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Historischer Ort: Landesheil- und Pflegeanstalt Herborn, Ansicht des Verwaltungsgebäudes
Landesheil- und Pflegeanstalt Herborn
Vitos Herborn
Landesheil- und Pflegeanstalt Herborn
Vitos Herborn

Landesheil- und Pflegeanstalt Herborn (Vitos Herborn)
Heil- und Pflegeanstalt in Herborn

 1906 beschloß der Kommunallandtag des Regierungsbezirks Wiesbaden die Errichtung einer "Irrenanstalt". Drei Jahre späer wurde diese in Herborn eröffnet; an die 1000 Kranke konnten in ihr behandelt werden. Im Ersten Weltkrieg waren viele Tote aufgrund von Unterernährung und Spanischer Grippe zu verzeichnen. Im Juli 1941 Auflösung und Nutzung als Lazarett, 1946 erfolgt die Wiedereröffnung.  2009 in Vitos Herborn umbenannt. 

Heil- und PflegeanstaltMuseum, Zwischenanstalt

AdresseAustraße 40
35745 HerbornRoutenplaner
LinksFlyer zum Psychiatriemuseum
KontaktTel 02772 5040
Fax 02772 504 13 84
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Zwangssterilisationen

Zwischen dem 18. Dezember 1934 und dem 26. Juli 1939 wurden in Herborn mindestens 1184 Menschen zwangssterilisiert (561 Frauen, 623 Männer). Der jüngste Sterilisierte waren ein elf Jahre alter Junge, der älteste ein 65jähriger Mann.1

Die meisten Sterilisierten kamen aus den Anstalten Hadamar, Idstein/Kalmenhof, Scheuern und Weilmünster zur Operation nach Herborn. Die meisten Zwangssterilisation aufgrund der Diagnose "Schwachsinn". Es gibt keine Zahlen dazu, ob, und wenn ja, wie viele Patienten nach dem Zwangseingriff starben.

 

Landesheil- und Pflegeanstalt Herborn, um 1930.

Aktion T4, Herborn als Zwischenanstalt

Ab 1933 verschlechtetern sich die Lebensbedingungen massiv. Strohsäcke ersetzten Matratzen, die Zahl der Patienten stieg von 1288 im April 1939 auf 1665 im März 1940.2

Die Anstalt in Herborn und die anderen staatlichen Anstalten der Provinz Hessen-Nassau erhielten im Juni 1940 Meldebögen zur Erfassung der Patienten. Absender war der Oberpräsident in Kassel, der die Bögen der Zentrale der Aktion T4 in Berlin weiterleitete. 

Bereits am 23. Mai 1940 waren die Namen und Daten der jüdischen Patienten nach Berlin gemeldet worden. 22 Frauen und 16 Männer wurden daraufhin am 25. September 1940 in die Landesheil- und Pflegeanstalt Gießen deportiert und von dort mit anderen jüdischen Patienten zusammen am 1. Oktober 1940 in der T4-Tötungsanstalt Brandenburg ermordet. 

Die nicht-jüdischen Patienten der Anstalt Herborn wurden erstmals am 24. Januar 1941 in die T4-Tötungsanstalt Hadamar deportiert. Diesem Transport folgten bis zum 24. März acht weitere. Insgesamt wurden 774 Patienten in Hadamar ermordet. 

Zahlreiche Patienten wurden nach Herborn gebracht, bevor sie zur Ermordung weiter deportiert wurden. Diese Transporte fanden immer mit der Bahn statt. Zwischen dem 8. April und dem 1. Juli 1941 kamen 885 Patienten aus sechs Anstalten nach Herborn. (Aplerbeck, Lüneburg, Marburg, Merxhausen, Warstein, Lübeck-Strecknitz) 858 wurden zur Ermordung nach Hadamar gebracht, 18 starben in Herborn und neun verblieben. 36 Patienten, die man nach Hadamar schickte, wurden vorläufig nicht dort ermordet. 28 wurden später aber doch getötet. 

Ende August 1941 wurde die Anstalt Herborn geräumt und als Wehrmachtslazarett benutzt. Die nach den Morden der Aktion T4 noch verbleibenen Patienten wurden auf andere Anstalt verteilt: Weilmünster, Eichberg, Kalmenhof/Idstein und Scheuern nahmen Herborner Kranke auf. Viele starben dort oder wurden an anderen Orten ein Opfer der NS-"Euthanasie"-Verbrechen. 

Insgesamt wurden 1946 Patienten, die in Herborn waren, Opfer der NS-"Euthanasie". 

Juristische Aufarbeitung und Gedenken

Der Anstaltsdirektor von 1932 bis 1947, Dr. Paul Schiese, war 1947 Zeuge im Hadamar-Prozeß am Frankfurter Landgericht. Patientenbücher der Anstalt Herborn wurden in dem Prozeß als Beweismittel verwendet. Einige wenige Mitarbeiter der Heil- und Pflegeanstalt wurden im Zuge der Entnazifizierung entlassen. Weitere Ermittlungen und Anklagen gab es nicht. Schierse blieb trotz seiner Unterstützung des Patientenmordes bis 1947 im Amt, als er aus Altersgründen pensioniert wurde. 3

In der Jubiläumsschrift von 1981 wurde auf das Thema der NS-"Euthanasie"-Verbrechen nicht eingegangen. 1989 wurde ein Gedenkstein errichtet. Ein Pychiatriemuseum informiert auch über die Zeit des Nationalsozialismus. 

  1.  Jana Weigand, Zwangssterilisatione in Herborn, in: Christian Vanja (Hg.), 100 Jahre Psychiatrie in Herborn, Marburg 2011, S. 126-136, hier S. 128.
  2. Ralf Forsbach, Therapien und Humanexperimente in der NS-Zeit, in:  Christian Vanja (Hg.), 100 Jahre Psychiatrie in Herborn, Marburg 2011, S. 119-126, hier S. 120. 
  3. Georg Lilienthal, Die Landeheilanstalt Herborn und der Krankenmord, in Christian Vanja (Hg.), 100 Jahre Psychiatrie in Herborn, Marburg 2011, S. 136-154.
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Literaturverweise

Ausgewählte Literatur zum Thema

100 Jahre Psychiatrie in Herborn
2011, Marburg

Rückblick, Einblick, Ausblick

AutorChristian Vanja (Hg.)
ISBN978-3-89445-460-9
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