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Opferbiographie: Phillipine Aronsohn, Foto aus der Krankenakte
Victims biography
Philippine Aronsohn
19041942

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Philippine Aronsohn (b. Rechelmann, m. Aronsohn)
Arbeiterin from Berlin (jüdisch)

b. 06/20/1904 in Schwerin an der Warthe (Lubuskie)
d. 1942 in Sobibor

Am Montag, 20. Juni 1904, einem schönen Frühsommertag, wird Philippine Rechelmann in Schwerin an der Warthe geboren. Sie ist das dritte Kind der Eheleute Hermann (eigentlich Hirsch) Rechelmann und Paula Anne geb. Gutkind. Der Vater ist 47 Jahre, von Beruf Rechtskonsulent, die Mutter vermutlich Hausfrau. Beide heirateten 1891 in Filehne, dem Geburtsort von Philippines Mutter. Die beiden älteren Brüder Ludwig, geb. 1897, und Martin, geb. 1899, gehen schon zur Schule.

Opferbiographie: Phillipine Aronsohn, Geburtsurkunde
Geburtsurkunde von Phillipine Aronsohn, geb. Rechelmann.
Biography created on 08/22/2018, last update on 09/26/2018
Erlass des Reichsministeriums des Inneren vom 12. Dezember 1940. Damit wurde es verboten, Juden in staatliche Heil- und Pflegeanstalten aufzunehmen.

Die Großeltern von Philippine waren Louis und Johanna Rechelmann aus Schwerin an der Warthe, die bereits 1893 bzw. 1885 verstarben, und Samuel und Philippine Gutkind aus Filehne. Samuel Gutkind war ein reicher Mazzefabrikant, der Anfang der 1890er Jahre Filehne verließ, als auch viele Juden aus dem Posener Land ausgewanderten, und in Berlin zuerst als Lebensmittelhändler dann als Rentier lebte. Er verstarb 1901 in Schwerin an der Warthe, bei einem Besuch der jungen Familie Rechelmann. Als letzte der Großeltern war Großmutter Philippine kurz vor der Geburt ihrer Enkeltochter in der Nervenheilanstalt Dziekanka, in der sie viele Jahre weilte, verstorben. Der Vorname der Großmutter wurde sicher zum Andenken als Vornamen der Enkeltochter gewählt.

Philippine ist ein kränkliches Kind, schon mit einem Jahr hatte sie die erste schwere Hüftgelenksentzündung. Diese Krankheit wird sie bis an ihr Lebensende quälen. Mit 12 Jahren, da besucht sie schon die evangelische Schule in Schwerin an der Warthe, kommt ein neuer Schub dieser Krankheit und sie muss lange im Gipsbett liegen. Philippines Kindheit ist gekennzeichnet durch mehrere traumatische Ereignisse. Seit ihrem fünften Lebensjahr lebt Philippine mit dem Vater und den Brüdern allein, denn ihre Mutter ist seitdem abgeschirmt von der Außenwelt Patientin der Heilanstalt Meseritz‐Obrawalde, Diagnosen: Melancholie, Schizophrenie, auch schwere Demenz wird nicht ausgeschlossen. Philippine ist 10 Jahre, als der erste Weltkrieg beginnt, 1916 verstirbt die Mutter in der Anstalt, da ist Philippine 12 Jahre alt. Ein Jahr später kommt ihr Bruder Ludwig todkrank – wahrscheinlich durch Gas verletzt ‐ vom Schlachtfeld heim und verstirbt mit kaum 20 Jahren an einer Lungenkrankheit. Trotzdem schafft Philippine den Volksschulabschluss ohne sitzen zu bleiben.

Als der Krieg zu Ende ist, bleibt sie beim Vater und beim Bruder Martin, aber sie hat wahrscheinlich in der Stadt die eine oder andere Anstellung als Hausmädchen. Sie wird vom Vater und wie auch vom Bruder offenbar als Last angesehen, denn später berichtet sie, dass sie nicht gut behandelt wurde, teilweise haben die beiden sie sogar geschlagen. So sondert sie sich immer mehr ab, bleibt viel für sich und wahrscheinlich machen sich erste Depressionen bemerkbar. Später berichtet sie den Ärzten, dass sie sich Vorwürfe macht, weil sie manchmal ausgegangen sei, tanzte und lachte und Männer kennenlernte. Während ihrer Krankheitsschübe dachte sie, dass sie für das ausgelassene Leben bestraft werden würde.


1925 heiratet ihr Bruder Martin und zieht zu seiner Ehefrau nach Meseritz. Nun ist Philippine mit dem Vater allein, der bald darauf krank wird. Aber auch Philippine ist 1927 noch einmal an einer Hüftgelenksentzündung erkrankt, ob und in welchem Krankenhaus sie behandelt wurde, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich ist es dann Philippine, die ihren Vater bis zu seinem Tod am 8. Juli 1929 pflegt. Er soll an Lungen‐Tbc gestorben sein, andere Quelle sprechen von Altersschwäche als Todesursache. Nach dem Tod des Vaters bewirbt sich Philippine um eine Hausangestelltenstelle in Gorgast, Kreis Lebus, in der Nähe von Küstrin und verlässt ihre kleine Heimatstadt Schwerin an der Warthe für immer. Ob sie dort noch Freunde und Verwandte hatte, ist unbekannt. Ihr Bruder Martin trennte sich bereits 1928 von Frau und kleiner Tochter und ging nach Berlin. Über einen weiteren Kontakt zur Schwägerin ist nichts bekannt, ihre kleine Nichte (meine Mutter Ingelid) kann sich aber noch viele Jahre später daran erinnern, dass es in der Familie eine Tante Pina gab.

Die Anstellung in Gorgast bringt Philippine kein Glück, wahrscheinlich fühlt sie sich sehr allein, bekommt so etwas wie Heimweh, das sich zu einer schweren Depression entwickelt. Sie wird im Mai 1930 in das Küstriner Krankenhaus eingewiesen und dort kurze Zeit behandelt. Man überweist sie von dort am 27. Mai 1930 an die Landesheilanstalt in Landsberg an der Warthe. Sie leidet unter Melancholie, Depressionen, Verstimmung, „Versündigungsideen“ und unternahm Suizidversuche. Ihre psychische Krankengeschichte ist der ihrer Mutter sehr ähnlich. Es wird auch eine syphilitische Ansteckung attestiert. Die vorläufige Diagnose Schizophrenie wird jedoch nicht endgültig bestätigt. Für einen Monat wird sie zu einem Herrn Reinfeldt in Machnow entlassen, am 13.12.1930 wird sie dann versuchsweise für ein Jahr aus der Anstalt entlassen.

Zur Zeit der Entlassung ist ihr Bruder Martin der einzige Verwandte, den Philippine noch hat. Wahrscheinlich mit Martins Hilfe siedelt sie nach Berlin über, wohnt vielleicht in der ersten Zeit sogar bei ihm. Ihre erste eigene Berliner Anschrift ist Cottbusser Str. 16 bei Frau L. Triller, dort wohnt sie bis August 1933. Schon 1932 wird Philippine wieder krank, wird wegen einer Appendizitis und Bauchfellentzündung operiert. Vom 18. August 1933 bis zum 23. Januar 1934 wird Philippine wieder wegen ihrer psychischen Erkrankung in den Heilanstalten Berlin‐Wittenau stationär behandelt. Später 1934 erfolgt im Britzer Krankenhaus dann eine OP der Hüfte wegen einer Hüftluxation. Danach entwickeln sich nach ihren Angaben X‐Beine und sie wird noch im gleichen Jahr am Knie operiert. In den kommenden Jahren ist Philippine zwar in ärztlicher Behandlung, bekommt auch Schlafmittel, es gibt aber keinen Hinweis darauf, dass sie stationär behandelt wurde.

Immer wieder versucht Philippine nun, in Stellung zu kommen, wird aber oft schnell wieder entlassen, weil sie durch den Hüftschaden nicht so schnell und beweglich ist wie andere. In späteren Jahren berichtet sie über eine Stellung in der Strumpfreparaturwerkstatt, in der ihr der Chef das Leben zur Hölle machte, was erneute Depressivität und Krankheit nach sich zog. Dann war sie in einem Pelzgeschäft tätig, das aber bald wegen Arisierung geschlossen wurde.

Die Herrschaft des Nationalsozialismus seit 1933 und die sich immer weiter steigernden antisemitischen Ausschreitungen, die Hetze und die „Rassegesetze“ werden ihre Wirkung auf Philippine nicht verfehlt haben, sie war sehr labil und hatte diesem Terror nichts entgegenzusetzen. So kommt es rund einen Monat nach der sogenannten Reichskristallnacht zur erneuten Einweisung
in das jüdische Krankenhaus, in die Nervenstation. Der kurze Befund ihrer Ärztin gibt einen Hinweis auf ihren Zustand: Depression mit Selbstmordversuch. Der Befund bei der Aufnahme: ängstlich, deprimiert, Diagnose: Geistesstörung.


Sie befindet sich dann vom 13.12.1938 bis zum 7.2.1939 in der Städtischen Heil‐ und Pflegeanstalt Berlin Buch. Ihr Zustand bessert sich und sie kann dann zum Bruder entlassen werden. Dieser wohnt zu der Zeit offenbar zur Untermiete bei einem Dr. Belgard in Berlin Wannsee, Wernerstraße 7.

Ihre eigene Anschrift ist schon zu dieser Zeit Krausnickstraße 8. Als im Mai 1939 die Volkszählung durchgeführt wird, wird sie dort gemeinsam mit ihrem Bruder Martin als Mieterin aufgeführt, so dass zu vermuten ist, dass er zeitweilig bei ihr wohnte. Die Wohnung besteht nur aus einer Wohnküche und einer Speisekammer. Dort im Haus muss auch eine Bekannte oder Freundin wohnen, die ihr die Wohnung einmal vermittelt hat. Diese Bekannte ist es auch, die ihr bei Behördengängen und Arztbesuchen hilft.

Ab 1. August 1939 wohnt bei Philippine ihr Freund Erwin Aronsohn, der zwei Jahre jünger ist als sie. Wo sich die beiden kennenlernten und wann, das ist leider nicht mehr festzustellen. Sicher ist aber, dass sie am 27. September 1939 im Standesamt Berlin‐Mitte geheiratet haben. Erwin arbeitete in der Firma Marcus‐Metallbau in der Monumentenstraße in Berlin‐Schöneberg als Zwangsarbeiter für einen Wochenlohn von 40 Reichsmark. Er musste jeden Morgen und jeden Abend fast 6 Kilometer Arbeitsweg bewältigen, nachdem die Nazis Juden verboten hatten, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, wenn der Arbeitsweg weniger als 7 Kilometer betrug. Was und wo Philippine während dieser Zeit arbeitete, ist nicht bekannt, schon bei der Volkszählung war aber ein Vermerk über den Reichsarbeitsdienst in den Unterlagen. Es ist also davon auszugehen, dass auch sie Zwangsarbeit verrichten musste. Das Ehepaar lebte wahrscheinlich unter sehr ärmlichen Bedingungen, ob ihr Bruder Martin ihr noch ab und an helfen konnte, weiß man nicht. Auch über weitere ärztliche Behandlungen oder Krankenhausaufenthalte ist nichts bekannt. Anfang Mai 1942 verändert sich das Leben von Philippine und Erwin aufs Schlimmste, Philippine erhält die Einweisung in die Jacoby‘schen Anstalten Sayn, die letzte jüdische Anstalt für Nervenkranke im Deutschen Reich.

Ein Runderlass des Innenministeriums vom 12.12.1940 bestimmte, dass "geisteskranke Juden", da ein "Zusammenwohnen Deutscher mit Juden auf die Dauer nicht tragbar ist", nur noch in Sayn aufgenommen werden durften. Die Möglichkeit, die Patienten an einem Ort zu konzentrieren, diente der Vorbereitung der Deportation. In fünf Transporten (zwischen März und November 1942) wurden 573 Personen in die Vernichtungslager des Ostens gebracht. 142 Juden starben zwischen 1940 und 1942 und wurden auf dem Sayner Judenfriedhof beigesetzt; die meisten von ihnen waren, viele eigentlich nicht transportfähig, schwer krank nach Sayn gekommen.

Runderlass des Innenministeriums vom 10.11.1942: "Die mit dem Runderlass vom 12.12.1940 für die Aufnahme geisteskranker Juden benannte Heil‐ und Pflegeanstalt Bendorf‐Sayn ist geschlossen.‐ Die letzten 30 Personen (Patienten und Personal) sollen ins Jüdische Krankenhaus Berlin gebracht werden."

 Die Geheime Staatspolizei, Staatspolizeileitstelle Koblenz, versuchte den wahren Charakter der brutalen Verschleppung zu verschleiern, indem sie z.B. auf der Deportationsliste vom 15. Juni 1942 vermerken ließ: "Es wird hiermit bestätigt, dass die in der vorstehenden Liste aufgeführten Juden auf Grund der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25.11.1941 ‐ RGBl I S. 722 ‐ am 15. Juni 1942 ausgewandert sind und somit, soweit sie die deutsche Staatsangehörigkeit besessen haben, diese verloren haben."


Adolf Eichmann; Reichssicherheitshauptamt Berlin, ordnet die dritte Deportation von Patienten und Personal der früheren Jacoby'schen Anstalt Bendorf‐ Sayn für den 15.06.1942 an. Die Staatspolizeileitstelle Koblenz bestätigt den Transport und ordnet an, dass die Insassen der Sayner Anstalt in Güterwagen transportiert werden.1docRefId=3194&ic=1

Opferbiographie: Phillipine Aronsohn, Deportationsliste
Liste der aus der Anstalt Bensdorf-Sayn zu deportierenden Patienten.

Philippine muss sich verabschieden, vom Bruder Martin und dessen Frau Herta, den beiden Schwagern Jacob und Siegfried, vom Bruder ihres Manns und dessen Frau und Kindern, von den Freunden und Bekannten und sie muss Abschied von Erwin nehmen. Jeder von ihnen weiß unterdessen, dass es ein Abschied für immer ist.
Ihr Aufnahmetag in Sayn ist der 8. Mai 1942, vermutlich ist sie mit der Bahn dorthin gereist. Die Anstalt ist zu dieser Zeit hoffnungslos überfüllt, was sich nach dem Deportationsbefehl für den 14. Juni 1942 schnell ändert. Dazu gibt es den folgenden Bericht des Deutschen Historischen Museums:

"Nachdem die Ergebnisse der Rundfrage Eichmanns vom 21. Mai 1942 von sämtlichen Gestapo(leit)stellen gegen Ende Mai 1942 im RSHA vorlagen, wurde während der Schlussphase der Transporte in den Distrikt Lublin auch ein letzter Transport aus dem Rheinland mit dem Fahrtziel Izbica detailliert geplant. An der Aufstellung des Fahrplans zum Sonderzug Da 22 von Koblenz‐Lützel waren unter anderem Eisenbahner der Reichsbahndirektionen Köln beteiligt. Das Wagenmaterial zu diesem Transport ab Koblenz war keinem Russenzug entnommen worden, sondern sollte eigens aus 15 Personenwagen und 9 Güterwagen zusammengestellt werden. Letztere wurden am 14. Juni 1942 auf dem Bahnhof Bendorf‐Sayn mit ungefähr 250 liegenden Patienten der Heilanstalt sowie mit etwa 80 Bediensteten (Krankenschwestern und Ärzten) beladen. Der Sonderzug verließ Koblenz‐Lützel am 15. Juni 1942 um 0.00 Uhr und wurde anschließend mit Menschen aus weiteren Staatspolizeibezirken an Rhein und Ruhr gefüllt: Er beförderte außerdem 318 Juden aus dem Staatspolizeistellenbezirk Köln – zum Beispiel aus dem Lager Much und aus Bonn (am 14.06.1942, 8.30 Uhr ab Much nach Bonn, jüdisches Gemeinschaftshaus, Kapellenstraße) sowie 143 alte Juden und einen Krankenbehandler (Arzt) aus Aachen, die zuvor in einem Regelzug nach Köln gebracht worden waren. Die für diesen Transport in der Literatur mitunter genannte Stärke von 1066 Menschen war eine zunächst geplante Sollzahl. Die Abgangsmeldung der Düsseldorfer Gestapo vom 15. Juni 1942 nennt eine Zahl von 1003 Zuginsassen. Am selben Tag fuhr vom Sammellager in Köln‐Deutz bereits der erste Transport mit 963 älteren Juden aus dem Rheinland – der fünfte Kölner Transport – nach
Theresienstadt ab. Nach der Selektion auf einem Nebengleis in Lublin wurden zunächst etwa 100 Männer aus dem Transport „Da 22“ in das Lager Majdanek gebracht. Der Zug wurde anschließend direkt nach Sobibor geleitet, ohne zuvor noch das Durchgangsghetto von Izbica zu berühren. Die Fahrt des Zuges „Da 22“ aus dem Rheinland am 15. Juni 1942 markiert im Allgemeinen das Ende der dritten Deportationswelle, weil die Reichsbahn auf Verlangen der Wehrmacht vom 15. Juni bis etwa zum 10. Juli 1942 eine Annahmesperre für zivile Sonderzüge verhängt hatte, zu denen auch die Judentransporte zählten. Grund dafür war die Offensive des Heeres im Südabschnitt der Ostfront. Allein neun Güterwagen waren für die geistig behinderten Juden aus der israelitischen Heil‐ und Pflegeanstalt Bendorf‐Sayn vorgesehen. Was mit den geistig behinderten Juden beabsichtigt war, läßt sich unschwer erraten. Über Ort und Zeit ihrer Gestellung waren die Juden freilich nicht unterrichtet worden."2

Philippine starb wahrscheinlich sofort oder wenige Tage nach der Ankunft in Sobibor, es gibt aber keine Dokumente darüber und auch keine Sterbeurkunde. Was ihr und Tausenden anderen dort geschah, zeigt dieser Bericht:
Im Rahmen der "Endlösung der Judenfrage" beauftragte der Reichsführer der Schutzstaffel (SS) und "Chef der deutschen Polizei", Heinrich Himmler, im Herbst 1941 den SS‐und Polizeiführer des Distrikts Lublin im "Generalgouver nement", Odilo Globocnik (1904‐1945), mit der Ermordung der dort lebenden Juden. Nach dem Vorbild des bereits fertiggestellten Vernichtungslagers Belzec begann die SS einige Monate später im Zuge der "Aktion Reinhardt" mit dem Bau eines zweiten Todeslagers in einer dünnbesiedelten Gegend bei Lublin.
Kommandant des bei dem Ort Sobibor errichteten Lagers wurde der SSObersturmführer Franz Stangl (1908‐1971), der zuvor in den "Euthanasie"‐ Anstalten Hartheim und Sonnenstein/Pirna tätig gewesen war. Ihm wurden etwa 30 SS‐Männer unterstellt, die ebenfalls an der Ermordung von geistig und körperlich Behinderten im Rahmen der "Aktion T4" beteiligt gewesen waren. Des Weiteren setzte die SS Ukrainer und Volksdeutsche als Wach‐ und Sicherheitspersonal im Lager ein. Das etwa 600 x 400 Meter große, an der Bahnlinie Chelm‐Wlodawa gelegene Vernichtungslager Sobibor wurde in drei verschiedene Bereiche eingeteilt, die jeweils durch einen Zaun voneinander getrennt waren. Die erste Zone umfasste das Vorlager mit der Eisenbahnrampe und den Unterkunftsbaracken für das deutsche und ukrainische Personal sowie das Lager I mit Unterkünften für die jüdischen Häftlinge und mehreren Werkstätten. Das Lager II diente als Aufnahmebereich für die eintreffenden Juden, in dem diese ihre Habe und Kleider abgeben mussten. Im Lager III befanden sich die Unterkünfte für die dort arbeitenden jüdischen Häftlinge sowie die Gaskammern und Massengräber. Anfang Mai 1942 erreichten die ersten Transporte mit polnischen, österreichischen und tschechischen Juden aus den Ghettos des Distrikts Lublin das Vernichtungslager Sobibor. Nach ihrer Ankunft mussten die Juden ihr Gepäck an der Eisenbahnrampe zurücklassen und sich in die Entkleidungsbaracke begeben. Dort teilten SS‐Männer ihnen mit, dass sie nach dem Duschen in ein Arbeitslager überstellt würden. Nachdem sie sich ausgezogen hatten, wurden sie aufgefordert, an einer "Kasse" Geld und Wertsachen abzugeben. Ein Schild mit der Aufschrift "Bad" wies ihnen den Weg durch den "Schlauch", einen schmalen Pfad, zu den Gaskammern, in welche mittels eines Dieselmotors Kohlenmonoxid eingeleitet wurde. Nachdem die Menschen erstickt waren, musste ein Arbeitskommando jüdischer Häftlinge die Leichen nach versteckten Wertsachen untersuchen, ihre Goldzähne herausbrechen, ihnen die Haare abschneiden und ihre Leichen schließlich in Massengräber werfen. Als Mitwisser des Verbrechens wurden diese "Arbeitsjuden" in regelmäßigen Abständen von der SS umgebracht und durch neue Häftlinge ersetzt. Als Ende Juli 1942 die Vergasungen in Sobibor wegen Reparaturarbeiten an den Bahngleisen eingestellt wurden, waren mindestens 77.000 Juden in den Gaskammern umgekommen. Da die Massengräber infolge der Hitze aufgequollen waren und die SS keine Beweise für die Verbrechen hinterlassen wollte, ließ sie die Leichen ausgraben und auf Scheiterhaufen verbrennen. Im Oktober 1942 gingen in Sobibor sechs neue Gaskammern in Betrieb, in denen rund 1.300 Menschen gleichzeitig umgebracht werden konnten. Im Juli des folgenden Jahrs ordnete Heinrich Himmler die Umwandlung Sobibors in ein Konzentrationslager an, in dem erbeutete Munition sortiert und gelagert werden sollte. Obwohl auf dem Lagergelände bereits mit ersten Bauarbeiten für die neue Funktion Sobibors begonnen wurde, waren die jüdischen Häftlinge von der baldigen Liquidierung des Lagers überzeugt. Am 14. Oktober 1943 organisierten sie einen Aufstand, in dessen Folge einigen Gefangenen die Flucht gelang. Nach dieser Revolte ermordete die SS alle im Lager befindlichen Juden und zerstörte sämtliche Gebäude. Auf dem Lagergelände wurden Bäume angepflanzt und Bauernhäuser errichtet, in die einige der Ukrainer aus dem Lagerkommando
einzogen. In dem Vernichtungslager Sobibor sind über 250.000 hauptsächlich jüdische Menschen aus dem "Generalgouvernement", Österreich, dem "Protektorat Böhmen und Mähren", der Slowakei, Deutschland, Frankreich und den Niederlanden ermordet worden. Aufgrund des Häftlingsaufstands überlebten rund 50 der Deportierten. Anfang der sechziger Jahre wurde auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers ein Denkmal errichtet. 3

Philippine fällt als erste ihrer Familie dem Holocaust zum Oper. Kaum zwei Monate später erhält ihr Ehemann Erwin die Vorladung zum Abtransport, dem sogenannten 18. Osttransport, Zug Nr. Da 401. Doch bevor man ihn vom Güterbahnhof Berlin‐Moabit aus nach Riga schafft, wird seine letzte Habe in der Wohnung inventarisiert. Die sog Vermögensakte lagert im Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam. Sie verzeichnet nicht nur die wenigen Möbelstücke, Haushaltsgegenstände und sogar ungewaschene Wäsche, sondern auch seinen eigenen handschriftlichen Vermerk, dass seine Ehefrau am 14. Juni 1942 aus Deutschland „abgewandert“ ist. Man hat ihn also nach Philippines Deportation zumindest darüber informiert. Am 15. August muss sich Erwin zur Abfahrt des einfinden, drei Tage später wird auch er ermordet und verscharrt in den Wäldern nahe Riga. Erst ein Jahr später, im Juni 1943, wird der verbliebene Hausrat für rund 46 Reichsmark verkauft und die Wohnung freigegeben. Der Staat machte damit keinen Gewinn, errechnet wurden am Ende rund 180 Reichsmark „Verlust“.


Am 29. Januar 1943 wird Philippines Schwägerin Herta Rechelmann nach Auschwitz deportiert, es handelt sich um den 28. Osttransport. Als Todeszeitpunkt wird man später das Ankunftsdatum 30. Januar nennen, sie wurde vermutlich gleich an der Rampe selektiert und in die Gaskammern geschickt. Ihr Ehemann, Philippines Bruder Martin, wurde wahrscheinlich schon Ende 1942 auf unbekanntem Weg nach Auschwitz gebracht, am 22. Februar 1943 stirbt er dort im Krankenbau. Der verrufene Dr. Martin Kitt unterschrieb die Sterbeurkunde, Todesursache: Lungenephysem. Die vierköpfige Familie von Erwins Bruder Martin stirbt Ende 1942 in Auschwitz.

Nach dem Krieg wird fast als einziger der Schwager von Martin, Jacob Gutfeld, den Holocaust überlebt haben. Seine arische Ehefrau ließ sich nicht scheiden und die „privilegierte Mischehe“ rettete wohl sein Leben. Wie ich unterdessen erfuhr, konnte er nach 1945 bis zu seinem Tod mit seiner zweiten Ehefrau Martha ein neues, erfülltes und sorgenfreieres Leben führen. Und es überlebte auch Philippines Nichte, meine Mutter Ingelid, die als Halbjüdin ähnlich wie Jacob Gutfeld verfolgt aber nicht ermordet wurde. Sie verstarb mit 87 Jahren am 23.12.2014.

Ich bin die Großnichte von Philippine. 70 Jahre nach diesen Morden fand ich zufällig ihre traurige Geschichte. Mein Wunsch ist in Erfüllung gegangen: Philippine und ihr Ehemann Erwin haben vor der Tür ihres Wohnhauses Krausnickstraße 8 – mitten im ehemaligen jüdischen Wohnviertel in der Nähe der Synagoge Oranienburger Straße – einen Stolperstein zur Erinnerung und ewigen Mahnung erhalten. Zwei weitere wurden in der Bachstraße für ihren Bruder Martin – meinen Großvater – und für seine Ehefrau Herta verlegt.

Der Stolperstein für Phillipine Aronsohn wurde am 20. September 2013 in der Krausnickstraße 8 in Berlin-Mitte verlegt.

Das Foto von Phillipine Aronsohn kommt aus den Beständen des Landesarchivs Berlin (Signatur ARep. 003/04/01 Nr_15402)

  1. Quelle: http://www.bendorf.de/area/mainoutp.cfm?
  2.  Quelle: http://www.tenhumbergreinhard.de/transportliste‐derdeportierten/ bericht‐transport/transport‐15061942‐koblenz.html
  3. Quelle: http://www.dhm.de/lemo/html/wk2/holocaust/sobibor/index.html
Assoziationen

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Alle Opfer der NS-"Euthanasie"-Verbrechen haben ihre Individualität. Manche wurden jedoch aus ähnlichen Motiven verfolgt, einige teilten zum Beispiel Gewaltererfahrungen in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen. Andere wiederum wurden doppelt sigmatisiert: Weil sie als psychisch krank und behindert galten und als homosexuell und jüdisch definiert wurden.
Diesen Verknüpfungen versuchen wir mit "Assoziationen" nachzugehen. Sie ermöglichen es auch, geographische Beziehungen in unserer Datenbank zu recherchieren. Sie können also erforschen, wer am selben Ort oder Region lebte, wer in der selben Anstalt lebte und ermordet wurde.

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