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Täterbiographie: Jussuf Ibrahim, Porträtfoto
Täterbiografie
Dr. Jussuf Ibrahim
18771953

Dr. Jussuf Ibrahim
Kinderarzt aus Jena (Thüringen) (muslimisch, evangelisch)

geb. 27.05.1877 in Kairo (Ägypten)
gst. 03.02.1953 in Jena (Thüringen)

Jussuf Ibrahim stammte aus einer angesehen Familie in Kairo, wo er aber nur zwei Jahre seines Lebens verbrachte. Er wuchs in München auf, studierte Medizin und promovierte. In Heidelberg fand er seine erste Anstellung und begann sich mit der Pädiatrie zu beschäftigen. Nach seiner Habilitation im Jahr 1904 zog er nach München, wo er 1907 leitender Arzt des Gisela-Krankenhauses wurde. 1912 erfolgte die Ernennung  zum außerplanmässigen Professor und zum Chefarzt am Kinderkrankenhaus. Nach einer Zwischenstation in Würzburg, ebenfalls als außerplanmässiger Professor, wurde er 1917 schliesslich nach Jena als Ordinarius des neuen Lehrstuhls für Kinderheilkunde berufen. Dort leitete er ebenfalls das neue Kinderkrankenhaus. Ibrahim gilt als einer der Begründer der Kinderheilkunde als eigenständigem Fach in der Medizin und veröffentlichte über 100 eigenständige Arbeiten. Er lehnte sechs Berufungen an andere Universitäten ab. An der von ihm gegründeten Jenaer "Ibrahim-Schule" wurden über 1000 Säuglings- und Kinderkrankenschwestern ausgebildet.

Biografie erstellt am 01.11.2017, letzte Aktualisierung: 16.01.2018

Ibrahim und die Kindereuthanasie

Porträt Dr. Jussuf Ibrahim, 1953

Jussuf Ibrahim war von 1923 bis 1953 Leiter der Kinderklinik in Jena und erlangte bald einen legendären Ruf. 1947 wurde er zum Jenaer Ehrenbürger ernannt, 1949 erhielt er die Auszeichnung als Verdienter Arzt des Volkes und 1952 den Nationalpreis Erster Klasse der DDR.

Im Jahr 1998 erschien ein Text in der Zeitschrift "Medizinische Ausbildung", in dem Ibrahim umfassend gewürdigt und insbesondere seine Leistungen in der Sozialpädiatrie hervorgehoben wurden. "Es gehört zu den großen Verdiensten lbrahims, ein umlassendes System der Kinder-(Patienten-)Betreuung entwickelt zu haben", so der Autor. 

Zwei Jahre später urteilte ein Gremium aus sechs Hochschullehrern der Friedrich-Schiller-Universität Jena über Ibrahim: "Prof. Ibrahim wusste spätestens seit 1943, dass in der Kinderfachabteilung des Landeskrankenhauses Stadtroda schwerstgeschädigte Kinder getötet wurden. Für zwei Kinder liegen handschriftliche Überweisungsschreiben Ibrahims vor, die offen "Euthanasie" vorschlagen."

 

Täterbiografie: Jussuf Ibrahim, Begräbnis Jena
Bürger Jenas und aus ganz Thüringen erweisen dem Kinderarzt J. lbrahim mit einem kilometerlangen Spalier die letzte Ehre. Die Abbildung wurde dem Aufsatz lussuf lbrahim (1877 - 1953) - Arzt der Kinder, sein Wirken in Forschung, Lehre und Sozialpädiatrie von G. Wagner entnommen. (Med. Ausbild. 15 (1998) 96- 100)

Die Einsetzung der Kommission erfolgte unter anderem nach Erkenntnissen, die die Jenaer Medizinhistorikerin Susanne Zimmermann bei der Überarbeitung ihrer Habilitationsschrift erlangte. Zuvor hatte bereits Ernst Klee in seinem Werk "Euthanasie" im Dritten Reich" auf die Tätigkeit Ibrahims im Nationalsozialismus hingewiesen. In der erweiterten und überarbeiteten Ausgabe aus dem Jahr 2010 zitiert er ein Schreiben des im Reichsinnenministerium für die Patientenmorde Verantwortlichen, Herbert Linden, an den Rektor der Universität Jena, Karl Astel:

"Lieber Parteigenosse Professor Dr. Astel! Der Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden macht darauf aufmerksam, daß die Universitätskinderklinik in Jena in ihren Krankenblättern immer wieder Einträge "Euthanasie beantragt", "Die beantragte Euthanasie ist noch nicht bewilligt" macht. Wie Sie wissen, soll nach außen hin die Tatsache, daß in Einzelfällen Euthanasie gewährt werden kann, nicht in Erscheinung treten. Ich wäre ihnen sehr dankbar, wenn Sie als Rektor der Universität Jena mit dem Leiter der Kinderklinik sprechen würden und ihn ersuchten, von derartigen Eintragungen in die Krankengeschichten Abstand zu nehmen." (Klee 2010, S. 352)

Erinnerung und Erinnerungsabwehr

Bereits seit 1964 ermittelte das Ministerium für Staatsicherheit der DDR gegen Verantwortliche der ehemaligen Kinderfachabteilung in dem nahe Jena gelegenen Stadtroda. Dabei wurde auch die Mitwirkung Jussuf Ibrahims und der ebenfalls sehr angesehen Ärztin Rosemarie Albrecht bekannt, ohne dass dies zu weiteren Ermittlungen geführt hätte. Erst im Jahr 2004 wurde Anklage gegen Rosemarie Albrecht erhoben; ein Jahr später wurde jedoch das Verfahren wegen Verhandlungsunfähigkeit der Angeklagten abgebrochen. Jussuf Ibrahim konnte nicht mehr angeklagt werden. Eine lange Debatte brach jedoch in der Frage der Ehrenbügerschaft der Stadt Jena aus. Ernst Klee hatte in dieser Stadt bereits 1998 auf die Vergangenheit Ibrahims hingewiesen. Viele Jenaer Bürger hatten Ibrahim vor allem als treusorgenden Arzt und Retter ihrer Kinder in Erinnerung und konnten und wollten die Schuld Ibrahims an der Ermordung behinderter Kinder im Nationalsozialismus nicht wahrhaben. In der Zeitschrift "Horch und Guck" sammelte der Autor Dirk Moldt Zuschriften an Zeitungen, die über den "Fall Ibrahim berichtet hatten. So äußerte etwa Prof. Harald Haupt; ehemaliger Chefarzt der Kinderklinik Duisburg,:

"...bin ich mir völlig sicher, daß nichts Unrechtes oder Schlechtes von diesem Mann ausgegangen sein kann, das nichts Wahres an den ausgestreuten Verdächtigungen ist. Jena muß dafür sorgen, daß das Andenken an Prof. Ibrahim ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod nicht beschädigt wird."

Eine Christina Brill schrieb an die Ostthüringische Zeitung:

Ich bin empört, wie mit einem Menschen wie Professor Ibrahim umgegangen wird, zumal er sich in dieser Sache, die ihm vorgeworfen wird, nicht Stellung nehmen kann, da er fast 50 Jahre tot ist. Ich bin auch nicht für die Tötung dieser Kinder, aber vielleicht waren sie wirklich nicht geistig und körperlich überlebensfähig und ihnen wurde gerade im 3. Reich viel Leid erspart. ...« 
 

Angesichts der Hitze der Debatte (und auch weil ein Wahlkampf anstand), wurde die Debatte im Statrat achtmal verschoben, eine Aussprache über den Bericht der wissenschaftlichen Kommission fand nicht statt. Schließich wurde am 11. Oktober 2000 in einer namentlichen Abstimmung Jussuf Ibrahim mit einfacher Mehrheit die Ehrenbürgerwürde aberkannt - eigentlich wäre eine 2/3-Mehrheit vonnöten gewesen; oder auch nicht, denn einen Monat später teilte das Landesverwaltungsamt Weimar mit, dass Verstorbenen grundsätzlich nicht mehr die Ehrenbürgerwürde aberkannt werden kann. 

Die Universitätskinderklinik, zwei Kindergärten und eine Straße, die Ibrahims Namen trugen, wurden umbenannt.

Assoziationen

Assoziationen
As­so­zi­a­tive Beziehungen und Verknüpfungen

Alle Opfer der NS-"Euthanasie"-Verbrechen haben ihre Individualität. Manche wurden jedoch aus ähnlichen Motiven verfolgt, einige teilten zum Beispiel Gewaltererfahrungen in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen. Andere wiederum wurden doppelt sigmatisiert: Weil sie als psychisch krank und behindert galten und als homosexuell und jüdisch definiert wurden.
Diesen Verknüpfungen versuchen wir mit "Assoziationen" nachzugehen. Sie ermöglichen es auch, geographische Beziehungen in unserer Datenbank zu recherchieren. Sie können also erforschen, wer am selben Ort oder Region lebte, wer in der selben Anstalt lebte und ermordet wurde.

Assoziative Verbindungen

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Tätigkeiten
Literaturverweise

Ausgewählte Literatur zum Thema

Was sie taten – Was sie wurden
2004, Frankfurt/Main

Ärzte, Juristen und andere Beteiligte am Kranken- oder Judenmord. 12. Auflage, Fischer Verlag.

AutorErnst Klee
Biografien korrigieren

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