Hermann Cölpin
Artist aus Berlin (evangelisch)
geb.
in
Berlin
gest.
in
Bernburg
Artist aus Berlin (evangelisch)
geb.
in
Berlin
gest.
in
Bernburg
Ernst Hermann Cölpin wurde am 23.Juni 1880 als sechstes Kind des Berliner Tischlermeisters Robert Cölpin und seiner Ehefrau Anna Lemanskÿ in der elterlichen Wohnung geboren.
In diesem quirligen Stadtteil Berlins wuchs Hermann Cölpin auf, bis zu seiner Einweisung in die psychiatrische Anstalt um 1929 verbrachte er hier fast sein gesamtes Leben, hier befand sich die Tischlerei seines Vaters und hier bezog er auch seine eigene Wohnung.
Zum Zeitpunkt seiner Geburt sind seine älteren Geschwister sieben, sechs und vier Jahre alt. Zwei weitere Schwestern waren zuvor im Kleinkindalter verstorben. Vermutlich wurde auch er wie seine Geschwister in der Kirche Sankt Thomas am Mariannenplatz, in der bereits seine Eltern im Jahr 1873 geheiratet hatten, evangelisch getauft.
Hermann war erst acht Jahre alt, als sein Vater mit nur 39 Jahren in der elterlichen Wohnung in der Wrangelstraße verstarb und seine Mutter Anna mit 37 Jahren zur Witwe mit sechs Kindern im Alter von 16 bis 4 Jahren wurde. Die Tischlerei betrieb die Mutter von nun an unter ihrem Namen weiter, ein Unterfangen, welches für Frauen um 1900 sicherlich noch unüblich war:5 Fußnote lesen
Laut diesem Eintrag im Berliner Adressbuch von 1900 war ihre Tischlerei auf die Anfertigung eines besonderen Möbelstücks spezialisiert: das „Bidet“. Dieser ursprünglich bei der französischen Aristokratie beliebte hölzerne „Sauberkeitsstuhl“ mit Keramikeinsatz und gedrechselten Beinen fand anscheinend auch in Berlin in gut betuchten Bevölkerungskreisen Gefallen und Absatz.
Gleich um die Ecke der Tischlerei, in der Manteuffelstraße 116, wohnte spätestens seit 1914 ihr Sohn Hermann Cölpin:6 Fußnote lesen
„Artist“ lautete seine Berufsbezeichnung, unter diesen Sammelbegriff fasste man Anfang des vergangenen Jahrhunderts Kunstturner, Trapezkünstler, Hochseilakrobaten, Jongleure, Messerwerfer oder andere sportliche Bühnenkünstler. Welches hiervon Hermann Cölpins Metier war, lässt sich heute schwerlich genauer herausfinden. Fünfzehn Jahre war er so unter dieser Adresse verzeichnet, Hinweise auf eine Heirat oder Kinder gibt es in den Archiven nicht.
1926 verstarb seine Mutter Anna 75jährig als verwitwete Tischlermeisterin, drei Jahre später verlor sich auch Hermann Cölpins Spur in den Berliner Adressbüchern.7 Fußnote lesen
Der 49Jährige wurde vermutlich um diese Zeit als Patient in der „Heil- und Pflegeanstalt Buch“ aufgenommen - wie zuvor seine nächstjüngere Schwester Elisabeth, welche im Jahr 1917 als Patientin mit nur 35 Jahren in dieser Anstalt verstorben war.8 Fußnote lesen
Woran Hermann Cölpin erkrankt war, ist ungewiss, seine Patientenakte, welche hierüber Aufschluss geben könnte, scheint verloren.9 Fußnote lesen
Die psychiatrische Anstalt Buch wurde 1907 als „III Städtische Irrenanstalt“ der Stadt Berlin als Teil eines großen Klinikkomplexes, zu dem auch zwei Lungenheilstätten, ein Altersheim und eine Kinderheilstatt gehörten, in Berlin-Buch eröffnet. Die kreuzförmig angelegten Gebäude der Nervenheilanstalt beherbergten bei Hermann Cölpins Aufnahme bereits über 2300 PatientInnen.10 Fußnote lesen
Im Mai 1931 verlegte man ihn in die Brandenburgische Landesanstalt Neurupin, in der er knapp zehn Jahre verbringen wird. Er gehörte zu den Berliner Psychiatriepatienten, welche im Rahmen der Entlastung der hoffnungslos überfüllten Berliner Heil- und Pflegeanstalten in brandenburgische Anstalten verbracht wurden. Diese Berliner Kranken, „Schiedsspruchkranke“ genannt, wurden in Neuruppin in der „Berliner Seelenliste“, einem dicken, alphabetisch geordneten Patientenaufnahmebuch erfasst. Hierin ist dokumentiert, dass Hermann Cölpin am 28.5.1931 aus der Heilanstalt Berlin-Buch kommend aufgenommen und am 23.1.1941 in eine „fremde Anstalt“ „entlassen“ wurde. „In eine fremde Anstalt entlassen“: übersetzt bedeuten diese sachlichen Worte seinen Abtransport zur geplanten Tötung in die Gasmordanstalt Bernburg an der Saale.11 Fußnote lesen
Der Psychiatriepatient Hermann Cölpin wurde in Neuruppin im Rahmen des nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programms „Aktion T4“ per Meldebogen erfasst und vermutlich aufgrund seines hohen Alters, seiner langen Verweildauer in der Anstalt und seiner als unzureichend eingestuften Arbeitsleistung wie Zehntausend andere Kranke in diesen Jahren als „unbrauchbar“ aussortiert.
Zwischen April 1940 und August 1941 wurden Neuruppiner PatientInnen mit ausrangierten Bussen der Reichspost in die eigens dafür eingerichteten Gasmordanstalten zur Tötung verbracht, zunächst nach Brandenburg an der Havel12 Fußnote lesen
Für den 19. Transport begann die Planung im zweiten Kriegswinter. Mit Schreiben vom 29. November 1940 informierte Dr. Irmfried Eberl, Arzt und Direktor der Bernburger Anstalt, den Ober-Medizinalrat Direktor Dr. Bruno Petzsch aus Neuruppin über die nächste „Verlegung“:13 Fußnote lesen
100 männliche Neuruppiner Patienten umfasste die dem Schreiben beigefügte erste Transportliste. Wie üblich, listete man somit zunächst deutlich mehr Menschen als tatsächlich an einem Tag abtransportiert und vernichtet werden konnten. Die Anstaltsleitung in Neuruppin war nun angehalten, eine Auswahl aus diesen 100 Männern zu treffen und eine bestimmte Anzahl von noch arbeitsfähigen Personen zurückzustellen.
Eine zweite Transportliste mit 75 Namen wurde erstellt, Hermann Cölpin trägt die Nummer 9:14 Fußnote lesen
Durchgeführt wurde der ursprünglich von Irmfried Eberl auf den 17. Dezember terminierte Transport allerdings erst im neuen Jahr, am 23. Januar 1941, gleich zweimal verschob man ihn. Zu einer ersten Planänderung kam es am 11. Dezember 1940: an diesem Tag informiert Eberl bzw. dessen Stellvertreter Heinrich Bunke telefonisch Petzsch in Neuruppin, dass die „75 geisteskranken Männer lt. Transportliste Nr.19 nicht am 17.12.1940, sondern erst am 9.1.1941 […] abgeholt werden.“15 Fußnote lesen
Anfang Januar dann entfiel der für den 9.1. geplante Transport ebenfalls. Man vereinbarte zwei Tage zuvor erneut telefonisch eine 14tägige Terminverschiebung, diesmal auf den 23. Januar.
Mit Hermann Cölpin standen 75 Männer auf der Transportliste Nr. 19. Lediglich 60 von ihnen traten am Donnerstag, dem 23. Januar 1941 allerdings die Reise nach Bernburg in den Tod an, denn es standen an diesem Tag nur zwei der drei angeforderten Busse zu Verfügung: „ein dritter Wagen ist ausgefallen“ liest man in der Meldung über den erfolgten Transport.16 Fußnote lesen
Die meisten der 60 Männer, welche die zwei ehemaligen Reichspostbusse bestiegen, waren zwischen 30 bis 45 Jahre alt, nur vier von ihnen älter als Hermann Cölpin. Der jüngste war 20, der älteste 80 Jahre alt. Sie stammten etwa aus Berlin, Neuruppin, Hannover, Remscheid, Leipzig oder Königsberg. In einem früheren Leben waren sie unter anderem Zeichner, Zuschneider, Arbeiter, Fabrikantensöhne, Schiffsführer, Bürogehilfe, Kürschner, Schlosser, Gastwirt oder Artist wie Hermann Cölpin. Einige hatten als Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg gekämpft. Viele waren verheiratet, manche geschieden. Sie waren unter anderem aus den Heilanstalten Herzberge, Buch, Wittenau, Potsdam oder Fürstenwalde in die Landesanstalt nach Neuruppin verlegt worden, wenige hatten wie Hermann Cölpin dort zehn Jahre verbracht. Was all die Männer vereinte, war ihre Einstufung als „Ballastexistenzen“17 Fußnote lesen und der gemeinsame Weg in den Tod.
Hermann Cölpin, der Artist aus Berlin-Luisenstadt, gehörte zu den 59 Männer, welche am 23. Januar 1941 mit meinem Großonkel Hermann Hippmann, Schaustellersohn und Gastwirt aus Berlin-Kreuzberg und zwei Jahre jünger als Hermann Cölpin, in der Gasmordanstalt Bernburg ermordet wurde.
Auch sein Name findet sich im Totenbuch in der Gedenkstätte für Opfer der NS-„Euthanasie“ Bernburg:
Hermann Cölpin 1880 – 194118 Fußnote lesen
Biografie zusammengestellt von Linda Verdier, geb. Hippmann im März 2024
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