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Erinnerungskultur
04.06.2018, Robert Parzer

„Damit den Menschen der Respekt erwiesen wird, der ihnen von den Nationalsozialisten verweigert wurde“
Mahnmal für Braunschweiger Opfer der NS-‚Euthanasie‘ eingeweiht

Von Julia Gilfert

Am 31. Mai 2018 wurde auf dem Stadtfriedhof in Braunschweig eine Gedenkstele für die Opfer der NS-‚Euthanasie‘-Morde des ehemaligen Landes Braunschweig eingeweiht. Es befindet sich in unmittelbarer Nähe zu dem Bereich, in dem die Urnen mit der – vermeintlichen – Asche der Opfer bestattet wurden. Julia Gilfert war als stellvertretende Vorsitzende des Förderkreises Gedenkort T4 und als Enkelin eines ‚Euthanasie‘-Opfers eingeladen, eine Rede zu halten. Hier berichtet sie von der bewegenden Feier.

Die Veranstaltung begann um 18 Uhr in noch immer schwüler Sommerhitze mit stimmungsvollen Klängen von Fagott und Tenorsaxophon. Nach einer Begrüßung von Regina Blume von der Projektgruppe der Gedenkstätte Friedenskapelle und Grußworten von Bürgermeisterin Anke Kaphammel durfte ich den Anwesenden aus der Lebensgeschichte meines Großvaters Walter Frick erzählen, der 1941 in Bernau ein Opfer der NS-‚Euthanasie‘-Morde geworden ist. Seine Geschichte zeigt, dass die Opfer der NS-‚Krankenmorde‘ nicht nur die ohnehin schon stigmatisierten ‚Anderen‘ waren.

Eine Erkenntnis, der ich am Ende meiner Rede mit dem Wunsch Ausdruck verlieh, dass ein jeder Besucher beim Blick in die gläserne Stele sein eigenes Spiegelbild erkennen möge. 

 

 

Im Anschluss an meinen Redebeitrag versammelten sich einige Schülerinnen der Neuen Oberschule in Braunschweig um die noch verhüllte Stele und ließen die Anwesenden an ihren persönlichen Gedanken teilhaben. Sie hatten sich, außerhalb des Unterrichts und auf freiwilliger Basis, in Zusammenarbeit mit der Projektgruppe um Regina Blume maßgeblich für die Errichtung dieses Erinnerungszeichens eingesetzt. „Damit den Menschen der Respekt erwiesen wird, der ihnen von den Nationalsozialisten verweigert wurde", wie es eine Schülerin ausdrückte. 
Nach den bewegenden Worten der Schülerinnen wurde das Mahnmal schließlich enthüllt und Blumen wurden niedergelegt. Die Stele aus Glas enthält – und dies ist die erste Besonderheit – die Namen und Lebensdaten der Braunschweiger Opfer, die bisher recherchiert werden konnten. Das bekannte Talmud-Zitat „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“ schließt die Reihe der Opfernamen ab.

Gerade im Kontext der noch immer intensiv diskutierten Frage der Namensnennung der Opfer ist die Stele ein wichtiges Zeichen. 
 

Die gläserne Stele mit Namen und Lebensdaten der Braunschweiger Opfer der NS-"Euthanasie"-Verbechen

Eine weitere Besonderheit ist die Erklärungstafel am Eingang des Urnenfeldes. Während auf der Vorderseite Informationen zu Urnenfeld, Mahnmal und NS-‚Euthanasie‘ zu lesen sind, finden Interessierte auf der Rückseite die gleichen Informationen auch in Leichter Sprache.

Denn, so die Begründung, unter den Opfern seien viele Menschen mit geistigen Behinderungen, Menschen mit Lernschwierigkeiten.

Heute bietet Leichte Sprache für eben diese Menschen eine wichtige Möglichkeit der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Erklärungstafel am Eingang des Urnenfeldes mit Informationen in leichter Sprache
Momentaufnahme im Inneren der Friedhofskapelle. Dass es kein Mahnmal gibt, ist ab sofort Geschichte.

Im Anschluss an die Feier luden die Initiatoren noch zu einem kleinen Imbiss in die Friedenskapelle ein. In dieser ehemals katholischen Friedhofskapelle befindet sich heute eine eindrucksvolle Ausstellung, unter anderem auch zum Thema NS-‚Euthanasie‘-Morde. Dort konnte ich auch diese Momentaufnahme machen , die noch einmal das beeindruckende Engagement der Projektgruppe und der Schülerinnen und Schüler verdeutlicht.

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