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Historische Orte: Martinshof, 1908
Brüder- und Pflegehaus Martinshof
Martinshof Rothenburg Diakoniewerk
Brüder- und Pflegehaus Martinshof
Martinshof Rothenburg Diakoniewerk

Brüder- und Pflegehaus Martinshof (Martinshof Rothenburg Diakoniewerk)
Heil- und Pflegeanstalt in Rothenburg

Von Manja Krausche

1898-1941 Brüder- und Pflegehaus Zoar; 1941-1945 Brüder- und Pflegehaus Martinshof; 1943-1945 auch als Verbandspflegeheim Martinshof bezeichnet; seit 1996 Martinshof Rothenburg Diakoniewerk

Heil- und PflegeanstaltDenkmal

AdresseMühlgasse 10
02929 RothenburgRoutenplaner
LinksWebseite des Martinshofes
KontaktFrau Manja Krausche
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Gründung und Entwicklung des Brüder- und Pflegehauses Zoar bis 1933

Am 26. September 1898 erwarb Pfarrer Martin von Gerlach zusammen mit einigen Diakonen das stillgelegte Fabrikgelände in Tormersdorf nahe der Stadt Rothenburg in der Oberlausitz. Bereits am 2. Januar des Folgejahres wurde das Brüder- und Pflegehaus geweiht und erhielt offiziell den Namen Zoar. Die Brüderschaft Zoar war der Inneren Mission angegliedert. 

Historische Orte: Martinshof, Haus Betlehem
Haus Bethlehem 1913

Von der Königlichen Regierung in Liegnitz erhielt die Brüderschaft zeitgleich die Erlaubnis zum Betrieb eines Pflegehauses für „männliche Idioten, Kranke, Sieche und Epileptiker“. Aufnahme fanden Pfleglinge, wie die Patienten genannt wurden, aus den staatlichen schlesischen Anstalten Bunzlau, Plagwitz, Brieg, Freiburg und Schweidnitz. 1903 entstand mit der Aufnahme von Fürsorgezöglingen ein weiteres Tätigkeitsfeld. In den folgenden Jahrzehnten wuchs die Einrichtung sukzessive. Neben dem Stammareal in Tormersdorf kamen Außenstellen in der Stadt Rothenburg und in Leuthen im Kreis Sagan hinzu. Gab es zur Gründungszeit nur 35 Betten, so lag die Aufnahmekapazität 1933 bei durchschnittlich 350. Die Brüderschaft Zoar legte hinsichtlich ihres Betriebes von Beginn an großen Wert auf wirtschaftliche Autarkie. So verfügte sie neben verschiedenen Landwirtschafts-zweigen zur Eigenversorgung auch über diverse Werkstätten und Handwerksbetriebe. Die Einrichtung entwickelte sich zu einem florierenden Wirtschaftsunternehmen in der Region. Die Zusammenarbeit mit den staatlichen Stellen war unproblematisch, man schätzte sich gegenseitig. 

Brüder – und Pflegehaus Zoar 1908

Struktur und Arbeitsweise des Brüder- und Pflegehauses

Die Arbeitsweise der Brüderschaft war stets eng mit der Arbeitsweise der Pflegeeinrichtung verbunden. Sie bedingten sich gegenseitig und waren streng hierarchisch organisiert. Oberste Instanz war der Vorsteher. Er wurde auf Lebenszeit gewählt und vertrat und leitete das Brüder- und Pflegehaus in all seinen Angelegenheiten. Die Diakone respektive Brüder unterstellten sich in jeglicher Hinsicht der Brüderschaft. Sie waren den Weisungen des Vorstehers absolut gebunden. Das Brüderhaus war von Beginn an Ausbildungsstätte für den diakonischen Nachwuchs. Hier erhielten sie ihre theoretische Ausbildung, im Pflegehaus ihre praktische Befähigung. 


Die Versorgung der Pfleglinge und Fürsorgezöglinge erfolgte nach dem Hauselternprinzip. Als Hauseltern fungierte ein Diakonenehepaar, das in der Krankenversorgung besonders erfahren war. Sie leiteten jeweils eines der Pflegehäuser und wurden von Hilfskräften, Ausbildungsbrüdern usw. unterstützt. Innerhalb der Häuser lebten sie mit ihrer eigenen Familie und den zugewiesenen Pfleglingen. Eine Trennung zwischen Privat- und Dienstbereich fand nicht statt. Die Pfleglinge sollten vielmehr in das Familienleben integriert werden. Die Zuweisung der Pfleglinge in die einzelnen Häuser geschah auf Grundlage ihrer Diagnose sowie ihrer Bildungsfähigkeit. In jedem Haus waren durchschnittlich 30 bis 50 Pfleglinge untergebracht. Sie wurden in die Arbeit des Hauses sowie in den Arbeitsalltag der Einrichtung eingebunden. Je nach ihren Fähigkeiten wurden sie in der Landwirtschaft, dem Handwerk oder der Hauswirtschaft beschäftigt.
 

Die medizinische Versorgung im Brüder- und Pflegehaus Zoar übernahm von 1899 bis zu seinem Tod 1914 Dr. Carl Hüttenmüller. Anschließend wurde Dr. Rudolf Knape verpflichtet. Dieser war über das Kriegsende hinaus in der Einrichtung tätig. Die Anstaltsärzte wohnten allerdings nicht auf dem Areal, sondern hatten jeweils eine Allgemeinarztpraxis und ihre Wohnräume in der nahegelegenen Stadt Rothenburg. Im Pflegehaus Zoar führten sie nur Visiten durch und wurden bei Bedarf gerufen.

Der Erste Weltkrieg und die Nachkriegszeit

Der Erste Weltkrieg hatte auf das Brüder- und Pflegehaus Zoar in mehrerer Hinsicht gravierende Auswirkungen. Vorsteher Martin von Gerlach hatte einen Großteil des Inventars der Einrichtung den Heeren und Lazaretten zur Verfügung gestellt. Des Weiteren investierte er alle finanziellen Mittel in den Kauf von Kriegsanleihen. Die meisten Diakone der Einrichtung, und ebenfalls viele Zöglinge, waren als Soldaten an der Front. Zurück blieben die Pfleglinge, die älteren Diakonenfamilien, der Vorsteher und die Diakonenfrauen. Das Hauselternprinzip und die Selbstversorgung der Anstalt kamen nun an ihre Grenzen. Auf Grund des Arbeitskräftemangels gingen die Erträge in der Landwirtschaft und in der Produktion zurück. Eine Absenkung der Pflegegelder verschärfte die Situation zusätzlich. In der Folge kam es auch im Pflegehaus Zoar zu Unterernährung und zu weiteren Erkrankungen auf Grund der schlechten Versorgungslage. Am Ende des Ersten Weltkrieges war das Brüder- und Pflegehaus Zoar nahezu bankrott. In den Pflegehäusern war in den letzten Kriegsjahren über die Hälfte der Bewohner verstorben. 


1920 übernahm Divisionspfarrer a. D. Curt Zitzmann das Vorsteheramt des Brüder- und Pflegehauses Zoar. Durch Pragmatismus und Engagement gelang es ihm die Einrichtung wirtschaftlich wieder zu einem florierenden Unternehmen zu machen. Die Aufnahmekapazität der Pfleglinge und Zöglinge stieg bis 1933 auf durchschnittlich 352 Betten an. 
 

Das Brüder- und Pflegehaus Zoar-Martinshof 1933-1945
Zwangssterilisationen

Vorab muss angemerkt werden, dass es bzgl. des Pflegehauses Zoar und seiner Nachfolgeeinrichtungen keine Überlieferung von Patientenakten, Zu- und Abgangsbüchern oder Verwaltungsunterlagen gibt. Eine genaue Angabe über die im Pflegehaus untergebrachten Personen lassen sich letztmalig für das Jahr 1938 machen. Bisher konnten in verschiedenen staatlichen und kirchlichen Archiven nur bruchstückhaft Unterlagen zu Zwangssterilisationen und Verlegungen von Patienten im Rahmen der „Euthanasie-Aktion“ zusammengetragen werden. Daraus lassen sich die nachfolgend beschriebenen Ereignisse rekonstruieren. 

Das „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wurde im Pflegehaus Zoar sehr zeitnah und ohne Bedenken umgesetzt. Viele der untergebrachten Pfleglinge und Zöglinge dürften von dem Gesetz betroffen gewesen sein, auch vor dem Hintergrund, dass Zoar keine geschlossene Einrichtung war. Die wenigen vorliegenden Akten nennen als Diagnosen „Schizophrenie, angeborener Schwachsinn, Epilepsie“. Die Sterilisationsanzeigen wurden vorrangig vom Vorsteher Curt Zitzmann gestellt, der zuständige Anstaltsarzt schloss sich den Forderungen an. Obwohl kein Arzt, erstellte Zitzmann auch die meisten „Intelligenzprüfungsbogen“, die für die Sterilisationsanträge benötigt wurden. Nach der Anzeige der Pfleglinge und deren Begutachtung, erfolgten die Verhandlungen vor dem Erbgesundheitsgericht Görlitz. Anders als die Bezeichnung vermuten ließe, fanden die Prozesse nicht in Görlitz, sondern fast immer in der Pflegeanstalt Zoar selbst statt. Vermutlich wurden an den Prozesstagen stets über mehrere Fälle geurteilt. Beschloss das Gericht die Unfruchtbarmachung des Pfleglings, so wurde die Sterilisation im Diakonissenkrankenhaus Emmaus in Niesky angeordnet. Dieses zum Kaiserswerther-Verband gehörige evangelische Krankenhaus war zur Durchführung im Sinne des „Gesetztes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von Staatswegen ermächtigt worden. Bei den wenigen bisher aufgefundenen Patientenakten konnten keine Rückschlüsse auf Folgeerkrankungen bzw. Todesfälle gezogen werden. Ebenfalls können keine Aussagen darüber getroffen werden, wie viele Pfleglinge respektive Zöglinge sterilisiert wurden und wie viele Fälle ggf. abgelehnt wurden. 
Einige erhalten gebliebenen Dokumente der Brüderschaft Zoar bezeugen für die Jahre 1935 und 1936, dass es eine Minderbelegung im Pflegehaus auf Grund der Sterilisationen gab. Viele der sterilisierten Pfleglinge und Zöglinge mussten nach Hause oder in eine Anstellung außerhalb der Einrichtung entlassen werden. Hintergrund war eine Forderung des Landeswohlfahrtamtes in Breslau, welche eine Entlassung der Pfleglinge forcierte. Von staatlicher Seite sollten dadurch Pflegekosten eingespart werden. 
 

„Aktion T4“ – Beschlagnahme der Pflegeeinrichtung

„Aktion T4“ – Beschlagnahme der Pflegeeinrichtung

Die ersten Monate des Zweiten Weltkrieges verliefen im Brüder- und Pflegehaus Zoar sehr chaotisch und brachten erstmalig das bis dato gute Verhältnis zu den weltlichen und kirchlichen Behörden ins Wanken. Ein großer Teil der Diakone und des männlichen Personals wurde eingezogen. Gleichzeitig musste auf der Außenstelle Wilhelmshof in Rothenburg ein Lazarett mit 30 bis 60 Betten eingerichtet werden. Wenig später wurde es wieder aufgelöst und es wurden wieder Fürsorgezöglinge untergebracht. Auch im weiteren Kriegsverlauf stellte die Brüderschaft Zoar immer wieder Lazarettraum zur Verfügung. Des Weiteren beschloss der Innenrat der Brüderschaft Zoar die Aufnahme von Kriegsgefangenen auf dem Stammareal der Pflegeanstalt. In den nächsten Monaten wurden ca. 100 Gefangene untergebracht. Sie stammten aus der Ukraine, Galizien, Belgien, Frankreich und Polen und mussten Zwangsarbeit bei den Gewerbetreibenden und Landwirten in den umliegenden Orten leisten. 1940/1941 wurden zudem im Rahmen der Kinderlandverschickung von Seiten der NSV 70 Kinder im Wilhelmshof untergebracht. Zu diesen Maßnahmen sah sich der Vorsteher des Brüder- und Pflegehauses Zoar veranlasst, um seine Einrichtung als „kriegswichtigen Betrieb“ zu deklarieren und somit beispielsweise weiteren Arbeitskräfteverlust zu verhindern. Die Belegung des Brüderhauses Zoar verdoppelte sich bis 1941 nahezu, da ebenfalls immer mehr Pfleglinge aus staatlichen Einrichtungen, vor allem aus der Heil- und Pflegeanstalt Bunzlau, untergebracht werden mussten. Das Pflegehaus, das mit seinen Außenstellen auf eine Aufnahmekapazität von 400 Personen ausgelegt war, war nun mit 700 Menschen belegt. 


Das Brüder- und Pflegehaus Zoar lag in der preußischen Provinz Schlesien, im Regierungsbezirk Liegnitz. Schlesien wurde erst verhältnismäßig spät in die „Aktion T4“ eingebunden. Die Meldebögen trafen erst im Herbst 1940 ein, so auch in der Pflegeanstalt Zoar. Die Anzahl der hier eingetroffenen Bögen betrug 233. Ob diese Fragebögen letztlich ausgefüllt wurden, kann nur vermutet werden. Belege sind bisher nicht gefunden worden. Ebenfalls nicht beantwortet werden kann, ob der sogenannte „Meldebogen 2“ von Seiten der Pflegehausleitung ausgefüllt wurde. Über den Zweck der Meldebögen war der aus Sachsen stammende Vorsteher der Einrichtung sicherlich informiert. 


1940/1941 änderten sich in Niederschlesien die politischen Machtverhältnisse. Auf regionaler Ebene erregte das Brüder- und Pflegehaus Zoar als florierendes Wirtschaftsunternehmen den Neid des NSDAP-Kreisleiters Fischer. Er wollte die Einrichtung gern unter staatliche Kontrolle bringen. In Breslau wurde der kirchenfreundliche Oberpräsident und Gauleiter im Gau Niederschlesien Josef Wagner durch Karl Hanke ersetzt. Erst danach kam es zu ersten Verlegungen schlesischer Psychiatriepatienten in die Tötungsanstalten. Nach der Absetzung Wagners wurde dem Leiter der NSV im Gau Niederschlesien, Hans-Joachim Saalmann, eine Vielzahl von Ämtern und Befugnissen übertragen. Neben seinen Ämtern als Gauamtsleiter und Landesrat wurde er im April 1941 von Hanke zum Kommissar für die freie Wohlfahrtspflege bestellt. In letztere Position waren ihm alle kirchlichen Einrichtungen direkt unterstellt. Das Brüder- und Pflegehaus Zoar rückte in das Visier von Saalmann.


In seiner Funktion als Kommissar für die freie Wohlfahrtspflege und in Begleitung einer nicht näher bekannten Kommission traf er im Mai 1941 im Brüder- und Pflegehaus Zoar ein. Hintergrund war eine Besichtigung des Areals und die Prüfung „inwieweit die Häuser der Allgemeinheit noch zweckentsprechender dienen könnten“. Saalmann stoß sich zunächst vorrangig an den alttestamentarischen Häusernamen, sowie an dem Namen Zoar. Die Häusernamen wurden sofort geändert, im November 1941 wurde das Brüder- und Pflegehaus Zoar in Martinshof umbenannt. Am 27. Mai 1941, wenige Tage nach dem Besuch Saalmanns, wurde der Vorsteher Zitzmann aufgefordert, das jüdische Beate-Guttmann-Altenheim aufzunehmen. Da das Pflegehaus nicht über die benötigten 130 Plätze verfügte, widersprach Zitzmann der Forderung. Daraufhin erfolgte durch Gauleiter Hanke die Beschlagnahme der Anstalt auf Grund des „Reichsleistungsgesetzes für Zwecke des Reichsführers SS“. Das Brüder- und Pflegehaus Zoar wurde der Gestapo unterstellt. Die Pfleglinge sollten in staatliche Einrichtungen verlegt werden.
Zitzmann protestierte gegen diese Beschlagnahme in Breslau beim Psychiater Dr. Heinrich Tewes. Dieser vertrat den Landesrat Saalmann bei dessen Abwesenheit. Der Protest richtete sich allerdings weniger um die Verlegung der ihm anvertrauten Pfleglinge, sondern vielmehr drohten den Diakonenfamilien durch die Beschlagnahme die Obdachlosigkeit und das Ende der Brüderschaft Zoar in Tormersdorf. Dr. Tewes ordnete für die erste Juniwoche 1941 ein weiteres Treffen im Pflegehaus Zoar an. Bis dahin sollte Zitzmann über die Unterbringung und Verlegung der Pfleglinge entscheiden. Leichtere Fälle sollten in Altersheime oder in ihre Familien entlassen werden, die schweren Fälle sollten in die staatlichen Heil- und Pflegeanstalten verlegt werden. Einige wenige langjährige Bewohner des Pflegehauses wurden auf Kosten der Brüderschaft in der Außenstelle Berghaus in Leuthen Kreis Sagan untergebracht. Bisher konnten nur sehr wenige Patientenakten ehemaliger Pfleglinge gefunden werden. Daher können keine genauen Zahlen zu Entlassungen und Verlegungen angegeben werden. Pfleglinge, die nach Hause oder ins Görlitzer Altenheim entlassen worden sind, haben, so der bisherige Forschungsstand, die „Euthanasie-Aktion“ überlebt. Gleiches gilt für diejenigen Pfleglinge in der Außenstelle Berghaus. Im Berghaus in Leuten waren von 1938 bis 1941 ca. 25 Frauen untergebracht. Sie wurden in die Heil- und Pflegeanstalt Bunzlau verlegt. Der genaue Zeitpunkt der Verlegung ist nicht bekannt. Am 17. Juni 1941 wurden ca. 40 männliche Patienten ebenfalls in die Heil- und Pflegeanstalt Bunzlau gebracht. Der Transport erfolgte per Sonderzug vom Bahnhof Rothenburg. Die meisten Pfleglinge wurden am 19. und 21. Juni 1941 in die Heil- und Pflegeanstalt Plagwitz verlegt. An diesen beiden Tagen dürften ungefähr 120 Bewohner deportiert worden sein. Ob es noch weitere Verlegungen gab, ist nicht bekannt. 


Einzig zu den Transporten nach Plagwitz konnten bisher 3 Krankenakten in Aktenbestand der Landesanstalt Großschweidnitz gefunden werden. Alle drei Pfleglinge kamen erst am 21. Januar 1941 von der Heil- und Pflegeanstalt Bunzlau in das Pflegehaus Zoar. Die „T4-Meldenbögen“ sind Mitte September 1940 vom Bunzlauer Arzt Dr. Karlfriedrich Dodillet ausgefüllt worden. Sie blieben nur wenige Monate im Pflegehaus Zoar, bevor sie in die Anstalt Plagwitz gebracht wurden. Bereits am 13. August sind sie weiter in die „Zwischenanstalt“ Arnsdorf verlegt worden. Der vorläufige “Euthanasie“-Stopp verhinderte ihre Verlegung in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein. Am 7. Januar 1942 wurden sie in die Landesanstalt Großscheidnitz gebracht. Über 100 Zoar-Pfleglinge blieben zunächst wegen des „Euthanasie-Stopps“ in der Heil- und Pflegeanstalt Plagwitz, wie ein Schreiben des Anstaltsleiters vom 14. Oktober 1941 belegt. 


Bereits am 14. Dezember 1940 wurden ein Mann und eine Frau in die Heil- und Pflegeanstalt Leubus verlegt. In dieser Anstalt wurden die jüdischen Psychiatriepatienten aus den schlesischen Anstalten zusammengelegt. Zwischen dem 17. und 19. Dezember 1940 erfolgten drei Transporte in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein. 

Das Pflegehaus Zoar-Martinshof als „Judenlager Tormersdorf“

Die Verlegung der Pfleglinge erfolgte, da das Areal der Brüderanstalt Zoar-Martinshof als „Judenlager“ vorgesehen war. Als erstes wurde am 21. Juli 1941 das Beate-Guttmann-Altenheim aus der Breslauer Kirchallee nach Tormersdorf verlegt. Im Laufe der nächsten Monate wurden über 700 Juden aus Breslau, Görlitz, Glogau, Liegnitz und den umliegenden Orten hierher deportiert. Die Aufsicht über die internierten Juden übernahm Vorsteher Zitzmann mit seinen Diakonen. Er hatte sich bereit erklärt Aufgaben der SS zu übernehmen, um seine Brüderanstalt zu retten. Einen Teil des Areals und die Außenstellen blieben unter Verwaltung des Brüder- und Pflegehauses. Die Diakone lebten nun nicht mehr mit den Pfleglingen in den einzelnen Häusern, sondern mit den deportierten schlesischen Juden.
Das Tormersdorfer „Ghetto“ war nicht nur Sammel- und Durchgangslager, sondern vor allen Dingen Arbeitslager. Zwangsarbeit wurde in den umliegenden Betrieben geleistet, so beispielsweise in Niesky bei Christoph & Unmack oder im Rothenburger Sägewerk Müller und Söhne. Die Kombination aus schwerer körperlicher Arbeit und schlechter Versorgung mit Lebensmitteln, Heizmaterial, Kleidung sowie die ständige psychische Belastung hatten den Tod von 27 Tormersdorfer Juden zur Folge. Erich und Charlotte Oppenheimer begingen am Vorabend ihrer Deportation in das Konzentration Majdanek Selbstmord. Im Herbst 1942 erfolgte die Auflösung des „Judenlagers“. Die Alten und Schwachen wurden nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert. Die noch Arbeitsfähigen kamen zunächst in das Kloster Grüssau in Schlesien. Anschließend wurden sie meist über Breslau nach Auschwitz deportiert. 
 

Historische Orte: Martinshof, Baracke
Baracke, in der 1941/42 eine Behelfssynagoge eingerichtet war.
Historische Orte: Martinshof, Lager 1942
Lager Tormersdorf um 1942
Das Pflegehaus Martinshof unter der Verwaltung des „Schlesischen Altersheimverbandes“

Mit der Deportation der Juden in die Vernichtungslager entfiel der Beschlagnahmegrund für das Pflegehaus Martinshof. Die bisherige Arbeit konnte dennoch nicht einfach fortgesetzt werden. Der Betrieb des Pflegehauses setzte die Unterbringung von Pfleglingen voraus. Für diese war Saalmann als Vertreter der Provinzalregierung zuständig. Saalmann, gleichzeitig auch Gauamtsleiter der NSV, wollte die kirchliche Pflegeeinrichtung gern seiner Organisation eingliedern. Zitzmann wehrte sich gegen diese Übernahme vergeblich. Er blieb Vorsteher des Brüderhauses und der Außenstellen, wurde aber als Leiter des Pflegehauses abgesetzt. Ab dem 6. April 1943 betreibt der „Schlesische Altersheimverband“ das Pflegehaus Martinshof. Als Leiter wird Pfarrer Winzler aus Breslau eingesetzt. Unterstellt wurde der Verband Saalman und der NSV. Die Diakone arbeiteten nun für den Altersheimverband. Die Bezeichnung Altersheim ist trügerisch, denn das Pflegehaus wurde als Anstalt für die Unterbringung von „Geisteskranken, Alters- und Geistesschwachen“ im Gau Niederschlesien genutzt. Daher finden sich in den Sterbebüchern des Standesamtes Rothenburg neben der Todesursache eines Martinshofer Patienten oft auch eine „psychiatrische Diagnose“. Auch hier können keine Angaben über Belegungszahlen, Herkunft der Patienten oder ihrer Weiterverlegung gemacht werden. Lediglich die Sterberegister geben Auskunft über eine zum Kriegsende hin massiv ansteigende Sterberate. Die Ursache hierfür konnte bisher nicht ermittelt werden. Wie sich die Arbeit des Verbandes in der Anstalt Martinshof konkret gestaltete konnte ebenfalls noch nicht geklärt werden. Am 21. Februar 1945 erfolgte die Evakuierung des „Schlesischen Verbandspflegeheimes“ sowie der Bewohner in den Leuthener Außenstellen und in Rothenburg. Sie trafen nach mehreren Wochen in Adlkofen bzw. Deutenkofen in Bayern ein. 

Historische Aufarbeitung und Gedenken

Die Aufarbeitung der Geschichte des Brüder- und Pflegehaus Zoar-Martinshof begann in den 1980er Jahren. Horst Reichelt, damaliger Brüderältester und Anstaltspfarrer begann sehr engagiert mit der Sammlung von Dokumenten für das Brüderhausarchiv. Viele Unterlagen waren durch das Kriegsgeschehen und mehrere Hochwasser verloren gegangen. Er nahm zu vielen noch lebenden ehemaligen Mitarbeitern bzw. deren Nachkommen Kontakt auf.

So gelang es ihm Zeitzeugendokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus zusammenzutragen. Ebenfalls war es durch seine Recherche möglich herauszufinden, wohin die Bewohner 1945 evakuiert worden sind. Hierdurch kennen wir die Namen der Pfleglinge, welche die „Aktion T4“ durch die Überstellung in das Berghaus in Leuthen überlebt haben. Der Nachfolger von Bruder Reichelt, Pfarrer Reinhard Leue, widmete sich nach seiner Pensionierung intensiv der weiteren Aufarbeitung der Geschichte des Zoar-Martinshofes im Nationalsozialismus. Er stand, wie auch die nachfolgenden Forscher, vor dem Problem der fehlenden Pflegehausunterlagen. Mit Hilfe des Einrichtungsnamens begann er mit seiner Suche in diversen Archiven in Deutschland um die Namen der verlegten Pfleglinge und deren Schicksal zu ergründen. Außerdem widmete er sich der Erforschung des „Judenlagers Tormersdorf“. Leue publizierte seine Forschungsergebnisse und regte maßgeblich die Schaffung eines Denkortes an. 20 Jahre später unternahm Pfarrer i.R. Christian Petran einen erneuten Versuch die Namen der Pfleglinge herauszufinden, die sich zwischen 1933 und 1941 im Zoar-Martinshof aufhielten. Er konzentrierte seine Recherchen auf die schlesischen Archive sowie die Archive der sächsischen Zwischen- und Tötungsanstalten und einer erneuten Suche im Bundesarchiv. Im Breslauer Staatsarchiv fand er eine Liste mit mutmaßlichen Bewohnern, die sich mit teilweise in den Angaben aus den Sterberegistern der Stadt Rothenburg wiederfanden. Ein weiterer Abgleich der Namen in anderen Archiven blieb leider erfolglos.

Seit 2016 erforscht die Historikerin Manja Krausche die Geschichte des Zoar-Martinshofes von seiner Entstehung bis in die ersten Nachkriegsjahre. Bei ihren Archivrecherchen konnte sie Erkenntnisse über die Umsetzung des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ sowie über die Beschlagnahme der Einrichtung und die Verlegung der Bewohner 1941 gewonnen werden. Nun sind die ersten Betroffenen namentlich bekannt. Ebenfalls rückte sie die Jahre 1943 bis 1945 in den Fokus und relativierte das Bild, dass die Arbeit der Diakone im Pflegehaus Martinshof mit der Beschlagnahme endete. Des Weiteren gelang es ihr, auf Grund einer Auswertung der Korrespondenz des Einrichtungsleiters Curt Zitzmann mit den Diakonen sowie u.a. dem Central-Verband für Innere Mission die Rolle der Diakone und des Leiters im Nationalsozialismus zu beleuchten. 

Historische Orte: Martinshof, Gedenkort
Gedenkort am ehemaligen Standort der Synagoge.
Historische Orte: Martinshof, Inschrift Steinplatte
Inschrift auf der Steinplatte

1993 wurde durch die Brüder- und Schwesternschaft des Martinshofes die Einrichtung eines Gedenkortes für die Opfer von „Euthanasie“ und Holocaust angestoßen. Im Protokoll heißt es hierzu: „Wir möchten, dass bei uns im Martinshof die Frage nach dem Zeichen für die im 3. Reich abtransportierten Behinderten und Juden neu aufgenommen wird. Dass wir weder Zahl noch Namen kennen, soll keine Rolle spielen. Es muss deutlich werden, dass die Gemeinschaft, der wir angehören, schuldig wurde.“


Der Denkort wurde an der Stelle eingerichtet, an dem sich früher die jüdische Behelfssynagoge befand. Als Konzept entschieden sich die Verantwortlichen für fünf aus alten Ziegelsteinen gemauerte Säulen. Sie umgeben eine Steinplatte mit einem deutlich sichtbaren Riss. Eine Seite steht für die Opfer der „Euthanasie“, die andere Seite für die jüdischen Opfer. Der damalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, stimmte diesem Konzept zu, da die „Tafeln an einem Ort aufgestellt würden, an dem sowohl Behinderte als auch Juden gelebt haben, die dann vernichtet wurden und so beider Opfergruppen gedacht werde (…)“. 
 

Rede zur Einweihung des Gedenkortes

Am 22. November 1995 wurde der Denkort eingeweiht. Mit mahnenden Worten unterstrich der damalige theologische Vorstand des Martinshofes, Pfarrer Matthias Loyal: 

„Zoar – für Lot und seine Familie die einzige Rettung nach der Katastrophe. Ort der Rettung und Bewahrung des Lebens, Zuflucht, Heimat.
Zoar – du Kleine! Was ist aus dir geworden? Kein Dach sehe ich mehr, keine schützenden Mauern, keine Geborgenheit. Nicht einmal mehr Wände, die noch schreien könnten. Nur fünf Säulen aus Abrissziegeln deuten an, dass hier einmal ein Haus stand. Dass hier Menschen lebten, die bangten, zitterten, hofften und beteten. In einer Synagoge, in einer Kapelle. In einem Ghetto, in einem Heim für geistig Behinderte. Leben unmittelbar vor der Katastrophe, dem Holocaust, der Euthanasie. Nichts erinnert mehr an Zuflucht. Kein „guter Ort“. Letzte Ruhe und letzte Zuflucht haben Menschen hier nicht gefunden. 

Zoar – du Kleine! Nicht einmal dein Name ist geblieben. Ihn haben sie zuerst beseitigt, danach die behinderten und jüdischen Menschen. Durch den Stein geht ein Riss. Nichts mehr wie es war: Menschliche Schuld lässt sich bekennen, beklagen, betrauern. Das Geschehene lässt sich nicht rückgängig machen. Aber vielleicht geht durch unser Herz ein Riss – es wäre heilsam- Er mahnt uns, nie wieder aus einem Ort der Zuflucht ein Ort der Schutzlosigkeit zu machen. Um der behinderten Menschen willen, um der jüdischen Menschen willen, um Gottes willen!“
 

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Geografische Orte und Regionen
Literaturverweise

Ausgewählte Literatur zum Thema

100 Jahre Martinshof Rothenburg,
1998, Rothenburg

Festschrift.

AutorBrüder- und Schwesternschaft Martinshof e.V. (Hg.)

Der Zoar-Martinshof in Rothenburg/ OL (1898-1945)
2017, Berlin

Unveröffentlichte Masterarbeit, FU-Berlin

AutorManja Krausche

Preisgegebene Menschen.
2004

Zwangslager und Judenghetto Zoar/ Martinshof in Rothenburg 1941/42. In: Sonderdruck aus dem Jahrbuch für Schlesische Kirchengeschichte 2004.

AutorReinhard Leue

Nationalsozialistische Euthanasieverbrechen in Sachsen
1996, Dresden und Pirna

Beiträge zu ihrer Aufarbeitung. 2., stark veränderte Auflage

AutorKuratorium Gedenkstätte Sonnenstein e.V. (Hg.)
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