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Erinnerungskultur
08/13/2020, Robert Parzer

Die Namen von „Euthanasie“-Opfern zu nennen, ist keine Schande – im Gegenteil!
Eine Antwort von Angehörigen von Opfern der NS-„Euthanasie“ auf den Artikel „Die vierte Schande! am Beispiel der Euthanasie-Gedenkstätte Hadamar“ von Dr. Dr. Helge Kleifeld

Vorbemerkung: Der folgende Text wurde als Brief von Angehörigen von Opfern der NS-"Euthanasie"-Verbrechen an den Leiter der Gedenkstätte Hadamar, Dr. Jan Erik Schulte, geschickt. Die Angehörigen wenden sich gegen mehrere scharfe und sachlich unbegründete Angriffe auf die Gedenkstätte, mit denen gegen die Nennung der Namen der Opfer und für ein "Recht auf Vergessen" der Vergangenheit polemisiert wird. Diese wurden in den archivfachlichen Beiträgen der stadtgeschichtlichen Reihe des Stadtarchives Mönchengladbach im Juni 2020 publiziert.

Gedenkort-t4.eu unterstützt das Anliegen von Sigrid Falkenstein und der anderen Unterzeichner:innen zur Gänze.

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Ausschnitt einer Liste mit Namen der Opfer der T4-Tötungsanstalt Grafeneck. Anna Lehnkering war die Tante von Sigrid Falkenstein.

Es gibt für uns als heutige Mitglieder von Familien, in denen Angehörige einst als "erbminderwertig" stigmatisiert wurden, k e i n e n Grund, uns unserer Verwandten zu schämen und ihre Namen zu verschweigen. In diesem Sinne bekräftigen wir noch einmal den Appell, den Sigrid Falkenstein 2011 veröffentlicht hat.

„Wer –wenn nicht wir als Angehörige –könnte glaubwürdiger bezeugen, dass die Opfer keine anonyme Masse waren?! Wer –wenn nicht wir –könnte ihnen besser Gesicht und Namen zurückgeben und so dazu beitragen, die Mauern des Schweigens und der Tabuisierung einzureißen? Indem wir die Anonymisierung aufheben, geben wir unseren ermordeten Verwandten ihre Identität und etwas von ihrer Würde zurück. Über das Gedenken hinaus können wir aber auch mit der Erinnerung an ihre Lebensgeschichten die Geschichte unserer Gesellschaft sichtbar machen und auf diese Weise dazu beitragen, dass sich Derartiges nie wiederholen möge!“

In einer 2015 an den Deutschen Bundestag gerichteten Petition zur Namensnennung von "Euthanasie"-Opfern hieß es: „ Jeder Mensch hat einen Namen. Dieser ist eng verbunden mit seiner Persönlichkeit, seiner Identität und seinem Lebensschicksal. Wer einem Menschen seinen Namen vorenthält, der beraubt ihn seiner Identität und seiner Menschenwürde. Wer den Opfern ihren Namen nimmt, tötet sie im Sinne des Vergessens erneut. Gerade für jüdische Mitbürger ist es wichtig, dass der Name eines Menschen genannt wird, um ihn in Erinnerung zu halten“.

Wie würden wir damit umgehen, wenn die Nachfahren eines Holocaustopfers die Löschung des Namens fordern würden, weil es ihre „Würde" verletzt, mit einem jüdischen Vorfahren in Verbindung gebracht zu werden? Wir begrüßen es, dass in Deutschland 2018 nach langwierigen Diskussionen eine wegweisende Entscheidung zur Namensnennung getroffen wurde. Das Bundesarchiv ermöglicht seitdem eine personenbezogene Suche in einer Online-Datenbank und durchbricht mit der Nennung der Namen von „Euthanasie“-Opfern eine unheilvolle geschichtliche Kontinuität. Dieser aus unsererSicht lange überfälligeSchrittträgt dazu bei, dass die Opfer in das familiäre und kollektive Gedächtnis zurückgeholt und gewürdigt werden können. Es ist ein Brückenbau zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und zugleich einBeitrag zur Entstigmatisierung von heute lebenden Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen. Wir hoffen, dass die Meinung aus Mönchengladbach eine Einzelmeinung ist und bleibt, und dass viele andere Archive und Institutionen der Praxis des Deutschen Bundesarchivs folgen werden. Bitte machen Sie auch in Hadamar weiter mit Ihre rüberaus wichtigen und verdienstvollen Erinnerungsarbeit, für die wir Ihnen, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Gedenkstätte, ausdrücklich danken!

Sigrid Falkenstein, Nichte von Anna Lehnkering (1940 ermordet in Grafeneck)

Hartmut Traub, Neffe von Benjamin Traub (1941 ermordet in Hadamar)

Andreas Meike, Enkel von Sophie Bauer (1941 ermordet in Hartheim)

Renate Michel, Großnichte von Karoline Franz  (1941 ermordet in Hadamar)

Julia Gilfert, Enkelin von Walter Frick (1941 ermordet in der Nervenheilanstalt Bernau)

Helmut von der Bey, Bruder von Fritz von der Bey (1943 ermordet in Hadamar)

Edward Wieand, Neffe von Erna Kronshage (1944 ermordet inder Anstalt Tiegenhof bei Gnesen, polnisch: Gniezno)

Berlin, Mülheim a. d. Ruhr, Remscheid, Winningen, Dettelbach, Sennestadt im August 2020.

Eine PDF des Briefes finden Sie hier.

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