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Veranstaltung
09/15/2022, Robert Parzer

„Zwischenanstalten“ – eine spezifischer Typus Anstalt im Nationalsozialismus?
Call for Papers für die Tagung am 14. und 15. September 2023 in Marburg

 CfP „Zwischenanstalten“ – eine spezifischer Typus Anstalt im Nationalsozialismus?

„Zwischenanstalten“ waren psychiatrische Versorgungseinrichtungen, die im Nationalsozialismus als Institutionen zwischen den Ursprungsanstalten und den Tötungsorten der „T4-Aktion“ dienten. Zu ihnen gehörten beispielsweise die Heil- und Pflegeanstalten in Waldheim, Görden, Weilmünster und Zwiefalten. Sie verbanden jene Einrichtungen, in denen Patient:innen meist schon viele Jahre, oft auch über Jahrzehnte hinweg, untergebracht waren, mit den Orten, an denen das Leben dieser der Psychiatrie anvertrauten Menschen ausgelöscht wurde. Darüber hinaus wurden die vorherigen „Zwischenanstalten“ nach dem Ende des zentralisierten Mordens auch selbst zu Orten des gezielten Tötens. Die „Zwischenanstalten“ waren damit über mehrere Jahre Orte des allgegenwärtigen Sterbens, der beabsichtigten Verwahrlosung und der Verschiebung von Menschen in den fast sicheren Tod.

Der Begriff „Zwischenanstalten“ ist im Grunde bloß für einen kurzen Zeitraum angebracht. Vor und nach den „T4“-Morden von „Zwischenanstalten“ zu sprechen, verkürzt eigentlich die Perspektive auf die Funktion in der „T4-Aktion“ und bildet damit eine Gruppe an Einrichtungen aus der Logik der Organisatoren des Massenmords. Trotzdem ist in zeitlicher Erweiterung zu fragen, ob die genannten Einrichtungen sich auch schon vor der Planung der „Aktion T4“ durch Besonderheiten auszeichneten und ob sie in der zweiten Phase des Mordens in regionaler Verantwortung eine spezifische Rolle im Vergleich zu anderen Heil- und Pflegeanstalten spielten.

Mit der Tagung soll damit begonnen werden, eine Forschungslücke zu schließen. Denn eine Gesamtdarstellung der Geschichte der „Zwischenanstalten“ existiert bislang lediglich in ganz groben Zügen. Es dominieren Veröffentlichungen zu einzelnen Kliniken und ihrer Geschichte. Der zum Teil sehr umfangreiche historische Erkenntnisstand zu einzelnen Institutionen und Regionen soll zusammengeführt und aufschlussreich miteinander verbunden werden. Anhand thematischer Schnitte sollen die Chancen eines systematischen Überblicks über diese Einrichtungen ausgelotet und diskutiert werden. Ergründet werden soll also das Spezifische der „Zwischenanstalten“ vor, während und nach der „Aktion T4“.

Erwünscht sind daher vor allem Beiträge, die sich nicht auf eine „Zwischenanstalt“ beschränken, sondern mehrere dieser Institutionen miteinander vergleichen oder die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von „Zwischen-“, Tötungs- und Ursprungsanstalten erkunden. Dabei wäre zunächst offen zu fragen, ob sich tatsächlich besondere Charakteristika gegenüber den Mord- bzw. den Ursprungsanstalten ausmachen lassen und wenn ja, ab wann. Gefragt werden soll beispielsweise danach, inwieweit die späteren „Zwischenanstalten“ schon in der Weimarer Republik und in der Frühphase des Nationalsozialismus signifikante Unterschiede gegenüber anderen für die Versorgung psychiatrischer Patient:innen vorgesehenen Einrichtungen aufwiesen.

Wir regen als Themenschwerpunkte insbesondere die Beschäftigung mit folgenden Problemfeldern und Forschungsdesideraten an:

• Die Abnahme der Bedeutung der Arbeits- /Beschäftigungstherapie ab 1933,

• Die Rolle sowie das Sozial- und Verhaltensprofil des Personals (Ärzte, Pflegekräfte, Verwaltungspersonal),

• die Rolle von unbezahlter Patient:innenarbeit für die Aufrechterhaltung des Anstaltsbetriebs,

• die Bedeutung der Dimensionen Alter, Geschlecht, Religionszugehörigkeit und Nationalität,

• Arbeits- und Lebensbedingungen auf den anstaltseigenen Gutshöfen,

• die Veränderungen in der Pflege,

• die Lebensumstände der „hängengebliebenen“ Patient:innen zwischen erster und zweiter „Euthanasie“-Phase,

• das Ausmaß alltäglicher Gewalt auf den Stationen,

• die Geschichte der Reservelazarette und Zwangsarbeiterlager auf den Geländen der psychiatrischen Anstalten und die Auswirkung von deren Einrichtung auf die Versorgung der psychisch Kranken,

• die Geschichte der Fremdbelegung (DP-Lager) der Heil- und Pflegeanstalten nach dem Kriegsende,

• die Erinnerungskultur.

Die Veranstalter:innen haben ein besonderes Interesse an jenen „Zwischenanstalten“, die auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Hessen lagen. Zu diesen läuft am Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde in Marburg/Lahn ein Forschungsprojekt. Unsere Hoffnung ist es, dass die Vortragenden ein Sample an „Zwischenanstalten“ entsprechend ihres eigenen Untersuchungsgegenstandes wählen und darüber hinaus bereit sind, zumindest in einem Seitenblick auf einen Vergleich mit den „hessischen Zwischenanstalten“ (Idstein, Weilmünster, Herborn, Eichberg) einzugehen oder die Chancen eines solchen Vergleiches auszuloten.

Die Tagung wird am 14./15. September 2023 in Marburg stattfinden. Die Publikation der Beiträge und Tagungsergebnisse ist vorgesehen. Vorschläge im Umfang von etwa 500 Wörtern erbitten wir bis zum 21.10.2022.

Emailadresse: za2023@uni-marburg.de

Steffen Dörre, Tobias Karl, Sabine Mecking Hessisches Landesamt für geschichtliche Landeskunde

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