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Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Wunstorf (KRH Psychiatrie Wunstorf)
Heil- und Pflegeanstalt in Wunstorf

Das Gelände der späteren Heil- und Pflegeanstalt wurde ab 1787 militärisch genutzt. 1880 wurde der erste Patient in der Korrektionsanstalt Wunstorf aufgenommen, an die 1896 eine "Irrenabteilung" angeschlossen wurde. 1918 erfolgte die Unwandlung in eine Pflegeanstalt und 1930 in Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Wunstorf. Am Ort befand sich auch ein Krankenhaus, das 1933 an die Anstalt verkauft wurde. 1941 erfolgte die Schließung und Umwandlung in ein Jugenderziehungsheim/Fürsorgeerziehungsanstalt Wunstorf (Provinzial-Jugendheim). Nach 1945 verschiedene Bezeichnungen, 2006 erfolgte die Privatisierung.

Heil- und PflegeanstaltDenkmal

AdresseSüdstraße 25
31515 WunstorfRoutenplaner
LinksWebseite der KRH Psychiatrie mit Informationen zur Geschichte

Zwangssterilisationen

Ab 1934 wurden Patienten der Anstalt in Wunstorf zwangssterilisiert. In letzter Instanz zuständig war das Erbgesundheitsobergericht in Celle, in erster Intanz das Ergesundeheitsgericht in Hannover. Genaue Zahlen der Zwangssteriliserten sind nicht verfügbar. 

Deportationen jüdischer Patienten

1927 lebten in Wunstorf 600 Kranke. Im November 1938 richtete der Oberpräsident der Provinz Hannover ein Schreiben an den Leiter der Anstaltin Wunstorf, in dem er ihn aufforderte, "wegen der Gefahr einer Rassenschändung" jüdische Kranke von nicht-jüdischen zu trennen und forderte Informationen über die Zahlenverhältnisse.1  Im Antwortschrieben führte man an, dass fünf Männer und eine Frau nach den Nürnberger Gesetzen als Juden zu gelten hätten. Diese Zahl erhähte sich im September 1940 dramatisch, nachdem ein Erlass des Reichsministers des Inneren bestimmte, dass jüdische Patienten in eine Sammelstelle zu verlegen seien. Die zuständige Anstalt für den Großraum Hannover und Westfalen war Wunstorf. Im September 1940 wurden jüdische psychisch Kranke aus insgesamt 25 Anstalten in Wunstorf zusammengepfercht. Ein Schreiben der Provinzialverwaltung Hannover gibt Auskunft über die Zustände, unter denen die jüdischen Patienten in Wunstorf leben mussten:

"Ich bemerke noch, dass die Unterbringung der Kranken in Wunstorf in einfachster Form (Strohschütte ohne Strohsäcke) in dem kürzlich vom Militär geräumten, bisher als Reservelazarett benutzten Teil der Anstalt sichergestellt ist."2

Am Morgen des 27. September 1940 deportierte sie die T4-Unterabteilung GeKraT  mit der Deutschen Reichsbahn zur Ermordung in die T4-Tötungsanstalt Brandenburg/Havel. Zur Täuschung von Angehörigen und Behörden wurde im Berliner Columbushaus von der Aktion T4 ein "Standesamt Cholm" eingerichtet, das gefälschte Sterbeurkunden ausstellte. 

Schreiben des gefälschten Standesamtes Cholm an die Anstalt Wunstorf. Entnommen aus Asmus Finzen, Massenmord ohne Schuldgefühl, Bonn 1996, S. 116
Anweisung des Reichministeriums des Inneren über die Oberpräsidenten an die Anstalt Wunstorf vom 10. September 1940, psychisch kranke jüdische Patienten aus diesen Anstalten aufzunehmen. Entnommen aus: Raimond Reiter, Psychiatrie im Dritten Reich in Niedersachsen, Hannover 1997, S. 23f.

Andere Deportationen und Auflösung der Anstalt

Gleichzeitig zu den Deportationen jüdischer Patienten wurde die Erfassung auch der nicht-jüdischen Kranken vorbereitet. Die aus Berlin dazu verschickten Meldebögen wurden am 29. Oktober 1940 zurück gesandt. Die Ärzte der Wunstorfer Anstalt füllten 322 Fragebögen über ihre Patienten aus, konnten aber die Organisationszentrale in Berlin wohl nicht zufriedenstellen: Diese sandte im Juli 1941 den Direktor der Landes-Heilanstalt Niedermarsberg, Dr. Steinmeier und Dr. Murkwitz von der Universitätsnervenklinik Würzburg nach Wunstorf. Insgesamt 212 Patienten wurden verlegt. Am 23. und 24. April 1941 kamen 82 Patienten nach Idstein-Kalmenhof, am 18. Juli 1941 54 nach Scheuern und am 1. August 1941 76 nach Eichberg.3Die Anstalt wurde nach diesen Transporten zum 1. September 1941 aufgelöst, die verbliebenen Kranken kamen nach Hildesheim und Lüneburg.

Juristische Aufarbeitung und Gedenken

1949 wurde von der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Hannover Anklage gegen den Landesshauptmann Gessner und andere wegen der Organisation der NS-"Euthanasie"-Verbrechen erhoben. Der Prozess fand vom 10. Juli bis 29. Juli 1950 vor dem Landgericht Hannover statt. Alle Angeklagten wurden freigesprochen.4 Gegen den Direktor der Anstalt, Dr. Gerstenberg wurden 1952 ebenfalls von der Staatsanwaltschaft Hannover Ermittlungen eingeleitet, aber noch im selben Jahr eingestellt. 5

Zum 100-jährigen Jubiläum der Anstalt wurde kaum über die NS-"Euthanasie"-Verbrechen vor Ort gesprochen. Am 17. August 2001, zum 60. Jahrestag der letzten Deportation aus Wunstorf wurde im Niedersächsischen Landeskrankenhaus Wunstorf eine Gedenktafel im Park des Krankenhausgeländes gegenüber der Krankenhausirche durch den ärztlichen Direktor Prof. Dr. A. Spengler enthüllt. In den Rasen vor der Gedenktafel wurden Bahnschwellen eingelassen, die die Deportationen symbolisieren. 

  1.  Asmus Finzen, Massenmord ohne Schuldgefühl. Die Tötung psychisch Kranker und geistig Behinderter auf dem Dienstweg, Bonn 1996, S. 67f.
  2. Niedersächsisches Landesarchiv Hannover, Hann 138 Hannover-Land Acc 4/80 Nr. 80, zitiert nachRaimond reiter, Psychiatrie im Dritten Reich, Hannover 1997, S. 199 
  3. Landesarchiv Niedersachsen 721 Hannover acc. 90/99 Nr.24, Bl. 22. Vernehmung Dr. Gerstenberg am 25. Februar 1952.  
  4. Die Akten befinden sich im Niedersächsischen Landesarchiv Hannover, Bestand Nds 721 Hannover Acc 61/81.
  5. Die Akten ebenfalls im Niedersächsischen Landesarchiv Hannover, Bestand Nds 721 Hannover Acc 90/99, Nr. 24
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Literaturverweise

Ausgewählte Literatur zum Thema

Massenmord ohne Schuldgefühl.
1996, Bonn

Die Tötung psychisch Kranker und geistig Behinderter auf dem Dienstweg. Die erste Auflage erschien 1984 unter dem Titel "Auf dem Dienstweg".

AutorAsmus Finzen
ISBN3-88414-197-X

Opfer der NS-Psychiatrie Gedenken in Niedersachsen und Bremen
2007, Marburg

AutorRaimond Reiter
ISBN978-3-8288-9312-2

Psychiatrie im Dritten Reich in Niedersachsen
1997, Hannover

AutorRaimond Reiter
ISBN3-7752-5832-9
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