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Historischer Ort: Tiegenhof, Verwaltungsgebäude
Landesheil- und Pflegeanstalt Tiegenhof
Wojewódzki Szpital dla Nerwowo i Psychicznie Chorych "Dziekanka"
Landesheil- und Pflegeanstalt Tiegenhof
Wojewódzki Szpital dla Nerwowo i Psychicznie Chorych "Dziekanka"

Landesheil- und Pflegeanstalt Tiegenhof (Wojewódzki Szpital dla Nerwowo i Psychicznie Chorych "Dziekanka")
Heil- und Pflegeanstalt in Gniezno

Die Anstalt Tiegenhof wurde zwischen 1891 und 1894 knapp zweienhalb Kilometer von Gnesen entfernt, im Regierungsbezirk Posen errichtet. Bis 1919 waren Betten für etwa 600 Patienten verfügbar. Nach dem Übergang des Gebietes an den wiedererstandenen Staat Polen wurde die Anstalt in Dziekanka umbenannt. Sie gehörte zu den psychiatrischen Einrichtungen mit den niedrigsten Sterblichkeitsziffern weltweit. Im Jahr 1934 übernahm der schlesische Arzt Dr. Viktor Ratka die Leitung der Einrichtung und behielt sie auch nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen. Er gab nun an, Volksdeutscher zu sein. 

Heil- und PflegeanstaltDenkmal

AdressePoznańska 15
GnieznoRoutenplaner
LinksWebseite des KrankenhausesWebseite zur Kinderfachabteilung in Tiegenhof

Registrierung der Patienten

Die Anstalt Tiegenhof wurde am 11. September 1939 besetzt und einen Monat später von dem deutschen Arzt Dr. Viktor Banse, der vorher Direktor der pommerschen Anstalt Ückermünde gewesen war, inspiziert. Banse stellte fest, dass 1136 Patienten anwesend waren und teilte die Patienten nach ihrer nationalen Zugehörigkeit ein. 

Ansicht eines Gebäudes des Krankenhauses Dziekanka.

Dementsprechend wurden Patienten nach ihrer Nationalität auf die einzelnen Häuser und Abteilungen verteilt. So befanden sich allein in der Abteilung V 72 jüdische Patienten. Im November 1939 wurde nahezu das gesamte polnische Personal entlassen. Es wurde nach und nach durch deutsche Pfleger und Pflegerinnen aus den aufgelösten pommerschen Anstalten ersetzt. 

Ermordung der Patienten

Im Dezember 1939 wurde die Abteilung V aufgelöst und die Patienten brutal auf LKWs verladen. Vorher erhielten sie Beruhigungsspritzen. Insgesamt wurden im Dezember 1939 595 Patienten deportiert. Mitglieder eines noch nicht näher bekannten Kommandos, eventuell das Sonderkommando Lange, brachten sie in die Gaskammer im Posener Fort VII. 

Im Januar 1940 setzte eine "zweite Phase" der Ermordungen ein. Hintergrund war, dass die Gaskammer im Fort VII nicht mehr benutzt wurde und das Sonderkommando anstatt dessen einen mobilen Gaswagen benutzte, mit dem sie die Anstalten im Warthegau nach einem noch nicht näher bekannten Muster abfuhren und die Patienten ermordeten.

Insgesamt wurden so 448 Patienten aus Tiegenhof ermordet. Ganz überwiegend waren es polnische und jüdische Menschen - die deutschen Patienten waren wohl nach Meseritz-Obrawalde gebracht worden. Nachdem die Anstalt fast leer war, gab es Unklarheit hinsichtlich ihrer Zukunft. Es stand im Raum, sie zu schliessen, allerdings wurde sie bestehen gelassen.

Im Juni 1941 kehrte das Sonderkommando Lange nach Tiegenhof zurück. Dieses Mal wurden 158 Pfleglinge der St. Josefsanstalt in Posen, die nach Tiegenhof gebracht worden waren, in einem Gaswagen ermordet.

Nach den Gasmorden

Tiegenhof wurde zu einem Aufnahmezentrum für etwa 400 als "geisteskrank" definierte Baltendeutsche und zu einem Schulungsort für SS-Männer. Etwa 100 Patienten kamen zusätzlich aus Bessarabien; ebenso wie der Leiter der spätere eingerichteten Kinderfachabteilung, Walter Kipper. Im Laufe des Jahres 1940 starben 105 der baltendeutschen Patienten; ob hier von gezielten Morden gesprochen werden kann, ist unklar. 

Tiegenhof wurde zum fiktiven Begräbnisort für in anderen ehemals polnischen Anstalten ermordete Patienten. Nur in der Bürokratie existierende Scheingräber wurden angelegt, nummeriert und Angehörige informiert. 

Ab November 1941 wurde Tiegenhof zum Aufnahmeort für Deportationen aus dem Westen des Dritten Reiches. Die ersten Transporte fanden von den Alstersdorfer Anstalten statt; etwa 300 Patienten wurden von dort mit Bussen der T4-Zentrale in den Warthegau gebracht. Ab Juli 1943 trafen Transporte vor allem aus Westfalen und dem Rheinland ein. 1944 kam ein großer Transport mit etwa 100 Patienten aus Altscherbitz nach Tiegenhof. 

Ein großer Teil von ihnen wurde ebenso wie zahlreiche andere, auch polnische, Patienten durch Hunger und Medikamentengabe ermordet. 

Historischer Ort: Tiegenhof, Bestellung Medikamente
1944 bestellte der Direktor der Anstalt Tiegenhof fünf Kilogramm Chloralhydrat, ein synthetisch hergestelltes Schlafmittel. Die Bestellung ging an die T4-Zentrale, die das Medikament über das Kriminaltechnische Institut beschaffte. Quelle: NARA

Im Jahr 1944 wurde Tiegenhof, wie eine Reihe von anderen Anstalten, zu einer Sammelstelle für so definierte geisteskranke Ostarbeiter. 

Insgesamt wurden in Tiegenhof an die 5000 Patienten ermordet. 

Kinderfachabteilung

Anfang des Jahres 1943 wurde eine Kinderfachabteilung in Tiegenhof eingerichtet. 138 polnische und deutsche Kinder wurden bis zur Befreiung der Anstalt Tiegenhof im Januar 1945 aufgenommen. Aufgrund der nicht mehr vorhandenen Akten ist es nicht möglich zu sagen, wie viele ermordet wurden. 

Gedenken

Bereits im Jahr 1948 wurde eine Gedenktafel an einem Gebäude im Krankenhaus angebracht, die auf die Ermordungen von Patienten und Personal der Anstalt hinweist. Nach umfangreichen archäologischen Grabungen wurde ein weiteres Denkmal in den Nowaszyce-Wäldern aufgstellt, wo ermordete Patienten vom Sonderkommando Lange ermordet und verscharrt worden waren. 

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Literaturverweise

Ausgewählte Literatur zum Thema

Die Anfänge der Vernichtung „lebensunwerten Lebens“
1995, Frankfurt/Main

in den Reichsgauen Danzig-Westpreußen und Wartheland 1939/40

AutorVolker Rieß

Die Landesheil- und Pflegeanstalt Tiegenhof
2015, Frankfurt/Main

Die nationalsozialistische Euthanasie in Polen während des Zweiten Weltkrieges

AutorEnno Schwanke
ISBN978-3-631-65236-7

Medycyna w cieniu Nazismu
2015, Poznan

AutorMichał Musielak und Katarzyna B. Głodowska
ISBN978-83-7597-273-3

Medycyna w cieniu Nazismu
2015, Poznan

AutorMichał Musielak und Katarzyna B. Głodowska
ISBN978-83-7597-273-3

NS-Bevölkerungspolitik und Psychiatrie:
2011, Poznan

Die Umfunktionierung der Heilanstalt Tiegenhof/Dziekanka zu einer 'Vorbildlichen Heilanstalt für Deutsche' während der Deutschen Besatzungszeit 1939–1945. In: Medycyna na usługach systemu eksterminacji ludności w Trzeciej Rzeszy i na terenach okupowanej Polski, S. 205-216

AutorMaria Fiebrandt

Pacjenci i pracownicy szpitali psychiatrycznych w Polsce zamordowani przez okupanta Hitlerowskiego
1989, Warschau

i los tych szpitali w latach 1939-1945. Vol. 1: Szpitale. Vol. 2: Imienne wykazy zamordowanych.

AutorZdzisław Jaroszewski (Hg.)

Techniki zagłady w nazistowskich akcjach eutanazyjnych na terenie Kraju Warty (1939-1940)
2012, Warschau

In: Zagłada chorych psychicznie: Pamięć i historia

AutorArtur Hojan und Cameron Munro

Volks- und Reichsdeutsche in den ehemals polnischen Heilanstalten Warta und Tiegenhof (Warthegau) 1939-1945
2012, Münster

in: NS-Euthanasie in der Ostmark, edited by the Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen 'Euthanasie' und Zwangssterilisierung

AutorMaria Fiebrandt
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