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Victims biography
Gerda Kuschel
19391942

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Gerda Kuschel
from Gleiwitz (Schlesien)

b. 05/27/1939 in Gleiwitz (Schlesien)
d. 11/04/1942 in ?

Von Andreas Penselin

Gerda wurde am 27.5.1939 in der Landesfrauenklinik in Gleiwitz geboren. Sie befand sich im Mutterleib in Steisslage und kam als Frühgeburt, bereits im 7. Monat der Schwangerschaft, zur Welt. Ihre Mutter war alleinstehend und arbeitete als Haushaltshilfe. Der leibliche Vater war Landwirt. Nach zwei Monaten gab die Mutter Gerda zu einer von ihr namentlich benannten Frau in Pflege. Bei dieser lebte sie die nächsten zwei Jahre, also vermutlich bis etwa Juli oder August 1941. Möglicherweise auf Veranlassung der Pflegemutter kam Gerda danach in das "Krüppelheim Beuthen".

Biography created on 01/12/2021, last update on 01/25/2021

Hierbei handelte es sich um ein ausgelagertes Heim des Hl. Geist Krankenhauses in Beuthen und damit einer Einrichtung der Caritas. Wahrscheinlich veranlasste dieses die Untersuchung durch einen Gleiwitzer  Medizinalrat - möglicherweise auf dem Gesundheitsamt. Er füllte einen ärztlichen Fragebogen zum Aufnahmegesuch in eine Heil- und Pflegeanstalt aus und beschreibt darin, dass Gerda weder sitzen noch laufen könne, noch nicht sauben sei und nichts spreche. Seine Diagnose lautete Little'sche Erkrankung. Auffallend ist, dass er - trotz des Geheimerlasses - keine Meldung an den Reichausschuss veranlasste. wozu er dem geheimen Erlass entsprechend eigentlich verpflichtet gewesen wäre. Gerda wurde noch am 16.12.1941 aufgrund der festgestellten Pflegebedürftigkeit in die Heil- und Pflegeanstalt Branitz eingewiesen, obwohl sich diese bereits kurz vor ihrer Auflösung befand. Daher wurde Gerda bereits am 27.01.1942 weiter nach Loben überwiesen.

Spätestens am 27.10.1942 wurde Gerda auf die Kinderfachabteilung B verlegt. Diese befand sich in einem extra Gebäude auf dem Klinikgelände. Bei Gerda ist aber auch die genaue zeitliche Abfolge bemerkenswert. Erst zwei Tage später, am 30.10.1942, erfolgte die Meldung an den Reichsausschuss. E. Hecker verwendete darin die Bezeichnung "ganz tiefstehender Idiot".

Diese zeitliche Abfolge belegt, dass bereits vorher, lediglich aufgrund der Einschätzung von E. Hecker, mit der Tötung begonnen wurde und man sich also in Lubliniec generell an die Freigabe durch den "Reichsausschuss" nicht gebunden fühlte, sondern eigenmächtig über Leben und Tod entschied. Bereits an jenem 27.10.1942 findet sich der erste Eintrag im Luminalbuch unter Gerdas Namen. Da sie ohnehin körperlich geschwächt und noch so klein war (die Little'sche Erkrankung ist mit einer erhöhten Infektanfälligkeit verbunden und Gerda wog nur 11,5 kg), ging nun alles sehr schnell. Bereits 8 Tage später, am 4.11.1942, starb Gerda.

Foto des Gebäudes, in dem die Kinderfachabteilung untergebracht war, 1980er-Jahre. Archiv der Historischen Kommission der Polnischen Psychatrischen Gesellschaft.

Gerda wurden täglich 2x 0,1 g Luminal-Tabletten verabreicht. Die letzten 4 Tage wurde eine Temperatur von 40° C gemessen. Am letzten Tag lautet der Eintrag eindeutig 2 x 1. Es ist also möglich, dass hier die Dosierung zweier Luminal-Spritzen zur beabsichtigten Tötung Gerdas im oben beschriebenen, mehrfach geschwächten Zustand aufgezeichnet wurden. Als Todesursache wurde eine Lungenentzündung in die Krankenakte eingetragen. Nicht einmal die Mutter sondern den inzwischen scheinbar offiziell als Vormund bestellten Oberbürgermeister von Gleiwitz verständigte E. Hecker am 23.11.1942 mit einer dreizeiligen Kurz-Mitteilung von Gerdas Tod.​

Wann E. Hecker die Obduktion durchführte, ist unsicher. Jedenfalls erst einen Monat später, am 4.12.1942 versendete sie das entsprechende Präparat mit einer Zusammenfassung der Krankengeschichte aus Branitz an das Neurologische Forschungsinstitut Breslau. Der neuropathologische Untersuchungsbericht ist von H. J. Scherer unterschrieben, aber undatiert. Er listet zahlreiche gravierende neuropathologische Veränderungen auf. Scherer vermutet zwei "verschiedene Reihen von Veränderungen": eine bereits im Embyonalleben entstandene Entwicklungsstörung im rechten Frontallappen und einen Zerstörungsprozess, der sich in beiden Großhirnhemisphären zur Zeit der Geburt oder in frühester Kindheit entwickelt haben könnte.

Wo genau Gerda begraben wurde, ist unbekannt. Der Friedhof der Lobener Anstalt ist aber erhalten. Auf ihm wurde eine Gedenktafel für alle dort getöteten Kinder angebracht.

Assoziationen

Assoziationen
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Diesen Verknüpfungen versuchen wir mit "Assoziationen" nachzugehen. Sie ermöglichen es auch, geographische Beziehungen in unserer Datenbank zu recherchieren. Sie können also erforschen, wer am selben Ort oder Region lebte, wer in der selben Anstalt lebte und ermordet wurde.

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