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Opgerbiografie: Ewald Scheer, Porträtfoto aus Krankenakte
Victims biography
Ewald Scheer
1922 — ?

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Ewald Scheer
Arbeiter from Hamburg (Hamburg)

b. 11/14/1922 in Hamburg (Hamburg)
d. ? in ?

Von Dietmar Schulze
»Entlassung steht in kurzer Zeit in Aussicht«

»Operation Gomorrha« ist der militärische Code für das vom 24. Juli bis 3. August 1943 andauernde Bombardement britischer und amerikanischer Luftstreitkräfte der Stadt Hamburg. Die Stadt wurde dabei großflächig zerstört, mehr als 30.000 Todesopfer waren zu beklagen, über 275.000 Wohnungen wurden zerstört. Noch während derLuftangriffe begannen die Hamburger Behörden mit der Evakuierung der Bevölkerung. Alle nicht in der Rüstungsindustrie arbeitenden Einwohner mussten die Stadt verlassen. Sie wurden zumeist in das Umland, viele aber auch in weiter entfernte Teile des Deutschen Reiches evakuiert. Ewald Scheer, geboren am 14. November 1922 in Hamburg-Eimsbüttel, gehörte zu einer Gruppe Bombengeschädigter, deren Evakuierungstransport aus der Hansestadt in den in den Reichsgau Danzig-Westpreußen führte.

Biography created on 12/16/2019, last update on 12/20/2019

Scheer, ein ungelernter Arbeiter in einer Hamburger Matratzenfabrik, wurde zunächst in einem Privatquartier, vermutlich in Preußisch Stargard [Starogard Gdański](Danzig-Westpreußen) einquartiert. Allerdings litt der junge Mann seit seinem neunten Lebensjahr an Epilepsie. Seine Quartiergeber waren wegen der periodisch auftretenden Krampfanfälle vermutlich mit der Situation überfordert. Sie wandten sich deshalb an das zuständige Gesundheitsamt, das seinerseits um eine Aufnahme in die Heil- und Pflegeanstalt Konradstein nachsuchte. In Konradstein traf Ewald Scheer am 2. August 1943 ein. Bei der Aufnahmeuntersuchung trat er, den Einträgen im Krankenblatt zufolge, »besonnen« auf und gab »auf alle Fragen angemessen Auskunft«. Der junge Mann erzählte dem Arzt, dass er Hamburg noch nie verlassen habe, noch nie auf Reisen gewesen sei. Deswegen habe er sich entschlossen, sich einem Transport Hamburger Bombengeschädigter anzuschließen. Seine Eltern dagegen hätten bei Nachbarn Obdach gefunden. Scheer gab weiterhin an, dass er im Jahr 1936 im Krankenhaus Hamburg-Eppendorf sterilisiert worden sei. Sein Vater Johannes Heinrich Scheer, ein Kutscher, seine Mutter Wilhelmine, eine Hausfrau, sowie seine zwei Schwestern und sein Bruder seien aber alle gesund. In den folgenden Tagen notierte der behandelnde Arzt im Krankenblatt, dass er bei Scheer leichte Anfälle beobachtet hatte, dieser jedoch ein »geordnetes« Verhalten zeige und »keine Schwierigkeiten« mache.

Porträtfoto Ewald Scheers aus der Krankenakte, ohne Jahr. Archiwum Państwowe Gdańsk, Oddział w Gdyni 2830 Nr. 4820.

Der Patient würde sehr viel lesen und zuweilen über Langeweile klagen. Der Arzt registrierte aber auch erste Anzeichen einer durch die Epilepsie verursachten Wesensveränderung. In der Zwischenzeit hatten Ewald Scheers Eltern von dem Aufenthalt ihres Sohnes in einer Heil- und Pflegeanstalt erfahren. In der Krankenakte ist ein handschriftlicherBrief Johannes Heinrich Scheers vom 31. August 1943 überliefert. Aus den wenigenZeilen ist die Sorge, aber auch die Verärgerung des Vaters über das Schicksal seines Sohnes herauszulesen. So schrieb Johannes Heinrich Scheer, dass sein Sohn »doch nur an Krampfanfällen« leide und »bisher nicht geistesgestört« sei. Weiter führte er an, dass sich Ewald in Hamburg in »ärztlicher Behandlung« befände und eine Arbeitsstelle habe. Darauf hin erhielten die Eltern aus Konradstein ein Schreiben, das die Umstände der Aufnahme ihres Sohnes in die Heil- und Pflegeanstalt schilderte. Zugleich wurde den Eltern eine Entlassung »auf eigene Verantwortung« in Aussicht gestellt, da Ewald Scheer »in den letzten Tagen bei ausreichender Ruhe« keine epileptischen Anfälle erlitten habe. Offenbar leitete Familie Scheer unverzüglich die notwendigen Schritte für die Rückkehr ihres Sohnes nach Hamburg ein, denn am 8. September 1943 heißt es imKrankenblatt: »Entlassung steht in kurzer Zeit in Aussicht.« Am 21. September trat Ewald Scheer die Reise in seine Heimatstadt an.1

  1. Archiwum Państwowe Gdańsk, Oddział w Gdyni 2830 Nr. 4820.
Assoziationen

Assoziationen
As­so­zi­a­tive Beziehungen und Verknüpfungen

Alle Opfer der NS-"Euthanasie"-Verbrechen haben ihre Individualität. Manche wurden jedoch aus ähnlichen Motiven verfolgt, einige teilten zum Beispiel Gewaltererfahrungen in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen. Andere wiederum wurden doppelt sigmatisiert: Weil sie als psychisch krank und behindert galten und als homosexuell und jüdisch definiert wurden.
Diesen Verknüpfungen versuchen wir mit "Assoziationen" nachzugehen. Sie ermöglichen es auch, geographische Beziehungen in unserer Datenbank zu recherchieren. Sie können also erforschen, wer am selben Ort oder Region lebte, wer in der selben Anstalt lebte und ermordet wurde.

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