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Historischer Ort: Denkmal der Grauen Busse, Porträt 2
Victims biography
Helene Schmidt
19091940

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Helene Schmidt
Hausangestellte from Mülheim a.d. Ruhr (Nordrhein-Westfalen)

b. 02/03/1909 in Mülheim a.d. Ruhr (Nordrhein-Westfalen)
d. 04/02/1940 in Grafeneck (Baden-Württemberg)

Von Paul-Otto Schmidt-Michel

„Helene ist sittlich verwahrlost. Sie ist geistig normal, anstellig und geschickt, aber frech, unordentlich, verlogen und faul“ – so heißt es im Aufnahmebericht der „Diakonissen-Anstalt Kaiserwerth“ am 25.4.1926. Davor war Frau Helene Schmidt  aus Mülheim a.d.Ruhr 17-jährig zunächst kurz im „Fürsorgeheim Mülheim“ und ab 21.1.1926 im „Zufluchtshaus ZOAR“ gewesen. Eingewiesen in Kaiserwerth wurde sie vom Landeshauptmann in Düsseldorf, Anlass unklar. Die Diakonissen führten offenbar ein strenges Erziehungsregime mit „Prämien“ für wöchentlich geleistete Arbeit, diesem konnte Helene nicht gerecht werden: „Wegen Ungehorsams, Lügens, Frechheit und unordentlichem Verhaltens mußten ihr die Wochenprämie versagt werden“ heißt es immer wieder im ganzen Jahr 1926. Am 21.12.1927 wird Helene Schmidt auf Antrag der Diakonissen-Anstalt in die Anstalt Kaiserwerth überwiesen, dort wollte sie „auf dem Kirchweg entweichen“ – mit der Diagnose „metencephalitische Charakterveränderung“ wird sie in die „Rheinische Prov. Heil- und Pflegeanstalt zu Grafenberg“ überwiesen, am 7.4.1928. Hier findet sich in den Akten erstmals ein biographischer Aufnahmebefund. 

Biography created on 07/26/2018, last update on 12/13/2018

„Vater 48 Jahre, Trinker, Drechsler, Mutter 41 J., nervös“. Sie hat drei Geschwister. Sie besuchte die Volksschule, ist immer versetzt worden. Nach Abschluss der Schule hat sie als Hausangestellte gearbeitet. Im Alter von 16 Jahren bekam sie „Kopfgrippe“ (Encephalitis), sie „schlief eine Woche lang Tag und Nacht“ und war ein halbes Jahr krank. Seit dem sei sie „wesensverändert“. „Wenn sie 2-3 Monate gearbeitet hatte wurde sie müde, im 4.Monat musste sie aussetzen, ging nach Hause“ – dies wiederholte sich mehrere Male. Am 24.2.1926 wurde durch das Amtsgericht Mülheim-Ruhr Fürsorgeerziehung angeordnet. Nach Hause wollte sie nicht mehr, weil ihre Mutter ihr vorgeworfen habe, sie sei „verrückt, nicht zurechnungsfähig“. So kam sie schließlich in das oben erwähnte „Zufluchtshaus ZOAR“.


In Grafenberg wird festgehalten, dass sie sich meist „unbotmäßig“ verhält, sie flüchtet nach einem halben Jahr im Oktober 1928 von dort, bittet jedoch im Dezember wieder um Aufnahme. Mit Unterbrechungen und Entweichungen bleibt sie bis 1932 in Grafenberg. Die Eintragungen kreisen periodisch zwischen „Zornesausbrüchen, ungebärdiges Verhalten“ und „ordentlich, freundlich, fleißig“. Im Frühjahr 1932 stimmt der Vormund einer Beurlaubung für vier Monate nach Hause zu, die Mutter holt sie ab. Sie versucht sich wieder in verschiedenen Stellungen in Haushalten, lernt „einen jungen Mann kennen“ und wird schwanger. Sie bringt am 27.1.1933 einen „gesunden Jungen“ zur Welt, nach der Geburt versucht sie in einem Hotel zu arbeiten, ermüdet jedoch wieder rasch und kommt im August 1933 in das „Dorotheenheim“ in Mülheim mit ihrem Kind.

Am 14.12.1934 kommt es zur Aufnahme in die Heil- und Pflegeanstalt Düren, kurz darauf wird sie „auf Wunsch der Vormünderin“ in die „Heil- und Pflegeanstalt zu Waldbröl“ verlegt, ihr Kind kommt in Fürsorgeerziehung. Ihr Verhalten wird dort in immer dem gleichen Duktus über zwei Jahre beschrieben: „Es wechseln Zeiten mit psychopatisch anmutenden Erregungszuständen und Trotzreaktionen ab mit Perioden, während derer sie sehr freundlich, gefällig, hilfsbereit und arbeitssam ist“. Aus Waldbröl entweicht sie am 15.6.1936. 


Am 19.Oktober 1936 wird sie schließlich auf Veranlassung der Polizeibehörde Mülheim in der Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau aufgenommen, wo sie bis 1940 bleibt. Im Aufnahmebefund wird sie zitiert, sie habe zuvor mehrere Monate in verschiedenen Stellungen gearbeitet und sie sei jetzt nach Bedburg-Hau gekommen, weil sie nicht nach Hause konnte und keine Stellung mehr habe. Ein Arzt des Evangelischen Krankenhauses in Mülheim-Ruhr weist sie wegen „Selbstmordneigung, starker Unruhe, ungewöhnlich störend für die Umgebung“ ein. Die Aufzeichnungen in den Jahren in Bedburg-Hau wechseln wiederum zwischen der Beschreibung von „ruhigen Phasen“ und Erregungszuständen, in denen dann immer wieder „Dauerbäder“ und „Bettbehandlung“ verordnet werden.

Verschiedentlich äußert sie Entlassungswünsche.

Am 6.3.1940: „Überführt nach Zwiefalten“. Am 7.4.1940, fünf Tage nachdem sie in Grafeneck getötet wurde, kommt eine Postkarte aus Bedburg-Hau nach Zwiefalten von einer unbekannten Person, die schreibt: „Es freut mich dass es Ihnen in Zwiefalten gut geht“.1

Quelle

Bundesarchiv R 179/16072. Krankengeschichte: 47 Seiten. Je hälftig Schreibmaschine und verschiedene Schriftarten.

  1. Aktenkonvolut „Bedburg-Hau“, Archiv Zwiefalten.
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