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Opferbiographie: Frit Heydrich, Porträt
Victims biography
Fritz Willi Heidrich
19001940

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Fritz Willi Heidrich
from Pieńsk (Dolny Śląsk)

b. 11/11/1900 in Pieńsk (Dolny Śląsk)
d. 03/02/1940 in Brandenburg/Havel (Brandenburg)

Fritz HEIDRICH wurde am 11.11.1900 als einziges Kind der Eheleute Friedrich und Ida Heidrich, geb. Altmann, im obersorbischen Penzig (Landkreis Görlitz, heute Piensk in Polen) geboren. Von 1907 bis 1915 besuchte er dort die Volksschule. Er erlernte den Beruf eines Glasmachers. Für eine Tätigkeit in diesem Beruf gibt es keinen Beleg.
 

Biography created on 08/07/2018, last update on 09/28/2018

Seinem Vater gleich arbeitete er ab Dez. 1918 als Kohle-Bergarbeiter (Schlepper) auf der Grube Marie I bei Senftenberg. 1925/26 wurde er verschüttet und verbrachte als Folge dieses Unfalls einen Monat in der Nervenheilanstalt Bergmannswohl in Schkeuditz. Anschließend litt er unter starken Kopfschmerzen. Er kündigte zum 01.09.1927 und die Familie zog nach Dresden um.

Über seine Militärzeit ist mir nichts bekannt. Militärhistorisch plausibel, seinem Arbeitsbeginn im Bergbau und dem Alter auf der Photographie entsprechend, wäre sein Dienst im Landsturm ab Nov. 1917 bis zum Weltkriegsende im Nov. 1918.

Fritz Heidrich 1918.

Am 07.06.1924 heiratete der Fritz die Elsa Engst auf dem Standesamt in Senftenberg, ein Jahr später nochmals in der Kirche zu Blankenstein. Das Arbeiterehepaar lebte unter ärmlichen Verhältnissen in Dresden-Pieschen. 1928 erblickte ihr Sohn Hans-Joachim das Licht der Welt.
 

Elsa und Fritz Heidrich, Hochzeit 1925 (nachträglich freigestellt)

Da Fritz H. nur gelegentlich als Bauarbeiter Arbeit fand, mußte er regelmäßig (natürlich zu Fuß, das Geld für die Bahn fehlte) auf das Arbeitsamt. Dabei begleitete ihn sein Sohn später hin & wieder. Der Vater, geistig wach, erklärte ihm dabei Bemerkenswertes in Stadt und Natur. Hans-Joachim behielt diese gemeinsamen Spaziergänge sein Leben lang in angenehmer Erinnerung.

Eine Photographie belegt die Teilnahme von Fritz H. an einer Beschäftigungsmaßnahme aus dem sog. (Fritz) "Reinhardt-Programm" (cave, nicht zu verwechseln mit der nach R. Heydrich benannten "Aktion Reinhardt") in Dresden-Kaditz. Folglich gehörte er vor Sommer 1934 dem einen Drittel der arbeitslosen Bevölkerung an.

Fritz Heidrich (mit der Hand in der Hüfte und die Kreuzhacke auf dem linken Fuß wiegend) steht zwischen der Lore und dem offensichtlichen Chef beim Ausschaufeln der Flutrinne Dresden-Kaditz 1934.

In den 30er Jahren nahm ihn das Stadtkrankenhaus Dresden, Löbtauer Straße mehrmals einige Tage stationär zur Beobachtung auf. Offenbar verschlechterte sich sein Zustand. Anfang Jan. 1937 wurde er in die Landesanstalt Arnsdorf eingewiesen. Mit einer Unterbrechung von sieben Monaten verblieb er dort bis Nov. 1938. Im Mai 1938, anläßlich des 10. Geburtstags seines Sohnes, schrieb er aus dieser Anstalt den hier abgebildeten Brief.

Sein dringender Wunsch, die Anstalt zu verlassen, artete bei einem Besuch seiner Gattin in eine Tätlichkeit aus. Möglicherweise betraf ihn die "Sonderkostverordnung" (fleischlos und fettarm) des Ministeriums des Inneren Sachsens vom 13.04.1938 und war ein Grund für diese überschäumenden Aktion. Daraufhin verlegte man ihn in die Heil- und Pflegeanstalt Waldheim. Dort gehörte er zu den 40% der nicht nach § 42b Strafgesetzbuch (d.i. vermindert/nicht zurechnungsfähig) untergebrachten Patienten.


Mit dem ersten Transport am 01.02.1940 von 29 Stamm-Patienten aus dieser Anstalt begann das industrielle Morden in der Tötungsanstalt Brandenburg, Altes Zuchthaus. Fritz H. gehörte am 02.03.1940 zum sechsten und letzten Räumungstransport der Heil- und Pflegeanstalt Waldheim, die noch am selben Tag als Zwischenanstalt genutzt und mit Patienten aus der Anstalt Düren (Rheinland) belegt wurde.

Aller Wahrscheinlichkeit nach vergaste man ihn und seine 52 Mitpatienten noch am Ankunftstag. Die gefälschte Sterbeurkunde weist den 05.04.1940 als Todestag und Herzschlag als Todesursache aus.

Die Urkundenbeamten: "Der Standesbeamte Wirth" (Christian) und der für ihn unterzeichnende "In Vertretung Hirche." (Fritz), ebenfalls in Penzig geboren. Beide nahmen nach dem Krankenmord führend an der Ermordung der europäischen Juden, der "Aktion Reinhardt", teil. Wirth war ab Sommer 1942 der "verantwortliche Inspektor" der Vernichtungslager Belzec, Sobibór und Treblinka. Hirche kurzfristig Kommandant von Belzec.
 

Seine Gattin ließ sich "seine" Asche (die "Brenner" schaufelten blindlings vom Ascheberg in die Urnen) zusenden und begrub diese auf dem Heidefriedhof in Dresden, auf dem er noch heute ruht.

Grabstelle von Fritz und Else Heidrich.

Folglich wuchs sein Sohn als Halbwaise mit seiner alleinverdienenden Mutter heran. Nur dem Insistieren eines seiner Lehrer war es zu verdanken, daß das überdurchschnittlich intelligente Kind nicht vor der Zeit in Lohn und dringend benötigtes Brot gebracht wurde, sondern seinen Schulweg fortsetzen durfte und Zugang zur akademischen Bildung erhielt.

Verfasser: sein Enkel Wolfram.

mit Dank an meinen Vater selig und seine Lebensgefährtin, deren Recherche ich lediglich vertiefte, die Mitarbeiter der Archive BArch, HStArch DD, Dt. Hygiene-Museum DD, StArch L, die u.a. Autorinnen und Seitenbetreiber

Quellen und Links

Schröter, Sonja: Psychiatrie in Waldheim/Sachsen 1716-1946, Mabuse Verlag, Wissenschaft 11, 1994

Ley, Astrid / Hinz-Wessels, Annette (Hg.): Die Euthanasie-Anstalt Brandenburg an der Havel, Metropol 2012

über die  Glasindustrie in Penzig: http://www.glasmuseum-weisswasser.de/neuste_nachrichten_13_2008_werner.pdf

über das "Reinhardt-Programm": https://de.wikipedia.org/wiki/Reinhardt-Programm

über die Benennung der "Aktion Reinhardt": http://www.deathcamps.org/reinhard/action%20reinhard_de.html

Assoziationen

Assoziationen
As­so­zi­a­tive Beziehungen und Verknüpfungen

Alle Opfer der NS-"Euthanasie"-Verbrechen haben ihre Individualität. Manche wurden jedoch aus ähnlichen Motiven verfolgt, einige teilten zum Beispiel Gewaltererfahrungen in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen. Andere wiederum wurden doppelt sigmatisiert: Weil sie als psychisch krank und behindert galten und als homosexuell und jüdisch definiert wurden.
Diesen Verknüpfungen versuchen wir mit "Assoziationen" nachzugehen. Sie ermöglichen es auch, geographische Beziehungen in unserer Datenbank zu recherchieren. Sie können also erforschen, wer am selben Ort oder Region lebte, wer in der selben Anstalt lebte und ermordet wurde.

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Literaturverweise

Ausgewählte Literatur zum Thema

Die Euthanasie-Anstalt Brandenburg an der Havel
2012, Berlin

Morde an Kranken und Behinderten im Nationalsozialismus

AuthorAstrid Ley und Annette Hinz-Wessels
ISBN978-3-86331-085-1

Die Tötungs-Anstalt Brandenburg 1940
2012, Berlin

Behinderte Menschen wurden ermordet. Texte in Leichter Sprache

AuthorUta George u.a. (Hg.)
ISBN978-3-86331-097-4

Psychiatrie in Waldheim/Sachsen 1716-1946
1994, Frankfurt/Main

AuthorSonja Schröter

The "Euthanasia-Institution" of Brandenburg an der Havel
2012, Berlin

Murder of the Ill and Handicapped during National Socialism

AuthorAstrid Ley und Annette Hinz-Wessels (Hg.)
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