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Historischer Ort: Heil- und Pflegeanstalt Konradstein, Postkarte aus der Zwischenkriegszeit
Heil- und Pflegeanstalt Konradstein
Szpital dla Nerwowo i Psychicznie Chorych im. S. Kryzana
Heil- und Pflegeanstalt Konradstein
Szpital dla Nerwowo i Psychicznie Chorych im. S. Kryzana

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Heil- und Pflegeanstalt Konradstein (Szpital dla Nerwowo i Psychicznie Chorych im. S. Kryzana)
Psychiatric hospital and nursing home in Starogard Gdański

Von Robert Parzer, Maike Rotzoll und Dietmar Schulze

Eine Geschichte der auch heute noch unter dem Namen Szpital dla Nerwowo i Psychicznie Chorych [Krankenhaus für nerven- und psychisch Kranke] bestehenden, bei Starogard Gdański [Preußisch Stargard] in der Wojewodschaft Pommern gelegenen Heil- und Pflegeanstalt Konradstein und ihrer Nachfolgeeinrichtungen fehlt.1Im Folgenden sollen einige wesentliche Eckpunkte der Chronologie herausgegriffen werden, um die hier präsentierten Lebensgeschichten der Opfer besser einordnen zu können.

  1. Krystyna Szwentnerowa, Zbrodnia na Via Mercatorum, Gdynia 1968; Irena Słowińska, FranciszekŚcigała, O eksterminacji chorych psychicznie Szpitala Kocborowo w latach 1939 – 1941 [Über dieErmordung psychischer Kranker im Spital Kocborowo in den Jahren 1939 – 1941] o. O. o. J. [1986], unveröffentlichtes Manuskript, Archiv der polnischen psychiatrischen Gesellschaft, Mappe Kocborowo. 

Psychiatric hospital and nursing homeMemorial, Psychiatric hospital

AddressSkarszewska 7
83-200 Starogard GdańskiDirections
LinksWebseite der Klinik
ContactPhone number +48 58 562 06 00
OfferDenkmal, Friedhof
Arbeit auf dem Anstaltsgut. Vor 1910. Quelle: Johannes Bresler, Deutsche Heil und Pflegeanstalten für Psychischkranke in Wort und Bild, 1910, Band 1. S. 354. Public Domain.

Die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts immer wieder aufgekommene Forderung, in der preußischen Provinz Westpreußen eine weitere Heil-und Pflegeanstalt zu errichten, mündeten im Jahr 1891 in einem konkreten Bauvorhaben. Bereits vier Jahre später konnten in Konradstein die ersten Patienten aufgenommen werden. Die neue Heilanstalt war nach Neustadt und Schwetz die dritte Heil- und Pflegeanstalt in der Provinz Westpreußen. Daneben existierten noch mehrere konfessionell und privat geführte kleine Einrichtungen, aus denen die ersten in Konradstein behandelten Patienten kamen.

Den Bestimmungen des Versailler Friedensvertrags zufolge fiel ein großer Teil der Provinz Westpreußen an den wieder entstandenen polnischen Staat. Damit ging auch die Heil- und Pflegeanstalt Konradstein an die polnischen Behörden über. Die Umstände der Übergabe waren typisch für den Zustand der Anstaltspsychiatrie am Ende des Ersten Weltkrieges: Deutsche Soldaten der in Auflösung begriffenen Stargarder Garnison belegten zwei Pavillons der Anstalt, ein weiterer war durch Typhuskranke blockiert. Analog zum Zustand des neuen Staates befand sich auch das psychiatrische Krankenhaus Kocborowo bis zur Mitte der 1920er-Jahre im Krisenzustand. Erst danach konsolidierte sich die Einrichtung – vor allem durch die anstaltseigene Landwirtschaft.

Bis dahin musste der langjährige Direktor Stanisław Kryzan einen bedeutenden Teil seiner Arbeitszeit auf die Abwehr von Begehrlichkeiten anderer staatlicher Einrichtungen richten. Um das ökonomische Überleben des Krankenhauses zu sichern, organisierte er die Verlegung von mehreren hundert Patienten aus den überbelegten Einrichtungen im Osten der Zweiten Polnischen Republik nach Konradstein. Ebensoführte er damals für Konradstein neue Therapieformen wie Dauerbäder, Arbeits-, Fieber- und Psychotherapie ein. Nach mehreren Studienreisen nach Deutschland forcierte Kryzan insbesondere die Einführung der Arbeitstherapie.

Erntedankfest im Psychiatrischen Krankenhhaus Kocborowo, 1928. Quelle: Archiv der Polnischen Psychiatrischen Gesellschaft, Mappe Kocborowo.

Von der Gründung bis in das Jahr 1939 waren etwa 15.000 Patienten in Konradstein behandelt worden. Kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen war die Anstalt mit etwa 2100 Patienten, für die 1600 Betten zur Verfügung standen, überbelegt. Bereits in den ersten Tagen nach dem deutschen Überfall auf Polen erreichten deutsche Einheiten die Heil- und Pflegeanstalt Kocborowo. Am 4. September 1939 erschienen der Leiter der staatlichen Akademie für praktische Medizin in Danzig, Prof. Dr. Erich Grossmann (1902 – 1948), und einige Führer eines SS-Kommandos in Kocborowo. Die nach ihrem Führer Kurt Eimann (1899 – ca. 1980) benannte SS-Einheit war für zahlreiche Morde an der Zivilbevölkerung im neu errichteten Reichsgau Danzig-Westpreußen verantwortlich. Dazu gehörten auch die Erschießungen von Patienten pommerscher psychiatrischer Krankenhäuser in den abgelegenen Waldgebieten zwischen Leśniewo, Warzkowo und Mała Piaśnica.

Einen Tag später, am 5. September, wurde Waldemar Schimanski zum neuen Direktorder Anstalt ernannt. 1940 hatten seine Bemühungen, seinen Familiennamen in Siemens zu ändern, Erfolg1Er war bis zum 30. November 1944 in Konradstein tätig. Mit diesem Datum wurde er entlassen.2

Am 22. September 1939 wurde die erste Gruppe von Patienten der Konradsteiner Anstalt in den nahe gelegenen Wald von Spengawsken gebracht und dort ermordet. Diese Mordaktion dauerte bis Mitte Januar 1940 an und forderte mindestens 1692 Todesopfer. Diese Zahl wurde 1989 in einem Gedenkbuch, das dem Schicksal der polnischen Psychiatrie und derer Patienten gewidmet war,3veröffentlicht und dürfte um einiges höher liegen. Ein Desiderat bleibt zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch die Frage danach, ob, und falls ja, in welchem Umfang es zu Hungermorden in der Anstalt Konradstein kam.

Zu den Opfern der Patientenmorde zählen weiterhin die minderjährigen Patienten, die ab 1940 in die Kinderfachabteilung eingewiesen wurden.4 Bereits im Herbst 1939 waren 130 Kinder aus der Außenstelle der Anstalt in Mewe (Gniew) nach Konradstein gebracht worden. Wie in den anderen etwa 30 bestehenden Kinderfachabteilungen wurden auch in Konradstein Kinder und Jugendliche getötet. Verantwortlich dafür war der stellvertretende Direktor der Anstalt, Hans Arnold Schmidt. Er entkam einem strafrechtlichen Verfahren in den 1970er-Jahren wegen seiner Verhandlungsunfähigkeit.5 Mindestens zwei Angehörige des Anstaltspersonals wurden ebenfalls von Deutschen ermordet: Der stellvertretende Anstaltsdirektor Dr. Józef Kopicz und der Sanitäter Józef Tocha wurden im September 1939 in das Gefängnis in Preußisch Stargard verbracht und verschwanden. Słowińska und Ścigała vermuten, dass sie wie die Patienten im Wald von Szpegawsk erschossen wurden.6

Offene Fragen

Die beiden oben skizzierten Mordprogramme unterschieden sich in einem wesentlichen Punkt. Während die Ermordung von Kindern und Jugendlichen in ein reichsweites, zentral gesteuertes Programm eingebunden war, wurden die Erschießungen der Patienten unabhängig von Wissen und Beteiligung der Zentrale der »Euthanasie«-Morde an der Tiergartenstraße in Berlin durchgeführt. Es gibt keinen einzigen Beleg für die Involvierung von anderen Instanzen als den im neu geschaffene nReichsgau selbst gelegenen. Die Erschießungen geschahen also auf regionale Initiative der Verantwortlichen mit dem Gauleiter Albert Forster an der Spitze und der Gesundheitsbürokratie unter ihm. Die Berliner »Euthanasie«-Zentrale war hingegen verantwortlich für den Transport von etwa 500 Patienten in sächsische Anstalten im Juli 1941. Die meisten von ihnen wurden in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein ermordet.7

Ein Gebäude im Psychiatrischen Krankenhaus Kocoborowo. 2016. Foto: Robert Parzer

Der für die historische Forschung interessanteste Punkt ist die Frage, warum diePatienten ermordet wurden. In der älteren Literatur finden sich immer noch vereinzelt Angaben, dass die Erschießungen Teil der »Aktion T4« gewesen sein könnten. Eine andere Motivation könnte gewesen sein, die Schaffung des imaginierten »reinrassischen« Lebensraums im Osten durch die Tötung der Patienten herbeizuführen. Diese Erklärung wird allerdings dadurch entwertet, dass auch nach den Tötungen polnische Patienten neu aufgenommen und behandelt wurden, sowie auch dadurch, dass nicht alle Patienten ermordet wurden. Selbst während der Dauer der Erschießungen wurden Patienten aufgenommen, die später als geheilt entlassen wurden. Hieraus lässt sich schließen, dass es Selektionskriterien gegeben haben muss, die allerdings nicht überliefert sind.Im Folgenden seien daher einige Hypothesen formuliert, die durch weitere Forschungen noch verifiziert oder falsifiziert werden müssten:

  • Der den Patienten zugeschriebene rassische Status war nicht entscheidend. Egal, ob sich Patienten als ethnisch polnisch, deutsch oder »volksdeutsch« deklarierten oder so eingestuft wurden: Aus allen Gruppen kamen Opfer und Überlebende.
  • Die Annahme, dass es aufgrund des sehr kurzen Zeitraums zwischen der Eroberung des Gebietes und dem Beginn der Massentötungen zentrale Planungen gegeben habe, kann nicht belegt werden. Trotz intensiver Aktenauswertung konnte bislang keine Ausweitung der Kriegsplanungen auf den Aspekt des Medizinalwesens nachgewiesen werden. Auch im vom Reichskriminalamt kurz vor dem Überfall herausgegebenen »Sonderfahndungsbuch Polen« sind Ärzte nich tsystematisch erfasst. Keiner der dort genannten 26 Ärzte war von Hause aus ein Psychiater. Patienten von psychiatrischen Anstalten wurden nicht erwähnt. Sie standen daher nicht von vornherein als Opfer der deutschen Besatzungspolitik fest.
  • Die zu Konradstein benachbarte Heil- und Pflegeanstalt Schwetz wurde aufgelöst, um dort ein Altenheim für umgesiedelte Deutschbalten einzurichten.8Einige der dort untergebrachten Patientinnen und Patienten wurden erschossen, andere nach Konradstein verlegt. Diese und auch andere Umwidmungen von psychiatrischenEinrichtungen führten zu der Annahme, die Patienten wären aus zweckrationalen Gründen ermordet worden. Die Anstalt Konradstein wurde allerdings, wie eine Reihe von psychiatrischen Einrichtungen im besetzten Polen und teilweise auch in der besetzten Sowjetunion, weiter betrieben und es wurden laufend auch polnische Patienten aufgenommen. Wurden als chronisch krank bzw. als »Ballastexistenzen« angesehene Insassen ermordet, um Platz für neu Aufzunehmende aus dem westpreußischen Gebiet zu schaffen und/oder um Kosten zu sparen? Dies ist das Wahrscheinlichste, erleichtert wurde dies sicherlich durch die eugenisch bzw. rassenhygienisch begründete Abwertung der Betroffenen.

Gedenken

Verglichen mit Deutschland und Österreich begann die Erinnerung und Memorialisierung der Patientenmorde in Konradstein sehr früh. Bereits 1949 wurde am Verwaltungsgebäude eine Tafel angebracht, die an die »durch die Nazibarbaren in Kliniken,Gefängnissen und in den Wäldern von Spengawsken ermordete Patienten« erinnert.Drei Jahrzehnte später, im Jahr 1979, setzten polnische Pfadfinder einen Gedenkstein in Erinnerung an die in der Anstalt ermordeten Kinder.9Der Anstaltsfriedhof bestehtweiterhin, ist allerdings in großen Teilen zugewuchert. Am Friedhof steht auch ein Denkmal für den Anstaltsdirektor Stanisław Kryzan und seinen im Konzentrationslager Mauthausen-Gusen ermordeten Sohn, Mirosław Kryzan.Im Wald bei Spengawsken, wo die meisten Patienten und tausende andere polnische Zivilisten erschossen wurden, entstand nach dem Krieg eine große Gedenkanlage. Die Namen der ermordeten Konradsteiner Patienten wurden bereits 1989 publiziert.10

  1. .Archiwum Państwowe w Gdańsku, Oddział w Gdyni 2830/1265, Bl. 2. 
  2. Ebda., unpaginiert.
  3. Zdzisław Jaroszewski, (Hg.), Pacjenci i pracownicy szpitali psychiatrycznych w Polsce zamordowani przez okupanta Hitlerowskiego i los tych szpitali w latach 1939 – 1945. Tom 2: Imienne wykazy zamordowanych,Warszawa 1989. [Durch den nationalsozialistischen Besatzer ermordete Patienten und Mitarbeiter der psychiatrischen Krankenhäuser in Polen und das Schicksal dieser Krankenhäuser in den Jahren 1939 – 1945. Band 2: Namentliche Verzeichnisse der Ermordeten. Warschau 1989] 
  4. Dazu Lutz Kälber, Konradstein [Kocborowo] (Heil- und Pflegeanstalt Landesanstalt für psychischKranke), veröffentlicht unter http://www.uvm.edu/~lkaelber/children/konradstein/konradstein.html, abgerufen am 10.7.2019.
  5. Vgl. Staatsarchiv Hamburg, Bestand 213-12 (Staatsanwaltschaft beim Landgericht Hamburg) Nr. 194, Bd. 1 – 6.
  6. Vgl. Fußnote 1, Bl. 13 f.
  7. Thomas Schilter, Unmenschliches Ermessen. Die nationalsozialistische »Euthanasie«-TötungsanstaltPirna-Sonnenstein 1940/41, Leipzig 1998.
  8. Vgl. Maria Fiebrandt, Auslese für die Siedlergesellschaft: Die Einbeziehung Volksdeutscher in die NS-Erbgesundheitspolitik im Kontext der Umsiedlungen 1939 – 1945. Göttingen, 2014. 
  9. Vgl. https://www.memorialmuseums.org/deu/denkmaeler/view/1509/Erinnerung-an-ermordete-Patienten-der-psychiatrischen-Anstalt-Konradstein, abgerufen am 10.6.2019.
  10. Jaroszewski, (Hg.), Pacjenci i pracownicy, Warszawa 1989.
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