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Alstersdorfer Anstalten (Evangelische Stiftung Alstersdorf)
Heil- und Pflegeanstalt in Hamburg

Die Alstersdorfer Anstalten gehen auf eine Gründung des Pastors Heinrich Matthias Sengelmann zurück, der 1850 in Moorfleet eine christliche Arbeitsschule für geistig gesunde, sozial benachteiligte Schüler errichtete. 1860 kaufte der Pastor einen Brauhof in Alstersorf, wo 1863 das "Asyl für schwach- und blödsinnige Kinder" gegündet wird. Bis 1900 wurden die Alstersdorfer Anstalten zur größten norddeutschen evangelischen Behinderteneinrichtung. 

Heil- und PflegeanstaltDenkmal

AdresseAlsterdorfer Markt 4
22297 HamburgRoutenplaner
LinksZur Geschichte der Alstersdorfer Anstalten
KontaktArne Streckwall
Tel 040741057225
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Zwangssterilisationen

Forderungen nach Sterilisationen wurden seit 1930 erhoben. Personal der Alstersdorfer Anstalten nahme an Tagungen und Konferenzen teil, auf denen über eugenische Vorstellungen und Ziele debattiert wurde. Der Anstaltsarzt Gerhard Kreyenberg forschte in Alstersdorf zur Erbbiologie. Schon bevor das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses am 1. Janiar 1934 in Kraft trat, wurden 297 Patienten zur Sterilisation angemeldet. Bis Mai 1936 wurden 154 Bewohner zwangsweise unfruchtbar gemacht. 

Deportationen von Patienten

Unter der Leitung des Pators Friedrich Lensch wurden die Alstersdorfer Anstalten zu einer Heil- und Pflegeanstalt. Die meisten Mitarbeiter traten in die NSDAP oder eine ihrer Gliederungen ein. Auf eigene Initiative der Anstaltsleitung wurden ab Januar 1938 die jüdischen Patienten aus den Alstersdorfer Anstalten entfernt. Sechs Bewohner wurden an verschiedene Orte gebracht; die Meisten starben im Holocaust. Am 31. Oktober 1938  wurden 15 jüdische Bewohner zunächst in das Verorgungsheim Oberaltenallee, dann in die Zwischenanstalt Langenhorn und von dort am 23. September 1940 in die T4-Tötungsanstalt Brandenburg/Havel deportiert. Später wurden noch drei weitere jüdische Patienten deportiert. 

Im Juli 1940 sandte die Zentrale der Aktion T4 Meldebögen an die Alstersdorfer Anstalten, mit denen Patienten erfasst werden sollten. Diese sandten im Februar 1941 an die 730 Meldebögen zurück nach Berlin. Am 28. Juli 1941 wurden fünfzig Männer, drei Tage später zwanzig Frauen mit Bussen der GEKRAT aus den Anstalten nach Langenhorn weggebracht. Vier der Siebzig verstarben dort, die 66 anderen wurden mit Ransporten am 14.,20., 22., 26., un 27. November 1941 in die Gau-Heilanstalt Tiegenhof deportiert. Einzig Harald Laist überlebte und wurde 1948 entlassen. Alle anderen starben in Tiegenhof an bewusst herbeigeführter Unterernährung und der Überdosierung von Medikamenten. 

Bei den verheerenden allierten Luftangriffen auf Hamburg wurden auch die Alstersdorfer Anstalten getroffen. Hunderte von Obdachlosen und Verletzte wurden dennoch aufgenommen. Pator Lensch ersuchte am 30. Juli 1943 die Hamburger Gesundheitsbehörde um den Abtransport von 750 Anstalsbewohnern, die obdachlos geworden seien. Eine mögliche Verlegung auf anstaltseigene Güter oder in befreundete Anstalten der inneren Mission wurde nicht erwogen. Am 7. August wurden 52 Kinder und Jugendliche in die Heil- und Pflegeanstalt Kalmenhof und 76 Kinder und Männer in die  Heil- und Pflegeanstalt Eichberg gebracht; drei Tage später kamen 113 Jungen und Männer in die Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen bei Passau und am 14. August 1943 wurden 228 Mädchen und Frauen in die Landesheilanstalt Am Steinhof in Wien deportiert. Alle diese Transporte wurden mit den "Grauen Bussen" der Gekrat durchgeführt. Am Kalmenhof starben 51 der Deportierten, darunter waren 27 der 28 deportierten Kinder, die in der Kinderfachabteilung ermordet wurden. 24 Männer aus Alstersdorf wurden am 12. Oktober 1943 nach Hadamar weiterverlegt - sie wurden alle bis zum 3. Januar 1944 ermordet. 13 weitere kamen in die Anstalten in Weilmünster und Herborn. . Nur zwei der 76 auf den Eiberg deportierten Alstersdorfer überlebten, dies waren die zwei nach Herborn verlegten  Otto Ewald und Karl Kiel. sie überlebten den Krieg, weil sie als Arbeitskräft gebraucht wurden.

Nach Mainkofen kamen besonders viele alte Männer. Bis Ende 1945 starben dort 74 ehemalige Alstersdorfer Bewohner, nur 39 überlebten. 

Von den am 16. August 1943 nach Wien deportierten Mädchen und Frauen  kamen 14 in die Kinderfachabteilung am Steinhof. Sie alle wurden innerhalb von dreieinhalb Monaten getötet. Insgesamt starben 196 der aus Hamburg deportierten Bewohnerinnen bis Ende 1945. Bei einer Sterberate von 86% gab es nur ganz wenige Übelebende. Drei Frauen lebten bis in die 2000er Jahre in Hamburg. Johanna Pollmann starb als letzte von ihnen im Jahr 2009. 

Gedenken

1984 wurde das von dem Bildhauer Siegfried Assmann geschaffene Mahmal in den Alstersdorfer Anstalten enthüllt und ein Gedenkbuch mit den Namen der Opfer in der St. Nicolaus-Kirche ausgelegt. Für die überlebenden Bewohner wurden Anträge an  verschiedene Härtefallfonds gestellt. 1988 beschließt die Bezirksversammlung Hamburg-Nord, die Hindenburgstraße in der Nähe der Anstalten nach einer in Wien ermordeten Bewohnerin, Dorothea Kasten, umzubenennen. Dies scheitert an Einsprüchen von Anwohnern und einem gegenläufigen Beschluß des Hamburger Senats. Statt dessen wurde 1993 die Zufahrt zu den Alstersorfer Anstalten nach Dorothea Kasten benannt.  Seit 1995 findet jedes Jahr eine Gedenkveranstaltung am Mahnmal statt. Dabei werden auch Schüler der Fachschule für Heilerziehung einbezogen. 1996 werden Überreste von zehn Alstersdorfer Opfern, denen in Wien Gehirne entnommen wurden, auf dem Ehrenfeld der Geschwister Scholl-Stiftung in Hamburg-Ohlsdorf bestattet; 2002 erfolgt eine Beisetzung in Wien und 2012 eine weitere ebenfalls in Wien. Im Mai 2007 wurde eine Stolperschwelle an der ehemaligen Pforte der Alstersdorfer Anstalten verlegt. 

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