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Opferbiographie: Fritz Heidrich, Porträt
Victims biography
Fritz Willi Heidrich
19001940

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Fritz Willi Heidrich
from Pieńsk (Dolny Śląsk)

b. 11/11/1900 in Pieńsk (Dolny Śląsk)
d. 03/02/1940 in Brandenburg/Havel (Brandenburg)

Fritz HEIDRICH wurde am 11.11.1900 als einziges Kind der Eheleute Friedrich und Ida Heidrich, geb. Altmann, im obersorbischen Penzig (Landkreis Görlitz, heute Pieńsk in Polen) geboren. Von 1907 bis 1915 besuchte er dort die Volksschule. Er erlernte den Beruf eines Glasmachers. Für eine Tätigkeit in diesem Beruf gibt es keinen Beleg.
 

Biography created on 08/07/2018, last update on 09/13/2021

Seinem Vater gleich arbeitete er ab Dez. 1918 als Kohle-Bergarbeiter (1919-1924 als "Schlepper") danach im Tagebau als "Kohlenbodenarbeiter" auf der Grube Marie I der Anhaltinischen Kohlebergwerke bei Senftenberg. 1925/26 wurde er verschüttet und verbrachte als Folge dieses Unfalls einen Monat in der Nervenheilanstalt Bergmannswohl in Schkeuditz. Anschließend litt er unter starken Kopfschmerzen. Er kündigte zum 01.09.1927 und die Familie zog nach Dresden um.

Über seine Militärzeit ist mir nichts bekannt. Militärhistorisch plausibel, seinem Arbeitsbeginn im Bergbau und dem Alter auf der Photographie entsprechend, wäre sein Dienst im Landsturm ab Nov. 1917 bis zum Weltkriegsende im Nov. 1918.

Opferbiographie: Fritz Heidrich, Porträt
Fritz Heidrich 1918. Photo: Arthur Gröger, Liegnitz (heute Legnica in Polen)

Am 07.06.1924 heiratete der Fritz die Elsa Engst auf dem Standesamt in Senftenberg, ein Jahr später nochmals in der Kirche zu Blankenstein. Das Arbeiterehepaar lebte unter ärmlichen Verhältnissen in Dresden-Pieschen. 1928 erblickte ihr Sohn Hans-Joachim das Licht der Welt.
 

Elsa und Fritz Heidrich, Hochzeit 1925 (nachträglich freigestellt)

Da Fritz H. nur gelegentlich als Bauarbeiter Arbeit fand, mußte er regelmäßig (natürlich zu Fuß, das Geld für die Bahn fehlte) auf das Arbeitsamt. Dabei begleitete ihn sein Sohn später hin & wieder. Der Vater, geistig wach, erklärte ihm dabei Bemerkenswertes in Stadt und Natur. Hans-Joachim behielt diese gemeinsamen Spaziergänge sein Leben lang in dankbarer Erinnerung.

Eine Photographie belegt die Teilnahme von Fritz H. an einer Beschäftigungsmaßnahme aus dem sog. (Fritz) "Reinhardt-Programm" [cave, nicht zu verwechseln mit der nach R. Heydrich benannten "Aktion Reinhardt"] in Dresden-Kaditz. Folglich gehörte er vor Sommer 1934 dem einen Drittel der arbeitslosen Bevölkerung an.

Fritz Heidrich (mit der Hand in der Hüfte und die Kreuzhacke auf dem linken Fuß wiegend) steht zwischen der Lore und dem offensichtlichen Chef beim Ausschaufeln der Flutrinne Dresden-Kaditz 1934.

In den 30er Jahren nahm ihn das Stadtkrankenhaus Dresden, Löbtauer Straße mehrmals einige Tage stationär zur Beobachtung auf. Offenbar verschlechterte sich sein Zustand. Anfang Jan. 1937 wurde er in die Landesanstalt Arnsdorf eingewiesen. Mit einer Unterbrechung von sieben Monaten verblieb er dort bis Nov. 1938. Im Mai 1938, anläßlich des 10. Geburtstags seines Sohnes, schrieb er aus dieser Anstalt den hier abgebildeten Brief.

Sein dringender Wunsch, die Anstalt zu verlassen, artete bei einem Besuch seiner Gattin in eine Tätlichkeit aus. "Mit hoher Wahrscheinlichkeit, aber ohne sichere Beweiskraft" (Dr. Böhm) betraf ihn die "Sonderkostverordnung" (fleischlos und fettarm) des Ministeriums des Inneren Sachsens vom 13.04.1938 und war vielleicht ein Grund für diese überschäumende Aktion. (Spätestens ab dem 29.09.1939 hungerte er nachweisbar.) Daraufhin verlegte man ihn in die Heil- und Pflegeanstalt Waldheim. Dort gehörte er zu den 40% der nicht nach § 42b Strafgesetzbuch (d.i. vermindert/nicht zurechnungsfähig) untergebrachten Patienten. Seine Gattin beantragte in der Folge die (auch vom NS-Regime erwünschte) Scheidung, welche am 14.03.1939 rechtskräftig wurde


Mit dem ersten Transport am 01.02.1940 von 29 Stamm-Patienten aus dieser Anstalt begann das industrielle Morden in der Tötungsanstalt Brandenburg, Altes Zuchthaus. Fritz H. gehörte am 02.03.1940 zum sechsten und letzten Räumungstransport der Heil- und Pflegeanstalt Waldheim, die noch am selben Tag als Zwischenanstalt genutzt und mit Patienten aus der Anstalt Düren (Rheinland) belegt wurde.

Aller Wahrscheinlichkeit nach vergaste man ihn und seine 52 Mitpatienten noch am Ankunftstag. Die NS-Sterbeurkunde weist den 05.04.1940 als Todestag und Herzschlag als Todesursache aus. Beide Angaben sind willkürlich gewählt. Der Familienstand "verheiratet" wurde gefälscht, wohl um mit dem Witwenrentenbezug zu Lasten der Reichsknappschaft die staatliche Sozialhilfe zu entlasten. Natürlich ist auch sein "letzter Wohnort" mit "Brandenburg" bewußt falsch angegeben.

Die Urkundenbeamten: "Der Standesbeamte Wirth" (Christian) und der für ihn unterzeichnende "In Vertretung Hirche." (Fritz), letzterer ebenfalls in Penzig geboren. Beide nahmen nach dem Krankenmord führend an der Ermordung der europäischen Juden, der "Aktion Reinhardt", teil. Wirth war ab Sommer 1942 der "verantwortliche Inspektor" der Vernichtungslager Belzec, Sobibór und Treblinka. Hirche kurzfristig Kommandant von Belzec.
 

Elsa H. ließ sich "seine" Asche (die "Brenner" schaufelten zum Zeitpunkt der Anforderung blindlings vom Ascheberg in die Urnen) zusenden und setzte diese am 30.05.1940 auf dem Heidefriedhof in Dresden bei. Bestattet wurde in Wahrheit ein anonymes Opfer des Krankenmordes.

Der aktuelle Stellenschein der Grabstätte weist folglich Fritz H. nicht mehr als beigesetzt aus.

Ausschnitt des Grabstätten-Stellenscheins 2021.
Grabmal Fritz Heidrich

Folglich wuchs sein Sohn als Halbwaise mit seiner alleinverdienenden Mutter heran. Nur dem Insistieren eines seiner Lehrer war es zu verdanken, daß das überdurchschnittlich intelligente Kind nicht vor der Zeit in Lohn und dringend benötigtes Brot gebracht wurde, sondern seinen Schulweg fortsetzen durfte und Zugang zur akademischen Bildung erhielt.

Selbstzeugnis des Sohnes

Am 01.10.1991 stellte sein Sohn den formalen Antrag auf "Beihilfe" nach den Härterichtlinien im Rahmen des Allgemeinen Kriegsfolgengesetzes (AKG-HR) an die Oberfinanzdirektion (OFD) Nürnberg.  Gewährt wurde ihm am 18.11.1993 durch die OFD Chemnitz "... eine einmalige Beihilfe in der höchstmöglichen Höhe von 5.000 DM (heute: 2.556,46€) ...", als sein Rentenbezug die jährlich angepaßte sog. "Notlagengrenze" unterschritt. Folglich erhielt er im Alter von 65 Jahren rechnerisch 34,55€/Monat (04/1940 bis zur Vollendung seines 18. Lebensjahres 05/1946) Unterhaltsschadens-Ersatz von der BRD nachgezahlt.

Nicht der Krankenmord an den Angehörigen wird entschädigt ["Zwangssterilisierte" und "Euthanasie"-Geschädigte werden entschädigungspolitisch bislang nicht als NS-Verfolgte anerkannt ..." (M. Hamm)], sondern lediglich ein "Unterhaltsschaden nach § 844 BGB". Folglich waren nur Kinder, die zum Zeitpunkt der Ermordung eines oder beider Elternteile das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hatten, antragsberechtigt. Ab 2002 entfiel die "Notlagengrenze", ab 2004 erhöhte sich die antragsberechtigte Altersgrenze auf 21, später auf 27 Jahre.

Am 26.02.2020 stellte sein Enkel beim Standesamt der Stadt Brandenburg einen Antrag auf Korrektur der Falschbeurkundung des Sonderstandesamtes II Bbg. a.H. Mit Hilfe der Aufsichtsbehörden gelang die Neubeurkundung im Januar 2021. Herr van Hasseln bemühte sich bis 2007 beim Standesamt Hadamar über sieben Jahre in gleicher Sache. Seinem dort vor Gericht erstrittenen Kompromiß wurde in Bbg. a.H. von vornherein entsprochen. Eine Beischreibung des Gasmordes konnte auch ich nicht durchsetzen.

Neubeurkundung 2021

Nun gibt es wirklich wenig, was man in dieser Republik für die Opfer des Krankenmordes überhaupt erreichen kann. Einen Ausgleich des Unterhaltsschadens nach § 844 BGB und eben den ERSTEN gesetzeskonformen Sterberegistereintrag. Letzterer beglaubigt u.a. den korrekten Tag der Ermordung von Fritz H. und gestatte mir nach 81 Jahren die  Grabmalsinschrift zu berichtigen und auf ein an seiner Statt beerdigtes unbekanntes Krankenmordopfer hinzuweisen.

Warum sich die  Standesämter der Tötungsanstalten mit der Korrektur dieser fraglosen NS-Urkundenfälschungen (die nichts kostet!) so schwer tun, die Gedenkstätten (bis auf Bernburg) nicht längst diese Neubeurkunden für ihre jeweiligen Mordopfer durchsetzten und uns Hinterbliebenen/Nachgeborenen überlassen - diese Fragen vermag ich nicht zu beantworten.

Verfasser: sein Enkel Wolfram.

mit Dank an meinen Vater selig und seine Lebensgefährtin, deren Recherche ich lediglich vertiefte, an die Mitarbeiter der Archive BArch, HStArch DD, StArch L, LArch ST (Abt. MER), LArch B, der Stadtarchive BRB, GR und SFB, der Gedenkstätten LM und BRB, der Standesämter I B, DD und BRB a.H., der Friedhofsverwaltung DD, des Deutsche Hygiene-Museums  DD und des Sächs. KH Altscherbitz, an den ärztl. Direktor des Sächs. KH Arnsdorf, an Herrn Dr. Böhm (Pirna-Sonnenstein), das MIK BRB, das Rechtsamt beim OB BRB, meinem Cousin Roland und die u.a. Autorinnen und Seitenbetreiber

Quellen und Links

Schröter, Sonja: Psychiatrie in Waldheim/Sachsen 1716-1946, Mabuse Verlag, Wissenschaft 11, 1994

Ley, Astrid / Hinz-Wessels, Annette (Hg.): Die Euthanasie-Anstalt Brandenburg an der Havel, Metropol 2012

Hamm, Margret (Hg.): Ausgegrenzt! Warum? Zwangssterilisierte und Geschädigte der NS-»Euthanasie« in der Bundesrepublik Deutschland. Metropol Verlag, Berlin (2017)

- Lilienthal, Georg: Falsche Sterbebeurkundung durch die "T4" und ihre Korrektur im Bundesland Hessen, in: Rotzoll, M./Hohendorf, G./Fuchs, P./Richter, P./Mundt, Chr./Eckart, W. U. (Hg.): Die nationalsozialistische "Euthanasie"-Aktion "T4" und ihre Opfer -  Geschichte und ethische Konsequenzen, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn (2010), S. 350–357.

- Müller, Claus Peter: Vertuschung des Massenmordes: Wider die Lügen der Euthanasie-Mörder, Frankfurter Allgemeine Zeitung (2009) (Der Fall Hermine van Hasseln, Neubeurkundung in Hadamar ) https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/vertuschung-des-massenmordes-wider-die-luegen-der-euthanasie-moerder-1894953.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

über die  Glasindustrie in Penzig: http://www.glasmuseum-weisswasser.de/neuste_nachrichten_13_2008_werner.pdf

über das "Reinhardt-Programm": https://de.wikipedia.org/wiki/Reinhardt-Programm

über die Benennung der "Aktion Reinhardt": http://www.deathcamps.org/reinhard/action%20reinhard_de.html

über die Entschädigung der Zwangssterilisierten und »"Euthanasie"-Geschädigten«: https://www.euthanasiegeschaedigte-zwangssterilisierte.de/wp-content/uploads/2018/03/zeittafel-entschaedigungspolitik-2018.pdf

Assoziationen

Assoziationen
As­so­zi­a­tive Beziehungen und Verknüpfungen

Alle Opfer der NS-"Euthanasie"-Verbrechen haben ihre Individualität. Manche wurden jedoch aus ähnlichen Motiven verfolgt, einige teilten zum Beispiel Gewaltererfahrungen in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen. Andere wiederum wurden doppelt sigmatisiert: Weil sie als psychisch krank und behindert galten und als homosexuell und jüdisch definiert wurden.
Diesen Verknüpfungen versuchen wir mit "Assoziationen" nachzugehen. Sie ermöglichen es auch, geographische Beziehungen in unserer Datenbank zu recherchieren. Sie können also erforschen, wer am selben Ort oder Region lebte, wer in der selben Anstalt lebte und ermordet wurde.

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Literaturverweise

Ausgewählte Literatur zum Thema

Die Euthanasie-Anstalt Brandenburg an der Havel
2012, Berlin

Morde an Kranken und Behinderten im Nationalsozialismus

AuthorAstrid Ley und Annette Hinz-Wessels
ISBN978-3-86331-085-1

Die Tötungs-Anstalt Brandenburg 1940
2012, Berlin

Behinderte Menschen wurden ermordet. Texte in Leichter Sprache

AuthorUta George u.a. (Hg.)
ISBN978-3-86331-097-4

Psychiatrie in Waldheim/Sachsen 1716-1946
1994, Frankfurt/Main

AuthorSonja Schröter

The "Euthanasia-Institution" of Brandenburg an der Havel
2012, Berlin

Murder of the Ill and Handicapped during National Socialism

AuthorAstrid Ley und Annette Hinz-Wessels (Hg.)
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Eine Seite des Gedenkbuches in der Gedenkstätte Grafeneck

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