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Historischer Ort: Novinki, Denkmal 1
Psychiatrische Arbeitskolonie Novinki
Republikanisches Forschungs- und Praxiszentrum für seelische Gesundheit
Psychiatrische Arbeitskolonie Novinki
Republikanisches Forschungs- und Praxiszentrum für seelische Gesundheit

Psychiatrische Arbeitskolonie Novinki (Republikanisches Forschungs- und Praxiszentrum für seelische Gesundheit)
Täterort in Minsk

Der nationalsozialistische Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion traf das Territorium der damaligen Belarussischen Sozialistischen Sowjetrepublik (seit 1991: Republik Belarus) besonders hart. Infolge der Durchführung zahlloser Massenmorde sank die Bevölkerungszahl Belarus‘ um 1,7 Millionen Menschen; mehrere Hunderttausende Juden wurden gezielt durch Mitglieder der Einsatzgruppen erschossen, dazu kamen noch Morde an Roma und Kriegsgefangenen sowie ein Hungerplan, der gezielt die Menschen in den Städten dem Hungertod aussetzte, um Lebensmittel nach Deutschland bringen zu können.
 

Teilansicht der psychiatrischen Arbeitskolonie Novinki, 1930er-Jahre. Quelle: http://www.mentalhealth.by/en/site-map

TäterortDenkmal, Psychiatrisches Krankenhaus

Adresse152, Dawhinawski Trakt
220053 MinskRoutenplaner
LinksWebseite (englisch)
Aussage einer Täters

"Russen sehen Geistesschwache als heilig an. Trotzdem Tötung nötig."1 Eintrag im Kriegstagesbuch Franz Halders im September 1941.

Franz Halder war von September 1938 bis September 1942 Chef des Generalstabes des Heeres. Quelle: Bundesarchiv Bild 146-2000-003-06A via Wikipedia.
  1. zitiert nach Christian Gerlach, Kalkulierte Morde, Hamburg 1999, S. 1072

Patienten in psychiatrischen Krankenhäusern waren unter diesen Umständen nahezu ohne Chancen, den Krieg zu überleben. Nicht nur litten sie besonders unter dem von den Besatzern bewusst herbeigeführtem Mangel an Nahrungsmitteln und Medikamenten, sondern sie wurden Ziel von Mordaktionen. Dies betraf beinahe alle Gebiete der besetzten Sowjetunion, wo im Rücken der Wehrmacht Einsatzgruppen Behinderte und psychisch Kranke erschossen und vergasten. Eine besondere Bedeutung nahmen dabei die Morde in Belarus ein, da sie zu den ersten koordinierten Aktionen gehörten, anhand derer zahlreiche Fragen berührt werden, die die Genese des Patientenmordes und damit verbunden des Holocaust sowie die Querverbindungen zur Aktion T4 im Altreich betreffen.

Artur Nebe, Kommandeur der u.a. in Minsk stationierten Einsatzgruppe B, wandte sich an Albert Widmann, einem im Krimialtechnischen Institut arbeitenden und bereits in der Aktion T4 versierten Chemiker mit der Bitte um Unterstützung. Widmann fuhr darauf hin nach Minsk, und nahm 400 Kilogramm Sprengstoff sowie zwei Metallschläuche von Berlin aus mit. Mit dem Sprengstoff wurden Patienten des Krankenhauses Nowinki in einem Wald bei Minsk getötet; dies erwies sich aber als eine nicht effiziente Tötungsmethode. Mit Hilfe der Metallschläuche wurde am 18. September 1941 ein Badehaus des Krankenhauses mit Gas geflutet, um über 100 Kranke zu ermorden. Einige Tage später wurden die jüdischen Patienten von Nowinki erschossen. Noch später, am 6. und 7. Dezember, wurden auch noch 200 Patienten der psychiatrischen Abteilung des 2. Zivilkrankenhauses von Minsk erschossen.

Juristische Aufarbeitung

Diese Verbrechen kamen bei zahlreichen Prozessen zur Sprache, unter anderem bei den Prozessen gegen Mitglieder und Führer von Einsatzgruppen wie Dr. Bradfisch in München, Georg Heuser in Koblenz und Karl Frenzl in Karl-Marx-Stadt. Auch in Minsk selbst kam es zu Verfahren.

Gedenken

Über 70 Jahre nach den Verbrechen rückten die Opfer der Verbrechen in den Fokus der Erinnerungskultur. Dank einer von der Stiftung EVZ geförderten Ausstellung in Minsk , an der das einzige unabhängige Hochschulinstitut in Belarus, das European College of Liberal Arts mit ihrem Zentrum für Public History beteiligt war, kam es zu Kontakten zum psychiatrischen Krankenhaus. Alexej Bratochkin und Oleg Aizberg legten die Grundlagen, damit am 5. September 2017 ein Gedenkstein der Öffentlichkeit übergeben werden konnte. 

Er wurde von Igor Zosimovich entworfen und enthält die Inschrift

"Als ein Andenken und im Respekt vor der menschlichen Würde der von den Nazi-Okkupanten ermordeten Patienten des psychiatrischen Krankenhauses und der Arbeitskolonie Novinki"

Was nun noch zu wünschen wäre, ist, dass es auch in Belarus gelingen möge, den Opfern wieder einen Namen zu geben. Dazu sind aber noch umfangreiche Studien notwendig, und wohl auch ein weiterer Mentalitätswandel in der Erinnerungskultur Belarus‘.  Jedenfalls ist dieser Gedenkstein auch als ein Beispiel besonders gelungener Förderpolitik der Stiftung EVZ anzusprechen.

Foto des Gedenksteines auf dem Gelände der Klinik.
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Literaturverweise

Ausgewählte Literatur zum Thema

Kalkulierte Morde
1999, Hamburg

Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941-1944

AutorChristian Gerlach

Von den »T4«-Bussen der GeKraT zu den mobilen Gaswagen
2017, Zwiefalten

Krankenmorde der deutschen Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion ab 1941. In: Thomas Müller, Paul-Otto Schmidt- Michel, Franz Schwarzbauer, Vergangen? Spurensuche und Erinnerungsarbeit. Das Denkmal der Grauen Busse. S. 95-113

AutorPaul-Otto Schmidt-Michel
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