEIN, laut und deutlich NEIN, wenn Ihnen jemand mitteilt, das ein Tschapperl / Dodl oder wie immer genannt doch eh nix vom Leben habe und es besser sei, es zu erlösen....

 

Achten Sie, achten wir darauf, dass nie mehr eines Menschen Lebens „nicht lebenswert“ sei weil krank, alt und/oder behindert oder hier nichts zu suchen hätte, ein Boot voll sei oder Ähnliches oder was auch immer...
Darum ist in diesem Projekt Stolperstein, dem „Niemals vergessen und Nie wieder“ auch Platz für die Erinnerung an alle Menschen die Opfer der Euthanasie wurden und wir sind die, welche zu sorgen haben dass dies nie wieder geschehen möge...

Danke für Ihre Geduld und Aufmerksamkeit.

Porträt von Klementine Narodoslavsky. Quelle: Tom Matzek, „Das Mordschloss“
Assoziationen

Assoziationen
As­so­zi­a­tive Beziehungen und Verknüpfungen

Alle Opfer der NS-"Euthanasie"-Verbrechen haben ihre Individualität. Manche wurden jedoch aus ähnlichen Motiven verfolgt, einige teilten zum Beispiel Gewaltererfahrungen in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen. Andere wiederum wurden doppelt sigmatisiert: Weil sie als psychisch krank und behindert galten und als homosexuell und jüdisch definiert wurden.
Diesen Verknüpfungen versuchen wir mit "Assoziationen" nachzugehen. Sie ermöglichen es auch, geographische Beziehungen in unserer Datenbank zu recherchieren. Sie können also erforschen, wer am selben Ort oder Region lebte, wer in der selben Anstalt lebte und ermordet wurde.

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Eine Seite des Gedenkbuches in der Gedenkstätte Grafeneck

Bereits während der Schreckensherrschaft des NS-Regimes wurden viele Dokumente vernichtet. Nach 1945 herrschte lange ein Klima des Schweigens und Verdrängens. Wir wollen dazu beitragen, die Opfer wieder sichtbar zu machen. Dabei sind wir auf Ihre Unterstützung angewiesen.

Hervorgehobene Biografien

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Die Sammlung von Opferbiographien begann im Jahr 2010 und wächst seither stetig. Hier sehen Sie Biografien, die kürzlich hinzugefügt wurden und solche, die aus Anlass eines Jahrestages oder Ereignisses hervorgehoben wurden. Angehörige und Erinnerungsinitiativen haben sie uns zur Verfügung gestellt.