Woldemar Giesecke

Lehrer aus Valga

geb. in Valga
gest. in Starogard Gdański

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Biografie

»Kommt aus dem Baltenheim aus Schwetz.«

Von Dietmar Schulze

Am 23. August 1939 unterzeichneten die Außenminister Deutschlands und der Sowjetunion in Moskau einen deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt und ein geheimes Zusatzprotokoll, mit dem sie ihre geopolitischen Interessen im östlichen Mitteleuropa absteckten und in Einflusssphären aufteilten. Als Folge dieses Vertragswerkes sollte die im künftigen sowjetischen Machtbereich lebende deutsche Minderheit nach Deutschland umgesiedelt werden. Bereits im Dezember 1939 verließen die in Estland und Lettland lebenden Deutschen ihre angestammte Heimat. Alte und pflegebedürftige Menschen traf die Umsiedlung besonders hart. Aus ihrer vertrauten Umgebung herausgerissen und von der Familie getrennt, fiel es ihnen schwer, sich an die neuen Lebensverhältnisse zu gewöhnen. Einige von ihnen zeigten psychische Auffälligkeiten, die eine Aufnahme in eine Heil- und Pflegeanstalt notwendig erscheinen ließen.

Der Deutschbalte Woldemar Giesecke, noch als Untertan des russischen Zaren am 4. Januar 1867 in der Kleinstadt Walk/Valga (Estland) geboren, lebte seit dem Sommer1943 im »Gaualterserholungsheim für Baltendeutsche« in Schwetz [Śwecie] an der Weichsel (Reichsgau Danzig-Westpreußen). Der ehemalige Lehrer hatte im Jahr 1940einen Schlaganfall erlitten, in dessen Folge er an Armen und Beinen gelähmt blieb. Im ärztlichen Attest wurde Gieseckes Geisteszustand als »hochgradig verblödet« bezeichnet. Er war zwar zeitlich und örtlich desorientiert, konnte jedoch auf Fragen nach seinem Befinden Antwort geben. Die Pflege des gelähmten alten Mannes erforderte allerdings einen erheblichen Aufwand, so dass sich die Heimleitung an die Heil- und Pflegeanstalt Konradstein mit der Bitte um Aufnahme wandte.

Am 13. November 1944 traf Woldemar Giesecke in Konradstein ein. Er verhielt sich bei der Aufnahme sehr ruhig. Die medizinische Untersuchung musste aufgrund der Lähmung und »des gänzlich passiven Verhaltens des Kranken« jedoch unterbleiben. Allerdings stellte der Aufnahmearzt fest, dass sich der bettlägerige Patient wund gelegen hatte. In den folgenden Tagen notierte der behandelnde Arzt, dass eine Verständigung mit dem 77-jährigen Giesecke nicht möglich sei, auch sei er unsauber und müsse mit einem Löffel gefüttert werden. Neun Tage nach seiner Einlieferung nach Konradstein, am 22. November 1944, verstarb Woldemar Giesecke an Herz- und Kreislaufschwäche.
Obwohl in den Unterlagen vermerkt ist, dass Woldemar Giesecke über keine Angehörigen
verfüge, meldete sich unmittelbar nach dem Tode dessen Schwester aus Posen [Poznań]. In ihrem Brief bat Henriette Blumfeld, geborene Giesecke, um eine amtliche Bescheinigung über den Todesfall und die Übersendung der persönlichen Gegenstände ihres Bruders.

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Opferbiographie: Woldemar Giesecke, Schreiben der Schwester
Schreiben der Schwester Woldemar Gieseckes, Henriette Bumfeld an die Anstalt vom 28. November 1944. Archiwum Państwowe Gdańsk Oddział w Gdyni 2830 Nr. 2300.

Zudem wollte sie mehr über seinen kurzen Aufenthalt und seine letzten Stunden in Konradstein erfahren. Da eine Antwort aus Konradstein ausblieb, wandte sich Henriette Blumfeld an den für die Umsiedlung verantwortlichen Beauftragten des »Reichskommissars zur Festigung des deutschen Volkstums«. Dieser richtete am 22. Dezember 1944 an die Anstaltsdirektion die Bitte, der Schwester die gewünschten Informationen zu geben. Es sei »ein verständlicher Wunsch«, »näheres über das Ableben ihres Bruders zu erfahren«. Wahrscheinlich war jedoch ein Paket mit den Habseligkeiten Gieseckes und einem beiliegenden Brief verspätet zugestellt oder in der Post verloren gegangen. Die Konradsteiner Verwaltung hatte das Paket bereits Mitte Dezember aufgegeben.1


Fußnoten

  1. Archiwum Państwowe Gdańsk Oddział w Gdyni 2830 Nr. 2300[back...]

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