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Historischer Ort: Lippische Heil- und Pflegeanstalt Lindenhaus, Foto des ehemaligen Frauenhauses I
Lippische Heil- und Pflegeanstalt Lindenhaus
Lippische Heil- und Pflegeanstalt Lindenhaus

Lippische Heil- und Pflegeanstalt Lindenhaus
Heil- und Pflegeanstalt in Lemgo

Die Fürstin Pauline von Anhalt-Bernburg war die treibende Kraft hinter der Errichtung der Anstalt Lindenhaus. 1811 eröffnet, gilt sie als eine der ersten auf heutigem deutschem Gebiet, wo Patienten tatsächlich medizinische Hilfe gewährt  und sie nicht nur aussortiert wurden. In der Folge entstanden mehrere Gebäude.1908 übernahm das Land Lippe die Anstalt. Im Ersten Weltkrieg verhungerte, anders als in den meisten anderen psychiatrischen Einrichtungen, dank der zur Anstalt gehörenden Ländereien, kein Patient. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erfolgte im Jahr 1951 die Auflösung der Anstalt. Die Patienten wurden auf andere Anstalten verteilt. Heute werden die Gebäude von Privatpersonen als Wohnhäuser und von öffentlichen Einrichtungen benutzt. 

Foto des ehemaligen Frauenhauses I,erbaut 1854, heute Kommunales Rechenzentrum Minden-Ravensberg/Lippe.

Heil- und PflegeanstaltStolperstein

AdresseAm Lindenhaus 1
32657 LemgoRoutenplaner

Die Anstalt im Nationalsozialismus

Anfang der 1920er Jahre war die Existenz der Anstalt wegen der hohen Kosten und Defizite in Frage gestellt. Um dies abzuwenden, wurden Verträge mit dem Freistaat Hessen und der Provinz Westfalen abgeschlossen, um Patienten von dort im Lindenhaus aufzunehmen. Solche Verlegungen fanden auch nach 1933 statt und haben  mit NS-"Euthanasie"-Verbrechen nicht direkt zu tun. Das Lindenhaus hatte in den 1930er Jahren 520 Betten. Im Zuge des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" stellten die Ärzte des Lindenhauses 208 Anträge auf Zwangssterilisation von Patienten. 1

1940 wurde ein Teil der Anstalt abgetrennt, um Platz zu schaffen für Patienten des Lemgoer Krankenhauses Wolff'sche Stiftung, die ihrerseits verdrängt worden waren, weil das Krankenhaus als Wehrmachtslazarett benutzt wurde. In der Folge wurden immer mehr Gebäude des Lindenhauses abgegeben. 

Im Juli 1940 wurden sechs jüdische Patienten in die Heilanstalt Wunstorf deportiert und von dort im Rahmen einer größeren Vernichtungsaktion gegenüber jüdischen Patienten in die T4-Tötungsanstalt Brandenburg/Havel gebracht, wo sie ermordet wurden. 

Der ärztliche Direktor, Dr. Georg Müller, verweigerte seine Mitarbeit gegenüber der Aktion T4. Er bestand darauf, die Meldebögen nicht auszufüllen. Aus diesem Grund wurde kein Patient des Lindenhauses in die T4-Tötungsanstalten deportiert. Müller war gleichzeitig auch ein Befürworter von Zwangssterilisationen. Noch 1944 wird er in Akten des Erbgesundheitsgerichtes Celle als Antragssteller für Sterilisationen in 10 Fällen geführt. 2 Auch sah er sich, selbst Mitglied der NSDAP, durch die angebliche Bevorzugung jüdischer Ärzte diskriminiert.3Während es Krieges stieg die Sterblichkeit unter den Patienten im Lindenhaus um ca. 15%. Gezielte Tötungen können nicht nachgewiesen werden. 

"Im Lindenhaus selbst wurden keine Patiententötungen mit Medikamenten durchgeführt. In einigen Fällen könnte die längere Verabreichung sedierender Mittel eine zum Tode führende Pneumonie oder Schwächung des Allgemeinzustandes begünstigt haben. Eine Intention der Tötung lag mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht vor. In der Anstalt wurde keine spezielle "Hungerkost" verabreicht, jedoch wurden deutliche Einsparungen bei der Ernährung vorgenommen",

so Jutta M. Bott in ihrer Studie zum Lindenhaus.4Mölicherweise wurden aber drei sowjetische (von insgesamt 27 in der Anstalt behandelten) Zwangsarbeiter in andere Anstalten zur Ermordung gebracht. 

Juristische Aufarbeitung und Gedenken

Im so genannten Westfälischen "Euthanasie"-Prozeß Anfang der 1950er Jahre kamen Ereignisse im Lindenhaus zur Sprache. Dr. Müller sagte zu  seiner Verweigerung aus, die Meldebögen auszufüllen, wollte aber ärztliche Kollegen, die dies taten, nicht verurteilen. 

Am 13. Juni 2009 wurden am Lindenhaus sechs Stolpersteine für die nach Wunstorf verschleppten und in Brandenburg/Havel ermordeten Patienten verlegt. 

Quellen

Im Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe liegen 6174 Patientenakten über Bewohner des Lindenhauses. Diese können vor Ort in Detmold benutzt werden.

  1. Heinrich Bax, Unfruchtbarmachung jugendlicher Bewohnerinnen und Bewohner der Lemgoer Anstalt Eben-Ezer während der Zeit des Nationalsozialismus (1934 – 1945), S. 1,  online unter https://www.euthanasiegeschaedigte-zwangssterilisierte.de/texte-pdf/bax-21-05-16.pdf
  2. Jutta M Bott, "Da kommen wir her, da haben wir mitgemacht..." Lebenswirklichkeiten und Sterben in der Lippischen Heil- und Pflegeanstalt Lindenhaus während der Zeit des Nationalsozialismus, Gütersloh 2001, S. 164 
  3. Ebda. 
  4. Ebda., S. 459 
Stolpersteine im Lindenhaus

Aufschriften der am 13. Juni 2009 verlegten Stolpersteine1

Hier lebte
MAX FRIEDMANN
Jg. 1912
Verlegt 1940
'Heilanstalt' Wunstorf
Ermordet 27.9.1940
Landesanstalt
Brandenburg

Hier lebte
GUSTAV GRUNDMANN
Jg. 1891
Verlegt 1940
'Heilanstalt' Wunstorf
Ermordet 27.9.1940
Landesanstalt
Brandenburg

Hier lebte
HERMANN HEINEMANN
Jg. 1876
Verlegt 1940
'Heilanstalt' Wunstorf
Ermordet 27.9.1940
Landesanstalt
Brandenburg

Hier lebte
ILSE HERZ
Jg. 1895
Verlegt 1940
'Heilanstalt' Wunstorf
Ermordet 27.9.1940
Landesanstalt
Brandenburg

Hier lebte
SELMA KUGELMANN
Jg. 1875
Verlegt 1940
'Heilanstalt' Wunstorf
Ermordet 27.9.1940
Landesanstalt
Brandenburg

Hier lebte
OTTO PLAUT
Jg. 1890
Verlegt 1940
'Heilanstalt' Wunstorf
Ermordet 27.9.1940
Landesanstalt
Brandenburg

  1. (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Lemgo)
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Literaturverweise

Ausgewählte Literatur zum Thema

"Da kommen wir her, da haben wir mitgemacht..."
2001, Gütersloh

Lebenswirklichkeiten und Sterben in der Lippischen Heil- und Pflegeanstalt Lindenhaus während der Zeit des Nationalsozialismus

AutorJutta M. Bott

Die Durchführung von Zangssterilisationen an lippischen Patienten
1998, Bielefeld

in der Heil- und Pflegeanstalt "Lindenhaus" im Zeitraum von 1934 bis 1939. In: Stadt Detmold in Zusammenarbeit mit dem Naturwissenschaftlichen und Historischen Verein für das Land Lippe (Hg.), Nationalsozialismus in Detmold, S. 679-696.

AutorSabine Hanrath
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