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Opferbiographie: Katharina Sandmann,  Foto Katharina Sandmann
Opferbiografie
Katharina Sandmann
19001940

Katharina Sandmann
Bürogehilfin aus Mülheim/Ruhr (Nordrhein-Westfalen)

geb. 29.05.1900 in Mülheim a.d. Ruhr (Nordrhein-Westfalen)
gst. 02.04.1940 in Grafeneck (Baden-Württemberg)

„Warum soll ich mich denn hier fürchten?“
(Eintrag in der Krankenakte der Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau vom 3.8.36)

Dokumentation von Ingvild Mathe-Anglas Rodriguez - www.textverrueckt.de

Dies ist die Geschichte meiner Tante zweiten Grades Katharina Sandmann. Ich habe sie nie kennengelernt. Sie wurde im Jahr 1940 in Grafeneck ermordet.
Wie das so ist: in den Unterlagen der Familie schlummern Briefe, die man „irgendwann `mal“ durchsehen will. Manchmal bergen Unterlagen Dinge, die man früher hätte wissen müssen, um noch eine Chance zu haben, die Altvorderen zu fragen: „Wie war das damals?“. Auch in diesem Fall. All jene sind tot, die vielleicht noch hätten Auskunft geben können zu den Tatsachen, die totgeschwiegen oder als belastende Ahnung beiseitegeschoben wurden.
Wir als Kinder der Kriegsgeneration fragten in den 1960er/-70er-Jahren vermutlich alle irgendwann einmal nach, wie das denn damals war. Wir wollten wissen, welche Schuld unsere direkten Verwandten vielleicht auf sich geladen hatten. Die Antworten waren spärlich. Vor Jahren äußerte sich meine Mutter in einem Gespräch über die Vergangenheit ihres Vaters im „Dritten Reich“ unter anderem dazu, dass es da eine Verwandte gegeben habe, die unter mysteriösen Umständen umgekommen sei. Deren Eltern hätten ein Schreiben bekommen, dass sie an einer Krankheit gestorben sei. Näheres sei ihr unbekannt. Sie wisse nur, dass ihre Cousine „alle Schaltjahre mal“ einen epileptischen Anfall gehabt habe.

Biografie erstellt am 15.10.2018, letzte Aktualisierung: 19.10.2018
Katharina Sandmann am 15. November 1900.
Katharina Sandmann am 15. Mai 1901

Ein Ordner, den ich später im Nachlass meiner Mutter fand, enthält alle Dokumente, die minutiös den Rechtsstreit um die Entnazifizierung meines Großvaters nachzeichnen. Katharina wird dort erwähnt, er enthält jedoch keinerlei Hinweise auf eine eventuelle Epilepsie, wohl aber Hinweise auf die Tötung Katharinas im April 1940. Das Dokument, das meine Aufmerksamkeit erregte, ist die eidesstattliche Erklärung meiner Großmutter Adeline Heyer vom 24.1.1947, die meinen Großvater entlasten sollte. Darin taucht Katharina auf.

Eidesstattliche Erklärung meiner Großmutter Adeline Heyer vom 24.1.1947, die meinen Großvater entlasten sollte.

Von Epilepsie im Falle der Katharina Sandmann liest man darin nichts. In der Krankenakte aus der Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau wird Schizophrenie als Diagnose gestellt. Es könnte aber auch sein, dass Katharina 1936 in einen psychischen Ausnahmezustand kam und in eine tiefe Depression stürzte, weil nach und nach ihr persönliches Umfeld wegbrach. Geliebte Menschen starben in kurzer Folge: am 3.10.1930 ihre Großmutter Louise Henriette Wolff, geb. Schwennecke, am 10.2. 1931 ihre Mutter Frieda Sandmann, kurz darauf ihre Tante, am 6.4. 1936 schließlich ihr Vater Reinhold.

Chronologie ihrer Geschichte

Wohnhaus und Atelier in der Eppinghofer Straße 80, Mülheim/Ruhr (ca. 1917).

Am 29.5.1900 wurde Katharina in der Gartenstraße 7 in Mülheim/Ruhr geboren. Es war ein Dienstag. Ihr Sternzeichen: Zwilling. Im Jahr 1901 zog die Familie in die Eppinghofer Straße 80, wo ihr Vater Reinhold Sandmann direkt an der Straße sein Atelier einrichtete. 

Katharinas Mutter Frieda Sandmann arbeitete als Hausfrau und gebar später noch drei weitere Kinder. Katharina wurde in eine aufregende Zeit hineingeboren: Am Bodensee erhob sich im selben Jahr der erste Zeppelin in die Lüfte, in Paris besuchten 48 Millionen Menschen die Weltausstellung von Paris, gleichzeitig fanden dortselbst die Olympischen Spiele statt.
Im gleichen Jahre kam Antoine de Saint-Exupéry auf die Welt. Er sollte nicht viel älter werden als Käthe (V 1944). Weitere Altersgenossen waren Anna Seghers, Adi Dassler, Queen Mum und - Heinrich Himmler.

Katharina dritte von links mit ihren Geschwistern Anita, Bernhard und Herbert

Ausbildung Katharinas

Ab 1906 besuchte „Käthe“ das örtliche Lyzeum, die Luisenschule, die sie an Ostern 1916 mit Abschluss verließ. Aus dem Fragebogen des Gesundheitsamtes vom 1. September 1938 geht hervor, dass sie ein gutmütiges, schüchternes Mädchen gewesen sei. Sie habe „gut gelernt“. Danach besuchte sie eine Handelsschule.

Ansichtskarte mit der Luisenschule in Mülheim
Katharina sndmann als Schülerin, o.D.
Foto von Katharina Sandmann, o.D.

Bis zu ihrer Einweisung war sie etwa zehn Jahre in der Verwaltung der Stadt Mülheim/Ruhr beschäftigt, u.a. als Bürogehilfin im Gesundheitsamt. Am 5. Januar 1932 zieht sie in die Straße Am Lindenhof 76, um kurz darauf, um am 20. Mai, in die Ulmenallee 80 umzuziehen. 1936 zieht sie in die Honigsberger Straße 38. Näheres dazu ist leider nicht bekannt. Dreieinhalb Monate vor ihrer Einweisung starb ihr Vater. Vielleicht der letzte Trigger für ihre Erkrankung. Sie soll danach immer „wunderlicher“ geworden sein, Wahnvorstellungen gehabt, sich von Juden verfolgt gefühlt, ihre Körperpflege vernachlässigt, ja, Selbstmordgedanken geäußert haben. Sie wurde am 31. Juli 1936 von der Polizei in die Heilanstalt Bedburg-Hau eingewiesen.

Katharina, die „Ballastexistenz“

Katharina Sandmann war für die Nazis „unwertes Leben“, nach damaligem Sprachgebrauch eine „Ballastexistenz“, der somit quasi ein Gefallen getan wurde, als man sie vergaste. Unter aerzteblatt.de ist über die „Gnadentoten“ im Dritten Reich zu lesen: „Zurzeit gehen die Experten davon aus, dass im Deutschen Reich circa 160 000, im deutschen Herrschaftsgebiet insgesamt mindestens zwischen 250 000 und 300 000 Opfer der NS-Euthanasie zu beklagen sind. ….“

Der Bevölkerung wurden die „Ballastexistenzen“ auf Plakaten und mit Anzeigen vor Augen geführt. Im Mathematik-Unterricht wurde mit Dreisätzen gearbeitet wie: „Ein Epileptiker kostet im Jahr x Reichsmark, wieviel kostet er die Volksgemeinschaft in fünf Jahren“.1

NS-Prpagandabild, 1930er Jahre.

Die Tötungen hatten nicht nur den Hintergrund, dass man die deutsche Rasse rein, gesund und ohne Makel halten wollte. Wirtschaftliche Gründe waren simple, aber schlagende Argumente.

Hitler 1937 in Mülheim an der Ruhr.

„Die Anstalten, die der Idiotenpflege dienen, werden anderen Zwecken entzogen; soweit es sich um Privatanstalten handelt, muß die Verzinsung berechnet werden; ein Pflegepersonal von vielen tausend Köpfen wird für diese gänzlich unfruchtbare Aufgabe festgelegt und fordernder Arbeit entzogen; es ist eine peinliche Vorstellung, daß ganze Generationen von Pflegern neben diesen leeren Menschhülsen dahinaltern, von denen nicht wenige 70 Jahre und älter werden. Die Frage, ob der für diese Kategorien von Ballastexistenzen notwendige Aufwand nach allen Richtungen hin gerechtfertigt sei, war in den verflossenen Zeiten des Wohlstandes nicht dringend; jetzt ist es anders geworden, und wir müssen uns ernstlich mit ihr beschäftigen. [...]2

Die Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau

Heil-und Pflegeanstalt Bedburg-Hau
Eine der Anstalten, die der „Idiotenpflege“ dienten, war Bedburg-Hau, wohin Katharina eingewiesen wurde.

Eine der Anstalten, die der „Idiotenpflege“ dienten, war Bedburg-Hau, wohin Katharina eingewiesen wurde. Gelegen am Niederrhein, nahe Kleve. Im Buch „EUTHANASIE“ IM DRITTEN REICH bezeichnet Ernst Klee diese als „Mammutpsychiatrie mit 3.575 Betten“. Diese Heil- und Pflegeanstalt war für damalige Verhältnisse sehr modern, die Patienten und Patientinnen zum großen Teil in pavillonartigen Häusern untergebracht, die sich auf dem Gelände zwischen dichtem Baumbestand verteilt befanden. Bereits vor Katharinas Aufnahme am 31. Juli 1936 - Diagnose Schizophrenie - befolgte die Anstalt in vorauseilendem Gehorsam die Vorgaben der immer stärker werdenden Rassenideologie der Nazis und deren erbbiologische Logik: „Im Jahresbericht der PHP Bedburg-Hau 1934/35 hieß es: Die Führung der Krankenblätter unter erbbiologischen Gesichtspunkten wurde den Abteilungsärzten zur Pflicht gemacht, der sie sich mit Eifer und Interesse unterzogen. Die Anstaltskrankenblätter dienen als Unterlage für die Rechtsprechung der Erbgesundheitsgerichte und werden dauernd von diesen angefordert, eine außerordentliche Mehrbelastung für die Büros und den Portoetat der Anstalt.“ 3. Auf Katharinas Krankenblatt ist das vermutlich letzte Foto von ihr zu sehen, und es wird ihre Sterilisierung festgehalten.

Sterilisierungen in Bedburg-Hau

Gleich mit Beginn der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" am 14.3.1933 verkündet. Auch in der Provinzial- Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau sind auf Grundlage dieses Gesetzes viele Patienten sterilisiert worden. Nach einer Übersicht aus dem Jahre 1936 wurde bei einem Bestand von 3.436 Patienten bei 2.509 Patienten Anzeige wegen Erbkrankheit gestellt. Bei 957 Patienten wurde die Sterilisierung beantragt. Nicht beantragt wurde die Sterilisierung bei Patienten, bei denen auf Dauer eine Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt vorgesehen war und bei Patienten, die auf Grund ihres Alters als nicht mehr fortpflanzungsfähig galten.

Durchgeführt war die Sterilisierung bis zu diesem Zeitpunkt bereits bei 705 Kranken, teilweise direkt hier in der Anstalt Bedburg-Hau durch einen Arzt des St. Antonius-Hospitals Kleve. Nach der damaligen Gesetzeslage durften Patienten, bei denen eine Anzeige wegen Erbkrankheit erstattet war, erst dann entlassen werden, wenn die Sterilisation durchgeführt worden war. Nur so ist es zu verstehen, dass Angehörige auf die Beschleunigung des Sterilisationsverfahrens drängten, um die Entlassung ihrer Angehörigen zu erreichen. Bis 1936 wurden von 705 sterilisierten Kranken insgesamt 183 Patienten entlassen. 4

Auszug aus der Krankenakte mit Foto.
Auszug aus der Krankenakte.

Die Sippentafeln

Ganz oben auf Katharinas Krankenblatt steht handschriftlich: „Sippentafel abgegeben“. Ordnung war schon immer der Deutschen oberstes Gebot. Die erbliche Belastung der „Idioten“ musste belegt werden. Am 11. Mai 1936, also 20 Tage vor Einlieferung Katharinas in Bedburg-Hau, wurde in Bonn das Provinzial-Institut für psychiatrisch-neurologische Erbforschung eröffnet. Dieses sammelte unter anderem so genannte Sippentafeln von Familien, in denen Krankheiten verzeichnet waren, die auf eventuelle Vorbelastungen bzw. erbliche Gefährdungen hinwiesen. 1938 gab es bereits 28.000 dieser Sippentafeln. (Quelle: Hermeler S. 25) Eine davon beleuchtete die Familie Sandmann. Sie wurde bei Katharinas Einlieferung in Bedburg-Hau von der Medizinalpraktikantin Beate Edelmann am 31.1.1937 erstellt und umfasst Daten zu 17 Familienmitgliedern.

Katharina wird der damals üblichen Konstitutionstypologie folgend als „leptosom“ kategorisiert, also als körperlich und geistig empfindlich, kompliziert und sprunghaft. Ihr Vater Reinhold, geboren am 3.12.1861 in Berlin, verstorben am 6.4.1936, wird (vermutlich auf Grund von Katharinas Angaben) als nervöser und übererregbarer Charakter dargestellt, der an Arterienverkalkung litt, sowie früher Furunkulose, Lungenentzündung und Wechselfieber gehabt habe. Letzteres ist Malaria, die er sich mutmaßlich zwischen 1892 und 1896 in Ekuador zugezogen hatte. Er war dort als Fotograf und Angestellter eines deutschen, in Quito ansässigen Fotogeschäftes unterwegs gewesen. Es existiert ein Reisebericht zu dieser Zeit. Katharinas Mutter, geboren mit Mädchennamen Wolff am 30.1.1877 in Bremerhaven, verstorben am 10.2.1931 in Mülheim/Ruhr, kommt in der Sippentafel noch schlechter weg als ihr Mann: auch sie habe eine Lungenentzündung gehabt und….. sei geistesgestört. Der Widerspruch dazu von Seiten Katharinas jüngerer Schwester Anita Sandmann wurde in der Krankenakte festgehalten, störte aber vermutlich die vorgefasste Meinung und blieb unbeachtet. Die Sippentafeln dienten also zur juristischen Untermauerung der Urteile zur Zwangssterilisierung von Menschen durch die Erbgerichte. Der Direktor der Provinzialen Heil- und Pflegeanstalt Bonn, Professor Pohlisch, drückte dies in der Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medizin 111 (1939) folgendermaßen aus: „Das Prinzip unseres Sammelns ist nun kein philatelistisches Zusammentragen kompletter Briefmarkenserien. Die planmäßige Registrierung ganzer Gruppen Kranker und Gesunder in einem regional großen Gebiet, nämlich der Rheinprovinz, dient bereits jetzt praktisch-eugenischen Maßnahmen, sowohl negativen wie positiven.“ (Quelle: Hermeler, S. 26).

Sechs Wochen nach Einweisung schickte das Erbgesundheitsgericht bereits einen vertraulichen Brief an das städtische Gesundheitsamt, dass eine Pflegeperson aus ihrem persönlichen Umfeld bestimmt werden solle, die Katharina „im Erbgesundheitsverfahren zu vertreten.“ Am 6. Oktober 1936 wurde ihre Schwester Anita dazu bestimmt. Im selben Brief wird Katharina folgendermaßen charakterisiert:

„Frl. Sandmann war seit langen Jahren Büroangestellte am hiesigen Gesundheitsamt. Sie war immer ein sehr sonderbarer, scheuer Mensch, die sich keinem anschloss. Sie war häufig geistesabwesend, stierte vor sich hin und behandelte ihre Umgebung oft sehr kurz und unfreundlich. In den letzten Monaten vor ihrer Einlieferung beschäftigte sie sich in krankhaft übertriebener Form mit der Juden- und Freimaurerfrage und glaubte sich zuletzt von Juden verfolgt. Schon seit mehreren Jahren vernachlässigte sich Frl. S. in Kleidung und Körperpflege in auffallender Weise. Frl. Anita S. gibt noch an, dass ihre Schwester mit 15 Jahren Scharlach durchgemacht habe, und sie seit dieser Zeit der Familie als psychisch verändert aufgefallen sei.“

Ich habe im Scharlachratgeber zu Spätfolgen von Scharlach einen Eintrag gefunden, der ins Bild passt: PANDAS, Pädiatrische neuropsychiatrische Autoimmunerkrankung. Bei PANDAS reagieren die gegen die Streptokokken gebildeten Antikörper mit den Basalganglien des Gehirns. Im Gegensatz zur Chorea minor treten hier allerdings die psychiatrischen Störungen in den Vordergrund. Hierzu gehören Zwangsstörungen (Tics), geistige Rückentwicklung, kognitive Defizite, Aggressivität und Depressionen.

Noch einmal nach Hause

Am 17. August 1937 kommt Katharina nach drei Wochen im Krefelder Krankenhaus wieder in die Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau. Sie kann nun keine Kinder mehr bekommen. Am 11. Oktober 1937 ist sie laut Einwohnermeldeverzeichnis wieder in ihrem Elternhaus in der Eppinghofer Straße 80 gemeldet. Dort wohnt sie bis zu ihrer Wiedereinlieferung mit ihrer Schwester Anita zusammen, die laut Adressbuch „Reclamezeichnerin“ ist. Im Mai 1938 wird verfügt, dass Katharina die Kosten der Unfruchtbarmachung selbst tragen muss. Im gleichen Monat soll sie sich zur Nachuntersuchung in Bedburg-Hau vorstellen, was sie zutiefst verunsichert.

Der Amtsarzt des Gesundheitsamtes versucht dies mit einem Brief vom 30. Mai zu verhindern, in welchem er anbietet, Katharina von Oberarzt Dr. Tödter im Gesundheitsamt untersuchen zu lassen, da sie dort bekannt sei und Vertrauen zu ihm habe: „Die Aufforderung an Frl. Sandmann, sich zur Nachuntersuchung in Bedburg-Hau für einige Zeit einzufinden, hat bei ihrem labilen Zustande eine erhebliche Verschlimmerung ihrer Krankheit hervorgerufen. Zureden hatte keinen Erfolg und löste bei ihr nur erneut Tränen aus….“. Im Fragebogen des Gesundheitsamtes vom 1.12.1938 steht, sie „besorgte den Haushalt zur Zufriedenheit, war immer noch etwas scheu. Seit einigen Tagen verändertes Wesen, wollte nicht aufstehen, verweigerte die Nahrung. Der Zustand verschlimmerte sich zusehends.“

Die Wiedereinlieferung wird von der Ortspolizei noch am selben Tag verfügt, „weil ihre Krankheit nicht übersehbare Gefahren in sich birgt.“

Nach der Sterilisierung folgt der Tod

Startschuss für die Vollendung der „Maßnahmen“ war Hitlers „Euthanasiebefehl“ vom Oktober 1939. Grafeneck war der erste Probelauf für die späteren Massenvernichtungen in den Konzentrationslagern. Die Ermordung so genannten „lebensunwerten Lebens“ begann mit der Auswahl der zu Tötenden.

Die Selektion

Praktische Gründe für die „Verlegung“ von Kranken gab es zuhauf: „…. So beanspruchte im November 1939 die Wehrmacht Teile der Provinzial-Heil-und Pflegenanstalt Bedburg-Hau nahe Kleve für ein Heereslazarett. 356 der etwa 3.300 Patienten wurden daraufhin in Anstalten der Provinz Hannover verlegt. Als zudem ein Marinereservelazarett errichtet werden sollte, die eigentliche T 4-Aktion in der Rheinprovinz aber noch nicht angelaufen war, kam es vom 26.2. bis 4.3.1940 zur Inspektion der Anstalt durch eine Ärztekommission unter dem Psychiater Werner Heyde (1902–1964), dessen Stellung der eines ärztlichen Leiters der T 4-Aktion gleichkam.“ Quelle: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/themen/Das%20Rheinland%20im%2020.%20Jahrhundert/Seiten/EuthanasieundZwangssterilisierungenimRheinland(1933%E2%80%931945).aspx#11 Obzwar im Rheinland die Meldebögen zu unwertem Leben erst ab Juni 1940 ausgefüllt wurden, fanden sie in Bedburg-Hau schon von der o.g. Kommission bei der Auswahl der zu deportierenden Patienten Anwendung. (Ludwig Hermeler, S. 50, Die Euthanasie und die späte Unschuld der Psychiater, Klartext-Verlagsgesellschaft (2002). 1.632 Bewohner der Anstalt wurden daraufhin an verschiedene Zielorte verbracht, davon viele direkt in Tötungsanstalten. Bekannt ist, dass 455 Patienten in die Tötungsanstalt Grafeneck transportiert und dort ermordet wurden. 138 der getöteten Patienten hatten den Umweg über die schwäbische Zwischenanstalt Zwiefalten nehmen müssen. Hier überlebten die einzigen zwei der insgesamt 457 aus Bedburg-Hau kommenden Menschen.“ Der spätere Leiter der Anstalt Grafeneck Baumhard assistierte vom 26. Februar bis 4. März 1940 dem ärztlichen Leiter der T4-Organisation Werner Heyde bei der Selektion, zusammen mit dem Leiter der NS-Tötungsanstalt Bernburg, Irmfried Eberl, und dem T4-Gutachter Friedrich Mennecke.

Abtransport

Fast 2.000 Menschen wurden also zur Vergasung bestimmt. Eine davon: Katharina. Im anstaltseigenen Bahnhof muss auch sie in einen Waggon steigen. 1.792 Anstaltsbewohner und -bewohnerinnen wurden in verschiedene Anstalten transportiert. Katharina sollte direkt nach Grafeneck zur Vergasung befördert werden. Es ist mit 457 Patienten der größte Transport von allen, der am 6. März 1940 ins Württembergische aufbricht. (Hegeler S 65). Begleitet wird der Transport von dem Juristen Dr. Gerhard Bohne, der die Büroleitung des Berliner T4-Büros innehatte sowie die Leitung der "Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten" (RAG). Ebenfalls dabei war Baumhard. Wie alle Täter, nutzte dieser einen Tarnnamen: Dr. Jäger. 15 157 Männer und 160 Frauen kamen direkt nach Grafeneck. Die Grafenecker Patienten wurden ebenso wie die 140 Frauen, die gleichfalls am 6. März 1940 nach Zwiefalten deportiert wurden, allesamt durch Vergasen ermordet. ….Die nach Zwiefalten geschafften Patientinnen wurden knapp einen Monat später, am 2. und 4. April, nach Grafeneck gebracht und bis auf zwei vergast und verbrannt. 5 

Sigrid Falkenstein beschreibt in ihrem Buch ANNAS SPUREN, wie die Ankunft im Marbacher Bahnhof, der in der Nähe von Grafeneck liegt, ablief: Als euer Transport am 7. März 1940 gegen acht Uhr morgens in dem kleinen Bahnhof Marbach in der Nähe von Grafeneck ankommt, liegt hoher Schnee. Das Ausladen der Waggons in dem völlig abgesperrten Bahnhof dauert fast acht Stunden. Vom Bahnhof aus werden die Kranken mit Kraftfahrzeugen nach Grafeneck geschafft. Der Leiter der „Euthanasie“-Tötungsanstalt, der SS-Arzt Horst Schumann, beschwert sich nach Berlin, „dass der Transport mit dem Sonderzug erhebliches Aufsehen erregt hätte und zwar sowohl in der Anstalt als auch in der Bevölkerung. Auch hätte dieser überraschende Anfall von so vielen Kranken das Tötungspersonal vor ein kaum zu bewältigendes Problem gestellt. (…) Da zu dieser Zeit nur jeweils 50 Kranke in die Gaskammer passen, koppelt man zwei Waggons ab und dirigiert sie zum Bahnhof Zwiefaltendorf.“ 140 Frauen werden in die Anstalt Zwiefalten „zwischenverlegt“, wo zwei der Unglücklichen kurz darauf unter katastrophalen Verhältnissen sterben. „Hunderte von Kranken warteten in notdürftigen Unterkünften auf ihre letzte Fahrt. Manchmal waren sie wie Heringe auf Stroh geschichtet.(…) Die 138 Frauen, aus Bedburg-Hau, die dieses Martyrium überlebt haben, werden am 2. und 4. April 1940 erneut nach Grafeneck gebracht und dort vergast. 6.

Das Datum der Verlegung nach Zwiefalten aus dem Brief von Baumhard, alias Dr Jäger, an Anita Sandmann (siehe unten) lässt Schreckliches vermuten: Katharina muss unter jenen 140 Frauen gewesen sein, die nach Zwiefalten zwischenverlegt wurden.

Katharinas Schwester Anita Sandmann hatte offensichtlich nach dem Verbleib von Briefen an Katharina gefragt. Geradezu zynisch: zum Zeitpunkt, an dem sie sich angeblich die Rückenmarksentzündung zugezogen haben soll, war sie schon seit Tagen ermordet worden. Gemäß eines Schreibens der Gedenkstätte Grafeneck an mich ist der Zeitpunkt der Vergasung nicht zweifelsfrei zu ermitteln, ist aber gemäß diesem Schreiben am 2. April 1940, denn die Menschen wurden sofort nach Ankunft getötet.
Schreiben der Tötungsanstalt Grafeneck an Katharinas Schwester Anita Sandmann, 1940.

Ernst Baumhard

Nur Ärzte durften den Gashahn aufdrehen. Dies tat vor allem Ernst Baumhard, alias Dr. Jäger. Zu ihm gibt es in Wikipedia den folgenden Eintrag: Ernst Baumhard (* 3. März 1911 in Ammendorf bei Halle (Saale); † 24. Juni 1943 im Atlantik bei U-Booteinsatz) war in der Zeit des Nationalsozialismus im Rahmen des nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programms als Vergasungsarzt in den NS-Tötungsanstalten Grafeneck und Hadamar tätig.

Herkunft und Studium

Ernst Baumhard wurde am 3. März 1911 in Ammendorf bei Halle als Sohn eines Arztes geboren und studierte Medizin. Als SA-Mitglied besuchte er die SA-Hochschulamtsschule Sandersleben. Er gehörte dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund an und trat 1937 auch der NSDAP bei. 1938 übernahm er die Leitung der Fachschaft Medizin der NS-Studentenführung an der Universität Halle. Als einer der ersten Sieger beim Reichsberufswettkampf wurde Baumhard am 1. Mai 1938 Hitler persönlich vorgestellt. 1939 erhielt Baumhard seine Approbation und wurde nach Verteidigung seiner Dissertationsschrift „Die Einwirkungen von Strohstaub auf den menschlichen Organismus und Maßnahmen zur Verhütung von Schädigungen durch diesen. Untersuchungsergebnisse aus der Cröllwitzer Papierfabrik“ zum Dr. med. promoviert.

Bei der T4-Organisation

Auf einer Liste der Zentraldienststelle T4 ist Baumhard unter der Rubrik „Ärzte in den Anstalten“ ab dem 1. November 1939 als Angehöriger der T4-Organisation aufgeführt. Im Januar 1940 nahm er mit anderen T4-Ärzten an der ersten „Probevergasung“ von Kranken im alten Zuchthaus Brandenburg teil. Zu den weiteren Teilnehmern zählten unter anderem die „Euthanasie“-Beauftragten Hitlers, Karl Brandt, Philipp Bouhler sowie Leonardo Conti, der für Gesundheitsfragen zuständige Staatssekretär des Reichsministeriums des Innern. Der SS-Sturmbannführer vom Kriminaltechnischen Institut der Sicherheitspolizei Albert Widmann gab die Anweisungen für die Ärzte, die die Tötung der Patienten vornehmen sollten. Durch ein Guckloch in der Türe zur Gaskammer konnten Wirkung und Dauer des Vergasungsprozesses beobachtet werden. In den NS-Tötungsanstalten Grafeneck und Hadamar Ab Anfang 1940 wurde Baumhard im Rahmen des nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programms (im Nachkriegssprachgebrauch "Aktion T4") zum stellvertretenden Vergasungsarzt der NS-Tötungsanstalt Grafeneck bestellt und übernahm im April 1940 die Nachfolge von Horst Schumann als Leiter der Vergasungsanstalt. Hier trat er im Schriftwechsel unter der Tarnbezeichnung „Dr. Jäger“ auf. 18 Mit der Geheimhaltungspflicht gegenüber der Bevölkerung wurde es in Grafeneck nicht immer so genau genommen. So ist bekannt, dass Baumhard den Leiter der Heilanstalt Winnenthal, Obermedizinalrat Otto Gutekunst, anlässlich des Abtransports seiner selektierten Patienten zu einer Besichtigung von Grafeneck eingeladen hatte. Gutekunst sagte später hierzu aus: „Ich hatte natürlich Interesse zu erfahren, was dort oben vorgeht; ich konnte mir ja nicht vorstellen, wie die Tötung der vielen Menschen vor sich gehen sollte. Ich sagte ihm, ich würde kommen … Der Arzt [Baumhard d.V.] zeigte mir eine Baracke mit Betten, die wahrscheinlich nie benutzt wurden, denn sie waren alle frisch überzogen, den Gasraum mit vorgeschützter Brause, die Verbrennungsöfen, und außerdem sah ich in einem Nebenraum einen großen Haufen Asche mit Knochenstücken. Meiner Erinnerung nach verklopfte ein Angestellter von Grafeneck diese Knochenstücke gerade mit dem Hammer. Nach meiner Rückkehr sagte ich meinem Pfarrer Flachsland in Winnenden, er möge bei einer etwaigen Beisetzung einer Urne aus Grafeneck nicht sagen: ‚ich gebe Deine Asche zu Asche’, sondern ‚Ich gebe die Asche zu Asche’, um zu betonen, daß es sich nicht um die Asche des Toten handelt.“ Eine ähnliche Einladung zur letzten Vergasung im Dezember 1940 richtete Baumhard auch an Dr. Martha Fauser, die Leiterin der als Zwischenanstalt genutzten Heil- und Pflegeanstalt Zwiefalten. Am 4. Juni 1940 wurde die Oberpflegerin Änne Hagemeier unter mysteriösen Umständen in Grafeneck erschossen. Zu einer zweifelsfreien Aufklärung des Falles ist es nie gekommen.

Im Grafeneckverfahren gab eine der „Trostbrief“-Schreiberinnen hierzu zu Protokoll: „Im Sommer 1940, als ich infolge der Gehirnerschütterung zu Bett lag, es war am 4. Juni 1940, traf ein Transport ein, bei dem sich ein Leprakranker befand, dessen Gesicht nach Aussage der Pfleger schon angefressen war. Der Leprakranke wurde alsbald von Dr. Baumhard mit der Pistole erschossen, um Ansteckung der Pfleger zu vermeiden. Baumhard ordnete an, daß alles stehenbleiben solle, die Oberpflegerin Hagemeier aus dem Rheinland sprang aber noch auf die andere Seite und wurde von der Kugel tödlich getroffen. Dr. Baumhard, der es mir selber erzählte, war darüber sehr bestürzt und außer sich. Er wollte sich das Leben nehmen.“

Nach Auflösung der NS-Tötungsanstalt Grafeneck zum Jahresende 1940 wechselte Baumhard zur NS-Tötungsanstalt Hadamar, wo er als Direktor und erster Vergasungsarzt fungierte und den Tarnnamen „Dr. Moos“ verwendete. Nach Differenzen mit dem T4-Organisator Viktor Brack gingen Baumhard sowie sein Stellvertreter Günther Hennecke im Sommer 1941 zur Kriegsmarine. Nach dem „Hartheimer Dokument“, einer Statistik der T4-Organisation, wurden im Jahre 1940 in Grafeneck 9.839 und vom Januar 1941 bis Ende August 1941 in Hadamar 10.072 19 Menschen getötet. Auf den Zeitraum, in dem Baumhard in Hadamar war, entfielen 6.262 Opfer.

Baumhard fuhr ab dem 25. August 1941 bei der Kriegsmarine als Marinearzt und Sanitätsoffizier auf U-Booten. Bei einem solchen Einsatz fand er am 24. Juni 1943 den Tod auf U 449. Ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Frankfurt/Main hinsichtlich seiner Tätigkeit in Grafeneck und Hadamar wurde im August 1946 mit dem Vermerk „Mutmaßlich verstorben“ eingestellt.

Die letzte Fahrt

Die letzte Fahrt vom Bahnhof nach Grafeneck findet in einem umlackierten Postbus statt. Das Regime hatte zu diesem Zweck extra die Gemeinnützige Krankentransport GmbH gegründet.  Rote Postbusse wurden grau umgespritzt. Um den Einblick von außen zu verhindern, wurden die Fenster mit Vorhängen verhüllt oder mit Farbe bestrichen. In einer Schilderung eines Transports nach Grafeneck wird dargestellt, dass der Transportführer in einem PKW vor der aus drei Bussen bestehenden Kolonne fuhr. Jedem Bus waren zwei Pflegekräfte beigegeben. Gewalttätige Kranke konnten am Sitz festgeschnallt werden. Pfleger hatten überdies Handschellen dabei. 7

Was mich am meisten geschockt hat

Ernst Klee schreibt in seinem umfangreichen Werk - „Euthanasie“ im Dritten Reich – auf Seite 153 unter der Überschrift „Vergasungs-Tourismus“:

"Grafeneck arbeitet nicht in jener Geheimhaltungs-Abgeschiedenheit, wie man vermuten würde. Einkäufer Schütt quartiert im Sommer 1940 seine Ehefrau für einige Wochen in der Gestütswirtschaft ein, Vergasungsarzt Baumhard läßt seine Mutter dort Urlaub machen. Gäste kommen vorbei (…). Am 4. April 1940 besichtigen Mauthe, Sprauer und Stähle mit „Berliner Herren“ – darunter Linden – die Vernichtungsanstalt. Sie sehen sich die Vergasung von Frauen an, die nach Ankunft des Bedburgtransports nach Zwiefalten „zwischendverlegt“ worden waren. (Vermutlich war Käthe unter diesen Frauen – ein unerträglicher Gedanke) Die Herren begaffen das Sterben der nackten Frauen durch den Spion in der Gaskammertür. Mauthe hört noch eine Stimme aus der Gaskammer: „ Wir werden alle getötet!“. Anschließend geht es zum Krematorium: „ Bei der Verbrennung entstand starke Rauchentwicklung. Die Verbrennungsbaracke wurde von uns nur kurz besichtigt.“

Zu unangenehm die persönliche Beeinträchtigung durch zu viel Qualm. Man hätte ja gesundheitlichen Schaden davontragen können. Man fragt sich, wie abgestumpft, entmenschlicht Menschen sein können. Was bringt sie dorthin? Könnte auch mir das passieren?

Wer waren die Gaffer?

Ludwig Sprauer trat 1919 in den Staatsdienst ein und war unter der Amtsbezeichnung Medizinalrat bis 1933 als Anstaltsarzt am Landesgefängnis in Mannheim (1919–1920) und als Bezirksarzt in Stockach (1920–1925), Oberkirch (1925–1930) und Konstanz (1930–1934) beschäftigt. Im Zuge der Machtübergabe an die Nationalsozialisten wurde Sprauer am 1. Februar 1933 Mitglied der NSDAP und war vorübergehend Stadtrat in Konstanz, bevor er 1934 als Nachfolger Theodor Pakheisers mit der Leitung der Gesundheitsabteilung im Badischen Innenministerium betraut wurde. Bald nach seinem Amtsantritt wurde er zum Obermedizinalrat befördert. Sprauer wurde 1938 zum Regierungsdirektor ernannt und später bis zum Ministerialrat befördert. Er war in dieser Funktion oberster Medizinalbeamter in Baden und hatte seinen Dienstsitz in Karlsruhe. Beteiligung an der NS-Euthanasie Sprauer war ein Befürworter des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Im Oktober 1939 wurde Sprauer durch Herbert Linden mit Hinweis auf Geheimhaltung die geplante Aktion T4 sowie die damit einhergehende Erfassung Kranker auf Meldebögen bekannt gegeben und zur Mitarbeit verpflichtet. Sprauer oblag schließlich die administrative Durchführung des „Euthanasie“-Programms in Baden. Mit Vertraulichkeitsvermerk wurde Ende November 1939 vom Badischen Innenministerium ein Erlass an die badischen Anstalten verschickt, der den Einrichtungen die Verlegung einer „größeren Anzahl“ ihrer Insassen ankündigte. Danach wurden die Leiter der staatlichen Anstalten durch Sprauer über die Aktion T4 in Kenntnis gesetzt. Sprauer autorisierte nach Auswertung der Meldebögen im Auftrag des Badischen Innenministeriums die Transportlisten der zur Verlegung in NS-Tötungsanstalten bestimmten Anstaltsinsassen. Auf Sprauers Anregung wurde der Mediziner Arthur Schreck im Februar 1940 zum T4-Gutachter bestellt. Schreck gab während einer Nachkriegsaussage zu, insgesamt 15.000 Meldebögen gesichtet und dabei 8.000 Patienten zur Tötung vorgeschlagen zu haben. Insgesamt wurden von Februar bis Dezember 1940 mindestens 4.500 Badener Anstaltsinsassen in der NS-Tötungsanstalt Grafeneck ermordet. Der Obermedizinalrat Otto Mauthe sagte nach Kriegsende aus, dass er mit Sprauer, Linden und Stähle bei der Vergasung eines Frauentransportes anwesend war und alle dabei zusahen. Sprauer arbeitete auch an dem Entwurf zum nicht in Kraft getretenen Euthanasiegesetz mit. Ab 1943 führte Sprauer den Titel Professor.

Otto Mauthe (* 9. November 1892 in Derdingen; † 22. Mai 1974 in Stuttgart) war ein deutscher Gynäkologe: S. 201 und Beamter. Als Obermedizinalrat im Württembergischen Innenministerium während der Zeit des Nationalsozialismus war er in verantwortlicher Position an den Krankenmorden („Aktion T4“) und der systematischen Ermordung von Sinti und Roma beteiligt. Mauthe hat Anordnungen im Rahmen der „Euthanasie“-Aktion bearbeitet oder auch selbst getroffen und war maßgeblich für die Erfassung und Verlegung von Geisteskranken und Kindern verantwortlich.

Eugen Stähle (* 17.11.1880 in Stuttgart, † 13. 11. 1948 in Münsingen) Von März bis November 1933 saß Stähle als Abgeordneter der NSDAP im Reichstag. Nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ 1933 leitete Stähle als Ministerialdirektor im württembergischen Innenministerium die Abteilung Gesundheitswesen. 1934 wurde er zudem Gauamtsleiter für Volksgesundheit im Gau Württemberg. Im Dezember 1935 wurde Stähle Vorsitzender im Landesverband Württemberg des Reichsbundes der Kinderreichen (R.d.K.) und zugleich Mitglied des Ehrenführerrings des R.d.K. Weiterhin war er Obmann der Ortsgruppe Stuttgart der Nationalsozialistischen Kriegsopferversorgung (NSKOV). Im November 1942 übernahm er den Vorsitz im Gaugesundheitsrat für Württemberg-Hohenzollern und trug zugleich den Titel „Gaugesundheitsführer“. Hitler ernannte Stähle im Januar 1943 zum Professor. Eigenen Angaben zufolge wurde Stähle im Herbst 1939 von Herbert Linden über die in der „Aktion T4“ geplanten nationalsozialistischen Krankenmorde an Behinderten und psychisch Kranken („Euthanasie“) informiert. Im Oktober 1939 war Stähle maßgeblich an der Auswahl des auf der Schwäbischen Alb gelegenen Schlosses Grafeneck als Tötungsanstalt der „Aktion T4“ beteiligt. Während der „Aktion T4“ übernahm die von Stähle geleitete Abteilung im württembergischen Innenministerium die Rolle einer regionalen Zentralstelle; Stähle leistete dabei „offenbar ohne Bedenken und in umfassender Weise Beiträge zur Krankenmordaktion.“ Stähle unterzeichnete Schreiben, in denen die Verlegung von Kranken aus württembergischen Anstalten in die Tötungsanstalt Grafeneck angeordnet wurde. Nach späteren Aussagen von Reinhold Vorberg, dem Leiter der mit den Krankentransporten beauftragten Gekrat, fanden bei Stähle Besprechungen zu den Verlegungen statt. Im Frühjahr 1940 war Stähle in Grafeneck bei der Vergasung von Frauen anwesend. Protesten von Vertretern der Kirchen gegen die trotz Geheimhaltung bekannt gewordenen 22 Krankenmorde in Grafeneck begegnete er mit der Aussage „Das 5. Gebot: Du sollst nicht töten, ist gar kein Gebot Gottes, sondern eine jüdische Erfindung.“ Nach der Einstellung der Krankenmorde in Grafeneck im Dezember 1940 hielt es Stähle für „selbstverständlich“, dass die Direktoren der Anstalten „selbst Euthanasie weiterbetreiben würden.“ In der zweiten Phase der nationalsozialistischen Krankenmorde, der Aktion Brandt, wurden zahlreiche Patienten durch systematische Unterernährung oder Überdosierung von Medikamenten ermordet. In der Endphase des nationalsozialistischen Regimes wurden auch erkrankte Zwangsarbeiter Opfer der Krankenmorde. Im April 1945 forderte Stähle von einem Anstaltsarzt, allerdings vergeblich, „die ‚Umlegung‘ von 100 kranken Ostarbeitern“. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Stähle, der auch Träger des Goldenen Parteiabzeichens war, von den Alliierten verhaftet und mehrfach verhört. Er starb 1948 als Untersuchungshäftling im Kreiskrankenhaus Münsingen.

"Trostbrief" der Tötungsanstalt Grafeneck an Bernhard Sandmann.

Die Todesnachricht an die Familie

Katharinas Bruder Bernhard bekam den nachfolgenden Formbrief. Das Todesdatum ist mit Sicherheit falsch, da die Menschen im Allgemeinen sofort nach Ankunft vergast wurden. Der im Original mutmaßlich als Dr. Klein unterzeichnende Arzt war der Leiter der Tötungsanstalt. Sein Klarname: Dr. Horst Schumann. Als Todesursache lässt Schumann „Rückenmarksentzündung mit anschließender Lähmung“ eintragen. Nach anfänglichen Fehlern bei den Todesursachen im Rahmen der Aktion T4 – man hatte z. B. Blinddarm-Durchbrüche bei Patienten angegeben, die gar keinen Blinddarm mehr hatten – legte man bald mehr Wert auf Glaubwürdigkeit.
Nach der Todesnachricht fragte Schwester Anita Sandmann nach den Habseligkeiten ihrer Schwester, die in Grafeneck verblieben sein sollten, unter anderem – es wirkt zynisch – eine Gasmaske. Am 29. Oktober 1940 bekommt sie aus Bedburg-Hau die Nachricht: „Auf Ihr Schreiben vom 21.10.1940 teile ich mit, dass Ihre Schwester Käthe Sandmann nicht im Besitze einer Gasmaske war.“ Zudem musste Anita auch noch für Katharinas „Aufenthalt“ zahlen.
Brief des Oberpräsidenten der Rheinprovinz an Anita Sandmann, 1941.
Der zu Anfang genannte Eintrag in der Krankenakte vom 3.8.1936 aus der Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau lautet in Gänze: Keine Verfolgungsideen, keine Zwangsvorstellungen, keine Zwangshandlungen. Die Frage nach Halluzinationen lehnt sie mit folgenden Worten ab: „Natürlich ist hier alles nicht so wie zu Hause oder im Büro, aber weshalb soll ich mich denn hier fürchten?“

Schlusswort

Die Patientenakten der „Euthanasie“-Opfer im Bundesarchiv Berlin kann nicht jeder einsehen. Nur Wissenschaftler oder Angehörige mit berechtigtem Interesse dürfen das. Letztere nach sehr ausführlicher Untersuchung des Verwandtschaftsverhältnisses und zig entsprechender Nachweise. Zu knapp der Hälfte der Namen gibt es Krankenakten im Bundesarchiv in Berlin. Dort werden etwa 30. 000 Patientenakten der ersten Phase der NS-"Euthanasie” Aktion "T4" archiviert, die 1990 im ehemaligen “NS-Archiv” des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR gefunden wurden. Ca. 40. 000 weitere Akten von insgesamt 70. 000 Menschen, die bis August 1941 der "Aktion T4" zum Opfer fielen, gelten als vernichtet. Ich kontaktierte das Archiv zum ersten Mal am 14.7.2017, nachdem ich die Signatur der Akte zu Katharina aus Grafeneck erhalten hatte und eine Unzahl an Nachweisen zu Verwandtschafts-verhältnissen, die Einverständniserklärung meines Vetters Harald Sandmann, Antragsformulare, Kopien von Ausweisen etc. pp. an das Archiv gesandt hatte. Über ein Jahr nach Beginn meiner Nachforschungen ist diese Dokumentation vorläufig fertig. Ich machte immer wieder Pausen, manchmal wegen anderer Arbeiten, manchmal aber auch, weil ich eine Pause vom Thema brauchte. Mein Dank geht hier vor allem an meinen Cousin Hans, der Material beisteuerte, bei der Sütterlin-Transkription behilflich war und Korrektur las. An Cousine Annerose, die sich zusammen mit ihrer Schwester Renate und mir durch Akten, Urkunden und Fotos wühlte. Dank ihrer Sammelleidenschaft waren all die Familiendokumente und Fotos noch vorhanden! Weiterhin geht mein Dank an Annett Fercho, Stadtarchiv Mülheim/Ruhr, die mir etliche Dokumente zu Katharina einscannte und vor allem nachfragte, ob die Mülheimer Stolperstein-Aktion einen Stein für Katharina verlegen dürfe. Von Grafeneck bekam die Familie vermutlich nur eine Urne mit der Asche unbekannter Herkunft. Ob und wo diese beigesetzt wurde, ist nicht bekannt. So wird es nun auch eine materielle Erinnerung an sie geben - in Form eines Stolpersteins. Dass sie nicht vergessen wird, war das Ziel dieser Dokumentation. Im Jahr 2019 wird der Stolperstein vermutlich vor ihrem Geburtshaus und letztem frei gewählten Wohnort in der Eppinghofer Straße 80 in Mülheim/Ruhr verlegt.
  1. Quelle: Stöckle, Grafeneck 1940, S. 25
  2. Quelle: Karl Binding/Alfred Hoche, Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form, 2. Auflage Leipzig 1922, S. 54f.
  3. Quelle: Hermeler, S. 24
  4. Quelle: LVR-Klinik Bedburg-Hau
  5. Quelle: Thomas Stöckle: Die Aktion T4 am Beispiel Grafenecks.
  6. Quelle: Sigrid Falkenstein, Annas Spuren, Seiten 112/113
  7. Quelle: Ernst Klee, S. 136
Assoziationen

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As­so­zi­a­tive Beziehungen und Verknüpfungen

Alle Opfer der NS-"Euthanasie"-Verbrechen haben ihre Individualität. Manche wurden jedoch aus ähnlichen Motiven verfolgt, einige teilten zum Beispiel Gewaltererfahrungen in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen. Andere wiederum wurden doppelt sigmatisiert: Weil sie als psychisch krank und behindert galten und als homosexuell und jüdisch definiert wurden.
Diesen Verknüpfungen versuchen wir mit "Assoziationen" nachzugehen. Sie ermöglichen es auch, geographische Beziehungen in unserer Datenbank zu recherchieren. Sie können also erforschen, wer am selben Ort oder Region lebte, wer in der selben Anstalt lebte und ermordet wurde.

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Literaturverweise

Ausgewählte Literatur zum Thema

Grafeneck 1940.
2002, Tübingen

Die Euthanasie-Verbrechen in Südwestdeutschland

AutorThomas Stöckle
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